An vorderster Front

Ich habe mal gesagt, dass ich Politik hasse und Peter hat immer geantwortet: aber du bist die grössere Politikerin von uns beiden. Und damit meint er natürlich, dass ich überall versuche, Einfluss auf den Ausgang einer Abstimmung zu nehmen. Es stimmt: politisch interessiert bin ich auch in der Schweiz. Ich stimme regelmässig ab, informiere mich bei guten Freunden, die etwas von der Sache verstehen, ertrage auch mal die Arena (aber schon vor allem wegen Patti Basler am Schluss) und bezeichne mich als engagierte Bürgerin. Aber was hier in Kenia abgeht ist eine ganz andere Angelegenheit. Was bei diesen Wahlen ganz extrem ist, das ist das Geld, das ausgegeben wird. Das sagen sogar renommierte Journalistinnen und Journalisten. Noch nie gab es einen Wahlkampf, der so stark auf dem Thema Geld ausgetragen wurde. Und was mir auffällt ist auch das Chaos mit den Parteien. Vorher war es fast immer klar: es gibt zwei Parteien und du entscheidest aufgrund von Herkunft oder Familientradition für die eine oder andere. Fast ein bisschen wie in den USA. Aber dieses Mal scheint Party-Hopping angesagt und das ist kein Ballermann Spiel! Der eine gründet eine neue Partei geht dann aber zur anderen über. Der andere stellt sich als „Independent“ auf aber alle wissen von welcher Partei er unterstützt wird. An der Küste Kenias, wo wir leben, könnte das Gehoppe ein Vorteil werden, denn die Küste war früher total von ODM (Peter’s Gegner) bestimmt und diese Partei ist jetzt durch die Neugründungen zersplittert worden. 

Trotz meinem grossen Interesse und meiner „gelben“ Phase, weil UDA (also die Partei bei der Peter ist) Gelb/Grün/Schwarz ist und das für mich bedeutet, dass auch Brillenbügel, Apple Watch Band, Flip Flops etc. gelb sind versuche ich persönlich bei Peter nicht allzu stark mitzuwirken. Bedeutet: ich gehe an so wenige Veranstaltungen wie möglich, denn ich kann mich da nur nerven…  Und mein Mann ist ja auch schlimm: jetzt trinkt er sogar noch gelben Saft, damit alles zusammenpasst…

Beim Frühstück im Saidi Keti

Ein kleines Beispiel von gestern: einer der 76 Campaigners von Peter hört nicht auf, ihn anzurufen und ihn zu drängen, dass Peter jetzt endlich mal vor Ort kommen soll. Anscheinend wurde sogar eine andere potenzielle MCA angehört und es ist unklar, ob die Gegend wirklich für Peter abstimmt. Der Typ hatte dann echt die Frechheit um jede, aber wirklich jede Tages- und Nachtzeit anzurufen. Das kann 2 Uhr nachts wie auch 5 Uhr morgens sein. Permanent und penetrant. Am Samstag Morgen hat es Peter den Deckel gelupft: er hat seine zwei engsten Campaigners für ein Briefing geholt und dann sind sie losgefahren. Die Gegend ist zwar Luftlinie gar nicht weit von Marere entfernt aber die Strassen dahin sind so schlecht erschlossen, dass man einen Riesenumweg via Kaloleni fahren muss um dort hin zu gelangen. Samstag goodbye! Das wurde dann ein Ganztagesausflug aber ich glaube, sie haben den Leuten „Saures“ gegeben. Peter ist ganz klar mit den Leuten: ich brauche keinen Job aber ihr braucht meine Hilfe. Was ein bisschen hochgestapelt ist aber die Wirkung ist gut. Wer, ausser Peter, verfügt in dieser Gegend über so viel Erfahrung, hat schon erwiesenermassen so viele Projekte durchgeführt wie er und hat so viele Connections – auch zur Schweiz? Absolut niemand. Aber das hält andere auch nicht davon ab ihn schlechtzumachen oder zu versuchen mit Bestechungsgeldern etwas zu bewirken. Und ich spreche nicht von den 2-3 Franken, die man den Leuten gibt weil sie an eine Veranstaltung kommen. Das habe ich in der Zwischenzeit begriffen: wenn man will, dass Leute kommen muss man ihnen mindestens so viel geben, dass sie nachher wieder nachhause fahren können mit einem Töffli (PikiPiki). Das war schon 2013 und 2017 so. Das verstehe ich jetzt vor allem in dieser Regenzeit, wo die Bedingungen auf der Strasse noch miserabler sind als in der Trockenzeit. Ich erhalte dann am Abend einen ausführlichen Bericht über den Wortlaut, den sie im Meeting verwendet haben. Zum Beispiel steht da in Migumorini noch die Apotheke, die Peter in seinen MP Zeiten bauen liess, obwohl es damals gar nicht zu seinen Aufgaben gehörte. Ja sie steht dort noch aber sie wird nicht benutzt, weil der jetzige MP eben nichts für die Jaribuni Gegend macht. Das leuchtete dann wohl allen Anwesenden ein. Hat es den lästigen Campaigner davon abgehalten wieder anzurufen? Natürlich nicht – aber immerhin nicht mehr mitten in der Nacht. Jetzt will er, dass Peter nochmals kommt für andere Leute, die nicht dabei sein konnten. „Genau das ist jetzt deine Aufgabe, sie zu überzeugen“… war Peter‘s Antwort – mit ein paar adjektiven dazu.

Auf Umwegen

Vor ein paar Tagen war ich alleine zuhause, sass in meinem Büro und arbeitete an den Zahlungen für die Schulgelder. Ich war also sehr intensiv beschäftigt. Plötzlich kam Alex rein (Familienmitglied, das auch in Marere wohnt). Er war ganz schön verdattert und machte fast Bücklinge. I have a very big problem Mama Kaya and I think you can help me. Au au au, das fängt ja schon gut an. Es warten etwa 21 ECD Lehrerinnen (Early Childhood Development) – bei uns etwa mit Kindergarten gleichgestellt. Peter hatte ihnen gesagt, dass er zurück sein werde um 17 Uhr und sie sind teilweise von ziemlich weit her angereist um seine Botschaft zu hören. Zudem wird es hier ja ab 18.30 stockdunkel. Peter selber ist aber noch mindestens 2 Stunden entfernt – ohne die letzte Phase seines Speeches dort einzurechnen. Ja, das ist wirklich ein big Problem…Und so Lehrerinnen sind ja wirklich nicht auf den Kopf gefallen und vor allem haben sie Einfluss auf die Volksmeinung, z.B. auch auf die der Eltern der Kinder. „Weisst du Barbara, du könntest die Rolle von Peter übernehmen. Du weisst ja, was er jeweils so sagt an solchen Veranstaltungen“, meint Alex. Meine Antwort: können die alle Englisch und erwarten die alle Geld am Schluss? Beides hat er mit Ja beantwortet. Tungule (incoming MP) hatte den Lehrern damals etwa CHF 10 pro Person gegeben. Ok, jetzt werde ich langsam aber sicher etwas säuerlich: also das ist ausser Frage, dass ich denen so viel Geld gebe. Wir verhandeln: ok: ich gebe CHF 2 pro Person und dann können sich 3 Personen noch zusätzlich einen Sack Maismehl (10 kg) teilen. So haben sie dann fast CHF 5 in der Tasche. Ich gehe mal kurz noch rein in mein Zimmer, kämme ich wenigstens und lege ein Minimum an Make-up auf (Wimperntusche und Lippenstift) und dann kopiere ich ein paar Swahili Sätze für die Einführung und merke: diese Sätze kann ich auch schon auswendig. Und so begebe ich mich in die Höhle der Löwinnen und begrüsse sie in ihrem Dialekt, wechsle auf Swahili und wechsle dann auf Englisch. Ich höre mir zuerst ihre Probleme an. Sie haben eine 6-Punkte Liste mit Themen, die ich durchaus verstehen kann: zuwenige Lehrerinnen (männliche Kindergarten-Lehrer hat es in Jaribuni nur 3) aus Jaribuni werden berücksichtigt. Man nimmt solche aus anderen Wards und die aus Jaribuni hocken zuhause. Schlechte Entlöhnung, zuviele Kinder pro Lehrer (mindestens 70-80), kein Essensprogramm, keine „Hardship“ Entschädigung, keine Weiterbildung etc. etc. 

Dann kommt mein Speech, wie es Peter nicht besser gekonnt hätte. Ich heize ihnen ein, ich bringe sie zum Lachen, ich bringe sie zum Nachdenken. Ich zeige ihnen auf, dass Jaribuni von allen vernachlässigt wird im Land und dass es nur eine Lösung gibt: wählt Peter Shehe oder ihr bleibt weiterhin in eurem Schlamm stecken (wortwörtlich). Und als MP wählt ihr Tungule. Dann habt ihr ein Team, das miteinander viel bewirken wird. Hier ist es wieder: mein Lieblingswort: pamoja = zusammen!! Ich habe natürlich während des Speeches auch immer wieder aufgezeigt, dass wir absolut kein Geld haben und nicht Tungule sind, der den Lehrern mehr bezahlen konnte und das alles läuft logischwerweise darauf hinaus, dass es am Schluss nur ein bisschen gibt. Die Erwartungen tief halten ist das Motto.

Wow, es gibt sogar viel Applaus und nach dem abschliessenden Gebet gebe ich Alex CHF 50 von meinem privaten Geld damit sie das an alle verteilen können. Ein bisschen mehr für die 3 die aus Palakumi (fast 1 Stunde entfernt) gekommen sind. 

Beim Meeting vom hoffentlich neuen Präsidenten William Ruto in Kilifi war ich dann ganz vorne dabei, denn er mischte sich in seinem Auto mitten unter die Leute, was ich recht löblich finde. Er scheut die Nähe zu den Menschen definitiv nicht und ist natürlich von x Bodyguards umgeben. Der einzige Riesenfehler, den er meiner Meinung gemacht hat ist, den ehemaligen Governor von Kilifi, Amason Kingi überhaupt in seine Partei zu lassen. Er tritt jetzt sehr unglaubwürdig vor die Menge und weil er ein dermassen lausiger Governor war wird er auch kräftig ausgebuht. Meine Meinung: wenn Ruto an der Küste bzw. in Kilifi nicht gewählt wird, dann wegen dieser Entscheidung. Aber das ist ja nur meine Meinung…

Beim Sitz für den Senator habe ich übrigens keine echte Meinung, da ich mich zuwenig damit beschäftigt habe und auch die Aufgabe eines Senators nicht ganz verstehe: und was ich auch nicht ganz verstehe ist die Sache mit den „Nominierten“. Irgendwie können Parteien auch jemanden nominieren, die/der dann auch ins Parlament bzw. ins County Government kann obwohl er/sie nicht Gewählt ist. Die Person kriegt ein Salär aber keine Spesen (die manchmal nochmals so viel wie das Salär ausmachen).

Ich sage nach wie vor wie ich das Resultat am liebsten sehen würde – träumen darf man – selbst in der Politik…

MCA Jaribuni: Peter Shehe

MP Ganze: Tungule

Governor Kilifi County: Aisha Jumwa

President of Kenya: William Ruto

Noch eine Bemerkung zu einer Meldung, die vielleicht auch international bekannt wurde. Am Flughafen wurden Venezolander verhaftet, die anscheinend wichtiges Wahl-Material bei sich hatten von der IEBC (Independent Electoral and Boundaries Commission), die für die Durchführung der Wahlen verantwortlich ist. 

Die Kombi Uhuru Kenyatta/Raila Odinga besteht auch dieses Jahr wieder darauf, dass die Wahlen nicht elektronisch durchgeführt werden. So kann nämlich besser beschissen werden. Sie versuchen jetzt alles, um aufzuzeigen, dass elektronische Wahlen gefährlich sind. Die Venezolaner am Flughafen sollten also wieder ein Beweise dafür sein, dass es besser sei wenn man manuell abstimmt. Es war also alles abgekartet. Die Leute sind wieder freigelassen geworden. Sie gehören zu einer Firma, die Stickers mitbringt für die Beschriftung von den Wahlboxen. Das ist alles… Ok, dass die IEBC jetzt in Griechenland weilt und dort lernt, wie man mit dem System umgeht beruhigt mich auch nicht unendlich, aber na ja: immerhin ist Griechenland in Europa.

Aber in jedem einzelnen Speech vom 77-jährigen Raila Odinga (der übrigens mit Drogen wachgehalten muss, weil er jedes Mal einschläft an einer Veranstaltung) verschreit er die elektronische Abstimmung bis alle glauben, dass es wahr ist und kein Vertrauen mehr in die Abstimmung haben. 

Ok, ich gebe zu: ich bin auch eine Politikerin! 

Aber nicht für die nächsten 10 Tage, denn ich werde mit zwei sehr guten Freundinnen aus der Schweiz eine Safari geniessen und entziehe mich physisch jeglicher politischer Aktivitäten. Wer‘s glaubt…

#wahlenkenya #ichbineinepolitikerin

Teilen

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert