Jan 20, 2021: Missverständnisse und let’s talk about sex

Am Anfang hat mich mein Swahili Teacher ein bisschen
genervt: ein bisschen Smartass und er wollte mich natürlich beeindrucken mit
seinem Wissen. So haben wir echt über grammatikalische Dinge gesprochen, die
micht total gefordert haben. Selbst die Erklärungen der Grammatik musste ich
nach der Stunde immer googeln, weil das alleine schon so kompliziert
beschrieben war.

Er hat irgendwann dann auch zugegeben, dass die meisten
Kenianer diese Regeln nicht kennen und dass zum Teil nur absolute Swahili Buffs
so sprechen oder sgoar diese Ausnahmen kennen. Ich habe also manchmal gesagt,
dass ich das nicht wissen muss, und dass ich weiter gehen möchte. Zum Beispiel muss
ich echt nicht wissen, dass kilembwekeza great-great-great-great grandchild
heisst – so alt werde ich definitiv nicht in diesem Leben.

Er war aber schon darauf bedacht, dass wir alles schön
durchackern. Anscheinend hat er auch all die Sätze extra für mich in ein Word
Dokument geschrieben. Nur hatte er leider Word nicht im Griff und so standen
nicht immer alle Sätze auf derselben Linie. Er hat auch viele Tippfehler
gemacht und musste dann dauernd in den Text reinkritzeln, was für mich nachher
mit seiner Ärzteschrift schwierig zu entziffern war.

Da mir seine Art des Unterrichtes langweilig wurde habe ich
begonnen, mich mit ihm über gewisse Themen zu unterhalten (zwar auf Englisch)
aber dabei habe ich viele spannende Dinge erfahren. Was richtig spannend war:
ich habe ihm in der letzten Woche gesagt, dass ich einfach mehr reale Sätze
lernen möchte als Grammatiktheorie und von da an brachte er wirklich
Wortwendungen, die ich brauchen konnte. Und er hat mir oft auch gesagt, wie das
in Kauma heisst, oder Hintergründe geliefert oder erklärt, dass dieses Wort
auch etwas anderes bedeuten kann.

Hier nur ein paar Beispiele:

Aufwachsen mit… = -kulia aber weinen heisst auch Nililia und
dann gibt es noch was ganz spezielles:

Nilimkulia wali = I went to
eat for somebody (somebody couldn’t go to an event) Das bedeutet, dass ich an
einem Event zugesagt habe aber dann selber nicht hin kann. Also schicke ich
jemanden an meiner Stelle und der isst dann für mich…

Interessant war auch, dass jenga –
bauen heisst. So heisst ja auch das Spiel mit den Blöckli, die man aufbaut und
die dann nicht umfallen dürfen. Das gleiche Wort braucht man auch um jemanden „aufzubauen“
oder zu motivieren. Merken tut man das aus dem Zusammenhang heraus.

Etwas gefährlicher wird es mit der Redewendung: Ninafunza
Kiswahili = ich lehre Kiswahili. Wenn ich aber nur sage ninafunza, dann heisst
es, dass ich diesen hässlichen Käfer eingefangen habe, der Jigger heisst und
sich an der Fusssohle festsetzt und sich ganz böse entzünden kann. Nachdem ich
darüber gelesen hatte, dachte ich auch schon, dass ich das vielleicht habe –
grauenhafte Vorstellung. Ich rate dir nicht an das zu googlen – es wird dir
schlecht.

Wenn du das Verb: ich fahre benutzt und z.B. sagst:
ninaendesha gari mpaka Kilifi dann heisst das: ich fahre mit dem Auto nach
Kilifi. Wenn du aber nur sagst: ninaendesha, dann wissen alle, dass du
Durchfall hast! Und wenn wir schon bei den Krankheiten sind: Najisikia vizuri
Kuwa hapa heisst:  ich fühle mich wohl hier.
Und nur Najisikia heisst: es juckt mich (etwas, das ich hier täglich sagen
kann)…

Das Verb fungwa verwendet man für „etwas ist geschlossen“
aber es heisst auch „ich bin im Gefängnis“ und das ist grad den 6 Brüdern von
Moses (unserem Gartenmann) passiert: an einer Beerdigung haben sie wohl zu viel
gesoffen und sie begannen sich als „Wizard = Hexer“ zu bezeichnen. Es sind alle
sechs im Gefängnis gelandet und Peter musste ein gutes Wort einlegen, denn wenn
die alle im Kitchen sind dann kommen deren Frauen und brauchen Geld bzw.
Arbeit, die wir nicht haben.

Dann kam etwas vom Lustigsten, weil wir irgendwie auf
Muzungu (Ausländer/Fremde) zu sprechen kamen. Die meisten Hunde, die hier
herumlaufen sehen gleich aus: kurze helle Haare und spindeldürr. Wenn es aber
ein „exotischer“ anderer Hund ist – vor allem wenn er lange Haare hat, dann
nennt man den Mbwa (Hund) kizungu. Ich habe David gezeigt, was für Hunderassen
wir in der Schweiz haben und er konnte es nicht fassen, dass es so eine
Vielfalt gibt. Als ich das beim Nachtessen erzählt habe wurde ich lautstark
ausgelacht aber als ich dann die anderen Beispiele brachte waren sie schon
ziemlich beeindruckt von meinem Wissen. Also das mit den Mbwa Kizungu ist noch
nicht ganz geklärt…

Interessant auch noch, dass sich streiten und sich um einen
Sitz in der Politik bewerben dasselbe Wort ist…

Als wir beim Satz: „wir teilen alles“ wollte ich wissen, was
es heisst: ich teile mein Geld nicht.
Aber diesen Satz konnte er echt nicht formulieren, denn den braucht hier
sowieso niemand, da sie gar kein Geld haben. Google Translate hat dann aber
geholfen und er fand: ok, so könne man das schon sagen, aber er habe es noch
nie gehört.

Während der Lektionen hat mir David auch einiges aus seinem
Leben erzählt. z.B., dass er im Hotel Neptune gearbeitet habe in das viele
europäische Touristen kommen und dass sein Bruder bald heiraten werde und er
dann dran sei. Als ich nachhakte und fragte, ob er denn schon eine Freundin
habe erzählte er mir, dass er bisher zwei Freundinnen gehabt habe. Bei der
ersten habe er schon eine Anzahlung für die Mitgift gemacht, d.h. er wollte der
Familie helfen, eine Decke im Zimmer einzubauen. Als er aber doch wieder etwas
von dem Geld gebraucht hätte, da sei alles weg gewesen. Seine Freundin habe es
für neue Haare (ist ziemlich teuer hier) und Kleider ausgegeben. Da habe er sie
wieder nachhause geschickt. Und bei der zweiten war es so, dass er sich an
einem Ort bewerben wollte. Er musste mit dem CV auch seine Noten aus der Schule
mitsenden. Mit dem Original ging er sich eine Kopie machen und legte sie auf
das Tischchen in der Stube. Am nächsten Morgen waren beide Dokumente nicht mehr
da und er wusste aber, dass er sie dort hingelegt hatte. Er fragte sie und sie
sagte, dass sie keine Ahnung habe, wo das sei. Er habe deswegen den Job nicht
gekriegt. Am Abend hat er sie dann befragt und irgendwann sagte sie, dass sie
gemeint hätte, das wären ihre Unterlagen gewesen und sie hätte sie weggeräumt.
Von da an hat er ihr aber nie mehr getraut und hat sie ebenfalls nachhause
geschickt und gesagt, sie solle dort erzählen, warum sie wieder nachhause
kommen. Ich finde das gar nicht so schlecht, dass er so konsequent ist und habe
ihm auch gesagt, dass mir das gefällt. So werde er auch den Ruf aufbauen, dass
man mit ihm nicht Spassen kann…

Plötzlich hat er dann begonnen von einer Weissen im Hotel zu
erzählen, die auch immer gesagt habe: du hast doch sicher einen Freundin. Er
habe ihr dann sogar mal ein paar Tage sein Telefon gegeben, damit sie sich
davon überzeugen konnte, dass er wirklich keine Anrufe oder Nachrichten von
Frauen kriegt. Ich wollte dann natürlich wissen, ob die etwas von ihm wollte
aber er meinte: nein, aber sie habe gesagt, dass sie ihre Enkelin mit nach
Kenia bringen werde – aber leider war sie dann in der Zwischenzeit verstorben.
Und so kamen wir auf Themen zu sprechen, die mich natürlich auch
interessierten, nämlich was es denn mit dem Sextourismus auf sich hat und ob
das Bild, das ich hatte (auch aus dem Film „Paradies: Liebe“ von Ulrich Seidl
(gell Helene…) der genau aufzeigt wie es läuft) stimmt https://programm.ard.de/TV/Themenschwerpunkte/Film/Alle-Filme/Alle-Filme/?sendung=2872416654603137

Szenen aus “Paradies: Liebe”

Seine Erzählungen waren erschreckend. Er wurde von einer 38-jährigen und
einer 42-jährigen gefragt, ob er nicht interessiert sei und er meinte dann –
das ginge doch wirklich nicht. Er war damals nicht einmal 20 und was hätte er
denn zuhause sagen sollen, wenn er mit einer daherkäme, die so alt ist wie
seine Mutter. Wobei seine Mutter sich vom Vater getrennt habe und zu einem
anderen Mann gegangen sei. Das sei schon der 5. Mann – das gehöre einfach zu
ihrer Art. Sie produziere immer ein Kind und gehe dann weiter – auch eine
Überraschung für mich. Aber zurück zu den Muzungus im Hotel: anscheinend hätte
Frauen auch oft den „Roomservice“ gerufen. Als er ankam lag die Frau nackt auf
dem Bett oder empfing ihn einfach nackt und sagte z.B. der Teekocher sei kaputt
oder sonst eine Ausrede. Er habe das dann jeweils entweder schnell geflickt
aber er hätte sich nie darauf eingelassen. Das Problem sei nur gewesen, dass
sie ab und zu auch gedroht hatten, dass sie es melden würden und ihm eine
schlechte Bewertung abgeben würden, wenn er nicht spure. Ich glaube, er hatte
echt Angst vor solchen Situationen. Er erzählte dann auch von einem Typen, der
im Hotel war und dauernd Kenianerinnen ins Zimmer holte. Er bezahlte zwar den
offiziellen Tarif dafür im Hotel und er hatte alle im Hotel bestochen, dass sie
nichts preisgeben würden. Denn er hatte „machines“ also Sexspielzeug und filmte
die Frauen dabei, wie sie sich befriedigten. Eines Nachts hatte David Dienst
und er hörte die Frau schreien – aber nicht aus Lust sondern wirklich aus
Verzweiflung. Sie öffneten die Türe und die Frau lag in einer Blutlache und der
Typ wurde abgeführt. Die Frau hatte sich dann wieder erholt aber sie sei immer
noch eine Prostituierte in Malindi. Auch in Kilifi gäbe es viele von ihnen. Er
sagte mir  wo die Strasse ist und dass
sehr viele Universitäts-Studentinnen sich prostituieren damit sie auch ein
Smartphone haben, schöne Haare und oft liessen sie sich auch schwängern, weil
sie hofften, dass der Politiker oder hohe Beamte sich dann um sie kümmern
würde. Ein sehr trauriges Bild. Aber wir kamen dann auch auf eines der
Lieblingsthemen meiner Gesprächspartner: nämlich aufs Schwul- und Lesbischsein
zu sprechen. Denn einerseits wurde er von einer lesbischen Frau darauf
angesprochen, dass sie mal einen Mann ausprobieren wolle und andererseits hat
er mir erzählt, dass er ein Hotelzimmer ganz schön für einen Honeymoon
hergerichtet habe und man habe ihn dann zur Reception gerufen aber da standen:
zwei Männer!!! Also er habe schon versucht, sich nichts anmerken zu lassen aber
das sei schon sehr komisch gewesen für ihn. Und was er auch bemerkt habe: die
Schwulen seien also noch eifersüchtiger als die Heteros. Kaum habe einer der
beiden Männer mit einem anderen gesprochen sei der zweite dazu gekommen. Also
bei der Homosexualität da komme ich dann meistens nicht weiter in den Diskussionen,
denn David ist ja auch noch sehr religiös – katholisch und da gibt es sowieso
kein Pardon. Ich habe ihn dann einfach gebeten, dass er offen bleibe und dasss
sich auch Kenia öffnen würde, aber das könnte halt noch ein paar Jahre dauern.
Interessanterweise wollte sein Bruder Priester werden aber der Vater hatte es
ihm verboten, weil er ja nur 2 Söhne habe. Da wolle er nicht noch, dass der
eine gar keine Kinder produziere und er dann im Alter vielleicht alleine
dastehen würde. Er ist jetzt aber so etwas wie Pastoralassistent geworden und
heiratet dieses Jahr noch.

Ja und dann noch die Geschichte, von einer Mutter mit ihren
beiden fast erwachsenen Kindern im selben Zimmer wohnte.  Am nächsten Morgen habe er gebrauchte Kondome
im Zimmer wegräumen müssen – das hätte ihn noch lange beschäftigt: entweder
habe es die Mutter mit dem Kind getrieben oder aber sie habe einen anderen Mann
im Zimmer gehabt – aber wo waren denn die Kinder in dieser Zeit?

Das war dann für mich der Anlass um mal nachzuhaken, wie es
denn in einer Familie aussieht, die in der kleinen Hütte wohnt, in der man ja
keine Diskretion wahren konnte. Mir haben auch schon andere erzählt, dass sie
nie etwas von Liebesspielen mitgekriegt hätten auch wenn sie bei den
Einheimischen gewohnt hätten. Also David erklärte mir erst einmal, dass es ein
sehr schlechtes Omen sei, wenn man die Eltern nackt sähe. Da stände kein guter
Stern drüber… und wenn die Eltern Liebe machen möchte, dann gingen sie raus aus
dem Haus, denn die Kinder könnten ja aufwachen. Sie gingen in den Bush, hinter
die Bäume oder irgendwie so ähnlich. Aha – jetzt wissen wir es also… Ihr könnt
also sehen: Sprachen lernen bildet… jetzt höre ich auf mit der Theorie und ab
Morgen versuche ich, vermehrt Sätze im Alltag einzubringen. Beispiele habe ich
ja jetzt genug! Und die Fettnäpfchen sind auch schon bereit.

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