All Aboard

Wieso die Entscheidung entstanden ist von Nairobi nach Mombasa mit dem Zug zu fahren weiss ich auch nicht mehr so genau. Im Nachhinein hatte es wohl damit zu tun, dass Vreni dachte, wir hätten noch einen Koffer mehr zu transportieren. Dieser wurde aber bei Ankunft schon von Fred abgeholt und wir mussten ihn nicht auf der ganzen Safari mitschleppen. Dort drin war vor allem der von meinem Freund Fabian gespendete Beamer aber auch noch zusätzliche Dinge für Marere, wie 4 Stretchleintücher, mein Mückenstichgerät und natürlich ein paar Kilos Kaffee sowie das Aromat!

Ich selber war sofort begeistert von der Idee, denn in all den Jahren, seit der Madaraka Express, oder SGR (Special Gauge Railway) wie er hier überhaupt genannt wird – in Betrieb ist habe ich es nie geschafft ihn zu benutzen. Gebaut wurde die Bahn von Chinesen für Kenia, was Kenia wohl in eine ewige Abhängigkeit von China bringt, denn ich bin sicher, diese Schulden wird das Land nie zurückzahlen können. 2018 war die ersten Fahrt mit dem SGR. Der Zug greift bestimmt in das Ökosystem ein, denn die Linie ist genau zwischen Tsavo Ost und Tsavo West Nationalpark und es mussten Durchgänge für Tiere gebaut werden. Aber davon mal abgesehen finde ich es ein tolles Transportmittel und viel sicherer als die Strasse. Dazu kommt noch der gute Preis von KES 1000 in der zweiten und KES 3000 in der Ersten Klasse. Unser Zug war auf 15.00 geplant und sollte planmässig um 18.08 in Mombasa ankommen.

Unser zuverlässiger Safari Guide/Driver Henry bestellte uns auf 07.30 Uhr Abfahrt. Ich selber war irgendwie schon voller Vorfreude, Peter bald zu sehen, dass ich bereits um 06.30 Uhr vor dem Speisesaal sass. Meine Freundinnen waren auch etwas früher dran und einer pünktlichen Abfahrt stand nichts im Wege. Vreni musste noch kurz zur Toilette und sagte, dass sie bereits Henry getroffen habe: er sei startbereit und als sie ihm sagte, dass wir erst um 07.30 abgemacht hatten wollte er es partout nicht glauben. Wir genossen aber trotzdem noch das letzte Frühstück in der Keekorok Lodge und fuhren überpünktlich ab. Es gab jetzt kein Anhalten mehr für Tiere, Blumen und andere Dinge und wir fuhren zügig bis nach Narok, wo wir tankten. Kurz danach hatte Henry das Gefühl, dass da was am Rad wackle und er wollte zurück um das zu überprüfen. Tatsächlich stellte sich da etwas am Rad als gröberes Problem heraus. Es kamen aber sofort Fundis angerauscht und kümmerten sich darum aber wir verloren mindestens eine halbe Stunde. Er meinte, des sei jetzt provisorisch geflickt und bis Nairobi würden wir es schaffen. Der Verkehr war dann auch am Rande des Rift Valleys sehr sehr stark mit unzähligen sehr langsam fahrenden Lastwagen. Das Safari-Auto war zwar supertoll auf Safari aber auf der Strasse war es doch eher eine lahme Ente.

Hätte es in Nairobi den Expressway nicht gegeben: wir hätten es nie rechtzeitig zum Zugsterminal geschafft. Ich glaube, Henry war noch ein Stückchen nervöser als wir, dass wir erst um 14.20 (anstatt wie geplant spätestens um 14.00 Uhr eintrafen). Dummerweise hatte ich vorher noch etwas im Tripadvisor gegoogelt und da standen einige Bemerkungen, dass sie dir alle Flüssigkeiten abnehmen am Bahnhof – wir hatten aber unsere Necessaires mit dabei und konnten ja nicht alle Shampoos, Duschmittel etc. einfach zurücklassen. Ich hätte das wohl alles besser nicht gelesen, denn ich hatte etwas den Bammel, dass einiges schief laufen könnte. Unsere allerbeste Entscheidung war, dass wir einen Porter genommen haben. Er hilft mir beim komplexen Check-In, da wir nur eine Bestätigung vom Reisebüro hatten. Die Hälfte der Check-in Automaten druckten auch keine Tickets aus und er wusste überall was wir zu tun hatten und schleuste uns um die grossen Massen herum. Wir mussten alle das Gepäck hinstellen und dann liefen die Polizisten mit Spürhunden vorbei um alle illegalen Substanzen ausfindig zu machen. Ich hoffte, dass mein Shampoo nicht dazu gehörte. Wir wurden alle an die Wand gestellt und ziemlich angeschnauzt. Ich hatte so ein komisches Gefühl, wie wenn ich gleich ausgeschafft würde…

Alles lief recht hektisch ab, aber der Porter meinte immer wieder: I will get you all the way to the train. Follow me. You will pay me well. Was das wohl heissen würde wussten wir auch nicht so recht aber so etwa KES 1000 (ca. CHF 8) hatten wir schon im Sinn zu geben. Vreni meinte, dass sie kein Bargeld mehr dabei habe. In der First Class Lounge war alles schon überfüllt und man konnte sich nicht mehr hinsetzen aber ich sah, dass es da ein paar Restaurants gab und wir wollten schon nicht ganz ohne Essen auf die 5-stündige Fahrt gehen. Zu unserer Überraschung kam eine sehr freundliche Dame und zeigte uns ein Menü und meinte, dass Chicken & Chips am schnellsten gehen würde. Also bestellten wir das 3x zum Mitnehmen. Kaum hatten wir bestellt hiess es auch schon über die Lautsprecheranlage „all aboard“ und eine Flutwelle von Erstklass-Reisenden steuerte auf den Zug los. Mist, Chicken aufgeben oder zu spät beim Zug sein? Keine guten Wahlmöglichkeiten. So entscheiden wir mit dem durchsetzungsstarken Gepäckträger, dass Vreni und Susanne schon mal mit ihm und dem Gepäck zum Zug gehen und ich dann mit dem Essen folgen würde. Das Essen kam in no time an, aber inzwischen hatten sich auch schon die Zweitklass-Reisenden in Bewegung gesetzt und das war eine regelrechte Menschenlawine. Da gab es Familien mit schreienden Kindern, zwei Junge, die einen Riesen-TV transportierten und eine ganze Menge Menschen, die auf den Zug wollten. Es war aber in diesem ultramodernen Terminal alles super angeschrieben und eine hübsch angezogene Angestellte schrie übers Megafon alle zusammen: los los, bald fährt der Zug ab… Ich bestieg den Zug pünktlich und unsere Sitzplätze waren nebeneinander und vor allem neben einer sehr sehr lauten indischen Familie, die sich bereits zum UNO Spielen bereit machte. Vreni meinte: der Porter war wirklich super, ich habe ihm sogar KES 1500 gegeben, er hat uns so geholfen. Aha, meinte ich: ich dachte: du hättest kein Bargeld mehr und daher habe ich ihm KES 1000 gegeben! Kein Wunder hat er über alle vier Backen gegrinst. Aber er hat ja gesagt: you pay me well und das hat sich dann auch bewahrheitet. Na ja: wir lachten über dieses Missgeschick und irgendwie war es das wirklich wert und ich kann euch nur sagen: solltet ihr diesen Zug je benutzen: nehmt euch einen solchen Porter – ich glaube, ohne ihn hätten wir es kaum geschafft. Ungelogen: Punkt aber wirklich Punkt 15.00 Uhr verliess der Zug die Station! Unglaublich, wenn man bedenkt, dass sonst immer alles sehr pole pole (langsam, langsam) vor sich geht.

Wir schnabulierten an unseren Hühnchen mit Chips und es waren wohl die besten Chicken, die wir bisher in Kenia gegessen hatten. Plötzlich kam dann auch noch jemand mit einer Servicewägelchen vorbei. Der Zug wurde zweimal feucht gereinigt auf dem Boden und unzählige Male liefen Mitarbeiterinnen mit grossen Abfallsäcken vorbei. Keine Ahnung, was immer wieder über die Lautsprecheranlage gesagt wurde aber es wurde wohl so einiges über die Strecke erzählt. Wir verstanden kein Wort und das hatte nichts mit der Sprache zu tun, denn die Durchsagen waren in Englisch aber mit der lausigen Anlage. Wir genehmigten uns während der Reise einen feinen Kaffee und kurz vor Mombasa auch noch einen französischen Weisswein mit ein paar Chips. Hätte die laute indische Familie und das schreiende kenianische Kind etwas weniger unsere Ohren strapaziert: die Reise wäre perfekt gewesen. Susanne sah auf der Tsavo East Seite sogar ein paar Elefanten! Wir dösten etwas vor uns hin, wie sortierten unsere unzähligen Safari-Fotos, wir schrieben ein paar Nachrichten, da mein Telefon weiterhin als Hotspot funktionierte und Vreni versuchte sogar mal Kopfhörer anzuziehen, die sie sonst nie verwendet. Ich machte meine Noise Cancelling Kopfhörer bereit und gab mit dem Sound von Sam Himself hin während ich in einem Buch las und so die Zeit vollkommen vergessen konnte. Kaum hatten wir unsere Apéro geschlürft und auf die beste Safari aller Zeiten angestossen kamen wir auch schon mit 10 Minuten Vorsprung in Mombasa – einem weiteren ultramodernen Terminal – an. Kleiner Haken: die Rolltreppe funktionierte auf der letzten Etappe nicht und wir mussten unsere Riesenkoffer runterschleppen, was gar nicht so einfach war. Der Fahrer Collins war aber schon zur Stelle und versuchte, unsere vier Koffer in das sehr kleine Auto zu klemmen und so fuhren wir ziemlich eng bepackt über die nördliche Route in nur etwa einer Stunde nach Marere. Es sind Wahlen und somit hat auch der lokale MCA die Strasse von Dzitsoni nach Marere etwas behelfsmässig repariert, denn er will ja wiedergewählt werden. Aber egal weshalb: die Strasse war auch ohne 4×4 gut befahrbar und daher waren wir auch so schnell zuhause. Auf uns warteten Chapati und Bohnen, natürlich Gin & Tonic und ein guter Rotwein und wir schlossen unsere Safari-Zeit ab und freuten uns auf den nächsten Tag. Ich freute mich, meinen Schatz wiederzuhaben und angesichts der Tatsache, dass es in 2 Tagen „um die Wurst“ geht war er recht entspannt und sichtlich erleichtert, dass er mich wieder hatte.

#madarakaexpress #sgr #nairobimombasa

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