You raise me up

Heute ist er da: der letzte Tag des 3-wöchigen
Einführungskurses. Ich habe wesentlich mehr dazu beigetragen als geplant. Teils
weil die Lehrer nicht wirklich fähig waren, teils weil Referenten andere Dinge
vorziehen mussten und teils weil ich auf dem Thema einfach am meisten wusste.
Ich glaube, wenn ich eine Ausbildung hervorheben müsste, die mir in meinem Leben
am meisten gebracht hat dann ist es die Ausbildung zur PC-Supporterin. So
konnte ich mithelfen, die PCs alle Internet-fähig zu machen, die Software zu
installieren und ich breche nicht gleich in Panik aus, wenn etwas nicht läuft –
selbst wenn der Strom der Grund dafür ist…

Das Ziel war, dass am heutigen Tag alle eine
Mini-Präsentation von sich machen können. Vor zwei Tagen hatten sie eine
Einführung in PowerPoint gemacht haben konnten auch ein paar Folien vorbereiten,
es war aber nicht Bedingung. Am vorletzten Tag war das Highlight, dass sie alle
zum ersten Mal ins Internet durften. Keine der Schülerinnen und Schüler war
schon je im Internet an einem Computer – 2 waren es nur über das Smartphone.
Ihr könnt euch kaum vorstellen, welche Welt sich da aufgetan hat. Sie haben
sich wirklich ausgelebt. Ich habe ihnen Wikipedia gezeigt (viele hatten in der
Sekundarschule noch Enzyklopädien) und Youtube und sie haben Bauklötze gestaunt.
Musik, Videos über den Beruf, den sie gewählt haben, die Anleitung zu Dance
Moves. Sie waren total begeistert. Es wollte niemand in die Pause, weil sie es
vorzogen weiter zu surfen. Kleine Anekdote: wir erklärst du Browsing, wenn die
Leute noch nie in einer grösseren Stadt waren und nicht wissen, was browsen = „lädelen“
ist. So habe ich halt Beispiele vom Markt in Dzitsoni genommen und physisch
vorgemacht, wie man bei den Verkäufern vorbei geht und sich das Angebot anschaut
aber dann doch nicht unbedingt etwas kauft. Das machte für sie Sinn.

Die Prüfung – zuerst 45 Minuten Theorie – und dann zwei
Aufgaben am Laptop war für einige eine sehr grosse Herausforderung. Bei etwa 3
bis 4 Studenten mussten wir sagen: es ist zwar nicht hoffnungslos aber das
Tempo der letzten 3 Wochen war einfach zu schnell. Stell dir vor: du kannst die
Sprache kaum (manche sprechen fast nicht Englisch) und solltest einen Brief
schreiben. Oder du hast noch nicht begriffen, was ein Doppelklick ist und
solltest jetzt die Spalten in einem Excelformular verbreitern…

Am letzten Tag gibt es  von mir einen Input über die Grundlagen der
Kommunikation und – da es mein Lieblingsthema ist – habe ich mächtig Spass
daran. Ich musste meine Unterlagen ganz schön revidieren, denn was will man für
Beispiele bringen in dieser Umgebung? Aber es hat funktioniert: sie sitzen da
mit offenen Augen und Ohren und saugen jeden meiner Sätze auf. Peter spricht
dann noch voller Feuer zu ihnen (er hat das einfach drauf) und der neue Leiter der Electrical Ausbildung
hat ihnen ebenfalls Mut zugesprochen. Was ganz toll ist: er kommt aus dem
Nachbardorf und seine Eltern hatten überhaupt kein Geld und er hat sich bis zum
Universitätslevel hochgekämpft. Er ist sehr interessiert daran, dass es mit dem
Marere College etwas wird und ich setze meine Hoffnungen in ihn.

An der Wand hängen wir die Briefe auf, die sie geschrieben hatten
in der Prüfung. Es sind Briefe an das Management des Marere College in denen
sie beschrieben haben, was sie gelernt haben in den letzten Wochen. Ich war
schon beim Ausdrucken zu Tränen gerührt. z.B. auch der Brief von Joseline, die schreibt, dass sie halt nur bis zur 7. Klasse in die Schule gegangen sei und noch nie vor Leuten sprechen musste, aber dass sie unbedingt dran bleiben möchte: Hier ein paar Aussagen:

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Um 12.00 Uhr sind dann alle parat für ihre Präsentationen. Sie
dürfen den Presenter benutzen und kamen sich ganz schön wertgeschätzt vor, dass
ich ihnen so ein Tool in die Hand gebe. Die Geschichten, die sie erzählen sind
schlichtweg unglaublich für uns verwöhnte Schweizer:

Sammy war sehr gut in der Sekundarschule und hat wegen
seiner guten Note ein Stipendium gekriegt für eine Universität. Das Problem ist
nur, dass diese Organisation, die Stipendien vergibt dich irgendwohin in Kenia
schickt. Sammy musste nach Mount Kenya und die Finanzen waren einfach nicht
genug für die Anreise, die Übernachtung und er musste die Ausbildung abbrechen.
Er muss sich auch um die Tochter seiner Schwester kümmern (daher muss er immer
um 12.30 für eine halbe Stunde weg und sie nachhause bringen mit seinem
Motorrad) und er dachte schon: so ist es halt – meine schulische Weiterbildung
muss ich jetzt wohl abbrechen. Und da hörte er vom Marere College und wusste:
da gehe ich hin, ich will zu den Pionieren gehören und hierher kann ich jeden
Tag und dann zuhause schlafen. Er ist einer der Besten, sehr klug und
aufgeweckt und wenn er fertig ist, dann hilft er immer seinen Kolleginnen und
Kollegen, die nicht so gut sind.

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Und dann ist Saidi, dessen Vision es ist ein „Light for
Everyone“ zu sein! Und Hussein, der einmal eine Schule haben möchte, die seinen
Namen trägt und er der Experte dafür in der ganzen Gegend ist. Ja und auch
Alex, der eine Familie hat und einen Beruf aber jetzt will er noch Informatik
lernen, damit er selber ein Cyber Café aufmachen kann. Und Winnie, die
unbedingt besser Englisch lernen will und einfach eine gewinnende
Persönlichkeit hat. Ich liebe sie alle und ganz klar: am meisten berühren mich
Mbuche, unsere Hausangestellte, die jetzt auch eine Schneiderlehre macht und
sich bodenständig hinstellt und eine kurze Präsentation auf Englisch macht und
mir nachher sagt: I love because you teach me so many things.. 

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Und das
Sahnehäubchen: Mariam – die Frau, die mir von Anfang an aufgefallen ist und die
wir überzeugt haben davon, dass sie nicht „nur“ Hairdressing lernen soll, da
ihr Talent da ist eine Karriere als Informatikerin oder Elektrikerin zu machen.
Sie erzählt in der Präsentation, dass sie einen eigenen Laden hat in Dzitsoni
mit MPESA und Beauty Produkten. Umwerfend. Auf der letzten Folie steht dann: I
will now present you a song: sie meint, es sei keine Zeit mehr dafür, da wir um
12.00 Uhr den Zoom-Call mit Vreni Müller machen aber wir geben ihr diese Zeit
und sie hat sich gelohnt: sie beginnt „You raise me up“ zu singen und muss
nochmals anfangen, da sie die Wörter vergessen hat – aber Ruth (die
Schneiderlehrerin) und ich kennen den Song auch und so singen wir aus voller
Kehle „You raise me up“ – für Mariam ist es von Westlife – für mich ist es von
Josh Groban und ich kann euch nur sagen: es fährt so etwas von ein. 

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Noch eine andere Variante:

https://www.youtube.com/watch?v=-qjae3y-iQw

Und hier das Original von Mariam:

https://youtu.be/2K28PhGZUJg

Ich kämpfe
nicht mehr mit dem Tränen, ich lasse sie einfach runterlaufen und singe noch
lauter weiter. Ich bin echt überwältigt von der Entwicklung von diesen jungen
Menschen und ich bin sicher: diese Leben bleiben nachhaltig verändert – wie meines
auch. Ich hoffe so sehr, dass es Möglichkeiten gibt, wie wir diese jungen
Menschen finanzieren können, wie wir ihnen helfen können ihre Ausbildungen hier
zu absolvieren und eigenständige Menschen werden können: self-reliant. Wenn ihr selber Institutionen, grosszügige Philantropen, enthusiastische Fundraiser kennt: bitte schickt sie zu mir, damit wir für alle eine gute Lösung finden können und auch die Bauten, die noch fertiggestellt werden müssen finanziert kriegen – wir bewirken hier wirklich mit Direkthilfe enorm viel!

Das anschliessende Zoom-Gespräch mit Vreni Müller, einer
meiner besten Freundinnen aus Kuoni Zeiten, verläuft auch wieder sehr spannend.
Ihr könnt euch die Kurzversion hier ansehen. Schön ist auch, dass Vreni ein
Kenia-Fan ist und wer weiss, vielleicht kriegt sie jetzt auch richtig Lust, uns
mal in Kenia zu besuchen. Sie hat auf jeden Fall versprochen, dass sie es „into
consideration“ zieht.

Hier ein Ausschnitt aus dem Gespräch:

https://youtu.be/5_4_f_1CyYE

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Zur Belohnung gibt es am Schluss einen Kalender für alle
(ohne Tippfehler) und Sodas und Kekse zum Abschluss. Wir sitzen am grossen
Tisch, wir lachen und scherzen und freuen uns darauf, wie es weitergehen wird.
Es ist ein echtes Glücksgefühl und eine unbeschreibliche Zufriedenheit macht
sich in mir breiten. So toll ist das Leben! You raise me up: das gilt für Jede
und Jeden, der mich in diesen vier Monaten berührt hat hier in Kenia oder virtuell in anderen Teilen der Welt – selbst ohne
physische Berührungen.

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