Executive Style:  The (shopping) queen is not amused

Wir hätten es zwar als Überraschung für die 3 Studentinnen geplant, die bald für ihre 1-monatige Internship nach Marere kommen. Aber der Prozess bis dahin ist zu schreibenswert, dass ich die Story bis dann zurückhalten könnte…

Peter kommt zu mir und meint (mit Hundeblick): „Wie wäre es denn, wenn wir für die 3 Studentinnen die von der FHNW nach Marere kommen jetzt endlich die Zimmer mit Bad und WC ausstatten würden?“ Natürlich eine Idee, die mir auch schon lange im Kopf rumgegeistert ist. Aber da ich weiss, was das nicht nur finanziell sondern auch arbeitstechnisch bedeutet bin ich etwas zurückgeschreckt vor der Herausforderung. Eine Freundin meinte auch im WhatsApp Gespräch, dass man diese Studentinnen nicht allzu fest verwöhnen sollte… mag sein aber ich hatte ja schon schlaflose Nächte als ich mir vorstellte, wo die wohl pinkeln gehen werden während ihres Einsatzes an den Primarschulen… aber dann dachte ich auch wieder, dass Olivia – unsere Aktuarin – es ja damals auch überlebt hat!!! Ich muss gerade ja noch einiges anderes erledigen wie Kalender für Peter designen, ein Kommunikationskonzept für die Wahlen schreiben, ein Wahlmanifest  kreiern, Spendenbestätigungen und Newsletter für Pro Ganze schreiben – so kleine Dinge halt…

Am selben Tag der Superidee ist „per Zufall“ grad der Plättlileger in the house (ich erzähle dann mal weshalb) und Peter und er verbringen den halben Nachmittag zusammen um die Kosten zu kalkulieren. Inzwischen kommt der Sanitärler und schaut sich die Situation an. Er ist eine coole Socke und ist sich gewöhnt mit Muzungus umzugehen.

Ich verbringe den Nachmittag mit dem Updaten der Homepage von Peter und mit dem Design des Kalenders. Plötzlich kommt Peter in mein Büro und ist ganz aus dem Höuschen: der Plättlileger ist bereit, einen Superpreis für die Superidee zu machen für die 3 Zimmer. Er nennt den Preis und meint, das sei aussergewöhnlich günstig und wir (bzw. Ich) sollten sofort zuschlagen, dann könnten sie morgen zusammen nach Shanzu fahren und die Plättli kaufen damit er sofort beginnen könne und alles rechtzeitig fertig würde für den 13. bzw. 21. Januar …

Ich habe plötzlich ein schlechtes Gewissen. Mbuche, die für uns krampft und schuftet für ein mikriges Salär kriegt soll die öffentliche Dusche/Toilette benutzen und die Muzungus kriegen ihr eigenes? Nein, dafür bin ich zu sozial und zu fair. Ich rechne das Ganze hoch und erkläre mich einverstanden gleich alle 4 Zimmer mit Dusche/WC auszustatten. Das 5. Zimmer bleibt momentan noch die Aufbewahrungskammer.

Ich besichtige also selber die Zimmer – ich war lange nicht mehr drin – und mich trifft fast der Schlag: es sind zwar alle Zimmer mit unseren schönen Betten und Stühlen ausgestattet und die Böden geplättlet und die Wände gestrichen aber es herrscht ein heilloses Durcheinander! Nebst Dingen, die ich mal für die Schule gekauft habe, liegen alle Wekzeuge, die wir gebracht und gebraucht haben kreuz und quer, dann auch noch einige Dinge aus dem Transport unseres Haushalts von Nairobi (die ich schon schmerzlich vermisst und abgeschrieben hatte) sowie allerlei Esswaren wie Bohnen und Maiskörner und leere Kartons etc. etc. Ich habe gar keine Foto gemacht weil ich fast unter Schock stand!

So sieht es nämlich nach der Aufräumaktion aus und die eine verschimmelte Banane habe ich schon als tote Maus erkannt…

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Wenn der liebe Kassier Peter hier gewesen wäre hätte er wohl einen Herzinfarkt gekriegt. Ich werde richtig sauer und rufe lautstark damit es sicher alle hören und sehen: „Genau das macht mich richtig hässig: ich setze mein hart verdientes Geld ein um das Leben in Marere besser zu gestalten. Ich schleppe Dinge an, die nützlich sind und allen dienen. Und was macht ihr? Ihr tragt null Sorge zu den Dingen!!! Angefangen von den Gläsern die ich jedes Jahr neu kaufen muss über die Tassen, die alle kaputt sind bis zu den Wekzeugen, die ihr dringend braucht! Leute, die eine solche Schweinerei anrichten werden in Zukunft keinen Job mehr haben hier!!!

Peter ist alles auch ziemlich peinlich aber er sagt, dass er selber manchmal müde ist hinzuschauen und alles, aber auch wirklich alles zu kontrollieren. Das alleine wäre eh schon ein 100% Job. Ich kann es ihm gar nicht übel nehmen, denn manchmal mag ich auch nicht mehr so genau hinschauen auch wenn wir das müssen!

Mein Wutausbruch ist dann der Auslöser, dass am nächsten Tag eine Grossreinigungsaktion stattfindet. Zum Glück kommt auch Peter‘s Halbsohn John Baraka mit seiner Frau Frida zu Besuch. Er übernimmt den Lead in der Aufräum- und Putzaktion. Unglaublich, was da alles auftaucht: vom edelen Flaschenöffnerset (irgendein Geschenk auf einer Benchmarking-Reise) zu den „I love you“ Kerzen über semi-wichtige Dokumente bis hin zu meiner Schmucksammlung, die ich ebenfalls schon sehr frustriert abgeschrieben hatte! Während die Männer draussen fuhrwerken widmen wir Frauen uns den schönen Dingen wie Schmuck aussortieren. Mbuche und Frida beerben mich mit Dingen, die ich ganz sicher nicht mehr tragen werde. Und sie sind natürlich im Siebten Himmel! Der Tag endet gut für alle: aufgeräumte Zimmer und glückliche Frauen!

Peter steht am nächsten Tag um 05.30h auf damit er zum Plättliladen fahren kann. Er ist um 9.00h schon wieder zurück und die Arbeit kann beginnen. Gegen Abend dann die schlechte Nachricht: der Plättlileger hat sich verrechnet! Verdammt nochmal! Ist es einmal möglich, dass die Offerte mit dem Endergebis übereinstimmt? Das Schlimmste ist ja nicht einmal der höhere Preis aber da nochmals hin zu fahren. Das bedeutet wieder einen erneuten mindestens 1 ½ stündigen Trip nach Shanzu: Zeit, Benzin, Gefahr!!!

Ich biete an mit Peter mitzukommen, da es immer besser ist nicht alleine unterwegs zu sein bei diesen Strassen- und Verkehrsverhältnissen.

Wir besichtigen aber vorher schon mal, was alles gemacht wurde im Zimmer Nr. 1 und ich kriege die nächste Krise:  die Plättli sind schlichtweg potthässlich!!! 

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Der Boden ist hübsch in einem lokalen Stil und simple beige oder braune Plättli wären richtig chic und edel gewesen. Aber diese Variante kommt einem LSD Trip gleich! Aber habe ich mich nicht mal entschieden, mich nicht mehr über Dinge aufzuregen, die nicht mehr geändert werden können? Ohm, ohm, ohm. Tief durch die Nase atmen und hoffen, dass sie nicht zu schnauben beginnt… mit geblähten Nüstern fahre ich morgens um halb sieben mit Peter nach Shanzu und bespreche auf der Fahrt ein paar strategische Themen zu seiner FB Page und seinem Wahlkampf… darüber dann ein anderes Mal…

Im Laden angekommen erfahren wir, dass die zuerst in Mombasa im Lager bestellt werden müssen! Ich stehe in dem Laden, umgeben von psychedelischen Plättli und bin im Status Schnappatmung!!! 1. warum hat man das nicht mit einem einfachen Telefonanruf herausfinden können – ich war auf jeden Fall der Meinung, dass die Plättli dort bereit liegen!!? Und 2. wer zum Teufel hat diese hässlichen Plättli ausgewählt? Peter fühlt sich in die Ecke gedrängt und damit hat er vollkommen recht. Mit einer Barbara, die um 6 Uhr aufstehen musste um 1 ½ Stunden ohne Frühstück an einen Ort zu fahren, an dem sie unverrichteter Dinge wieder umkehren muss und dafür sogar noch Benzin und Mehrkosten zahlen muss – ja mit der ist nicht gut Kirschen essen!!!

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Auf meine ziemlich laute Frage: bist du eigentlich Schweizer oder Kenianer sagt er ganz beschämt und leise: beides! Kann ich ihm böse sein? Er wollte auch uni Plättli aber sie haben ihn überschnorret: dieses Muster sei die „executive“ Variante, das würden alle Muzungus wählen!!! Ich beisse mich selber irgendwo rein… wäre ich nur schon gestern früher aufgestanden und mitgefahren!!! Diese Plättli werden fortan ein Mahnmal für mich sein: immer selber vorher alles abchecken, immer alles selber und persönlich und vor Ort abklären. Nie davon ausgehen, dass etwas so gemacht wird, wie ich mir das vorstelle!!!

Den restlichen Tag verbringen wir mit dem Einkauf von allen anderen Utensilien. Das geht leider nicht mit einem One Stop Shop sondern ist ein langwieriger, schweisstreibender Prozess – selbst für die Shopping Queen Mama Kaya!

Unser Lieblingsladen Al Madina – quasi der Jumbo Maximo von Kilifi –  hat aufgerüstet und hat einen riesigen Showroom aufgebaut! 

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Wir wählen aus, machen eine riesen Bestellung und gehen in den nächsten Laden: aus dem Puffladen Ezzi bei dem früher alle Schrauben und Nägel wüst und haufenweise durcheinander lagen ist ebenfalls ein moderner Laden geworden mit Showroom. 

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Ich bin ziemlich beeindruckt über diese positive Veränderung. Ich sehe schon das Handwaschbecken, das ich dann mal für mein Haus möchte.

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Jetzt aber zu den Spiegeln. Es sind zwar echt gute Preise aber die Dinger sind soooo kitschig! Sicher aus China und wahrscheinlich auch „executive“! Ich suche die aus, von denen es 5 Stück hat und die am wenigsten gruusig sind!

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Beim Eingang war mir schon aufgefallen, dass da eine Frau steht, die der 1. Frau von Peter sehr ähnlich sieht. Jetzt aber steht Peter quasi neben ihr und macht keinen Wank. Ich spreche ihn auf Schweizerdeutsch an, ob das nicht seine Ex Frau sei? Er ist grad ein bisschen schockiert, denn er hat sie wirklich nicht wahrgenommen und bisher ist es noch nie zu einer Begegnung der „dritten Art“ gekommen! Er will die Situation umgehen aber ich finde: jetzt oder nie!!! Ich fordere ihn auf, Grösse zu zeigen und er mimt widerwillig den Überraschten. Wir beiden Frauen schütteln uns covid-unkonform die Hand (aber ein fistbump wäre für diese Gelegenheit nicht wirklich angebracht gewesen) und sie meint, wir sollen die Leute in Marere von ihr grüssen lassen. Na ja so weit werden wir wohl kaum gehen, denn die letzte Begegnung dort hat noch einen schalen Beigeschmack, denn es war vor 3 Jahren als die gemeinsame Tochter angeblich verhext wurde als sie vor Ort war – von wem genau müsste noch geklärt werden (another looong story). Ich bin irgendwie froh, dass das jetzt mal offiziell passiert ist. Die Situation lässt mich völlig cool (also so cool wie das in der Hitze möglich ist) – ich bin jetzt zu beschäftigt mit meinen weiteren Punkten von der Shoppingliste. Verschwitzt, voller Staub, durstig (ich schwöre, das Wasser in der PET-Flasche fühlt sich an wie heisser Tee) mit einem leeren Portemonnaie aber mit allem erledigt was es zu erledigen gibt (ich inklusive)! Aber vor mir in der Reihe steht ein Muzungu, den es offensichtlich nicht besonders stört vor sich hin zu transperieren! Sein Deo hat definitiv versagt!

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Zuhause in Marere angekommen sagen sie „Habari Asubuhi“ was guten Morgen heisst und bis etwa 13h gilt – so spät ist es nämlich erst und fühlt sich an wie am späten Nachmittag… da merke ich erst: zum ersten Mal bin ich richtig hungrig und ich verschlinge meinen Luxuskauf von einem griechischen Yoghurt und 150g Himbeeren, die ich mir gestern gegönnt habe ganz genüsslich. Shopping Queen braucht ein königliches Frühstück and then she is very amused! 

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Amused über alle Begebenheiten des Tages und amused über die x-fache Situationskomik, die ich heute mit meinem Mann erlebt habe. Und nach all den Ereignissen und skurrilen Situationen können wir einfach herzhaft darüber lachen! Die beste Lösung für so viele Situationen hier.

P.S. Kleiner Nachtrag: als ich um 01.30 h ins Bett wollte (meine übliche Bettzeit, don‘t worry) funktionierte die Wasserpumpe nicht mehr und ich musste so verschwitzt, stinkig und sandgestrahlt ins Bett. Die ganze Nacht über habe ich mich gekratzt und gewälzt währen Peter friedlich vor sich hinschnarchte. Am Morgen war sein Kommentar nur: but Darling: why did you not wake me up? You know I do everything for you. Ach und beruht das auf Gegenseitigkeit!!!

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