Zone of Genius

Denke nie, dass du weisst, was in Afrika gebraucht wird.

Das ist ein Satz, den ich mir immer wieder hinter die Ohren
geschrieben habe hier in Kenia und auch eine „Falle“, in die ich immer wieder
getappt bin. Wir meinen ja oft, dass wir wissen, was vor Ort gebraucht wird und
schiessen dann ohne die Bevölkerung einzubeziehen drauf los und bringen
allerlei heilbringende Dinge, die allenfalls gar nicht gefragt sind mit. Selbst
beim Bau der Küche habe ich mich manchmal gefragt: war es wirklich das
Richtige, oder hätten wir auch anders entscheiden können? Aber da war mein Mann
beteiligt und er kennt die Situation vor Ort und hat dann entschieden, dass wir
„gross“ bauen, d.h. eine moderne Küche (also immer noch mit Holzfeuerung…) aber
mit guter Lüftung und einer respektablen Grösse. Wenn unsere Haushalthilfe aber
Bohnen kocht, dann findet sie, der „Jiko“ (Pfanne) sei zu klein – sie mache das
doch schnell auf dem Feuer draussen vor der Küche. Ich habe mich zuerst
genervt, denn man könnte ja auch in einem grossen Topf weniger kochen, aber das
wäre dann für sie anscheinend zu mühsam zum Reinigen. Also schaue ich manchmal
auch einfach weg und hoffe, dass die Küche eines Tages in vollem Einsatz sein
wird: mit einem Koch oder einer Köchin, die weiss, wie das funktioniert und mit
Brotbäckern, die damit ein Business aufbauen können. Denn was ich auch gelernt
habe ist: nicht dreinreden, einfach mal machen lassen… es kommt schon gut… pole
pole…

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Und mit dem Singen war das auch so eine Sache: ich habe mir
ja zum 60. Geburtstag eine Ausbildung zum Stegreif-Coach gewünscht, weil ich
mir dachte, das wäre eine viel bessere Ausbildung als diejenige, die z.B. in
St. Gallen von der reformierten und katholischen Kirche angeboten wird .Da gibt
es nämlich die Chorleitung Weltlich CH I Ausbildung und ich hatte da ja schon
mal die Musiktheorie angefangen. Und für „gefällt mir nicht“ wieder in die Ecke
gestellt. Den ganzen Tag bei Raiffeisen arbeiten und dann abends noch mit
Stecklis auf die Tischplatte klopfen – das war zu viel für meine strapazierten
Nerven. Also dachte ich auch, dass die Kenianer bestimmt mehr improvisieren und
viel lockerer mit dem Thema Musik umgehen. Und so habe ich auf Empfehlung einer
Freundin den Wochenendkurs in Basel für diese Stegreif-Ausbildung gemacht. Wir
mussten quasi nur improvisieren, in die Mitte stehen und einfach mal loslegen,
etwas was mir (ich weiss man glaubt das kaum) sehr schwer fällt. Ich kann ein
Lied lernen, auswendig büffeln mit meinen besonderen Notizen aber wenn mir
jemand sagt: hey sing doch mal was, dann blockiere ich. Wobei ich noch
einschieben muss, dass ich das hier in Kenia super am Lernen bin… Und so tat
mir das Wochenende in Basel zwar gut, aber die Leute, mit denen ich ein Jahr
hätte verbringen dürfen/sollen/müssen in dem Kurs, die haben mir einfach nicht
zugesagt: ein paar Besserwisserische, eine Perfektionistin und dann auch noch
ein paar wenige, die ganz ok waren. Die Leiter waren toll und ich finde, sie
machen das grossartig aber eben: die Zusammensetzung der Gruppe muss auch
stimmen, vor allem wenn man dann ein paar Wochenenden zusammen verbringt und
auch noch recht viel Geld ausgibt… Ich habe also abgesagt und Corona hat dann
noch das seine dazu beigetragen, dass es für 2020 ohnehin nicht in Frage
gekommen ist.

Als ich hier in Kenia mit meinem Weihnachtschor geprobt habe
merkte ich: die Leute hier, die brauchen eine ganz klare Führung: einfach mal
so ein bisschen singen, das geht gar nicht und das hat wohl mit der Schulbildung
zu tun. Dort ist ja auch quasi nur „Nachplappern“ gefragt. Ich hatte hier mit
den Lehrern des College schon grosse Diskussionen, weil ich ihre Art des
Lehrens überhaupt nicht nachvollziehen kann. Für mich ist es altmodisch und
überholt aber ich habe mich jetzt bewusst rausgehalten, sonst hätte ich auch
noch ein Teacher Training machen müssen. Aber im Chor habe ich bedauert, dass
ich nicht weiss, wie man einen Chor leitet und ich finde, das ist etwas ganz
Anspruchsvolles und Michael Schläpfer von den sinGALLinas weiss, dass ich (vor
allem seit dem Dirigentenkurs) höchsten Respekt vor dieser Aufgabe habe. Dazu
kommt noch, dass mein Klavierspiel miserabel ist, wirklich auf totalem
Anfängerniveau.

Aber was ich jetzt mehr habe ist Zeit (da die Ausbildung
jeden Mittwoch stattfindet hätte ich während der Raiffeisenzeit mein Arbeits-Pensum
reduzieren müssen, was wiederum nicht ging wegen Afrika) und vor allem auch
eine Vorstellung, wie ich das Gelernte dann vor Ort umsetzen würde.

Und so war es wieder einmal etwas, das mir zu-fiel: ich habe
beim Projekt des Gospel im Centrum in St. Gallen mitgemacht und  online 3 Lieder eingesungen für den grossen
Chor, der dann daraus zusammengestellt wird. Die Leitung hat Andreas
Hausammann, den ich als Musiker und noch mehr als Mensch extrem schätze und
mag. Er war damals der Pianist, als ich im Swiss Gospel Choir gesungen habe und
wir unsere Wien-Budapest Reise gemacht haben. Und weil ich auf der Mailingliste
bin habe ich auch die Information für die Chorleiter-Ausbildung gesehen und den
Info-Abend (online) besucht. Was ich gesehen und gehört habe hat mich
überzeugt: ich will diesen Versuch jetzt wagen und melde mich für die
Ausbildung an. Wegen Corona ist auch die Musiktheorie online, was mir
entgegenkommt. Der Leiter hat uns ein paar coole Apps gezeigt und jetzt bin ich
schon wieder fleissig an der Harmonielehre und starte noch einen Versuch. Denn
ich bin überzeugt davon: die Leute hier in Kenia brauchen – wenigstens für den
Anfang – jemanden, der wirklich die Zügel in die Hand nimmt. Und wir hatten uns
erkundigt: es gibt nur ganz wenig Leute, die eine Musikausbildung haben und
dann auch noch gewillt wärren, jede Woche nach Marere zu kommen um den Chor zu
leiten. Zudem weiss man ja nie, ob ich auch in der Schweiz mal mehr damit
machen werde.

Interview mit Andreas Hausammann

https://www.youtube.com/watch?v=55SIZyjh47U 

Ich habe schon den ersten Musiktheorie-Abend hinter mir und
er hat sogar Spass gemacht, auch wenn es nie mein Lieblingsfach wird. Aber das
wird Algebra und Mathematik auch nicht und ich liebe Excel – mit den richtigen
Hilfsmitteln ist alles möglich!!!

Also drückt mir die Daumen, dass mein Plan aufgeht. Sobald
ich in der Schweiz bin treffe ich mich für ein Vorstellungsgespräch und dann
sehen wir weiter. Ich habe ja entschieden, am liebsten nur noch Dinge zu
machen, die ich gerne mache und in denen ich gut bin, so gewissermassen nach
dem Beispiel der Zone of Genius von Gay Hendricks zu leben: Du bist
aussergewöhnlich gut darin: Es fällt dir sehr leicht da du deine natürlichen
Talente nutzt. (oder auf
Englisch noch besser: The set of activities you’re uniquely suited to. They
draw upon your special gifts & strengths). Hoffentlich gehört Chorleiten da
auch bald dazu!!!

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