And now the end is near

image

Ich merke, ich bin am Zusammenräumen, Vorbereiten für die
Abreise am 1. April was natürlich Peter nicht gefällt. Er möchte mich am
liebsten 24Std um sich herum haben oder mich um sich herum wissen auch wenn er selber
fast nie verfügbar ist oder meistens mit dem Telefon am Ohr „oh but this one is
really important for us“ Genau: for us… und hier sind wir beim grundlegenden
Problem von meiner „Operation Marere“. Ohne Peter wäre ich nicht hier und ohne
Peter würde ich wahrscheinlich auch nicht mehr hierher kommen. Das ist nicht
die allerbeste Grundlage, vor allem wenn die Bedingungen sind, wie sie hier
sind.

Es fehlt immer noch an so vielem, es hat nie genügend Geld
um alles zu realisieren und die Bedingungen sind für mich (City-Girl, you
remember?) einfach schwierig: mir ist es zu heiss, ich will mir nicht Gedanken
machen darüber, ob ich jetzt Internet habe, ob das Wasser ausreichen wird, ob
es grad Strom hat oder nicht. Ich will auch nicht für sämtliche Familienmitglieder
verfügbar und verantwortlich sein oder für Freunde, die ein Café in Kilifi
haben und mich vor Freude übers Wiederfinden um 00:40 h morgens mit Video
anrufen um mich um Geld für ihre bevorstehende Herzoperation in Indien zu
bitten. Ich will nicht einen neuen Lehrer anstellen und dann für seine ganze
Familie und die Todesfälle in seinem Umfeld bezahlen müssen. Und daher stimmt
halt das „aber ich mache das für uns“ von Peter nicht wirklich. Er macht es für
sich und ich komme, um ihn zu sehen und meinen Beitrag bei Dingen zu leisten,
die ich sinnvoll finde, wie z.B. das College oder den Talk in der Primarschule
oder bei den Boyscouts. 

Übrigens auf unserer Homepage nochmals zu sehen:

https://marerecollege.com/news-and-events/ 

Die Zoom Calls mit Freunden von mir etc. etc. diese
Dinge machen Spass und ich habe auch Freude, wenn wir tolle Kuchen in unserer
neuen Küchen backen können, wenn ich meine Rezepte weitergeben kann und die
Leute mit Glacé aus der Eismaschine überraschen kann. Wenn aber der 3. und der
4. und der 5. Koch absagt weil er nicht einfach ein Salär kriegt sondern
„Entrepreneurship“ zeigen soll dann zermürbt mich das. Wenn jemand in die Küche
schaut und als erstes nach einer Klimaanlage fragt, dann weiss ich: diese
Person wird es in Marere nie aushalten. Und wenn jemand den riesigen Deckel des
Topfs braucht um DARAUF ein Feuer zu machen und sich dann zu wundern warum es
ein Loch gibt grrrhhhh – da kann ich es nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Wenn ich aber wieder mein Netzwerk spielen lassen kann und
für Cheira ein Medical Camp für die Ärmsten aufgleisen kann, wenn ich für die
Fachhochschule Nordwestschweiz ihr Studentenprogramm für angehende Primarschullehrerauf
die Beine stellen kann und wenn ich Musik machen und Singen und Tanzen kann: ja
da laufe ich zu Höchstform auf und dann sieht man mir das Glücklichsein auf den
Fotos auch wirklich an. Dummerweise kann ich das nicht separat halten und das
Gesamtpaket beinhaltet halt wirklich alles.

Nach 4 Monaten ziehe ich ein gewisses Fazit: während der
strengen Covid-Zeit in der Schweiz habe ich auf jeden Fall die richtige
Entscheidung getroffen, hierher zu kommen und hier fast maskenfrei wunderbare
Dinge zu erleben und zu geniessen war besser als zuhause in meiner Wohnung zu
hocken und den eisig kalten Winter aus dem Fenster anzuschauen.

image

Aber auch wenn ich emotional reich geworden bin: der (finanzielle) Preis ist hoch: mein Portemonnaie ist leerer als
leer und meine Energie ist auch nicht auf dem Höchstlevel: es ist anstrengend
in dieser Hitze mit den vielen unangenehmen Viechern, unzähligen Mücken- und
anderen undefinierbaren Stichen, mit Tiefschlägen und grossen Fragezeichen für
die Zukunft. Ich weiss: viele von euch würden es nicht einmal einen Monat
aushalten hier, das schreibt ihr mir immer wieder und ich selber bin einfach
hin- und hergerissen. Ich versuche bei MIR zu bleiben, mich selber zu fragen,
was für MICH stimmt, immer wieder liebevoll zu mir selbst zu sein (habe gerade
das Buch von Gerald Hüther gelesen: „Lieblosigkeit macht krank“ und auch wieder
viel über mich selbst gelernt dabei. Und dort drin steht der Satz:

Wer sich selbst
zu mögen beginnt, fängt an, die Welt und seine Mitmenschen mit anderen Augen zu
betrachten: ebenfalls liebevoller.

image

Daran arbeite ich (seit Jahren) aber leider haben noch nicht
alle anderen Menschen dasselbe Buch gelesen… Spass beiseite: ich habe mich in
den letzten Jahren extrem geändert, bin offener, grosszügiger und liebevoller
mit mir und anderen geworden aber es hat alles seine Grenzen. Und Grenzen zu
ziehen ist etwas, was ich hier auch lerne, auch wenn es manchmal auf eine ganz
brutale und schwierige Weise geschieht. Nein ist nein und: dafür habe ich kein
Geld ist: dafür habe ich jetzt kein Geld.

Ich werde mich in der Schweiz daran machen, Stiftungen und
Foundations anzuschreiben und dort grössere Beiträge zu erhalten für die
Weiterführung des College. Es muss einen grösseren Schub geben und die
finanzielle Situation des NGOs muss besser werden, sonst ist es ein Dahinplänkeln.
Denn, so wie ich in einem anderen Buch gelesen habe, das mir eine
Afrika-Fan-Freundin empfohlen hat: Divide (auf Deutsch die Tyrannei des
Wachstums: Wie globale Ungleichheit die Welt spaltet und was dagegen zu tun
ist) ist das Nord/Süd Gefälle vor allem politisch gemacht und wird absichtlicht
so gehalten. Daher ist es auch keine Lösung, dass wir aus reichen Ländern
unseren Überschuss in ärmere Länder bringen sondern es muss grundlegende und
vor allem politische Lösungen geben. Ich empfehle das Buch allen, die im NGO
oder „Helfen“-Business tätig sind, denn man kann schon eine allzu romantische
Vorstellung von Entwicklungshilfe haben – das ging mir vor Kenia auch so… Aus
dieser Sicht macht es wieder Sinn, dass Peter sich eben politisch engagiert –
auch wenn das nur ein Tropfen auf einen heissen Stein ist.

image

Peter hört mir ab und zu auch wieder einmal zu und wir haben
vereinbart, dass es bezüglich Politik so weitergehen wird: er bewirbt sich im
August 2022 (das heisst, die politischen Reden beginnen jetzt schon) für den
Sitz des MCA = Member of the County Assembly für die Gegend von Jaribuni
(Kauma). Das kann quasi mit einem Gemeindeammann gleichgesetzt werden (auch
wenn die Gemeinde örtlich sehr sehr verteilt ist ohne geteerte Strassen…), der
dann aber doch auch ins lokale Parlament von Kilifi County geht. Das ist zwar
ein Heimspiel aber er muss trotzdem Kampagne machen und das bedeutet Geld. Ich
bin nicht bereit auch nur einen Franken in eine politische Kampagne zu
investieren, denn ich habe bereits erlebt, dass es verlorenes Geld ist. Ich
werde ihn mit meinem „Brain“ unterstützen und das heisst: ich schreibe für ihn
Manifestos, ich mache eine Website für ihn, ich unterstütze ihn mit Social
Media etc. etc. und im nächsten Winter komme ich für eine kurze Zeit hier her.
Danach aber erst wieder kurz vor den Wahlen, die am 9. August stattfinden
werden, denn wir haben gemeinsam entscheiden: wird er gewählt, dann macht er
eine Amtsperiode von 5 Jahren und wird nicht sein privates Geld reinstecken und
so viel wie möglich für Jaribuni(Kauma) aufbauen wie es nur geht. Wenn möglich
baut er auch einen Nachfolger auf, der dann von ihm übernehmen kann. Wenn er
nicht gewinnt: dann heisst es „Hasta la vista“ (natürich auf Suaheli) und er
kommt in die Schweiz und geht nur noch punktuell nach Kenia.

Ich weiss: beide Varianten werden vielleicht nicht genau so
aussehen, aber das ist die Zukunftsplanung hier. Und ihr wisst ja: pole pole
(langsam, langsam) und hakuna matata (keine Probleme)!!! Wir leben unsere
schöne Beziehung weiter: mit allen Ups und Downs und vor allem spüren wir immer
wieder: wir sind einfach füreinander geschaffen – und dieses Urvertrauen macht,
dass auch aus schwierigen Phasen etwas Grandioses entstehen kann.

Und weil es einfach so schön war: letzte Woche waren zwei
Profi-Musiker hier um unsere Instrumente auszutesten und zusammen haben wir
geübt und gesungen – interessanterweise genau das Lied, das mir jetzt wieder
durch den Kopf geht:

I did it my way und zusammen mit Peter: we do it our way –
ganz ungeschminkt und voller Liebe!

image

Hier der Song: live performed in Marere:

https://youtu.be/oH_d1iKQ0-I  

Teilen

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert