Jetzt wird es noch ein Wahlkampf

Ursprünglich dachte Peter, dass das Wahlbüro schon um 04.00 Uhr aufmacht aber das war glücklicherweise nicht der Fall. So konnten wir mal mindestens bis 05.15 schlafen. Dann begleitete ich ihn zur Marere Primary School, wo es zwei Stränge (oder wie es auch in Schweizer Projekten heisst: Streams“) gab zum wählen weil die Anzahl Wähler 500 überschritt. Zuerst mussten die Leute auf Listen, die draussen aufgehängt waren ihren Namen finden. Bei Peter war natürlich klar, dass er auf dieser Liste ist, also ersparten wir uns diesen Schritt. Er war der Allererste und Enrico (der Social Media Manager) und ich durften Fotos machen. Beim ersten Schritt (Fingerprint-Erkennung) gab es schon gewisse Probleme, denn in seiner Zeit als Facility Manager hat er sich den Daumen durch die vielen starken Putzmittel kaputt gemacht bzw. die Rillen sind nicht ganz klar. Danach wurde seine ID fotografiert und dann erhielt er alle Wahlzettel, denn heute wird ja alles vom Präsidenten über den Senator, Governor, Women Representative, Member of Parliament bis zum Member of County Assembly gewählt. Bis die die einzelnen Zettel abgerissen hatten dauerte es eine halbe Ewigkeit. Alles war etwas feucht und klamm am kühlen Morgen. Danach durfte Peter in einer Art Kartonbox seine Häkchen setzen und danach in jede Plastikschachtel seine Stimme einwerfen. Danach wurde sein kleiner Fingernagel mit einer Tinte gefärbt damit er nicht noch einmal wählen kann. 

Draussen war die Schlange schon ziemlich lang und ich war irgendwie erleichtert, dass dieser Teil jetzt mal erledigt war. Wir gingen wieder nachhause und dann gab es einiges zu tun: Leute an ihre Wahlstationen zu fahren: mit dem Lastwagen, mit dem Töffli, mit Autos. Peter hatte dafür das ok von der Polizei. Und dauernd kamen Nachrichten von Leuten, die am Bestechen waren, die betrügen wollten etc. Es war irgendwie wie Feuerlöschen. Überall gab es immer wieder einen kleinen Brand und der musste ausgemacht werden. Gleichzeitig schauten wir KTN News mit Infos von ganz Kenia. Scheinbar ist die Wahlbeteiligung schlechter als auch schon, besonders bei den jüngeren Wählern. Kein Wunder, es wird sich so oder so nicht viel verändern bei ihnen. Ausser natürlich sie kriegen einen so engagierten MCA wie meinen Peter… Es passierten dann auch Dinge, die hahnebüchen waren: vertauschte Unterlagen, nicht funktionierende Geräte, Leute, die sich auf die Birne hauten usw. usf. Ich konnte irgendwie kein Buch lesen, denn auch wenn es phasenweise langweilig war so war ich doch wie auf Nadeln. Je später der Nachmittag umso mehr kamen Nachrichten von den Agenten rein, dass es gut ausschaue, und dass Peter einen Vorsprung habe. Dennis der Businessman war auch zu Besuch und wir lachten zwischendurch weil Peter und ich sagten: wenn er wirklich gewinnt, dann müssen wir abhauen, sonst wird die Wahlfeier sehr sehr teuer. 

Den gesponsorten neuen Beamer konnten wir prima einsetzen aber bis es losging zeigten wir den Kinder aus der Gegend noch etwas Swahili Cartoons, an denen sie mächtig Freude hatten. Zu späterer Stunde schaltete ich dann meine Excel Liste auf, in die ich die Resultate der einzelnen Stationen eintragen wollte. Am meisten interessierte natürlich die Position von Peter und aber auch der MP von Ganze (das Amt, das Peter von 2013 – 2017 inne hatte), denn wenn diese gut zusammenarbeiten können dann wird sich hier wirklich etwas verändern. 

Enrico ging in die Marere Primary School und machte von dort einen Live Stream. So konnten wir im Community Center alle mitverfolgen, wie Peter in einem der beiden Streams 168 Stimmen machte während die böse Nachbarin Victoria nur 65 Stimmen erzielte. Da sprangen schon alle auf, wie wenn Peter schon die ganze Wahl gewonnen hätte. 

Danach kam mein Highlight des Tages. Teddy Mwambire (Peter‘s grösster Gegner und jetziger MP) hat offensichtlich denen in Marere nicht getraut und kam persönlich vorbei um zu beobachten. Später haben wir dann herausgefunden, dass hier ein gröberer Bschiss geplant war, aber den haben unsere Verwandten vor ort vereitelt. Und anscheinend hat auch mein Favorit Tungule erfahren, dass der andere etwas im Schilde führte und war mit dabei. So konnten wir schön live sehen, wie Tungule haushoch gewann. Ich musste Enrico bitten, Teddy‘s Gesicht zu filmen am Schluss… schon ein bisschen fies aber ich kam auch nicht zu diesem Vergnügen, da Enrico vorher aufhörte zu filmen. Auch gut so, Hauptsache die Richtigen gewinnen.

In einer Station war ein absolut inkompetenter Typ und leider mussten wir ihn beobachten wie er fast Minuten brauchte um einen Buchstaben zu schreiben. Irgendwie hatte er sich verzählt und der ganze Prozess begann von vorne. Es war fast nicht zum Aushalten. Dann hat er wieder seinen Stempel verlegt, dann wieder das Stempelkissen… Hilfe!!! Ich kommunizierte mit Alex, der als Beobachter vor Ort war und wir amüsierten uns ziemlich per Messenger. Bis er mich anriefen liess über eine andere Person und ernsthaft von mir verlangte, dass ich etwas zum Essen bringen solle. Ich fragte ihn: wie stellst du dir das vor? Ich könne ja jetzt etwas zum Essen machen und dann vorbeibringen? Ja er meinte, der Typ, der so inkompetent sei der brauche auch dringend etwas zum Essen. Ich konnte es nicht fassen: ich selber hatte um 22.45 h auch Hunger aber es war ja immerhin noch zum Aushalten. Ich leitete den Anruf an den Kampagnen-Manager weiter und er organisierte etwas und fand sogar selber, dass das nicht meine Sache sei. Wenn du hier den kleinen Finger gibst… aber das wisst ihr ja schon.

Um 4 Uhr morgens war es immer noch nicht ganz klar, ob Peter gewinnt aber die Leute waren so überdreht und tanzten und sangen und rechneten und lachten. Zwischendurch ging ich mal ins Esszimmer und ass einen Teller Pilau mit Kachumbari nur um gleich wieder weiterzumachen mit den neusten Zahlen, die von unseren Agenten reinkamen. Ich kippte wirklich langsam fast vom Stühlchen aber ich wollte auch keinesfalls aufgeben und blieb bis kurz nach 05.00 Uhr und war dann noch ganz alleine mit ein paar schlafenden Kenianern.

Einiges ist seit 2013 besser geworden. Ich zähle nicht mehr von Hand zusammen sondern habe meine Excel Tabelle und kann Suchen auf dem Laptop und eben: sogar mitverfolgen wie es läuft per Live dStream. Ich dachte eine Weile lang: dass wir das Material vielleich sogar vor Gericht verwenden könnten, wenn dieser Teddy wirklich betrügt… Tungule hatte wirklich überall bei allen Stationen die Nase vorne und wir sprachen uns mal noch kurz am Telefon ab und ich bedankte mich für die Hilfe bei der kritischen Station. Er meinte er hätte noch sehr viel gegen die Korruption kämpfen müssen und auch wir hörten allerlei Schreckensbotschaften, die ich alle Ticker-mässig in de WhatsApp Status und die FB Story stellte.

Einige von euch haben regelrecht mitgefiebert, was auch mich wieder angestachelt hat und mir den nötigen Adrenalinschub gegeben hat. Morgens um 05.15 gab es in der Marere Primary School noch eine schwierige Situation: es gab Leute, die die Unterlagen in Privatautos zur Zählstation bringen wollten. Es ist aber vorgeschrieben, dass dies mit einem Polizeiauto gemacht wird. Enrico und Alex blieben dort bis sie sichergestellt hatten, dass alles mit rechten Dingen zu und her gegangen ist. Ich verfiel in einen absoluten Tief- aber Minischlaf. Um 06.30 h hiess es schon wieder „Tagwache“ und nach Ganze fahren um zu sehen, ob die Zertifikate schon verteilt werden. Vielleicht bin ich zu vorsichtig: aber so ganz 100% konnte ich mich noch nicht freuen, auch wenn rundherum alle sagten, dass wir es sicher geschafft haben. Es gibt einen Teil von Jaribuni, der sich nicht wirklich als Teil von diesem Ward fühlt und dort hat Peter wahrscheinlich nur ganz wenige Stimmen gemacht, auch wenn er denen recht eingeheizt hat. Peter musste sogar mitten in der Nacht dorthin fahren, weil die Gefahr bestand, dass auch unser Agent vor Ort nicht ganz sauber sondern eben bestechlich sei.

Auf der Governor Ebene wurde zwar angekündigt, dass Aisha Jumwa die erste Frau als Governor sei aber das wurde dann etwas später auch als etwas unsicher gemeldet.

Auch der Präsident war noch nicht auf Nummer sicher. Mal war Ruto vorne, mal Raila Odinga. Ich ging zum Glück ins Bett, als Ruto vorne war und machte mir daher auch weniger sorgen. Auch wenn noch nicht alles sicher war: irgendwie kam schon so ein Gefühl auf: es könnte gereicht haben und das verursachte ein angenehmes Kribbeln in der Magengegend L’

#electionskenya2022 

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