Dörfs es bitzeli meh si?

Gestern Abend
hatte ich gemischte Gefühle. Peter hat mich gebeten, das Programm mit den
Speeches für den nächsten grossen Tag zusammenzustellen. Die 600 Stühle und
Zelte sind aufgestellt, die 100 kg Reis in der Küche deponiert, die
Lautsprecher funktionieren unüberhörbar und ich bin schon fast ein bisschen
stolz auf Peter aber es ist noch zu früh um ihm das zu sagen. Ich schreibe das
Programm mehrmals weil es immer noch Änderungen gibt und aus meiner Intuition
raus sage ich zu ihm: bist du sicher, dass Aisha Jumwa (Governor in spe)
überhaupt kommt? Peter gefällt meine Frage nicht und er wundert sich warum ich
das frage und verlässt mein Marketing & Sales Büro…

Ich bin nach
diesem anstrengenden Tag (organisieren, helfen, sich wundern, sich etwas Sorgen
machen) ziemlich erschöpft und lege mich hin. Plötzlich kommt Peter rein und
sagt, er brauche dringend eine starke Kopfwehtablette. Ich habe da zum Glück
noch ganz viele Medis, die mir mal jemand aus der Schweiz geschenkt hat. Er
legt sich hin und erzählt… Nachdem ich das mit Aisha gesagt habe dachte er:
meine Frau hat doch einen 6. Sinn und tatsächlich: als er Aisha angerufen hat
kam raus, dass sie vom Deputy Präsidenten William Ruto in den Norden von Kenia
beordert wurde. Und wie ihr wisst: da gibt es kein nein… der Supergau! Sie habe
aber Ersatz aufgeboten, den MP (Member of Parliament) von Kilifi North und ein
paar MCAs (Members of County Assembly = lokale Regierung). Wenn das nur gut
geht. Wir machen einen einfachen zNacht weil das Mittagessen ja fast
ungeniessbar war und jetzt kommt die Story of the day…

!!!Vegetarier und extreme Tierfreunde:
bitte zum nächsten Abschnitt – beim Video springen…!!!

Peter hat es
geschafft, dass jemand eine Kuh für den Anlass gespendet hat. Löblich – das
Problem ist nur: das Tier wird lebend geliefert. Und weil der Spender nur
gesagt hat: liefert sie zu Peter‘s Haus haben sie die Kuh in Kilifi in seinem
alten Zuhause in Kiwandani abliefern wollen – dort ist aber jetzt ein
Restaurant und niemand war an der Kuh interessiert. Sie musste also nach Marere
geliefert werden – kein einfaches Unterfangen bei diesen Strassen. In Marere
wird sie angebunden, denn ohne Fleisch werden morgen 600 Personen hungrig =
hässig sein. Es sind alle zu beschäftigt und so reisst sich das verstörte Tier
los und rennt weg. Unterwegs fegt sie alle und alles aus dem Weg. Ein Glück,
dass niemand verletzt wird! Es muss jetzt ein Suchtrupp los und die Kuh wird
gesichtet. Anscheinend bewegen sich Kühe nachts nicht und so hat man sie
mindestens im Visier bis morgen früh. Milton der Mutige will sie einfangen aber
sie attackiert ihn und er muss auf einen Baum flüchten, wo er mehrere Stunden
ausharren muss weil die Kuh jetzt versucht den ganzen Baum umzustürzen!!! Fast
gleichzeitig habe ich ein WhatsApp Gespräch mit einem Freund weil wir das Zoom
Pfaditreffen Schweiz/Kenia vom Samstag planen. Er meint so: geht es dir gut?
Und ich antworte nur, dass gerade die Hauptperson für einen 600 Personen Anlass
abgesagt hat. Er meint: ja wenigstens gibt es etwas zu essen und da muss ich
sagen, dass auch das fraglich ist im Moment. Für ihn als Vegetarier ist das
natürlich eine super Neuigkeit!

 Am nächsten
Tag wird die Kuh bei der Marere Primary School dingfest gemacht. Einer fährt
mit dem Auto auf den Strick und hält sie so lange fest bis das Schicksal
besiegelt ist… diese ganze Aktion ruft mittlerweile natürlich eine  riesige Menschenmenge an Schaulustigen herbei.
Ich will gar nicht wissen, wieviele Schulkinder von jetzt an traumatisiert sein
werden weil sie die vor Ort Schlachtung mit ansehen müssen… aber Vegetarier
werden ist hier fast keine Option. Wenn es Fleisch gibt, dann wird Fleisch
gegessen… das ist sowieso selten genug. Der „Retter“ will natürlich eine
Entschädigung-wen wundert‘s? Ich will von der Geschichte gar nicht allzu viel
hören denn ich gehöre ja zu den Fast-Vegetariern aber dummerweise gehe ich
später in die Küche um zu sehen wie weit die sind mit kochen und da sichte ich
dann auch den Kopf dieses mutigen Tieres. Hätte nicht sein müssen aber hier
gehören solche Erlebnisse zum Alltag.

Und nur so nebenbei:
an einen Stierkampf würde Peter NIE gehen, das findet er zu brutal!!!

Hier eine Ansicht, wie es um 09.00 Uhr morgens ausgesehen hat auf dem Platz:

https://youtu.be/C6zjSnfbbTU

Das ganze
Meeting geht dann zum Glück ziemlich reibungslos über die Bühne. Also
reibungslos heisst für die Insider: um 9h kommen die ersten Gäste, alles ist
schön nach Polling Station mit meinen Schildern beschriftet aber es kommen noch
viele Zaungäste und ich schätze, dass mindestens 700 Leite hier waren. Die hören
sich jetzt alle Speeches an und schauen die Tönze der Namba an. Ja ihr habt
richtig gelesen: Speeches von 10.00 Uhr bis 17.00 Uhr und die Leute sind immer
noch voll dabei und klatschen und antworten und sind begeistert. Alle loben
natürlich Peter und er gibt offiziell bekannt, dass er sich 2022 nicht als MP
(davon hat er definitiv genug) aber als MCA aufstellen lassen wird. Alle
Speakers attestieren ihm zwar mehr aber er weiss, was der Job als MP bedeutet
und so viel Stress braucht er (und ich) nicht mehr. Aber den Kauma Leuten
werden auch ein bisschen die Kutteln gewaschen (erinnert mich jetzt grad wieder
an die Kuh, sorry…) Sie müssen Leadership Qualitäten entwickeln sonst werden
sie definitiv untergebuttert. Sie sollen mal endlich aufhören dumme Gerüchte zu
verbreiten (wie z.B. sobald Peter MP ist nimmt er das Geld und verschwindet in
die Schweiz – denn sieht mal: wo ist er jetzt und wo ist seine Frau?) Ich bin
gespannt, ob das etwas bewirkt hat, manchmal habe ich echt das Gefühl, das
sinkt nicht wirklich ein bzw. wenn wieder jemand mit Geld wedelt dann ändern
sie ihre Gesinnung. Aisha klinkt sich dann auch noch per Telefon ein, das wird
übers Mikrofon übertragen und alle finden, dass es ein sehr erfolgreiches und
vor allem gut organisiertes Meeting  war.
Zum Glück gab es auch keine Sicherheitsprobleme – ich hatte schon ein paar
Vorahnungen, die sich aber nicht bewahrheitet haben. Die Leute sind echt
friedlich und beeindruckt. Ausser ein paar von denen, die überhaupt nicht eingeladen waren und dann vielleicht auch keinen Teller Reis mehr abgekriegt haben… aber damit muss man rechnen…

So um 17.30
gibt es Chakula (Essen). Von der Kuh ist nicht viel zu sehen, denn der Reis
überwiegt aber ganz schmackhaft mit feinen Gewürzen. Einmal mehr bin ich
fasziniert wie man es hinkriegt für eine solche Menge zu kochen!!! Dann habe
ich das Gefühl, dass so langsam aber sicher alle verschwinden aber so gegen
halb 11 kommt Peter ins Zimmer und meint: es warten noch 132 Personen darauf,
dass sie nachhause können. Er habe jetzt Busse organisiert, damit sie nachhause
können – von Curfew ab 22.00 Uhr spricht grad niemand im Moment.

Ich bin jetzt
aber saumässig stolz auf Peter und sage ihm das auch: auch wenn ich null
Begeisterung dafür aufbringen kann, dass dieses Meeting überhaupt organisiert
wurde: er hat einen Monsterjob geleistet – abgesehen von den diversen Sponsoren
für Essen, Lautsprecher und Stühlen und Zelten ohne Hilfe von irgend jemandem (nicht
einmal von mir, ausser der Beschriftung und dem Programm schreiben) und er hat
es hingekriegt und es ist reibungslos abgelaufen. Ich kenne weder in der
Schweiz noch in Kenia Menschen, die so eine Arbeit stemmen und durchziehen
könnten, dabei immer noch cool bleiben und erst noch einen super Speech
abliefern. Das macht mich echt glücklich für ihn. Ich hatte sogar nur einen
kleinen temporären Kredit gegeben und den habe ich prompt aus dem Cash-Topf,
den Aisha via ihre Schwester geschickt hat (und der nie und nimmer auch nur annähernd die Kosten gedeckt hat), zurückerhalten. Geht doch!

 P.S. die Kauma Leaders finden, dass wir jetzt noch ein paar solcher Meetings machen müssen und dann ist Peter quasi schon gewählt – und ich antworte: aber bitte nach dem 4.4.!!! (dann ist nämlich mein Abflug) 

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