Man sieht sich hoffentlich nicht zweimal

Kürzlich musste ich in Peter‘s Yahoo Konto einloggen, weil ich in seinem Namen einen Brief schicken musste – natürlich bezüglich Wahlkampagne… ich bin ja die Wahlmanagerin im Hintergrund – oder manchmal sogar im Vordergrund. Gewollt oder ungewollt…

Wie das dann halt so geht habe ich meinen Blick über die anderen Mails schweifen lassen, ein paar Spams gelöscht und da sah ich eine Einladung von der Schweizer Botschaft. Neugierig öffnete ich sie und da stand, dass der Schweizer Botschafter nach Mombasa kommt am nächsten Montag und er zusammen mit dem Konsularchef Urs Flückiger in den Go-Kart Park einlädt (der dann aber geschlossen sei für diese geschlossene Gesellschaft). Unterzeichnet war die Mail von der Honorarkonsulin in Mombasa und der Anmeldeschluss war genau an dem Tag, an dem ich die Mail gelesen habe… Zufälle gibt es.

Peter hat zuerst gesagt, da können wir nicht hingehen, weil er meinte, die Veranstaltung sei in Nairobi aber ich habe ihn dann darauf hingewiesen, dass es mal sehr nützlich sein könne, den Botschafter persönlich zu kennen. Dazu muss ich noch etwas ausholen: 2012 hiess der Botschafter Jacques Pitteloud – ein Mann wie aus einem Agentenfilm der auch tatsächlich mal beim Geheimdienst gearbeitet hat. Peter und Jacques mochten sich gegenseitig sehr und dadurch wurde 2015 unser Juhudi Projekt begonnen, denn als Pitteloud bei Peter in Ganze zu Besuch war hat er anscheinend bittere Tränen geweint, weil er es so unglaublich traurig fand, wie die Leute hier leben müssen, während die Politiker sich die Taschen vollstopfen. Er soll immer wieder gesagt haben: «Weiss der Präsident, wie die Situation hier ist, weiss er das?» Aber ja klar wusste er es nur hat es ihn keinen feuchten Dreck interessiert. Und somit hat der Schulzimmerbau Juhudi begonnen. Pitteloud wurde aber kurz nach dem Beginn des Baus nach Washington D.C. versetzt und das Projekt hätte unter dem neuen Botschafter Ralph Heckner weitergeführt bzw. abgeschlossen werden sollen.

Genau um diese Zeit herum wurde Peter vor Gericht gezerrt mit unglaublichen und falschen Vorwürfen, dass er Gelder veruntreut habe, aber eben Gelder auf die er gar keinen Zugriff gehabt hatte. Er wurde dann viel später auch frei gesprochen aber am Anfang meinte eben der Herr Heckner, er könne niemanden unterstützen, der ankgeklagt sei und so wurde das Projekt abgeklemmt bevor die Schulzimmer fertig gestellt waren.

Unsere Spendengeld-Broschüre für Juhudi – Ausgabe 1

Ich habe es dieses Jahr wieder versucht und an den neuen Botschafter Valentin Zellweger geschrieben. Die Antwort war aber negativ im Sinn von: wir unterstützen keinen Bau von Schulen in Kenia, sorry, aber das sind unsere Richtlinien. Das mussten wir als Verein wohl oder übel akzeptieren.

Und eben dieser Herr Zellweger lädt jetzt nach Mombasa für eine Cocktailparty ein. Das konnten wir uns unmöglich entgehen lassen. Eingeladen waren wir von 17.30 – 19.30. Die dümmste Zeit natürlich um durch das Kaff Mtwapa, das gerade vor Mombasa liegt, zu fahren. Die Verkehrssituation ist dort immer eine Katastrophe und abends noch eine grössere als sonst…

Ich sah es schon kommen: pünktlich zu erscheinen war schon immer ein Thema in Kenia aber während einem Wahlkampf und nachdem in der Nacht zuvor das Auto zwei (2!) Platten hatte und der Wagenheber ersetzt werden musste und dann auch noch der Schlüssel vom Auto abbrach…. UND Peter um 14.00 Uhr versprochen hatte bei einem politischen Meeting zu erscheinen…. fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Aber ich liess mich nicht abschrecken… ich bin ja Kenia erprobt. Und so fuhren wir am besagten Montag zuerst zur Bank um die Überweisungen der Schulgelder zu machen. Dort sassen wir bestimmt über eine Stunde und danach gingen die Schritte wie oben beschrieben sogar planmässig pünktlich über die Bühne und ich lieferte Peter um 14.10 an seinem Meeting ab. «Punkt 16.00 Uhr hole ich dich ab war meine Drohung» und ich musste dann auch „nur“ noch eine halbe Stunde warten bis er sich loseisen konnte. Es war klar, dass wir zu spät kommen würden aber das akademische Viertel in der Schweiz ist hier schon eher die akademische halbe Stunde. Ich war erstaunlich gelassen – das habe ich wirklich hier gelernt. Ich habe mal die Google Map eingeschaltet und tatsächlich: Ankunft Mombasa Go-Kart 17.50 – das fand ich noch ganz angemessen. Peter hat dann in Mtwapa noch eine Abkürzung gekannt und so trafen wir quasi noch rechtzeitig ein, es fuhren grad noch mehrere Autos in die Einfahrt der Go-Kart Bahn. Schliesslich ging das ja allen so mit dem Verkehr…

Der Ort war ja schon ein bisschen „strange“: Tagsüber ist das eine Open-Air Go-Kart Bahn und so waren überall Reifen aufgestapelt als Puffer, wenn mal jemand vom Weg abkommt. Zusätzlich schräg war dann auch noch ein Flugzeug, das zu einer Art Lounge umgebaut war und da noch mitten drin stand. Die Häppchen sahen recht lecker aus – auch wenn schon einige vertilgt worden waren und der Kellner war sehr grosszügig mit dem Einschenken von Rosé Wein.

Samosas sind immer beliebt

Wir begrüssten sofort die Honorarkonsulin Claudia Stuart und den Botschafter Valentin Zellweger wie auch den Verantwortlichen für Konsularaufgaben Urs Flückiger. Wir waren denen natürlich bereits bekannt, denn so viele „Cervelat-Promis“ wie Peter hat es in Kenia nicht, auch wenn es fast Tausend Schweizer:innen sind, die in Kenia leben.

Wir kamen schnell mit ein paar Leuten ins Gespräch und Peter hatte sich sofort mit einem sympathischen Walliser namens René befreundet, der schon ewig in Kenia lebt. Ich schaute mich ein bisschen um und hatte ein Flashback. Ich war vor etwa 7 Jahren schon mal an einer Erst-August-Feier in Mtwapa und hatte noch vage Erinnerungen an diesen Abend, der mir schon recht schräg eingefahren war und den ich wohl zu verdrängen versucht hatte. Und von den Leuten, die damals dabei waren traf ich wohl auch einige hier vor Ort. Die eine Frau fiel mir sofort auf und sie lief auch ohne Go-Kart Gefahr von der Bahn abzukommen: eine totale Motzerin – über alles und alle beklagte sie sich. Als dann der Botschafter eine kurze Rede auf Englisch hielt rief sie immer wieder rein: «Warum spricht der Englisch? Es ist doch ein Schweizer Abend.» Ich bat sie, sich etwas ruhiger zu verhalten. Schliesslich habe ja die Schweiz mindestens drei geläufige Landessprachen und da von allen Sprachen einige Leute vertreten waren sei es wohl sinnvoll, wenn man Englisch spreche, schliesslich ist es auch die Sprache von Kenia – neben Suaheli…

Ich fand es dann noch spannend vom Botschafter zu hören, wie die Schweiz jederzeit bereit sei für ein Notfallkonzept falls es während der Wahlen zu unerwarteten Unruhen kommen sollte. Sein Background hörte sich ebenfalls interessant an: mehrere Jahre mit den United Nations in Genf und jetzt seit 2020 in Kenia, dem Land in dem er schon seine erste Internship gemacht hatte und in das er wieder zurückkehren wollte.

Leider war die Lautsprecher-Anlage so schlecht eingestellt, dass man den beiden Herren kaum folgen konnte ausser wenn man die Ohren extrem gespitzt hatte oder ü80 war. Aber am Verstehen schienen definitiv nicht alle interessiert. Da war eine ganze Gruppe mit Damen im sehr hohem Alter. Sie schienen sich bestens zu amüsieren, hatten aber Null Lust darauf, ihre lärmige Konversation auch nur ansatzweise zu dämmen. Gedanken an den Film „Paradies Liebe“ setzten sich gerade in meinem Kopf ab aber ich wollte sie wieder loswerden. Die aufsässige Dame, die sich übers Englisch des Botschafters beklagt hatte, fing nochmals damit an, dass sie es voll daneben fand, dass der Botschafter in Englisch gesprochen habe. Ok, ich riss mich zusammen und hatte im Sinn, ihr ein bisschen den Spiegel vorzuhalten und wiederholte nochmals, dass es doch fairer sei Englisch zu sprechen anstatt die Italienisch und Französisch sprechenden Teilnehmer:innen zu vergraulen oder gar alles dreimal zu wiederholen.

So ein bisschen schien sie mich zu verstehen aber dann sagte sie: also ich verstehe sowieso kein Englisch. Und da rutschte es mir einfach raus: wie ums Himmels Willen kannst du denn in Kenia überleben? Diese Frage konnte sie mir dann auch nicht so recht beantworten aber anscheinend stützt sie sich auf andere Schweizer oder Deutsche ab, die für sie einkaufen. Ob sie denn Suaheli könne, fragte ich nach aber leider nein, das könne sie auch nicht gut. Ich glaube, sie war schon ziemlich besoffen, schlug auch noch ein Glas zu Boden und wollte immer wieder lautstark anstossen, indem wir alle das Glas in die Mitte halten sollten. Also auf diese Ballermannmethoden hatte ich definitiv keine Lust. Anscheinend war sie bekannt, denn auch an einem anderen Tisch rollten alle die Augen…

Ich werde zum zämehebbe gezwungen!

Ich habe dann noch ein paar dubiose Charaktere kennengelernt. Unter anderem ein Paar Chnuschtis, die offensichtlich mit ihrer Konkubine da waren (Paradies Liebe funktioniert auf beide Seiten). Die konnten sich kaum sprachlich ausdrücken – aber wahrscheinlich haben sie andere Qualitäten. Peter wurde in der Zwischenzeit von einem holländischen Paar in Beschlag genommen und ausgefragt und vollgelabert (was wohl Holländer genau hier zu suchen haben?) ich glaube, Peter war froh, dass ich zur Runde gestossen bin und dann darauf gedrängt habe, dass wir doch bitte bald nachhause fahren sollten, denn wir hätten noch eine sehr lange Reise vor uns…

Zum Glück gab es auch noch ein paar interessante Leute wie einer, der hier sein Leben als Bauführer bestreitet und erst gerade kürzlich sein eigenes Haus gebaut hat und eine Mitarbeiterin von Comundo, einem Schweizer Hilfswerk, das in Kenia Einsätze anbietet. Es war besonders interessant, weil sie gerade das E-Learning ausbauen und vor allem auch, weil der Schulleiter, der uns am Marere College dermassen über den Tisch gezogen hatte an ihrer Schule tätig ist… Schon wieder so ein Zufall!

Auf unsere Nachfrage, ob er sich dort gut bewähre, schaute sie uns sehr überrascht an und meinte: er hat unsere Institution gerade letzte Woche sehr überraschend verlassen… «Man sieht sich immer zweimal» hat sich somit auch hier wieder bewahrheitet. Aber ganz ehrlich gesagt: die meisten Leute, die ich heute Abend kennengelernt habe sähe ich lieber kein zweites Mal mehr. Eher eine peinliche Runde, die mehr am Apéro als am Austausch interessiert war. Der einzige, der am ganzen Abend extrem Freude hatte war Enrico, denn er ist sich gar nicht gewohnt, mit Nicht-Kenianern zu verkehren und er ist scheu. Er hat mir dann am nächsten Tag gestanden, dass er gesagt habe, er sei unser Sohn weil er nicht wusste, was er sonst hätte sagen sollen.

Unser «Sohn»…

Ich empfahl ihm das nächste Mal zu sagen, dass er unser Social Media Manager sei, was auch der Wahrheit entspricht. Denn ansonsten könnten auch wir noch für viel Gesprächsstoff sorgen in der Mtwapa Gerüchteküche! Am Schluss landet das dann auch noch in der Schweizer Presse wie so Vieles, das falsch geschrieben wurde.

A propos -küche: im Go-Kart Restaurant kannst du auch ein feines Fondue essen – der Käse wird von einem Italiener geliefert. Bei dem kaufen ALLE ihre Käsemischung habe ich mir von Insidern sagen lassen…

In meinen Ausbildungen von Lernenden letzten Monat habe ich das Wort kennengelernt, das für die meisten Momente heute Abend verwendet werden könnte: es war echt cringe… (kannst du googlen wenn du Jugendsprache nicht verstehst…)

#cringemoment #schweizer

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