Wo sind meine Spuren?

Die letzten Tage vergingen wieder wie im Flug. Am Schluss gibt es immer noch so viele Dinge zu erledigen: bestellen der Brotschneidemaschine und des Kühlgestells für die Bäckerei, organisieren des Transportes (zum Glück kennen wir tolle Menschen, die das sogar persönlich von Nairobi nach Jaribuni transportieren und mehrere Tage dafür investieren), nochmals zum Markt gehen und noch etwas einkaufen, mit den angehenden Lehrerinnen Sport machen, in Kilifi Taschen und Kangas einkaufen, mit Peter die Registrierung für seine Partei organisieren und kontrollieren, ob alles in Ordnung ist. Menschen motivieren und auch mal einen Zusammenschiss machen, weil sie am einzigen Tag, an dem ich meinen Peter in ein Hotel „entführt“ habe schon morgens um 9.00 Uhr für einen Drink ins „Pub“ gegangen sind… ja ich bin hier wirklich auf verschiedenen Ebenen aktiv und jongliere viele Hüte.

Und dann sind sie da: die letzten Tage der Lehrerinnen. Beide Schulen haben mich um einen Vorschuss gebeten, damit sie ihnen ein Abschiedsfest gestalten können. Ich habe einen offiziellen Vertrag aufgesetzt, damit sie mir dann das Geld auch schicken sobald sie es von der FHNW erhalten haben… So läuft es hier: Absicherung ist keine Garantie aber sie schreckt bestimmt ein bisschen von Betrug ab und vermeidet Ärger…

Am Donnerstag ist der Abschied in der Marere Primary von Juli und Simona geplant. Um 12.20 beginnen die Festivitäten. 12.20? Das ich nicht lache – auf die 10 Minuten genau hat hier noch nie etwas angefangen. Peter hat dummerweise schon ein anderes Meeting um 10.00 Uhr abgemacht aber der Termin wurde auch schon etwa 3x verschoben. Zuerst war er an dem Tag geplant, an dem die beiden abfliegen… So viel zur Kommunikation.

Plötzlich kriege ich um 11.00 Uhr eine Nachricht von Lisa: “du die wollen jetzt schon anfangen, weil die Kinder nachher nachhause müssen…” Ich weigere mich, denn ich sitze grad noch beim Nägel trocknen und ich finde, sie müssen sich dran gewöhnen: wenn man mit Schweizern etwas abmacht dann gelten auch unsere Regeln. Be on time!!! Ich gehe also um 12.00 Uhr zu Fuss los. Auch wenn dieser Schulweg in die Marere Primary sehr kurz ist: die Lastwagen, die den Dreck aufwirbeln und die Hitze machen mir bereits auf dieser kurzen Strecke zu schaffen. Ich komme an und überall heisst es schon freudig „Karibu Mama Kaya“… mein Name scheint hier für immer verankert zu sein. Lisa wurde auch als Gast eingeladen und die drei sitzen bemalt und mit Tüchern geschmückt da wie Afrikanische Königinnen. Da es die Kinder sind, die sie bemalt und gekleidet haben finde ich es ok. Sonst habe ich immer Mühe mit gekünstelten „Verkleidungen“ oder mit Titeln wie African xxx für eine Muzungu.

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Ich nerve mich aber im Gegenzug auch darüber, wenn jemand ohne Hintergrundwissen ein gut und liebevoll gemeintes Bild mit “white saviourism” kommentiert. Leute, die zu uns nach Jaribuni kommen sind aufgeklärt. Von uns und weil sie sich im Vorfeld schon mit der Kultur auseindergesetzt haben. Es liegt uns allen hier fern, dass wir als die “weissen Retter:innen” daher kommen. Wir halten auch nicht zurück mit Kritik oder Verbesserungsvorschlägen und wir berücksichtigen auch die Lokalen und ihre Meinung. Selbst wenn es um etwas Einfaches wie die Bezeichnung von Zimmern oder das Logo der Marere Bakery geht, das Simona gerade am entwerfen ist. Aber ja, wir können auch schockiert reagieren, wenn wir mit “buy my this and buy me that” konfrontiert werden. Manchmal ist es auch die Sprache, bzw. deren Nichtbeherrschen, das etwas falsch rüberkommen lässt. Selbst wenn die Sprache an der Schule Englisch ist: wir haben alle Zweifel daran zu glauben, dass sie wirklich verstehen, was sie sagen und nicht einfach nur nachplappern, weil so der Unterricht läuft.

Bald beginnt die Zeremonie und der Lehrer, der uns allen auf den Geist gibt weil er extrem autoritär und schon fast frech ist führt sich als MC = Master of Ceremony auf. Es werden Gedichte vorgetragen, ein Willkommenslied wurde einstudiert und natürlich müssen wir alle mittanzen und die Hüften schwingen. Das Gelächter der Kinder ist ohrenbetäubend und alle haben ihren Spass dabei! Danach gibt es Speeches und spätestens bei der Rede einer Lehrerin, die nächsten Sommer pensioniert wird, kommen die ersten Tränen. Sie macht die Rede so persönlich, so wertschätzend und ich fühle, was für eine wichtige Spur Simona und Julia hier hinterlassen haben. Alle bedanken sich für diese Gelegenheit, die wir ihnen geboten haben mit dieser Internship. Ich fühle, dass sie es wirklich ernst meinen. Auch wenn in 3 ½ Wochen nicht die riesengrossen Veränderungen durchgeführt werden, auch wenn die beiden “lehrtechnisch” nicht viel profitieren konnten und manchmal stundenlang untätig auf den Stühlen sitzen mussten, weil gerade alle Kids nachhause geschickt wurden um Schulgeld zu organisieren, auch wenn sie nie begriffen haben, weshalb Muzungus nur ¼ Portion essen am Mittag und sie nicht verstehen können weshalb so viele Stunden verschoben und nicht gehalten werden: die gegenseitige Wertschätzung ist da und auch das Staunen über andere Sitten und Gebräuche. Selbst wenn der eine Lehrer nach 3 Wochen noch gefragt hat: „and how ist this in the USA?“. Es ist viel hängen geblieben auf beiden Seiten.

Alle halten noch mehr oder weniger lange Reden und die Kinder fühlen sich bestens unterhalten.

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Danach gibt es noch Foto-Sessions mit allen und von allen und dann werden wir ins improvisierte Esszimmer begleitet, wo sie zuerst Julia und Simona in die lokalen Kishutu Stoffe hüllen und ihnen diese als Abschiedsgeschenk überreichen. Es gibt dann ein reichliches und feines Essen mit einem sensationellen Mango/Ingwer Saft. Inzwischen ist auch der Hon. Peter Shehe eingetroffen, was gleich wieder nach einer neuen Vorstellungsrunde verlangt (nein bitte, nicht schon wieder…). Danach gibt es noch eine Gesamtfoto und das Dankeschön von Simona und Julia. Die Tränen fliessen wieder und auch ich kann mich vor lauter Freudetränen gar nicht mehr zurückhalten. Es ist einfach immer berührend zu sehen, wieviel wir hier bewirkt haben und wie sehr die Leute schätzen, dass sie nicht vergessen werden an diesem Ort, der vom restlichen Kenia und den meisten Politikern schlichtweg ignoriert wird.

Wieder zuhause mache ich ein paar Kuchen, denn ich hatte bereits alle Zutaten eingekauft und will sie nicht verfallen lassen. Den Rüeblikuchen vertilgen wir noch lauwarm: innen feucht und fast flüssig und aussen knusprig. Die Aargauerin unter uns attestiert mir Mut und eine gute Umsetzung…

Danach will Peter zeigen, dass er jetzt auch UNO spielen kann und wir machen ein paar Runden mit sehr viel Gelächter und sehr vielen Kraftausdrücken und verwirrenden Farbwünschen wie “grien” aus unseren verschiedenen Dialekten. Einfach herrlich, dass es so unversell verständliche Spiele gibt, die auf der ganzen Welt verstanden werden.

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Am Tag 2 ist Lisa‘s Abschied dran. Wir haben schon vermutet, dass es an der Juhudi Schule etwas einfacher wird und wir heizen dem Deputy Head-Teacher nochmals ein bisschen ein, indem wir ihm die Fotos vom Marere Primary Abschied zeigen. Am Morgen haben die drei Lehrerinnen noch ein Umweltprojekt durchgeführt und zusammen mit den Kindern den ganzen Schulplatz gesäubert. Lisa ist entsetzt: „Barbara, die wissen hier absolut nichts von Klimaerwärmung, die haben noch nie davon gehört!!!“ Sie hat also sehr spontan eine Lektion über Treibhausgase und Ozonschicht etc. eingebaut und wer weiss, vielleicht wachsen in Juhudi jetzt doch bald kleine Klimaaktivist:innen heran. Der erste Same ist gesetzt und Lisa kann stolz darauf sein, als erste Muzungu in Juhudi darüber erzählt zu haben. Es folgt dann mit  1 ½ Stunden Verspätung eine ebenfalls sehr persönliche Abschiedsfeier.

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Faszinierend zu sehen, mit wie wenig hier Musik gemacht werden kann: zwei Wasserkanister als Perkussionsinstrumente und ein Deckel einer Kiste mit einem Metallschläger als Rhythmusgerät. Die enthusiastischen Mädchen der 8. Klasse machen Tänze und klar, auch wir werden wieder aufgefordert mitzutanzen. Der Lärm der Kinder ist hier noch ohrenbetäubender als an der Marere Primary. Sie sind begeistert über unsere Hüftschwünge. Die Speeches sind weniger, was uns sehr entgegenkommt, denn der Wind und die Hitze machen uns richtig zu schaffen. In Juhudi muss dringend etwas passieren. Die Schule platzt aus allen Nähten. Wir haben die Zusicherung für neue Toiletten aber es müssen zuerst Schulzimmer gebaut werden, damit alle Klassen wenigstens unter Dach sind wenn die Regensaison beginnt. Ich verspreche in meinem Speech, dass wir sie nicht hängen lassen und dass wir die Botschaft in die Schweiz mitnehmen: Juhudi braucht dringend neue Schulzimmer. Wir werden uns gemeinsam mit einem Fundraising dafür einsetzen, dass das umgesetzt wird. Spenden mit dem Vermerk: Juhudi werden wir bereits dafür zur Seite legen. www.proganze.com

Ich werde auch noch ein bisschen politisch und sporne die Kinder an, ihren Eltern zu sagen, dass sie Peter Shehe als MCA wählen müssen im August, denn sonst wird es schwierig, an die Gelder zu kommen! Peter ist natürlich happy, dass ich langsam aber sicher auch zur Politikerin mutiere, denn er hat ja schon immer gesagt, dass ich dieses politische Gen habe. Lisa erhält in einer herzerwämenden Übergabe Ketten geschenkt, die aus den Stielen von Lolipops gefertigt sind (ach nein, hier gibt es kein Corona) und danach kriegt auch sie ihren Kishutu und eine hübsche geflochtene Tasche, die sie auch als Lehrerin in der Schweiz benutzen kann.

Das Mittagessen ist mit Kabis, Spinat und Reis ausgezeichnet gekocht. Dass es auch noch Fisch gibt, obwohl Lisa mehrmals darauf hingewiesen hat, dass sie alle vegetarisch essen ist wohl mehr für Lehrer:innen, die auch etwas von der Feier haben möchten. Nach den Gesamtfotos fährt uns Julia im grossen Landcruiser nachhause und wir sind alle kaputt: die Emotionen, die Hitze, der Staub. Es braucht echt robuste Menschen um in dieser Gegend bestehen zu können.

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Die Lehrerinnen (und ich) haben im letzten Monat so einiges durchgemacht. Von Verstopfung über Durchfall zu Sonnenallergien, Ohrenschmerzen, Aften, Bindehautentzündungen, entzündeten Mückenstichen, Muskelkater, Riesenspinnen, toten Schlangen, allerlei Ameisen und Ungeziefer etc. etc. etc. Wir haben uns alle wieder in Geduld und Gelassenheit geübt und uns manchmal über viele Begebenheiten trotzdem noch genervt und echauffiert (bei dieser Hitze) aber eines ist sicher: alle Herzen wurden mehrfach berührt und die Erfahrung, die wir alle gemacht haben bleibt unvergesslich und hat uns alle zusammengeschweisst.

Ich bin so dankbar, dass wir die Gelegenheit hatten, diese tollen Frauen bei uns willkommen zu heissen. Ich sehe es immer wieder: der Lehrer:innenberuf ist eine Berufung und wir können so viel bewirken. Ich betrachte mich ja als Erwachsenenbilderin ebenfalls als Lehrerin und ich weiss, wie es mich immer wieder berührt zu sehen, was aus meinen ehemaligen Travel Expert, üK Schüler:innen, Academia Euregio Bodensee Lernpartnern und Lernenden aus den verschiedenen Passagen in meinem Leben geworden ist. Ihnen nach Jahren zu begegnen und ihre Entwicklung zu sehen ist etwas vom Schönsten, das mir im Leben immer wieder passiert. Wenn du also auch zu meinen Ehemaligen gehörst und dazu zähle ich auch alle meine erwachsenen Teilnehmer:innen von Seminaren, ja sogar die Mitglieder von Bankleitungen und von Geschäftsleitungen: du hast mein Leben mehrfach bereichert und ich danke dir dafür, dass ich ein paar Schritte auf deinem Lebensweg mit dir gehen durfte. Ich glaube, dass die meisten Menschen Spuren hinterlassen möchten im Leben. Nicht alle auf die gleiche Art und Weise, aber doch möchten wir nicht in Vergessenheit geraten.

Ich bin sicher: in Jaribuni wird in Zukunft beim Vorbeifahren nicht nur: Mama Kaya gerufen werden sondern auch: Madame Lisa, Madame Julia und Madame Simona. Ihr habt bei Eltern, Lehrer:innen und Schüler:innen Spuren hinterlassen, die tiefer sind als die Furchen der Lastwagen in den sandigen Strassen von Jaribuni.

Ein riesengrosses Asante Sana an alle, die das ermöglicht haben und die nicht damit aufhören, mein Leben zu bereichern!

#spurenhinterlassen

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