Vorurteile in den News

Dank Enrico, der für Peter die Social Media Postings macht, haben wir Kontakt zu KTN News erhalten. Das ist eine nationale TV Station und der „Anchor Man“ Suleiman Yeri war gerade an der Küste und kam mit seinem Equipment vorbei und machte Aufnahmen, die dann im Nationalen TV gezeigt wurden. Dazu gab es noch eine ganze Menge von Radiostationen, die die Geschichte von den Spenden von Pro Ganze und Kinder in Not auch gebracht haben. Es ist nämlich schon grossartig, wenn über eine Million Shilling an Menschen verteilt werden können, die sonst keine Chance hätten. Das war die Botschaft in der Nachricht. Und diese Botschaft wurde durch «Kinder in Not» und viele von euch Blogleser:innen möglich. Ich gebe zu, dass ich mit dem Anchor man nicht so nett war. Denn als die Story gedreht war da bat er schon um Geld. Nicht um eine riesige Summe aber so um die CHF 80 und ich bin einfach nicht einverstanden für News zu zahlen. Aber ich sage euch: in Kenia wird keine Menschenseele über dich berichten, wenn du nicht etwas locker machst. So funktioniert es mit allen News. Als ganz krasses Beispiel: der ehemalige Governor von Nairobi, der erwiesenermassen superkorrupt ist will jetzt in Mombasa Governor werden und am heutigen Tag hat er sich sämtliche Lokalmedien „gekauft“ und niemand anders wird eine Story kriegen.

Als ich dann realisiert habe, dass es sich bei ihm in den Abendnachrichten von KTN News um einen bekannten Speaker handelt habe ich kurz gedacht: da habe ich mich wohl etwas in die Nesseln gesetzt und schnell reagiert aber nach so vielen schlechten Erfahrungen habe ich halt wirklich nicht allzu viel erwartet. Und ja: Kleider machen Leute. Auch bei berühmten Menschen.

Unser grösstes Problem war übrigens, die riesigen Daten von der Kamera via Laptop zu versenden. Auch wenn wir Internet haben: wetransfer meinte, dass es etwa 5 Stunden dauern wird für den Transfer. Und dazwischen gab es immer wieder Stromunterbrüche oder WiFi Unterbrüche… eine echte Geduldsprobe… Das sind so Tage, wo ich mich am Abend frage: was habe ich jetzt heute genau gemacht? Aha, stundenlang versucht Files hochzuladen – sehr sinnvoll.. Dropbox hat zwar bei mir funktioniert aber nicht bei ihm um die Files zu lesen… Am Schluss ist effektiv Enrico mit einem Töffli nach Kilifi gefahren um die Files „physisch“ zu übergeben…

Ich habe mit Enrico noch lange über seinen Karrierewunsch gesprochen. Er will unbedingt seine Ausbildung als «Presenter» machen. Er musste sie abbrechen, weil er zu wenig Geld hatte und für seine Familie aufkommen musste. Er hat etwas ganz Entscheidendes gesagt über Stimmen: er war eben immer ein grosser Fan von Suleiman Yeri und sein grosser Traum war es, ihn mal persönlich zu treffen. Und dieser Traum ging für ihn in Erfüllung als er beim Lokalradio gearbeitet hat. Ich glaube Suleiman fand Enrico auch ganz sympathisch und daher ist er auch nach Marere gekommen, um ihm einen Gefallen zu machen.

Und das mit der Stimme hat Enrico auch zu Peter gebracht, den ausnahmsweise ist da mal keine Verwandtschaft vorhanden, was ja selten ist. Enrico hat Peter am Radio gehört und dachte dort alleine an der Stimme: wow – dieser Mann hat eine Botschaft: dieser Mann sagt die Wahrheit. Und so hat er alles daran gesetzt, Peter kennenzulernen. Bis er es geschafft hat. Peter hat gemerkt, dass es der junge Mann, der auch ein Pfader ist, ernst meint und hat ihn gefragt, ob er ihn zum Thema Social Media während der Kampagne begleiten könne.

Ich habe ihm Canva «beigebracht» und korrigiere immer seine Entwürfe, bevor er etwas ganz Wildes in der Gegend herumschickt. Momentan bin ich gerade daran, ihm Excel zu zeigen, denn sollte er mal ein eigenes Business haben, dann kommt ihm das wieder zu Gute. Ich habe ihm auch seine Autoprüfung bezahlt und das kommt uns bereits jetzt wieder zu Gute, da er ab und zu Peter nachhause fahren kann nach einem strengen Tag oder eben z.B. mich begleitet, wenn ich von Mombasa nach Marere zurück fahren muss. Ich sage das immer wieder: manchmal weiss man nicht genau, woher etwas Gutes wieder auf einen zurück kommt aber es kommt immer auf irgendeine Art und Weise retour! Und immer wieder macht er mir rührende Filme indem er mir zum Beispiel zum Muttertag gratuliert, auch wenn einfach gerade «Tag der Frau» ist und er das nicht ganz verstanden hat auf Englisch!

Ich habe Enrico ein kleines «Studio» finanziert. Bestellt hat er alles bei Jumia. Das ist eine Art Zalando. Man kann das Bestellte in Kilifi abholen. Wenn ich das schon früher gewüsst hätte – wahrscheinlich hätte ich dann so einiges nicht von der Schweiz nach Kenia geschleppt sondern gleich hier gekauft!!! Aber lassen wir das – ich warte jetzt mal den 9. August ab damit ich weiss, ob ich in Zukunft mehr von meinem Leben in diesem Land Land verbringen werde. Enrico hofft, dass er mal Jaribuni News senden kann – das ist doch ein gutes Ziel und wer weiss, vielleicht liest jemand meinen Blog und findet: dieser junge Mann (Jahrgang 2000) hat einen Break verdient und finanziert Equipment oder seine Ausbildung. Dann hat es sich gelohnt, dass er an alle Wahlveranstaltungen geht und postet und fast nächtelang WhatsApp Gruppen durchforstet nach Neuigkeiten zu Peter’s Wahl.

Mikrofone abholen bei Jumia

Und die Leute gehen hier gar nicht zimperlich miteinander um: Peter könnt ihr nicht wählen, der gibt sein Geld für Zigarettten aus und raucht dein Geld. Peter müsst ihr nicht wählen, der hat sowieso eine reiche Frau. Peter’s Geld wird sowieso in die Schweiz verschwinden. Peter ist viel zu alt – er soll den Platz einem Jüngeren überlassen. Peter hat die CHF 10’000 selber eingesteckt und gibt sie gar nicht an die Schüler weiter – und das sind jetzt grad noch die harmlosen Varianten. .Für mich selber ist es besser, ich gehe gar nicht auf seine Wahlseite, denn ich rege mich viel zu fest auf. Und somit spart mir Enrico ganz viele Nerven wofür er bereits einen Preis verdient hätte.

Überhaupt ist er einfach eine unglaublich liebe und ruhige Person, was hier durchaus (für mich) positiv auffällt. Er verliert nie die Nerven, hat selbst eine sehr angenehme ruhige Stimme. Ihm ist nichts zu viel – er geht nachts mit dem Töffli raus und klebt mit Mehl und Wasser Plakate an Säulen, die andere dann wieder runter reissen. Er postet täglich, er fährt nach Mombasa mit dem Matatu (Sammeltaxi), nur weil es dort günstiger ist die Plakate zu drucken und und und. Am Anfang habe ich mich manchmal gefragt: was sucht der Junge eigentlich hier? Aber ich glaube jetzt zu wissen, dass er dies als eine Art Internship anschaut und hofft, dass er irgendwann die Chance auf seine Ausbildung haben wird. Ich würde es ihm gönnen und ich werde ganz bestimmt auch meinen Teil beisteuern, dass er es schafft. Wenn du dich von dieser Geschichte angesprochen fühlst: Mach einfach beim Spenden einen Vermerk «Enrico» und wir wissen, wohin der Betrag kommt. Und bis bald im Radio Jaribuni!

Vorgestern kam dann auch noch ein «alter Freund» nach Marere und hat ein stündiges Live-Interview mit Peter gemacht. Der Typ ist mir schon seit Jahren bekannt. Kein schlechter Mensch aber er hat halt auch oft damit geblufft, dass er mich bzw. die Muzungu von Pro Ganze kennt und wollte uns für Videos etc. auch schon abzocken. Und vor Corona hatte er die Angewohnheit mich überschwänglich mit Küssen und Überarmungen zu überhäufen, was hier überhaupt nicht üblich ist. Ich habe immer versucht, dem auszuweichen aber – Corona sei Dank – das hat sich jetzt auf ein freundliches Händeschütteln reduziert. Jetzt hat er sich auf Social Media fokussiert und macht auch sonst allerlei Reportagen. Auch mit Drohnen, was ja gar nicht so einfach ist, weil es richtig schwierig ist, Drohnen überhaupt nach Kenia zu bringen. Also ich muss ihm anrechnen, dass er sich da wirklich ins Zeug gelegt hat. Er hat sehr professionelles Equipment und hat das Interview in Marere mit 2 Kameras gefilmt. Das Resultat kann sich sehen lassen. Nicht, dass ihr euch den Beitrag anhören werdet (ist alles auf Swahili) aber ihr könnt mal in den Live Beitrag reingucken wenn ihr Facebook habt:

https://web.facebook.com/100003880509455/videos/1689013114790502/

Heute habe ich mich übrigens bei Suleiman Yeri entschuldigt und ihm auch aufgezeigt, weshalb ich so ruppig mit ihm war, als er Geld verlangte. Aber dieses Geld wird echt gebraucht um die Story auch anderen Medienhäusern zu «verkaufen» bzw. eben zu bezahlen dafür, dass sie die Story bringen. Ich habe ihm erzählt wie hinterhältig und wie dumm die bisherigen Journalisten waren, mit denen ich hier zu tun hatte. Das ging ja so weit, dass einer in seinem Pressebericht geschrieben hatte: Barbara Bluewin von Pro Ganze, nur weil ich ihm die Fotos über Bluewin geschickt habe! Ich glaube, er hat mich verstanden – die Zukunft wird es zeigen!

Den Beitrag über die Story von KTN News über Pro Ganze findet man auf meinem Youtube Kanal (bis jetzt noch ohne Untertitel) aber ihr kriegt den Inhalt vom Gefühl her mit. Zuerst werden Mütter gezeigt, die sich bei Pro Ganze für die Unterstützung ihrer Kinder bedanken, dann kann ich sagen, weshalb ich hier bin und dann kann sich Peter noch zu anderen Themen äussern, die gerade anstehen in Kenia.

#suleimanyeri #journalismusinkenya #sammelnfürenrico

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