HR Bewerbungsgespräche

Ich kann nicht mehr. Wir hatten heute 2 Bewerbungsgespräche
für den Elektrisch-Lehrer. Ich muss sie in umgekehrter Reihenfolge beschreiben,
damit ihr so wie ich ein Erfolgsgefühl haben könnt. Sie hätten unterschiedlich
nicht sein können.

Also Bewerber Nr. 1 kommt nach Marere und sitzt am grossen
Tisch in der Mitte unseres Gebäudes und wartet, bis er interviewt wird. Ich
rufe ihm ein freundliches Habari gani (wie geht’s?) entgegen und hole meine
Unterlagen im Büro. Er hat nur ein Augenbrauenheben für mich übrig. Ok, macht
nichts, wir werden ihm eine Chance geben wie jedem anderen. Ein Elektriker muss
ja nicht unbedingt so wahnsinnig kommunikativ sein.

Wir interviewen ihn also zu dritt. Zu mir sagt er: du kennst
mich schon… ok, ich wundere mich woher aber er klärt dann auf: vor 5 Jahren war
ich mal im Saidia College in Kilifi mit anderen Muzungus. Wir haben uns das
College angeschaut und in der Zwischenzeit ist es ja eine Art Partnercollege
von uns geworden. Wir helfen einander aus und wir haben schon viele Tipps von
ihnen erhalten. Ah ja – ich kann mich schwach erinnern daran und auch daran,
dass ich damals schon fand, dass er ein komischer Kauz sei. Das erwähne ich
aber nicht, wäre ja auch allzu fies. Ich habe irgendwie keine grosse Lust ihn
zu interviewen und so übernimmt Simon den Lead. Er stellt uns vor, erzählt, was
es mit dem Marere College so auf sich hat. Dann kommt von Fondo eine kleine
Befragung zu Alter, Zivilstand, Anzahl Kinder etc. Die Antworten sind kaum
verständlich, er schaut dauernd auf den Boden und legt sein Gesicht in
Sorgenfalten. Er war einer von 2 Lehrern und mit Corona wurden die Klassen
zusammengelegt und er wurde „entlassen“ obwohl der andere Lehrer eine weniger
gute Ausbildung hatte. Wir fragen nach seiner Passion: ist es das Lehren oder
als Elektriker arbeiten? Nach kürzester Zeit rückt er damit heraus, dass er
eigentlich gar nicht gerne lehrt sondern er habe einfach in der Nähe vom Saidia
College gewohnt und deshalb sei er jeweils rüber gegangen zum Lehren. Ok, wir
drei schauen uns schon etwas verwundert an.

Wie er denn die Umgebung hier so finde fragen wir ihn: ja es
sei nicht wirklich das, was er sich für sein Leben wünschen würde meint er. Er
sei mit dem Bike gekommen von Kilifi aber er sei eigentlich schon lieber in der
Stadt, obwohl er aus Kauma kommt.

Ok, schon wieder ein Punkt bzw. ein weiteres Eigentor. Die
Antwort auf die Frage, was ihn denn zum Lehren bewegen könnte ist: Geld! Ok,
wir drei schlucken jetzt gleichzeitig. Simon schlägt vor, dass wir uns zu einem
Gespräch zurückziehen… Wir machen das und gehen ins Büro. Mittlerweile hat der
sichtlich nervöse Bewerber bestimmt schon 1 ½ Liter Wasser getrunken.

Im Büro müssen wir zuerst mal die Türe schliessen und
loslachen. Wow – wie kann man so schlecht vorbereitet kommen (kein CV, keine
Ahnung, wo Marere ist etc.) und dann solche Antworten geben. Es ist ganz klar,
dass er nicht in Frage kommt. Ich sage zu Simon: in Zukunft sagen wir einfach:
hat noch jemand eine Frage? Dann bedanken wir uns für den Besuch und sagen: wir
melden uns wieder. Das sieht jetzt schon ein bisschen blöd aus, dass wir da so
Gericht führen und er muss draussen warten. Und Fondo sagt: ja und das ist ja
verrückt: er ist mit dem Fahrrad nach Marere gekommen von Kilifi – über die
Route wo Mbuche wohnt! Ich sage: nein, das hast du falsch verstanden. Er sagte
Bike, damit war sicher das Motorbike gemeint. Fondo bleibt dabei: das Piki Piki
gehört unserem Mschefa, der Besorgungen für uns erledigt.

Wir gehen also wieder raus und fragen noch ein paar
belanglose Sachen. Dann frage ich nach, ob er wirklich mit dem Fahrrad gekommen
sei und: er bejaht!!! Er hat 3 Stunden gebraucht und die Strassen sind ja eine
Vollkatastrophe! Ok, mir ist schon aufgefallen, dass er ein rechter Kasten ist
und gut trainierte Oberarme hat aber ich hätte nicht auf Fahrradfahrer getippt.
Jetzt stellt euch das Mal vor: wahrscheinlich hat er sich überhaupt nicht
erkundigt, wo Marere ist und hat sich dann auch ganz schön ausgekotzt. Kein
Wunder hat er so viel getrunken!!! Ich wollte ihm Ksh 400 ans Benzin geben aber
ich sage, dass er das Geld jetzt erhält um sich einen Lunch zu kaufen, denn er
hat bestimmt Hunger.

Jetzt aber zum ersten Gespräch, das wir am Morgen hatten. Da
sitzt also ein durchwegs positiv erscheinender Typ. Sauber angezogen, mit einem
riesigen Smile. Sofort bemüht etwas Smalltalk zu machen und einfach eine tolle
Erscheinung. Eine Bekannte habe ihn hergeschickt (das ist die Frau, die
allenfalls als Köchin beginnt bei uns) und er wisse nicht ganz genau um was es
gehe. Ich ergreife das Wort und entschuldige meinen Mann, der gearde einer
Einladung des Deputy Präsidenten William Ruto gefolgt ist und daher nicht dabei
sein kann. Ich erkläre das College, dass wir der Community damit helfen möchten
und dass wir am Anfang stehen und Menschen mit Pioniergeist suchen. Und dass es
nichts mit Politik zu tun habe.

Seine Augen blitzen auf und er meint, das gefalle ihm. Er
zählt seinen Lebenslauf auf und der haut uns alle aus den Schuhen. Er ist ganz
in der Nähe in Dzitsoni aufgewachsen in einer sehr armen Familie. Nach der
Primarschule hatten die Eltern leider kein Geld um ihm die Sekundarschule zu
finanzieren und so ist er ins lokale College gegangen und hat Elektriker
gelernt, weil er das sinnvoll fand. Er musste täglich bei den Typen vorbei, die
arbeitslos und sinnlos da hockten und ihn auslachten, weil er nur an ein
Vocational College ging und nicht mehr vorweisen konnte. Er habe aber immer
gedacht: eines Tages lache ich über euch! Er hat dann mit Arbeiten im Elektriker-Umfeld
Geld verdient um sich die Sekundarschule selber zu verdienen. Zudem hat er die
Schafe und Kühe des Schulleiters gehütet. Er ist also jeden Tag extrem früh
aufgestanden, hat die Schafe und Kühe auf die Weide gebracht und dann die
Schule absolviert. Nach der Schule hat er die Tiere wieder retour geholt und
dazwischen hat er immer gearbeitet, damit er wieder den nächsten Term
finanzieren konnte. Am Schluss durfte er nicht mehr zur Schule kommen und auch nicht
an die Prüfung, weil er das Geld nicht zusammen hatte. So hat ihm ein Lehrer
das Geld gebort und er konnte sich am letzten Einschreibetag noch für die
Prüfung anmelden. Er hat am Schluss mit einem C- abgeschlossen und mit einem
Wert von 330, was ausgezeichnet ist!

Wir sind schon zu tiefst beeindruckt. Jemand, der eine so
hohe Eigenmotivation hat: das ist genau das, was wir suchen. Er könnte sogar
Motivationsgespräche führen.

Aber sein Lebenslauf ist noch lange nicht zu Ende. Er ist
dann nach Mombasa in ein College und hat ein Zertifikat in Purchasing / Supplies
Manangement & Stock Keeping gemacht.

Er war dann ein Zimmerreiniger in einem Hotel in Watamu und
wurde dann Koch (learning bei doing). Darauf hat ihn ein Luxusresort in Malindi
in der Buchhaltung angestellt. Dann hat er ein Training in F&B stocking
gemacht und wurde darauf fix angestellt. Als der Tourismus einbrach konnte er
sich einen Job bei einer grossen Schiffsgesellschaft MSC ergattern und hat dort
in der Galley (Küche) gearbeitet. Das hat ihm erlaubt viele Länder zu bereisen
mit dem Schiff. Er war in Mauritius, Seychellen, Namibia, Südafrika und Europa.
Dort war dann leider wegen Corona Ende der Karriere. Sie waren 3 Monate auf dem
Schiff festgehalten und konnten dann via London evakuiert werden. Seit Juni ist
er wieder retour in seinem Heimatort, wo er eine Frau und drei Kinder hat. Und
der Mann ist erst 40 Jahre alt…

Wir sind beeindrucktt von seinem Lebenslauf und wie er immer
wieder aus jeder Situation das Beste gemacht hat. Er war jeweils 9 Monate auf
dem Schiff, was auch nicht besonders einfach ist. Jetzt ist er wieder
Elektriker und weil er an die Jugend glaubt nimmt er immer wieder 2-3 junge
Männer mit und lehrt ihnen den Beruf vor Ort.

Wir sind begeistert und legen ihm auch dar, dass wir kein
grosses Salär zählen können, dass wir aber daran glauben, dass wir immer grösser
werden und irgendwann auch Studenten von überall aus Kenia haben werden.

Ihm gefällt die Idee, dass wir Pioniere sind und er sagt:
egal, wieviel er verdienen wird: er will ein Teil von dieser Erfolgsgeschichte
werden. Er will seine Spuren hinterlassen und er will, dass es später einmal
heisst. Robert war dabei, als die Grundlage für eine Zukunft der Jugend in
Kauma gelegt wurde.

Wow was will man da noch sagen: ich habe mehr als einmal im
Interview meine Tränen verdrückt. Tränen der Freude, Tränen des Staunens. Auch
wenn ich manchmal motze, dass ich so viel Arbeit habe mit dem College: solche
Situationen entschädigen für die harte Arbeit und sind schlichtweg unbezahlbar.
Ich mache sofort ein paar Fotos von ihm, denn ich bin überzeugt: er ist genau
der richtige Mann für uns und wir werden mit ihm zusammen arbeiten!!!

Was für eine Geschichte – einem solchen Menschen möchte man
wirklich auch was Gutes tun einfach um zu zeigen, dass das Gute auch immer
wieder retour kommt. Ich dachte mir sogar, dass vielleicht jemand der diesen
Blog liest so begeistert ist wie ich und vielleicht sogar eine Idee hat, wie
man ihn kompensieren könnte, wie man ihm eine Freude machen könnte…

Ich bin sicher, ihr habt da Ideen – ich freue mich auf jeden
Fall auf das neue Team-Mitglied! Solche Menschen braucht die Welt! Ich bin
immer noch ganz geflasht.

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