Wir schlittern nicht beim Feiern

Die Nacht war sehr kurz. Nach 1 1/2 Stunden hiess es schon: wir müssen los nach Ganze. Dort kommen alle Wahlbehälter zusammen und dort werden die Zertifikate verteilt. Es wollten natürlich alle dabei sein und so fuhren wir mit 2 kleinen Fahrzeugen und unserem grossen Toyota Landcruiser. Wir waren uns bewusst: die Strasse wird nicht einfach zu befahren sein, denn es hatte doch noch ziemlich geregnet – daher sass ich ja auch mit meinem Faserpelz und mit einem Maasai Umhang beim Auszählen der Stimmen.

Bereits beim Tanken in Beria wurde klar, das wird eine langsame Reise: überall kamen die Leute zum Gratulieren. Sie begnügten sich teilweise nicht damit, nur zu winken sondern sie wollten zum Auto kommen und die Hände schütteln. Auch ich war da mit inbegriffen: keine Ahnung wieviele Hundert Hände ich geschüttelt habe an diesem Tag. Peter wurde teilweise fast aus dem Auto gezerrt und ich wunderte mich nicht, dass er am Abend über Rückenschmerzen klagte… Die Freude war ganz deutlich spürbar. Teilweise rannten sie die Hügel runter und überstürzten sich wortwörtlich vor Freude.

Sie stehen überall und lassen sich nicht abschütteln…

Unser Auto schaffte es problemlos auch wenn es ab und zu ganz arg ins Schlittern kam. In den kleinen Autos hieess es immer wieder: aussteigen und stossen.

Die Dame mit den hübschen Schuhen war nicht so begeistert aber alle halfen einfach anzuschieben. Vor der Ganze Boys Secondary School gab es einen Security Check und es wollten natürlich alle rein, aber wir konnten aus unserem Team nur zu fünft rein. Dass die First Lady aber mit dabei sein muss, das war allen klar! Ich hatte einen echten déjà vue Effekt im doppelten Sinn: 2013 war es hier, wo ich die ganze Nacht hindurch mitgezählt hatte und mir sicher war: Peter gewinnt. 2017 war es hier, wo es so gehässige Leute gab, dass ich lieber wieder abgereist bin und zuhause gewartet habe bis das Resultat bekannt war, dass Peter Shehe gegen Teddy Mwambire verloren hatte. Heute wissen wir es aus Erster Hand (nämlich sogar von Leuten, die damals mitgeholfen hatten, die Zahlen zu manipulieren), dass es nicht gut war alles dem Zufall zu überlassen. Aber 2022 haben wir unsere Lektion gelernt: die Agenten, die überall platziert waren sorgten für eine gewisse Kontrolle und an den kritischen Orten hatten wir Verwandte platziert auf die wir mit Sicherheit zählen konnten. Zudem noch die digitale Überwachung durch Live Streams von unserem Social Media Manager Enrico. Wir haben aus den Erfahrungen gelernt.

Alles sah hier noch genau gleich aus und leider war auch die Toilette noch genau gleich abschreckend hässlich, es lag immer noch gleich viel Dreck herum und das Regenwetter half nicht besonders: die ganze Schule war eine schlüpfrige Fläche und ich dachte dauernd: einfach nicht umfallen!!! 

Dann kam eine der grössten Freuden: Tungule, der zukünftige MP wartete auch schon auf die Deklaration. Bei ihm war es sonnenklar, dass er gewonnen hatte. Sogar in dem Ort, wo der bald Ex-MP Teddy Mwambire herkam machte Tungule mehr Stimmen. Das zeigt auch wie unbeliebt und schlecht dieser Typ war. Aber zuerst kam die Umarmung und es flossen schon wieder Freudentränen bei mir. Ich hatte es mir so gewünscht, dass er gewählt wird. Tungule und Peter Shehe: das wird ein echtes Dreamteam. Er freute sich ebenfalls sehr und meinte zu mir: „you were one of my best campaigners“, denn ich hatte ihn zusammen mit meinem Mann ja überall promoted wo ich nur konnte. 

Es zeigte sich, dass sie überhaupt noch nicht so weit waren mit auszählen. Wir hatten zuerst mal einen Tee und 2 Stückchen Toast aber wir wussten: hier werden wir nicht bleiben, denn das kann noch Stunden, wenn nicht sogar Tage dauern!!! Und so bequem und angenehm war es hier nicht. Plötzlich kam der noch MP Teddy Mwambire rein und ich muss eingestehen: mir wurde fast schlecht. Ich habe wirklich eine grosse Wut gegen ihn. Er ist einerseits Schuld, dass Peter nicht mehr gewählt wurde und wir jetzt 5 Jahre lang wirklich eine harte Zeit hatten was die Finanzen anbelangt. Aber noch schlimmer: ich bin wütend darüber, dass er 5 Jahre lang nichts für Ganze getan hat und nur gescheite Worte publizierte. Erst in den letzten 2 Monaten hatte er noch die 2 Klassenzimmer in Juhudi gebaut damit er sagen konnte, dass er besser ist als Peter. Aber Gott sei Dank hat ihm das absolut nichts gebracht. Im Gegenteil: danke für die zusätzlichen Klassenzimmer können wir jetzt nur sagen!

Er trug eine sehr teure Daunenweste in der Parteifarbe orange und wollte bei „seinen“ Leuten Lob ernten aber alle wendeten sich von ihm ab. Es muss hart gewesen sein für ihn aber was mich dann doch total erstaunte: er kam in unsere Richtung und wahrscheinlich hat es ihn viel Überwindung gekostet aber er ist zu mir gekommen und hat mir die Hand geschüttelt und wir haben ein paar Worte ausgetauscht (ich natürlich absichtlich in Swahili…) und es zeigt mir einmal mehr: hakuna matata ist eben nicht hakuna matata, obwohl wir das beide sagten… Teddy Mwambire hat ja immer versucht Peter zu imitieren. Er hat genau den gleichen Toyota Landcruiser gekauft. Aber nicht nur das gleiche Modell sondern sogar die gleich – sehr seltene – Farbe damit er an gewissen Orten mit Peter verwechselt wurde. Zudem hat er den (damals arbeitslosen) Personal Assistant von Peter abgeworben für die Zeit, als er in Nairobi war. Ishmael versteht nicht einmal die lokale Sprache aber er kannte sich sehr gut aus in Nairobi und war im Regierungsgebäude gut bekannt. Ich war damals auch sehr erstaunt, dass Ishmael das gemacht hat aber ich verstand auch, dass er jeden Job annehmen muss, den er offeriert gekriegt hat.

Trotzdem ist seither mein Vertrauen in ihn total weg und ich werde Peter sagen, dass er ihn unter keinen Umständen mehr in seine Nähe lassen darf. Ich mag einfach keine Menschen, die dauernd unter einer anderen Flagge segeln. Für mich haben sie kein Rückgrat und sie könnten sich auch jederzeit wieder gegen dich wenden. Aber heute war nicht der Tag für negative Gedanken und die Freude war im Vordergrund.

Peter hatte eine Strategie für die Rückfahrt: weil er allen unterwegs gesagt hatte, dass er das Zertifikat hole und dann wieder retour kommen werde, hatte er die ewtas fiese Idee, eine andere Route zu nehmen und sich in Kilifi noch ein Mittagessen gönnen werde. So machten wir das auch aber wir hatten nicht mit dieser schlimmen Strasse gerechnet. Auf gewissen Strecken müssen alle aus dem Bus oder Auto steigen und sogar mithelfen zu stossen. Das also war die Arbeit des ehemaligen MPs und nichts wurde gemacht. Die einzige geteerte Strasse war die von Peter von Mavueni nach Dzitsoni.

Wir schafften es aber mit diesem starken Auto bis nach Kilifi und gönnten uns ein Mittagessen im Stammlokal Saidi Keti. Ich war so müde, dass ich nicht einmal mehr in den Supermarkt gehen mochte. Irgendwie haben wir schon noch etwas zum Essen zuhause fürs Frühstück. Die ganze Zeit überlegte Peter, wie er sich zu unserem Haus schleichen könnte. Er nahm vorsichtshalber schon mal die Abkürzung um Dzitsoni zu umfahren – die Abkürzung kannte er ja schon, weil er früher seiner bösen Schwester jeweils so ausgewichen war… aber kaum waren wir oben an der Hauptstrasse kam die Botschaft: ab der Wäägestation würden sie ihn aus dem Auto holen für den Siegeszug. Und so wurden wir von einer riesigen Anzahl Piki Pikis eingekreist und die kreischenden Frauen kamen und rissen ihn förmlich aus dem Auto. Ich konnte das Aussteigen noch vermeiden aber kurz vor Marere gab es für mich auch kein Entrinnen mehr. Ich musste mit meinen gelben Flip Flops ebenfalls in den Dreck und dabei aufpassen wie verrückt, dass ich auf dem nassen Dreck nicht ausrutschte, denn umfallen ist für Erwachsene ja so etwas wie ein schlechtes Omen. Jetzt war aber die Zeit für gute Omen. Phasenweise wurde ich fast erdrückt von den vielen Leuten, die „ein Stück“ von mir haben wollten. Carlos rettete mich dann aus der Menge und zuhause ging der ohrenbetäubende Lärm von lokalen Instrumenten und gekauften Vuvuzelas weiter. Laute Musik wurde gespielt und die Frauen und Kinder tanzten wie verrückt. Im Normalfall hätte ich mitgemacht, aber ich war soooo müde. Nach einer Nacht mit nur 1 1/2 Stunden Schlaf und dieser Rumlpelfahrt nach Ganze und einem Schütteln von gefühlt Hunderten von Händen war ich nudelfertig. Ich wollte einfach nur noch Schlafen. Ich sagte das zu Frida und Mbuche aber plötzlich kam Peter und meinte: das geht jetzt leider nicht: wir müssen stark bleiben und jetzt den Leuten sagen, wie es für sie weitergeht. Sie erwarten Führung und eine Zukunftsaussicht. Ok, das leuchtete mir ja schon ein und somit stürzte ich ein RedBull runter, zog mich um und funktionierte… Auf meinem Plastikstuhl wartete ich ab, bis ich an der Reihe war (etwa Nr. 6 in der Folge… ihr kennt den Ablauf schon. Das Einzige was anders war: es war nicht heiss und ich sass nicht im eigenen Saft – ganz im Gegenteil: ich musste mir sogar noch Leggings anziehen um nicht zu frieren…) Während ich wartete hatte ich meinen Superspeech vorbereitet und dachte wieder mal an meine Seminare: ich motivierte mich selber und brachte den Speech meines Lebens. Zwar abgelesen und nicht auswendig aber nicht ohne Inhalt… die Menge war begeistert und richtig aufgepeitscht bevor dann Peter kam und in seinen mindestens 40 Minuten sein übliches Repertoire abspielte: er brachte sie zum Lachen, zum Antworten, zum Staunen und zum Nachdenken. Wir hatten beide alle unsere Energie aktiviert um den Leuten, die Hoffnung zu geben, die sie verdienen. 

Ich weiss, weshalb Peter lachend gesagt hat: lass uns verschwinden, das wird teuer und wie recht er hatte!!! Aber Verschwinden ist momentan definitiv keine Option. Wir fielen echt erschöpft ins Bett – ausgelaugt aber extrem glücklich mit ganz vielen Ideen für die Zukunft von uns und Jaribuni für die Zukunft. Wow – was für ein Erlebnis.

#hopeforjaribuni #freedomiscoming #petershehemca2022

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