Ich gratuliere euch zur Wahl

Bis ich zum Sound von einer Vuvuzela schlafen kann muss ich schon sehr müde sein und so war es letzte Nacht. Irgendein Vollidiot hat echt spät in der Nacht noch damit getröötet. Ich finde diese Vuvuzelas echt schlimm. Es gibt hier nämlich auch natürliche Lärmmacher und die haben vielleicht etwa die Hälfte Dezibel von den Vuvuzelas. Aber bestimmt hat auch der Mnazi (gegärter Kokoswein) noch dazu beigetragen, dass sich die Leute nicht mehr gespürt haben. Ich war auf jeden Fall früh im Bett und auch Peter hatte keine Energie mehr zum Mitfeiern. Es kommt ja dann noch eine offizielle Feier auf uns zu. Wir sind grad am Planen, wann sie sein soll. Zum Glück hatte Mombasa Cement Gewissensbisse. Wir hatten nämlich um Unterstützung gebeten vor der Wahl aber wahrscheinlich dachten sie: ach wer ist denn schon dieser Peter Shehe. Als er gewählt war fanden sie es sogar richtig peinlich, dass sie ihm nicht geholfen haben. Sie haben angeboten, dass sie uns mit Essen für die Wahlfeier beliefern werden. Allerdings nur vegetarisch. Die Shoppingliste ist echt witzig – ich hatte ja schon mal eine für das ganze Fest aber wir haben sie jetzt noch ein bisschen abgewandelt. Da kommt noch einiges auf uns bzw. auf mich zu, denn noch verdient Peter ja noch kein Geld und wir erwarten mehrere Tausend Leute (quasi alle, die ihn gewählt haben und auch diejenigen, die ihn nicht gewählt haben).

Innerhalb der nächsten 2 Wochen sollten alle MCAs aufgeboten werden für einen Einführungskurs und danach wissen wir besser, wie auch unser gemeinsames Leben weitergehen wird. Irgendwie habe ich so ein aufgeregtes Kribbeln und so richtig das Gefühl, dass ich hier so viel zur Entwicklung beitragen kann und andererseits ist mir das Leben in der Schweiz schon auch viel wert. Aber ganz ehrlich: selbst die besten Freundinnen und Freunde können die Beziehung zu Peter nicht aufwägen. Wir zwei sind einfach das Dreamteam zusammen und wenn man älter wird überlegt man sich sowieso wieviele Jahre man noch zusammen hat und weshalb man sie dann auseinander verbringen will. Und irgendwie habe ich ja moderne Freunde und wir können die Beziehung auch virtuell aufrecht erhalten. Unser ursprünglicher Plan von Winter in Kenia und Sommer in der Schweiz muss jetzt wohl noch ein paar Veränderungen erfahren. Es ist klar, dass Peter nicht für mehrere Monate in die Schweiz kommen kann. Wäre schon schön, wenn er es in der Sommerzeit während der Parlaments-Pause machen kann. Ich blende aber nochmals kurz zurück:

Am Tag nach unserer schlitterigen Reise nach Ganze hiess es, dass die Resultate bald bekannt sein würden und Peter reiste nochmals dort hin aber dieses Mal ohne mich. Irgendwie schade, dass ich nicht dabei war bei der Verteilung des Zertifikates aber in Anbetracht dessen, dass diese erst am späten Abend verteilt wurden muss ich auch sagen: Gott sei Dank konnte ich den Tag friedlich zuhause verbringen mit Fridah, meiner quasi „Schwiegertochter“ (wenn man die Familienverhältnisse etwas grosszügig auslegt). Als Peter das Zertifikat erhalten hat hört man auf dem Video stimmen: wo ist Mama Kaya? Kassim war dann auch kein Ersatz und einige meinten: aha Mama Kaya ist jetzt plötzlich schwarz… immerhin hatten sie nach stundenlangem Warten noch ein bisschen Humor

Peter’s Sohn John Baraka und seine Frau Fridah

Mir Fridah hatte ich spannende Diskussionen über Frauenthemen und über Politik und wir fieberten am TV mit den Resultaten mit und versuchten sogar selber Hochrechnungen zu machen. Enrico, unser Social Media Manager, versuchte vor Ort Live Übertragungn in Facebook zu machen aber das Netz war extrem schlecht und so starrten wir dauernd wieder mal auf den iPad, dann auf den Laptop, permanent auf den TV und versuchten ebenfalls auszuharren. Es war ein wirklich sehr sehr langsamer Prozess aber dieses Mal wird extrem darauf geschaut, dass alles mit rechten Dingen zu und her geht. Wenn nur das kleinste Problem auftaucht, dann gibt es Beobachter, die protestieren. So war anscheinend auch Peter’s Gegner nochmals davon überzeugt, dass er in letzter Minuten noch etwas drehen könnte aber seine Rechnung ging nicht auf. Sein grösster Gegner – und unser grösster Freund – Kenneth Kazungu „Tungule“ hat ihn mit über 24‘000 Stimmen zu seinen nicht einmal 12‘000 Stimmen um Welten geschlagen. Sogar in seinem eigenen Wohnort hat Tungule mehr Stimmen gemacht. Diese Quittung tut einfach gut und ich bin so froh, dass es jetzt für Ganze wieder ein integres und faires Member of Parliament gibt. Das ist auch für Peter entscheidend. Als dann auch noch auskam, dass Gideon Mung’aro – ein alter Bekannter von Peter aus den MP Zeiten – als Governor von Kilifi gewählt wurde stimmte uns das alles zuversichtlich. Wen ich auch absolut bewundere ist der ex MCA für Jaribuni. Er war der erste, der Peter gratuliert hat und ihn sogar noch angerufen hat um ihm persönlich zu gratulieren. Das ist doch Grösse. Maitha hatte ja schon vor über einem Jahr zu mir gesagt: wenn Peter sich aufstellen lässt, dann habe ich sowieso keine Chance. Ich glaube, er hat sich in den letzten Jahren in Malindi ein Business in seinem angestammten Job als Laborant aufgebaut.

Wo aber wieder dieses Stammesdenken aufgekommen ist das ist beim Aspiraten, der doch immerhin an 2. Stelle 1492 Stimmen gemacht hat. Es geht da um einen Teil von Jaribuni, der eben nicht vom Stamm der Kauma sondern von den Giriama ist. Und die wollen sich partout nicht von einem Kauma regieren lassen. Peter war unzählige Male dort, hatte seine Agenten dort und ist in gewissen Stationen auf eine einzige Stimme gekommen (das war wahrscheinlich der Agent). Auf der Karte ist das der ganze Teil unten links: Palakumi/Migumomiri.

Peter hat im Vorfeld wirklich versucht, ihnen zu erklären, dass sie kein Stammesdenken an den Tag legen sollen und dass er für ihre Anliegen genauso einstehen wird, wie für den Rest von Jaribuni aber sie trauten ihm nicht und entschieden sich dafür, fast alle ihre Stimmen dem Aspirant aus ihrer Gegend zu geben. Auch wenn Peter ein extrem geduldiger und grosszügiger Mensch ist: er wird bestimmt mit der Entwicklung nicht in dieser Gegend beginnen und somit haben sie sich wirklich ins eigene Fleisch geschnitten. Aber sie werden es nicht so sehen sondern sagen: siehst du: du setzt dich ja nicht für uns ein… Aber noch mehr haben mich andere Aspirantinnen genervt, die auch viele Unwahrheiten erzählt haben oder sogar aus der eigenen Familie stammten. Aber eben: wenn eine dann nur 62 Stimmen macht, dann hat sie wohl auch die Quittung gekriegt. Da können sie dann auf den Knien angekrochen kommen um einen Job oder einen Auftrag zu erhalten. Aber ich glaube: da wird sogar Peter nicht mehr schwach.

Mit der Präsidentenwahl sind wir noch nicht am Ende. Stand heute ist es immer noch nicht klar, wer gewonnen hat. Peter will natürlich dass William Ruto gewinnt, denn mit derselben Partei hat er einen näheren Bezug. Aber ich muss auch erwähnen: William Ruto hatte Peter die ganzen arbeitslosen fünf Jahre zwar immer einen Job versprochen aber nie einen locker gemacht und anscheinend sogar mal gesagt, er habe ja eine reiche Frau, was ich vollkommen daneben fand. Zudem kann ich (jetzt) auch sagen, was mich alles an seiner Kampagne gestört hat:

  1. Er wollte zeigen, dass er nicht zu Elite gehört und sich von ganz unten nach ganz oben geschafft hat ohne aus einer reichen Familie zu kommen. Er habe früher sein Geld mit Küken verkaufen verdient und so machen ja viele Leute in Kenia Geld, in dem sie ein kleines Business aufbauen. Und das bezeichnet Ruto als „Hustler“, also Leute die halt wirklich „hustlen“ müssen um Geld zu machen. Bei mir persönlich hat aber das Wort „Hustler“ erstens nichts mit Frauen zu tun. Ich habe noch nie gehört, dass man eine Frau einen Hustler nennt und mir kommt zuerst das Magazin Hustler in den Sinn, das ich mit Playboy gleichsetze. Oder ein Hustler kann auch mit Drogen und Sexgeschäften zu tun haben. Das fand ich für einen gebildeten Mann einen echten Fehltritt.
  2. Dass er den gestrandeten Governor von Kilifi Amason Kingi überhaupt in seine Partei liess war ein weiterer Fehler, der wurde in Kilifi ja sogar ausgebuht weil er so unbeliebt war.
  3. Auch Sonko, dem ehemaligen Knasti Governor von Nairobi hat er in seiner Partei auch Asyl gegeben.
  4. Und dann hat er sich wirklich einen grässlichen Deputy President ausgesucht. Ich kenne ihn zwar echt nicht persönlich aber er war mir vom ersten Blick an unsympathisch. Es gibt einfach so Leute: aufgrund ihrer nonverbalen Kommunikation ist da von meiner Seite einfach Zurückhaltung angesagt.
Mir einfach nicht sympathisch… wir der Deputy President, wenn William Ruto gewinnt

Da war Raila Odinga schon geschickter und hat sich Martha Karua als Deputy genommen. Sie ist sehr bekannt und die Frauen sind stark in Kenia und auch nicht zu faul zum Wählen. Sie haben dieses Jahr zum ersten Mal 7 Governors (von den 47 counties) gekrallt und das ist wunderbar.

Unter dem Strich sind wir also sehr zufrieden mit den Wahlen, die auch – mit ganz wenigen Ausnahmen – sehr friedlich abgelaufen sind. Den Präsidenten werden wir hier an der Basis eh nicht allzu fest zu spüren bekommen und alle, die rundherum gewählt wurden passen gut. Falls ihr euch jetzt schon fragt: und was wirst du Barbara jetzt machen? Ich kann es euch noch nicht final sagen. Denn mit allem was passiert ist wäre es sogar noch möglich, dass Peter wegen seiner Seniorität einen Minister-Posten erhalten wird. Allerdings ist diese Chance nicht so gross, wenn Raila Odinga gewählt ist: aber möglich ist alles. Und eigentlich will Peter das ja gar nicht aber sollte er dazu berufen werden kann er auch nicht nein sagen. Das würde bedeuten, dass in Jaribuni bald ein neuer MCA gewählt werden müsste… aber da könnt ihr sicher sein: darauf würde Peter dann auch noch einen grossen Einfluss haben bzw. nehmen.

Und somit haben wir schon diskutiert „what if“… aber es sind momentan noch reine Spekulationen. Wenn Peter ein einfacher MCA bleibt, dann wird er seinen offiziellen Arbeitsort während mindestens der Hälfte der Woche im Kilifi County Parlamanent in Malindi haben. Dort haben wir noch kein Haus und daher ist auch unsicher, ob es denn das Haus in Kiwandani (Kilifi) sein wird, in dem wir wohnen werden. Aber wir haben viele Optionen und lassen es jetzt schön langsam auf uns zukommen. Am 30. August fliege ich erst mal zurück, mache ein bisschen Volontärarbeit am Zurich Film Festival, singe in zwei Chören an der Chornacht und fliege dann bestimmt auf die Weihnachtszeit hin wieder nach Kenia. Aber wie lange ich dieses Mal bleiben werde – das wissen momentan noch die Götter und Göttinnen. Aber etwas hat mich gepackt: in dieser Konstellation wird es wirklich möglich sein hier in Jaribuni eine Veränderung zu bewirken und wie schon so oft gesagt: wer will auf dieser Welt schon keine positiven Spuren hinterlassen? Und ich bin sicher, auf meine zahlreichen Blog-Leser:innen und Gönner:innen von Pro Ganze werde ich weiterhin zählen können. Mit eurer Mithilfe in den Projekten habt ihr ja indirekt auch dazu beigetragen, dass Peter gewonnen hat. Somit gratuliere ich nicht nur Peter sondern auch allen, die ihre Batzen beigetragen haben zur Wahl von Peter. Asante Sana.

Stellvertretend für so viele Gönner:innen von Pro Ganze

#election2022 #petershehemcajaribuni #electionmistakes

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