Was zahlst du mir,  dass ich komme?

Nach ein paar sehr hektischen Tagen habe ich für Peter und
mich 3 Tage in einem tollen Hotel in Kilifi gebucht (vielleicht habt ihr die Bilder in den Sozialen Medien gesehen). Dass es gerade auch noch
Valentinstag war, das ist mehr zufällig. Wir müssen uns noch abseilen bevor
das College am 22. Februar aufgeht. Ich habe vor der Abfahrt noch allen Mitarbeitenden ein Zuckersträusschen mit einem schönen Valentinsspruch dagelassen als kleine Wertschätzung. Das kennen sie hier kaum und viele von ihnen haben es in ihrem WhatsApp gepostet – man könnte meinen, es sei das grösste Geschenk, dass sie je erhalten haben.

Ich habe lange nicht daran geglaubt, dass
es klappen wird, dies nicht aus Negativität oder Unterstellungen aber aus
Erfahrung. Wir haben es in Kenia noch nie geschafft ein paar Tage alleine zu
sein. Vor etwa 5 Jahren waren wir im Swahili Beach im Süden von Mombasa und da
brach die grosse Hungersnot aus und Peter konnte in dieser Zeit nicht in einem
edlen Hotel weilen während die Leute zuhause verdursten. Letztes Jahr war es
als Abschied von mir gedacht und Blogleser  wissen: wir wurden sogar in der privaten Villa
von Familienmitgliedern heimgesucht. Dieses Mal dachte ich also: ich wende einen
besonderen Trick an: niemand erwartet, dass wir in Kilifi Unterschlupf suchen
und es ist nicht weit weg, wenn dann doch noch alles zusammenbricht. Wir geben
also überall Instruktionen: nur wenn das Haus brennt oder eine riesige
Katastrophe einbricht dann dürft ihr uns kontaktieren.

Wir sind in den letzten Wochen vor allem mit der Eröffnung
des College beschäftigt. Über die Herstellung der Flyer und Kalender habe ich
schon berichtet und auch über die Job Interviews. Jetzt gilt es noch, die
Werbetrommel zu rühren und so viele Menschen wie möglich darauf aufmerksam zu
machen. Wir haben schon etwa 20 Studentinnen und Studenten aber erst 7 haben
die Einschreibegebühr bezahlt.

So haben wir entschieden: wir fangen am 22. Februar mit all
denen an, die diese Gebühr bezahlt haben, wir statten sie alle mit coolen
T-Shirts aus und machen eine 3-wöchige Einführung in der wir sie mit Computern
und „Life Skills“ vertraut machen.

Damit möglichst viele Multiplikatoren davon wissen
beschliessen wir, zuerst die Primarschulleiter und dann die Sekundarschulleiter
zu informieren. Die kann man anscheinend nicht zusammen nehmen, da sie total
unterschiedliche Bedürfnisse haben. Das ist die offizielle Variante – meine Variante
ist, dass die Sekundarschulleiter sich als etwas Besseres fühlen. Das weiss ich
schon aus der Erfahrung von Olivia, die ja alle Primarschulen in Ganze
abgeklappert hat. Die Sekundarschulen kriegen tolle Labs, Einrichtungen etc.
und die Primarschulen müssen teilweise mit 100 Schülern pro Klasse unter dem
Mangobaum lernen. Das ist meines Erachtens der total falsche Ansatz aber so ist
es nun mal.

Die erste Schwierigkeit ist es, an die Adressen bzw. die
Telefonnummern zu kommen, denn in Kenia läuft ja alles via Telefon (WhatsApp
oder veraltet noch über SMS). Der MCA (Member of County Assembly) verspricht
mir hoch und heilig, dass er mir die Liste gerne geben wird und unser
Administrator Fondo meint, dass er die Liste beim Director of Education (DEO)
holen kann. Wir versuchen beide Wege und scheitern… Der MCA gibt mir die
Adressen nur tröpfchenweise und der DEO scheint irgendwie unser College zu
torpedieren weil er von einer anderen Tribe ist. Das geht sogar so weit, dass
er zwar sagt, er leite unsere schöne Einladung weiter, dann aber die Einladung
nicht schickt und sogar für den genau gleichen Tag ein Meeting mit allen
Primarschulleitern einberuft. Wenn da keine böse Absicht dahinter steckt. Ich
habe in der Zwischenzeit aber schon etwa die Hälfte der etwa 30 Primarschulen
zusammen und da der DEO gesagt hat, er hätte die Einladungen verschickt machen
wir uns daran nachzudoppeln und zu schreiben: wie der DEO schon gesagt hat,
dann und dann seid ihr eingeladen. Natürlich laden wir auch mit Lunch ein, denn
sonst locken wir die ja gar nicht hinter dem Ofen (bzw. hinter der Feuerstelle)
hervor. Wir bleiben flexibel und legen den Anlass auf den Freitag (anstatt
Mittwoch) und 8 Personen und ein Professor der Pwani Unviersity (immerhin, so
etwas macht brutal Eindruck) kommen. Das heisst: 1 kommt 2 Stunden zu früh,3
kommen ½ zu spät und 4 kommen über eine Stunde zu spät! Wir bleiben
professionell und machen eine schöne Einführung. Natürlich beginnt das Meeting –
wie jedes Meeting hier – mit einem Gebet und erst dann dürfen wir sprechen. Ich
habe die Rolle als Marketing & Sales Person erhalten und wir ziehen eine
recht professionelle Präsentation durch (ihr kennt mich: natürlich mit schöner
Musik am Anfang, mit Videos etc.) 

Die Teilnehmenden sind total beeindruckt und
als Peter sie dann durchs ganze College führt und wir ihnen den Internetmast,
die Wasserreinigungsanlage, die Overlock-Maschine, die Toiletten und das
Restaurant sowie den neuen Hair Salon zeigen sind sie schon direkt begeistert.
Als sie dann auch noch ewtas Gutes zu essen kriegen und selbstgemachtes
Wassermelonensorbet von der Marketing & Sales Managerin sind sie schon fast
aus dem Häuschen. Sie werden das Wort verbreiten und gehen mit Lobeshymnen,
Broschüren und A3 Kalendern (ohne Fehler) nachhause. Ich bin sicher, sie werden
gut reden. Als mir dann Peter am Schluss sagt, dass er jedem Kes 500 (fast CHF
5) bezahlen musste fürs Kommen und Gehen werde ich kurzzeitig hässig aber ich
weiss auch, das ändert man hier nicht. Du machst einen Anlass: du musst jedem
Fahrgeld bezahlen dass er kommt. Das wurde ja im SRF Reporter über Peter schon
mal als „Bestechung“ ausgelegt. Das kann nur jemand sagen, der die Verhältnisse
hier nicht kennt… Mit unserem Team bin ich zufrieden, jeder hat seinen Teil zum
Gelingen beigetragen und wir wissen jetzt auch, dass wir zusammen funktionieren
können.

Das war VOR dem Valentinstag. Bevor wir ins Hotel Silver
Palm gehen erfahre ich, dass am Freitag, 19.2. eine Riesenveranstaltung in
Marere geplant wird von Aisha Juma, das ist die Frau, die 2022 Governor von Kilifi
werden will (eine richtig wichtige politische Position). Sie beauftragt Peter,
das zu organisieren, mit Maximum 600 Leuten. Ja du liest richtig: 600!!! Das braucht
eigentlich einen Riesenstab an Organisatoren aber Peter versucht es alleine zu
machen. 500 Stühle, 5 Zelte, 2 Kühe, 100 Kilo Reis, eine Lautsprecheranlage –
all das muss organisiert werden und ich sehe unsere 3 Tage schon
dahinschwinden. Wir gehen nämlich noch kurz das Auto waschen bevor wir in das
4-Sterne-Hotel einfahren aber da stehen schon 4 Typen, die über die
Organisation des Anlasses sprechen mit Peter. Wer, wann, wo, wer bezahlt? Ich
mache es ganz klar: für diesen Anlass mache ich keinen müden Rappen locker. Für
mich ist es ganz klar eine politische Veranstaltung und die Person, die davon
profitiert soll bezahlen. Ja, das wird sie auch meint Peter aber ich denke, er
glaubt auch noch an den Storch…

In unseren 3 Tagen im Hotel gibt es also mindestens ein paar
Stunden, die wir echt geniessen können: ein wunderbares Valentins-Dinner, eine
Runde im Pool (total aussergewöhnlich, dass Peter da ohne zu motzen mitkommt)
und während dem Frühstück und Dinner können wir eine ganz normale und schöne
Partnerschaft führen. Wir lachen viel, trinken auch einiges und besprechen
Dinge, für die wir sonst nie Zeit haben aber ganz klar: zwischendurch
verschwindet er und macht seine Anrufe und einmal kommt sogar noch jemand für 2
Stunden ins Hotel für eine Besprechung. 

Davor war ich aber bereits gewarnt. Es
ist nicht so schlimm wie zu den politisch aktiven Zeiten aber schon schlimm
genug um als Partnerin die Krise zu kriegen. Zugegeben, auch ich muss
zwischendurch „arbeiten“, denn wir machen ja noch die 2. Veranstaltung mit den
Chiefs, Assistant Chiefs und Sekundarschulleitern fürs College. Die findet am
Donnerstag statt und ich muss natürlich Simon wieder helfen, die Adressen zu
organisieren. Diejenigen der Chiefs haben wir zum Glück aber diejenigen der
Schulen müssen wir mit viel herumtelefonieren und Beziehungen organisieren. Dann
gibt es die Obrigkeitsgläubigen, die sagen: erst wenn der DEO das OK gibt dann
kommen wir. Dieser hat aber einmal mehr die Einladung NICHT weitergeleitet. Als
ob wir nicht genug Aufregung hätten bricht unsere Wasserpumpe zusammen: auch
sie hatte eine Überdosis an Elektrizität wie schon einige unserer Geräte früher
– aber sie hängt halt nicht am gesamten System. Und so müssen wir wieder mit
Kübeln das Wasser aus dem Reservoir holen und uns mit Wasserbehältern eine
Dusche vorstellen. Für den 2. Anlass kommen mikrige 5 Personen zusammen, kurz
vor der Vorstellung fällt das Internet aus, wir haben viel zu viel zu Essen
gekocht (das auch noch versalzen war) und alle von uns waren nicht so gut wie
bei der ersten Veranstaltung. Peter, weil er schon mit dem morgigen Tag beschäftigt
ist, ich weil ich genervt bin, dass wieder alle zu spät waren, Simon weil er
die ganze Nacht nicht schlafen konnte weil seine Nachbarn laut gefeiert haben
und Neema weil sie ihre Periode hat und fast vom Stuhl fällt und dann noch
Fondo, der sowieso beim Sprechen fast einschläft. Die Hitze ist heute fast
unerträglich, ich muss sogar einen Ventilator hinstellen, dass ich nicht vom
Stuhl kippe ohne Periode und ich tropfe vor mich hin. Zwischendurch flüstert Peter mir zu, dsss er dringend CHF 200 brauche, da die Wasserpumpe nicht repariert werden kann und die in Mombasa waren, bis sie die neue kaufen können.

Genug der Aufregung? Ich schwöre öffentlich, dass es die
letzte Veranstaltung ist, die ich organisiert und finanziert habe. Ich reagiere
mich jetzt ab indem ich den Blog schreibe und von euch ganz viel Mitleid
erwarte (ich meines das definitiv nicht ernst auch wenn es gut tun wird…) und
hoffe einfach, dass sich alle in den A…. beissen, die das verpasst haben.
Manchmal frage ich mich: machen wir das, was wir hier machen für die
Bevölkerung und wenn ja: warum werden wir dann von ihr torpediert? Alle
versuchen mich zu beruhigen und zu sagen, dass wir hier etwas so Tolles machen
und dass aller Anfang schwer ist. Ich hoffe immer noch, dass sich das eines
Tages bewahrheiten wird. Und wenn nicht, dann weiss ich, dass wenigstens ich
alles gemacht habe, was in meiner Macht stand.

Die darauffolgende Besprechung mit 2 Mitarbeitenden versöhnt
mich wieder ein bisschen: sie sind so begeistert, was sie von mir alles lernen,
sie danken mir, dass ich sie trotz ihrer schlechten Performance nicht öffentlich
blossgestellt habe (wie käme ich dazu) und sie sind einfach sichtlich glücklich
darüber, dass sie bei dieser Pionierarbeit mit dabei sein können.

Ach und da steht schon wieder Peter in meinem Büro: ob ich
noch die letzten 50 Adressen in der Datenbank der geladenen Gäste updaten könne…
ich glaube ich lege mich mal kurz in die Hängematte… Ach nein: geht ja gar
nicht, dort ist der Sanitärler am Pumpe neu installieren… Zuerst muss ich noch das
Huhn davon abhalten, dass es zu mir ins Büro kommt.

Und wie läuft es bei euch so?

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