It depends…

Ich weiss gar nicht, ob das Leben extra so fies ist… kleiner Scherz. Aber einerseits zeigen sich für mich grad die hässlichsten Seiten von meinem Marere Aufenthalt und andererseits erlebe ich gerade die berühendsten Momente überhaupt. Das nennt man „Leben“ und das macht wohl die Mischung aus – wobei eine Mischung ja nicht nur aus 2 Ingredienzen besteht sondern die Anteile der Inhalte einfach stimmen müssen.

Zu den hässlichen gehört, dass wir vor ein paar Tagen Probleme mit dem Auto hatten: beim Eindunklen kurz vor dem Abbiegen von der Teerstrasse konnte Peter das Auto nur noch an den Strassenrand manövrieren (zum Glück nicht in den Strassengraben, denn der war ziemlich gross) denn das Auto überhitzte und es dämpfte bös unter der Kühlerhaube und die gesamte Steuerung blockierte.

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 Ich packte schon meine Tasche und fragte, ob ich rausspringen soll aber Peter beruhigte mich, obwohl er ja autotechnisch etwa eine Banause ist wie ich…. Es hält sofort ein Piki-Pikfi Fahrer und meint: Oh Mhueshimiwa, you have a problem? Und er holt dann Wasser und clevererweise einen Einfüllstutzen – und die 20 Liter gehen problemlos rein. Wir schaffen es dann noch knapp nachhause aber das Auto muss dann repariert werden. Ich muss ja sowieso nach Kilifi für den Covid PCR Test und Simon vom College braucht ein „Certificate of Good Conduct“ so etwas wie ein Leumundszeugnis. Man kann das mit E-Citizen online bestellen aber die Fingerabrucke muss man vor Ort holen. Ich habe ihm alles organisiert und die Gebühr bezahlt und einen Termin gemacht.

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Ich hätte rein theoretisch auch einen Termin, denn einer der Ärzte vom Kilifi Hospital hat versprochen, mir jemanden zur Seite zu stellen, damit ich nicht ewig anstehen muss. Warten muss ich aber zuerst im Wartezimmer (drum heisst es ja so) vom Minister of Health. Der ist aber in einem Meeting und für eine geschlagene Stunde geht gar nichts. Dann erdreiste ich mich, mich zu räuspern und es geht vorwärts.  Ich muss nicht mit den vielen vielen Leuten, die auf irgendwelche Resultate warten sitzen sondern werde in ein Nebenräumchen geführt, in dem blutverschmierte Töpfe liegen und in dem kaum ein Stuhl Platz hat. Zuerst muss ich noch klären, dass ich nicht zum impfen komme (anscheinend hätte ich das auch gleich machen können, aber wie Daniel sagt: wer weiss, was die einem da reinspritzen – vielleicht wirst du danach zum Kannibalen… ) Also das lassen wir mal lieber sein. Ein überaus freundlicher Arzt nimmt Proben aus Hals UND Nase (wääähhhh) und erstaunlicherweise kostet das nicht einmal etwas. Ich werde das Resultat auf Handy und Mail kriegen. Bis er allerdings meine E-Mail Adresse richtig hat dauert es eine Weile: bluewing und furaha – das hatten wir alles schon…

Simon nervt grad bös, denn er hat doch tatsächlich seine ID zuhause vergessen. Peter ist so hässig, dass er ihm sagt er müsse selber schauen, wie er jetzt retour nach Marere und wieder nach Kilifi kommt und irgendwie schafft er es dann doch. 

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Wir müssen mehrere Stunden in der Garage warten bis klar ist, dass es ein kleiner Schlauch ist, der nicht dicht ist aber um an den ranzukommen muss man den ganzen Wagen auseinandernehmen und das wird mindestens einen Tag dauern… ich kriege schon etwas das Nervenflattern, da ich meine Abreise schon auf sicher haben möchte. Ich verbringe die Zeit mich von Simon über das College briefen zu lassen und die Zeit hat es gebraucht: Wir entwickeln unsere Strategie wie wir weiterfahren werden. Es hatte also auch sein Gutes und gerettet werden wir von Daniel – Peter‘s Sohn, der extra aus Malindi kommt um uns nach Marere zu fahren. Dort gehen leider die bad news weiter, es hatte den ganzen Tag keinen Strom in Marere und somit ist auch der Solarstrom aufgebraucht und wir verbringen die heisseste Nacht aller Nächte (nein, leider nicht was ihr jetzt denkt…) Wenn du einfach im eigenen Schweiss fast schwimmst und die ganze Matratze und die Leintücher pflutschnass sind weil kein Ventilator funktioniert und du auch nicht duschen konntest und dich wälzt und wälzt und tropfst und tropfst – ja da beginnt doch die Vorfreude aufs Nachhausefliegen zu greifen. Halbstundenweise stelle ich mich ans Fenster, denn draussen weht ein angenehmer Wind, aber der dringt nicht ins Schlafzimmer und die Mücken beenden mein Fensterstehen jäh… jetzt juckt es auch noch überall… Ja und am vorletzten Tag stigt auch noch das Internet aus und ich kann meinen negativen Covid Report nicht ausdrucken und muss ihn in einem Cyber Café in Kilifi drucken lassen und ihn nach Marere liefern lassen…

Genug gejammert: der letzte Tag ist geprägt von Aufräumen, Raport fürs College schreiben, Rechnungen bezahlen, mit dem neuen Principal sprechen (ein wirklich supertoller Mensch mit viel Erfahrung, der uns richtig schnell vorwärts gebracht hat mit dem College) und mit den Mitarbeitenden, die das College jetzt führen werden. 

Aber auch mit denen, die wir leider nicht brauchen können. Da wir ein offiziell anerkanntes College sind sind auch die Bestimmungen für die Mitarbeitenden sehr strikt. Oder mindestens können wir damit vermeiden, dass Leute, die wirklich nicht qualifiziert sind am Ruder bleiben. Da kommt auch Peter‘s Diplomatie ins Spiel und er hat genau die richtigen Worte, damit sich die Leute nicht ausgeschlossen fühlen und auch nicht gegen uns schiessen werden – wobei es immer wieder solche geben wird, damit muss man hier leben, die Eifersucht frisst die Menschen manchmal fast auf…

Und jetzt fängt es an mit der Abschiedsstimmung aber genau darin liegt eben das wahnsinnig Schöne: die Menschen hier sind wirklich dankbar dafür, was wir für sie machen und dass sie so erst einmal einen Zugang zur Aussenwelt haben. Die meisten Menschen hier in Kauma haben es kaum bis nach Nairobi oder Mombasa geschafft. Eine Zoom Session mit der Schweiz ist für sie völlig surreal aber gleichzeitig auch wahnsinnig faszinierend. Und dass Peter für sie z.B. Musiker organisiert hat, damit sie während der Schulferien nicht einfach rumhocken  und auf dumme Ideen kommen schätzen sie enorm. Wenn sie dann sogar noch etwas zu Essen kriegen, ja dann kommen sie aus dem Staunen fast nicht mehr raus. Für einmal können Peter und ich auch relaxen und wir singen und tanzen zu der Musik der beiden Profis. Peter ist für einmal super relaxt und weiss, dass er mich mit Musik „weich“ kriegt, denn Musik ist für mich das Berührendste überhaupt. 

Und jetzt folgen so viele Dankeschöns, von Leuten, die mir wirklich etwas bedeuten und die auch viel Lebenserfahrung haben. Mbuche ist dem Heulen nahe und sie will mit mir in die Schweiz kommen und dort für mich putzen und kochen (dagegen hätte ich nicht einmal etwas einzuwenden, so lange sie kein Ugali kocht…) Aber auch einer der Minister, der zu Besuch kommt mein, Ich sei ein Vorbild für die Kaumas, die meisten würden etwas lernen und dann weggehen und nie mehr zurückkommen, aber ich halte das hier in Marere durch und das sei eine Inspiration für so viele Menschen. Ich hoffe sehr, dass er der neue MP von Ganze wird, denn mit dem jetzigen haben die Kaumas keine Chance… Ich bin zutiefst berührt und habe wahrscheinlich die Wirkung, die meine Arbeit hier hat unterschätzt, weil es für mich ja normal ist. Insgesamt ist das ein richtig gutes Gefühl und ich bin froh, dass ich mit einem positiven Aspekt wegfahren kann. Peter lassen wir beim geflickten Auto in Kilifi (es hat sogar nur CHF 50 gekostet für die Reparatur von 2 Tagen!!!) und Daniel bringt mich in seinem feudalen Auto mit Air Conditioning nach Mombasa an den Flughafen. Die Rückreise macht nicht wirklich Spass aber sie verläuft reibungslos. Ethiopian Airlines kann ich durchaus empfehlen und Hauptsache: ich schaffe es wieder retour in die Schweiz, denn seit gestern ist in 5 Counties in Kenia der absolute Lockdown und alle Inlandflüge sind ab sofort gestrichen. Da hatte ich tatsächlich den richtigen Riecher, einen Flug direkt nach Mombasa zu buchen. Ja der richtige Riecher ist halt auch ein Sinn, der sehr gefragt ist im Leben und ich bin sicher, er wird mich auch in Zukunft begleiten, wenn ich entscheiden muss: wann und wie lange ich das nächste Mal nach Kenia fliege, denn diese Frage wurde mir in den letzten Tagen unzählige Male gestellt… „It depends“ war jeweils meine Antwort…

#itdepends

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