Roselyne – die nächste Heldin 

Mich fasziniert immer wieder, dass sich Menschen aus einfachsten und ärmsten Verhältnissen von der Masse abheben können und eine Motivation an den Tag legen, die ihresgleichen sucht.

Nachdem ich euch bereits Latifa von der Juhudi Primary School vorgestellt habe ist jetzt Roselyne dran. Das Haus, das wir hier bewohnen dürfen gehört einer Schweizerin. Sie ist die Schwester der verstorbenen Evi Bernhard – eine Freundin von Susanne und Vreni.  Sie ist in Kenia 1999 mit 49 Jahren verstorben. Während Evi sich vor allem um Tiere gekümmert hat sind Monika‘s Freunde die Menschen. Sie kümmert sich quasi seit dem Tod ihrer Schwester um viele Leute in der Community hier. Jetzt ist sie leider selber sehr krank und ihr Plan, ihren Lebensabend in Kenia zu verbringen wurde durchkreuzt durch den Tod ihres Mannes und ihre eigene Krankheit. So kommt sie aber immer noch mehrere Wochen oder Monate im Jahr nach Lewa.

Die Frau, die sich um das Haus kümmert in ihrer Abwesenheit ist eben diese Roselyne Gacheri. Sie ist altersmässig schwierig zu schätzen, aber wir sind aufgrund der vielen Jahre, in denen sie bereits für die Schweizerinnen arbeitete auf etwas über 40 Jahre gekommen. Als ich ihr erzählt habe, dass ich in meinem Blog etwas über sie schreiben möchte ist sie herumgetanzt wie ein Rumpelstilzchen und hat gerufen: wow that is great – be blessed my beloved. Beloved ist ihr Lieblingswort – damit betitelt sie uns überschwänglich. Und dann mit einem rollen „r“: oh, wow that’s grrrreat, be blessed. Ich habe sie dann effektiv gefragt, wie alt sie ist und sie ist bereits 51. Was in Kenia sehr selten ist: sie ist nicht verheiratet. So wie ich sie jetzt kennengelernt habe muss ich sagen: keine Ahnung, wo in diesem Leben ein Mann Platz gehabt hätte. Als wir ankamen wurden wir von ihr nicht einfach „normal“ begrüsst sondern wirklich mit einem richtigen Freudentanz. Sie ist fast ausgeflippt und sie ist um uns herum getanzt, hat uns umarmt und immer vor Freude geschrien. 

Über die Tage verblüfft sie uns täglich mit neuen Outfits, die irgendwie gar nicht zu ihrem katholischen Charakter zu passen scheinen: mal im Animal Print Dress mit Lackschuhen, mal mit einem Lederjupe mit Volants aus Tüll. Komplimente machen sie verlegen und doch hat sie auch daran Freude. Vor allem auch Freude daran, dass wir sie wahrnehmen und ihr überhaupt Komplimente verteilen.

Sie scheint ein absolutes Organisationstalent zu sein, denn wir checken mit ihr eine lange Liste von Fragen und Aufgaben durch, die den Aufenthalt von uns in Lewa betreffen. Sie holt einen Notizblock, schreibt sich alles fein säuberlich auf und gibt uns Tipps. Als wir dann beim Nachtessen untereinander diskutieren fragen wir uns, weshalb sie wohl so gut Englisch spricht, denn sie hat anscheinend zur selben Zeit wie die Köchin Rose (die übrigens hervorragend kocht) bei Evi gearbeitet. Wir beschliessen, sie am nächsten Tag zu fragen. Die Geschichte, die sie uns erzählt berührt mich dermassen, dass ich mit Tränen in den Augen da sitze und einfach denke: wow – so viel Eigenmotivation gibt es in Kenia auch und wenn man seine Bestimmung kennt, dann gibt es auch keine Ermüdungserscheinungen. Und es motiviert selbst mich, nicht locker zu lassen, bis auch wir bessere Bedingungen in Marere geschaffen haben.

Sie hatte damals das Glück nach der Primar- und Sekundar-Schule bei Evi Bernhard angestellt zu werden: sie wurde zuerst von ihr als Köchin und Haushaltshilfe ausgebildet. Wenn Evi Bernhard nicht vor Ort war, dann durfte sie bei Jane Craig weiter in die Ausbildung. Sie hat danach mitgeholfen den Souvenir Laden am Gate führen, der Evi und Jane gehörte und in dem sie allerlei spannende Artikel verkaufte. Von einer Verwandten von Evi hat sie anscheinend Bücher erhalten und hat sich so besser Englisch beigebracht. Immer nach der Arbeit sei sie in ihr Zimmer gegangen und habe gelernt. Überhaupt hat sie ein Pflichtbewusstsein, das seinesgleichen sucht. Sie habe seit Beginn an, also seit 2000 am Lewa Marathon teilgenommen. Das erste Jahr die ganzen 42 Kilometer. Das habe sie 10 Jahre gemacht. Auf die Nachfrage, ob sie immer den Marathon gerannt sei meinte sie: nein nur am Anfang, danach nur noch den Halbmarathon. Danach habe sie sich umgezogen damit sie noch gute Geschäfte im Souvenirladen machen konnte. Das war sowieso ihr grosses Steckenpferd: die Leute in der Community zu motivieren lokale Dinge herzustellen, die sie dann verkaufen konnte. Sie habe genau gewusst, was bei den Touristen zieht. Zum Beispiel die hübschen Engel aus Bananenblätter, von denen ich auch ein ganzes Sortiment zuhause habe. Und sie habe auch angefangen, Kaffee anzubieten, damit die Guides bei ihr angehalten haben mit den Touristen. Sie habe richtig gut Umsatz gemacht. Mit der Zeit haben dann alle Lodges ihre eigenen Shops aufgemacht, damit sie einen Zusatzverdienst erhalten haben. Heute ist aus dem ehemaligen Souvenirladen eine kleine Lodge geworden direkt beim Eingang in die Lewa Conservancy und die Lodges verkaufen die zwar schönen aber total überteuerten Souvenirs an die Muzungus, die in Dollar bezahlen.

Alles Gute kommt vielleicht wirklich von oben

Sie hat sich Englisch so gut beigebracht, dass sie ein College besuchen konnte und Buchhaltung erlernen konnte. Gleichzeitig hat sie sich für Community Work interessiert und sie geht heute noch regelmässig in die Schule, die auch von Monika und den Freunden Lewa’s unterstützt wird und gleich neben dem Haus ist. Dort pickt sie die jungen Menschen heraus, bei denen sie ebenfalls viel Eigenmotivation sieht. Denen zeigt sie auf, wie sie durch Lernen und Interesse an verschiedenen Themen ihr Leben verbessern können. Sie gibt ihnen Bücher zum Lesen, macht mit ihnen Säuberungsaktionen und ist ihnen eine Mentorin. Dazu ist sie auch in der Kirche, die gleich nebenan ist sehr engagiert. Nach einem langen Tag geht sie zum Beispiel Abends noch in die Kirche und dekoriert diese mit Blumen, damit sich die Leute am nächsten Tag an etwas freuen können. Und in der Sonntagsschule motiviert sie die Schüler:innen, die zur Zeit zu kommen. Die ersten 5 erhalten immer ein kleines Goodie, sei das ein Bonbon, einen Bleistift oder etwas Ähnliches. Somit wissen wir, dass die hübschen Bleistifte mit Gummis in Tierform, die Susanne mitgebracht hat bei ihr am richtigen Ort platziert sind.

Das alles ist noch nicht genug: sie ist auch noch in der Lewa Clinic angestellt und macht dort die Sterilisation der medizinischen Geräte. Und aus dem Umfeld der Clinic hat sie eine Anekdote erzählt, die so typisch ist für sie. Von Gästen hat sie einmal unerwarteter Weise KES 2‘000 erhalten (ca. CHF 18). Anstatt sie zu verprassen hat sie mit einem Teil davon Blumensetzlinge gekauft. Diese hat sie dann in der Clinic an einem Ort in der Mitte gepflanzt, weil die Patienten ja immer auch warten mussten auf ihre Resultate und weil sie fand, dass schöne Blumen die Leute beruhigen und dass, wenn man ihnen etwas Schönes zeige, sie so auch schneller gesund werden können. Das hat dann in der Klinik so viel Begeisterung ausgelöst, dass mit dem Klinikbudget noch mehr Blumen angepflanzt wurden und heute so viele Blumen dort wachsen, an denen sich viele Menschen erfreuen können. 

Rocelyn bei der Arbeit in der Klinik

Auf die Frage, woher sie diese Motivation nimmt meint sie ganz klar: das sei doch besser, so durchs Leben zu gehen und sie freue sich selber an so vielen Dingen. Und natürlich – das hätte ich auch nicht anders erwartet – God is great – Mungu ni kubwa. Believe in God, work hard and be motivated – and life is easy.

Und das ist doch die beste Metapher: Samen setzen, Setzlinge heranziehen, alles hegen und pflegen und damit vielen Menschen eine Freude bereiten. Ich komme nicht darum herum fast ein bisschen pathetisch zu werden. Aber so ist es doch genau mit der Liebe, dem Lachen, der Freundlichkeit und dem Mitgefühl. Wenn wir das pflanzen, dann wir es sich vermehren und gedeihen. 

Pflanzt viel davon an, damit es wächst…

Ich ziehe meinen (Safari)-Hut vor so viel Enthusiasmus, Leidenschaft und Engagement für die Gemeinschaft. Und ich hoffe, dass sie noch für viele eine Mentorin sein wird, die sie nachahmen und aus dieser Welt einen besseren Ort machen.

#jocelynehero #eigenmotivation

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2 Kommentare zu «Roselyne – die nächste Heldin »

  1. da sprühen die energiefunken sogar übers geschriebende wort! wahnsinnig beeindruckend, diese roselyne, man möchte sie gleich umarmen. – danke barbara, für die wunderbaren beitäge 🦋

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