Von Bits und Bytes und vom Durchbeissen mit Shaka…

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Nach der ersten Woche Marere College habe ich beschrieben, dass ich happy und erfüllt war. Die Studentinnen und Studenten sind aufmerksam und wahnsinnig interessiert. Wir gehen noch durch ein paar Geburtswehen am Computer. Ein Doppelklick, das ist gar nicht so einfach für jemanden, der Elektriker werden will und noch nie eine Maus in der Hand hatte (ausser vielleicht eine echte…).

Also aktiviere ich all mein Wissen und vermittle, was ich auch schon bei Kuoni, in der SBW und bei Raiffeisen sowie in meinen vielen Nebenjobs den Leuten beigebracht habe: klick und enter ist wie Doppelklick. Oder rechter Mausklick: ich erzähle, dass meine Mutter die Maus an den Bildschirm gehalten hat, weil das im Hirn einfach nicht funktionieren wollte mit der Hand und dem Cursor und ich verrate ihnen, dass sie mit dem “bad finger” den rechten Mauslklick machen können – das finde sie schon ziemlich lustig. Ich erkläre: Es gibt bei einem Computer immer verschiedene Arten, wie man etwas machen kann, es ist eure Wahl wie ihr etwas am Einfachsten lösen könnt etc. etc. Ich erkläre wieder Bits und Bytes und bringe mich selber wieder up-to-date mit all dem Computerwissen, das noch irgendwo vorhanden ist.

Wir machen ein paar lustige Erfahrungen: wie kriegt man es hin, dass man das Desktop Icon löscht und wo zum Teufel kriege ich das wieder her? Was antwortest du, wenn jemand fragt, wie er denn jetzt ein Videogame in den Video Ordner laden könne? Am ersten Tag, als ich Word beginnen wollte, d.h. an dem Tag an dem Neema hätte lehren sollen aber plötzlich fand, dass es für sie zu anstrengend sei, den ganzen Tag zu stehen (was soll ich alte Schachtel sagen, ich schwitze, der Raum ist so eng, dass ich kaum mit meinem Hintern hinter den Schülern Platz finde, die Compis sind teilweise anders aufgesetzt, es gibt Fragen über Fragen und ich tropfe einfach vor mich hin – die Haare konnte ich eh nicht trocknen, weil ich keine Zeit und keinen Strom hatte) – ja genau an dem Tag geht jetzt auch noch der Power vollkommen aus. Meinen Power muss ich aber beibehalten – ich kann ja jetzt nicht aufgeben. Jetzt wo ich ihnen schon so vieles beigebracht habe.

Aber dass der Stromausfall gerade jetzt kommt und auch noch die Solaranlage streikt, das bringt mich jetzt doch fast an den Anschlag meiner pädagogischen bzw. andragogischen Fähigkeiten. Ich kann mich einen Tag lang durchmogeln, indem ich alles auf ein Flipchartpapier schreibe. Von Bits und Bytes über File extensions bis hin zu Folder erstellen und File hineinbugsieren.

Als es aber am 2. Tag nochmals so daherkommt wird es kritisch. Glücklicherweise habe ich am Abend, als es kurz Strom gab, einen Test geschrieben und den auch ausgedruckt. So habe ich mindestens schon mal 30 Minuten gesichert von 4 Stunden, die ich durchziehen muss. Nachts überlege ich mir, wie ich Word ohne Computer lehren könnte und nehme mir vor, mindestens die Menüs auszudrucken, d.h. damit sie die alle vor sich haben und in Theorie Word lernen können.

Am Morgen hat es also auch schon keinen Strom mehr und ich versuche jetzt das System auszutricksen, denn meistens funktioniert die Solaranlage für 1-2 Minuten. Ich brauche also nur genügend Strom um das Dokument, das ich geschrieben habe mit der Batterie auszudrucken. Ich gehe in den Technikraum, stelle auf Solar um und renne dann um die Ecke um zu printen. Der erste Versuch scheitert daran, dass die Batterie meines Laptops auch den Geist aufgibt und ich das Kabel holen muss. Der zweite Versuch druckt gerade mal ein halbes Blatt aus und dann sagt der Drucker, dass er keine Tinte mehr hat. Ok, nochmals versuchen: auf Solar umstellen, um die Ecke rennen und drucken. Ich kriege es hin 3 Kopien der Menüs zu drucken – besser als gar keine und dann ist das System am Anschlag. Und ich ebenfalls, denn es ist kurz nach 08.00 Uhr und ich ebenfalls, denn ich schwitze wie gestört vom hin und herrennen.

Um 10.00 Uhr läute ich die Kuhglocke und alle sind wieder schön zur Zeit auf dem Stuhl. Sie freuen sich immer mega auf den Unterricht. Ich fange dann auf dem neu gekauften Whiteboard eine Repetition des letzten Tages zu machen und sie haben anscheinend gut aufgepasst. Sie wissen das Wichtigste noch. Ein ganz Schlauer weiss sogar, dass eben ein Kilobyte nicht wirklich 1000 Bytes hat sondern eben 1084 – aber das wird zu komplex für alle, die mit IT nichts am Hut haben. Dann zeichne ich alles auf, was man in Word theoretisch aufzeigen kann. Hoch- und Querformat, Kopf- und Fusszeilen, Ränder, wo platziert man die Adresse, wie macht man einen Abstand etc. etc. Das Whiteboard ist voll und ich gehe mal das Home Menü durch mit fett/kursiv/unterstrichen etc. etc. Jetzt ist auch die Wandtafel voll. Es ist schon etwa 11.30 und ich hoffe inbrünstig, dass die Solarbatterien die Laptops ein bisschen aufgeladen haben. Ich fuge alle vom grossen Saal in den kleinen Computerraum. Dort gelingt es uns immerhin mit den vorhandenen Laptop Batterien einen kleinen Brief zu erstellen und ihn abzuspeichern und das Dokument ein bisschen zu verschönern. Aber danach sind alle Batterien am Ende und ich gebe eine Pause und präsentiere dann meinen Überraschungstest. Der bereitet nicht nur Freude aber ich bin beeindruckt: sie lösen die Aufgaben richtig gut.

Und dann machen wir nochmals eine Runde Theorie mit den gedruckten Menü-Blättern. Wir telefonieren links und rechts: dem Elektrizitätswerk: ach so, ja wir machen Arbeiten und daher haben Sie während zwei Tagen keinen Strom aber abends um 17.00 Uhr kommt er dann wieder zurück. Ah, danke, dass sie uns darüber informiert haben!!! Und was ist das Problem mit den Solarbatterien, die ja gar nicht so alt sind? Die ganzen Kabel sind vollkommen verrostet. Sie müssen gereinigt werden damit sie wieder Elektrizät transportieren. Saublöde Kombination von zwei Problemen: meine hausgemachte Eiscreme im Gefrierer ist geschmolzen, der Weisswein, den ich am Abend trinken wollte lauwarm und auch meine Batterien sind jetzt grad ziemlich weit unten.

Am Abend kommt wieder Strom und ich bereite mit Peter seine Präsentation für den Freitag vor: Life Skills – er wird darüber und über seine Erfahrungen in der Schweiz berichten. Wir suchen noch Fotos zusammen und machen einen Ablauf, der Sinn macht. Warum ist er überhaupt in die Schweiz gegangen und was hat er da angetroffen und warum – ums Himmels Willen – ist er wieder zurück gekommen. Ich freue mich darauf, ihm zuzuhören.

Die meisten sind wieder pünktlich auf dem Stuhl und freuen sich auf TGIF (Thank God it’s Friday) und Peter bestreitet eine fulminante Stunde. Er bringt alle zum Lachen, zum Nachdenken und stimuliert sie, damit sie selber Fragen stellen. Er hat Perimende (Bonbons) verteilt. Er hat es einfach drauf: ein Kommunikations-Naturtalent. Ich habe auch noch einen Presenter gekauft (wer ihn zuhause vergisst muss zahlen…) und er kann die Präsentation souverän weiterklicken.

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Um 11.00 Uhr fährt ein grosses Auto vor und Peter zuckt zusammen: au, die haben nicht gesagt, dass sie kommen: es tut mir leid, aber ich muss mit denen weg, es geht ums Einrichten von neuen Wasserleitungen in Kauma. Bitte mach du weiter… mir bleibt fast der Kiefer hängen… das kann jetzt einfach nicht dein Ernst sein, mein lieber Peter. Gerade noch sass ich ganz verliebt auf dem Stuhl und dachte: was habe ich doch für einen genialen Mann und schon versetzt er mich wieder in Rage. Aber bis ich den Mund wieder zu kriege ist er schon weg und ich habe den Presenter in der Hand. Ich bringe die Schüler auch zum Lachen, weil ich ihnen sage,  dass ich jetzt meine Variante von seinem Leben erzählen werde und das mache ich dann auch. Ich erzähle von Peter’s Leben in der Schweiz, wie er die Kids geholt hat, wie seine Frau sich von ihm scheiden liesse, wie wir uns im Tchibo kennengelernt haben, wie ich das erste Mal nach Kenia kam etc. etc. Sie amüsieren sich ziemlich und danach zeige ich ihnen ein paar Videos über uns und es ist eine sehr abgerundete Lektion entstanden.

Um 13.00 Uhr machen wir dann die Zoom Session. Dieses Mal mit Alessio De Vitis, einem guten Freund von mir von Raiffeisen, d.h. Ich habe ihn eigentlich gar nicht bei Raiffeisen kennengelernt aber seine wunderbare Mama schon.

Er hat sich auf meinen Aufruf gemeldet und die Session wird wirklich sehr sehr spannend. Sie wollen wissen, ob es Corona wirklich gibt und er hat ihnen da ein sehr persönliche Geschichte zu erzählen, die berührt. Er wird von den Studenten gefordert, die wissen wollen, ob er denn nicht heiraten will und wenn er keine Kinder habe an wen er dann mal sein Haus vererben würde? Und ob er eine Vision fürs Leben habe… Ja das sind spannende Themen und es lohnt sich sicher, dass wir darüber nachdenken.

Weil Alessio ein prima Sänger ist kommen wir auch aufs Singen, denn er will wissen, ob wir in Marere einen Chor gründen werden. Das wäre mega, meinen die Studis und wir singen ihm gleich einen Song vor und er erwidert seinerseits mit einem wunderschönen Song!

Wer Lust hat, einen Ausschnitt dieser Session anzuschauen (ich finde es extrem berührend):

Alessio gibt Auskunft über Bachelor, Lebensvision und vielleicht singt er sogar…

https://youtu.be/tSIG61g98w8 

Solche Momente machen mich glücklich und zeigen mir: wir bewirken hier etwas, das einmalig ist. Diese Leute hätten nicht einmal die Möglichkeit gehabt eine Muzungu kennenzulernen, geschweige denn auch noch von ihr und ihren Freunden zu lernen. Ich kriege Nachrichten wie: Thank you for teaching me these interesting things – I will always remember you for this!

Ich weiss wirklich nicht, ob das Marere College einmal so richtig gross und professionell wird aber was ich weiss: ich habe das Leben von vielen Menschen alleine durch diese Zeit hier verändert.

Ihr lieben Englisch-Sprechenden  und mutigen Freunde: wenn ihr auch mal auf so eine Challenge Lust habt: es wird sicher noch Möglichkeiten geben für solche Austausche – meldet euch einfach! Ich sage jetzt auch TGIF und gönne mir nach ein paar Wochen wieder mal eine halbe Stunde Hängematte!

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