Nervenkrieg

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich Mal mehrere Tage hintereinander für ein Resultat am TV verbracht habe. Ich bin früher mit meinem Vater für Boxmatches aufgestanden, ich habe ganze WMs und EMs fast lückenlos geschaut und ich stehe jedes Jahr für die Live Oscarverleihung auf und ich werde sicher noch ähnlich verrückte Sachen machen in der Zukunft. Aber für ein politisches Resultat fast 6 Tage hinteinander am TV zu kleben, das gab es in meinem Leben noch nie. Der Boss des IEBC (Independent Electoral and Boundaries Commission), also die „unabhängige“ Stelle für die Wahlen will dieses Mal keinen Fehler machen. Daher wird jedes Formular von jeder Wahlstation unter den Augen von internationalen Beobachtern verglichen mit dem, was elektronisch übermittelt worden ist. Danach wird alles Online publiziert, so dass jeder selber nachzählen kann. Kaum fragt irgend jemand etwas wiederholt man alle Zahlen nochmals. Ich glaube, man hat einfach aus früheren Wahlen gelernt und will keinen, aber wirklich gar keinen Fehler machen. Das ist ja alles gut und recht, aber trotzdem hätte man meiner Meinung nach mehr Leute anstellen können, damit es schneller vorwärts geht. Selbst die Schulen sind geschlossen und die Kinder hatten am Schluss 14 Tage Ferien, nachdem sie ja schon so viel Stoff und Zeit wegen Covid verpasst hatten. Irgendwie steht das ganze Land still.

Heute wurde ich um 07.50 Uhr geweckt. Peter war schon unterwegs und liess ausrichten: Ruto sei gewählt. Man hat mir dann auch ein Filmchen geschickt, das genau dies bestätigt. Als ich dann aber den TV eingeschaltet habe sah ich, dass noch einige Wahlstationen ausgewertet werden müssen. Ich machte mich mal daran, meine Ferienbilder auszusortieren und ein bisschen „Büro“ zu machen. Irgendwann sah es dann aus, dass es ernst gilt. Es begannen Chöre sehr patriotische Lieder zu singen und alles sah schön vorbereitet aus. Und genau dann ging die Elektrizität aus. Aber nicht etwa überall: nein, nur in meinem Wohnzimmer, wo der TV ist und wo ich am schauen war. Ich verlegte meine Aktion in mein Büro und dort funktionierte noch alles. Der Elektriker wurde angerufen und er kam dann auch ein paar Stunden später per Piki Piki angerauscht. Das Problem war natürlich, dass auch der Kühlschrank keinen Strom mehr hatte und mit so viel Fleisch im Gefrierfach kann das schon zu einem Problem werden. 

Dazwischen wurde ich wieder gestört: Zuerst wollte Walter mir mal noch sagen, dass es vor allem wegen mir sei, dass Peter gewonnen habe. Ich sei eine so grosse Hilfe gewesen in der Koordination und überhaupt trage ich so viel dazu bei, dass Jaribuni vorwärts komme. Das fand ich ja noch nett und ich bedankte mich und schickte ihn wieder weg. Ein paar Minuten später war er wieder vor der Türe: Peter brauche den Code von seinem Zertifikat. Nein, nicht von der Bestätigung, dass er gewonnen hat sondern, dass er bei der UDA Partei sei. Wo soll ich das jetzt herkriegen war meine Frage. Zum Glück hatte ich aber alles abgespeichert und ich schickte Peter mal alles, was ich finden konnte. Dann sagte ich ziemlich laut: und jetzt lasst mich endlich alle in Ruhe. Ich sitze nicht 5 Tage vor dem TV und verpasse dann die Ansage!!! 

Der Beamer läuft heiss heute

Als nächstes mussten sie einen stärkeren Mann schicken: Juma von der Bäckerei stand vor der Türe. Ich sagte wieder: ich will nicht gestört werden und dann halt doch: what do you want? „Wir möchten die Wahl auch auf dem Beamer verfolgen“. Ich meinte: geht doch in mein Wohnzimmer (inzwischen war ja die Elektrizität wieder zurück) aber er meinte: oh no I wouldn‘t do that out of respect. Also war ich jetzt schon wieder weich und machte mich daran, ihnen den Beamer und meinen Laptop einzurichten und die Boom Box für den Sound zu installieren. Ich dachte echt, ich müsse mich beeilen. Aber als ich wiederim Büro war hiess es, dass es noch bis 15.00 Uhr dauern würde bis sie die Bekanntgabe starten. Was? Nochmals 1 1/2 Stunden??? Ok, dann versuche ich etwas zu lesen – aber das schaffte ich auch nicht, weil dauernd jemand reinkam, dauernd jemand noch ein Kabel, eine Steckerleiste oder irgendetwas brauchte. Plötzlich schickte mir die Journalistin von Le Monde das Interview, das die Nation (Kenianische Nationalzeitung) mit Peter in Kilifi gemacht hatte. Ich kriegte fast die Krise: 90% des Inhaltes waren falsch! Und zwar so falsch, dass ich gar nicht überlegen musste, ob Peter so etwas gesagt hatte. Der Anfang war noch korrekt, dass Peter für ein niedrigeres Amt kandidiert habe, weil die Community ihn darum gebeten hatte. Danach kam aber wirklich lauter Bullshit. Er sei nach seiner Abwahl in die Schweiz gereist mit seiner Familie und erst 4 Monate vor der Wahl wieder zurück gekommen. Er habe dann auch keine Kampagne gemacht sondern habe nur Leader zum Frühstück bei ihm zuhause getroffen um von ihnen zu hören. Am Schluss stand dann auch noch, dass er ja immer noch ein hängiges Verfahren habe, weil er wegen Korruption angeklagt gewesen sei. Das hat dann wirklich dem Fass den Boden rausgeschlagen, denn erstens waren die Anschuldigungen damals schon falsch und sein Freispruch bereits 2018 publiziert. Mit einem hängigen Fall oder gar einer Verurteilung hätte er ja nicht einmal kandidieren können. Solche Falschinformationen dürfen auf keinen Fall verbreitet werden, denn sie können grossen Schaden anrichten.

Jetzt haben diverse Personen interveniert und ich selber werde diesem Tubel ebenfalls noch eine scharfe E-Mail schicken, dass ich seinen Namen – weltweit bekannt machen werde als superschlechter Journalist, der keine Ahnung von seinem Job hat, den er besser wechseln sollte. Es ist wirklich zum heulen, wenn man sich mit solchen Leute rumschlagen muss! Er heisst Anthony Kitimo und soll angeblich ein Bachelor in Communications und Public Relations haben. Ich weiss, manchmal versteht man nicht, weshalb ich so hart reagiere. Aber alles, was mit der Presse – leider auch in der Schweiz – passiert ist hat uns manchmal so zurückgeworfen mit unseren Spendenaktionen. Ein NGO zu führen ist eine harte Arbeit und alles, was gegen uns spielt ist unnötig. Aber schlechte Neuigkeiten verkaufen sich halt meistens besser als Positive. Ich habe mich dann auch noch mit meinem neuen “Journalisten-Freund“ von KTN News ausgetauscht. Zuerst sagte er: nehmt einen Anwalt und geht gegen den Typen vor und am Schluss meinte er: verschwende keine Zeit mit solch blöder Propaganda sondern konzentriere dich auf das Positive und die Veränderung in Jaribuni. Ich atme tief durch und bin einverstanden.

Ich haben begonnen, diese Zeilen um 16.40 zu schreiben und immer noch wartet eine ganze Nation auf die Bekanntgabe der Resultate. Ich weiss nicht, wie lange unsere Geduld noch getestet werden soll. Obwohl alle von Frieden und Ruhe sprechen war jetzt der Chief Agent von Raila Odinga am TV und er hat gesagt, dass die ganze Wahl ein grosser Beschiss gewesen sei. Das kann ich absolut nicht so unterschreiben. Es gab bestimmt lokal Versuche, die Stimmen zu klauen – das war ja bei uns auch so – aber wenn man seine Agent platziert hatte dann war das wirklich nicht möglich. Aber ein schlechter Verlierer schiesst einfach immer zurück und Raila Odinga ist der ewige Verlierer. Er versucht nämlich schon zum 5. Mal Präsident von Kenia zu werden!!!

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2 Stunden später…

Nachdem es plötzlich Unruhen gab ihm Wahlcenter und einer einen Stuhl runtergeschmissen hat gab es auch noch ein Interview mit 4 Personen von der Wahlkommission, die sagten, es sei für sie zu undurchsichtig gewesen wie das Resultat entstanden ist. Die Wahlresultate sind aber transparent für jede Person abrufbar und öffentlich und jeder kann zusammenzählen. Als dann der Chef des IEBC Chebukati auf die Bühne kam wurde es stiller im Raum.

Wie immer in Kenia: zuerst wird mal gebetet

Dann wurde die Nationalhymne gesungen, gebetet und endlich endlich die Information bekanntgegeben, dass William Samoei Ruto der 5. Präsident von Kenia sei. Mit einem kleinen Vorsprung aber mit einem „Ständemehr“ und das reicht aus. Ganz bestimmt wird es noch angefochten aber sein Speech hat mich vollständig überzeugt:

In der Zwischenzeit sass ich nicht mehr nur vor dem TV sondern schon fast AUF dem TV. In unserer Community Hall war ein ohrenbetäubender Lärm und hier sassen Peter und ich vor dem TV und mussten einfach heulen. Die ganze Anspannung, die ganzen Anstrengungen der letzten Monate wenn icht sogar Jahre fiel von uns ab. Ruto war extrem gefasst und hat sich sogar bei den Gegnern und beim jetzigen Präsidenten Uhuru Kenyatta bedankt, der ihn ja schamlos hintergangen hat. Und natürlich hat er sich bei Gott bedankt und bestätigt, dass es nur durch die vielen Gebete und Gott möglich gewesen sei, dieses Resultat zu erzielen. Er sagte, dass nicht er sondern die Menschen von Kenia gewonnen haben. Ein Speech ohne jegliche Notizen und einfach ein gutes Beispiel, wie zivilisierte Führungskräfte sein sollten. Peter und ich waren echt zu Tränen gerührt – denn auch für uns ging ein langer langer Wahlkampf zu Ende. Blendet zurück in den Dezember als Ruto nach Juhudi kam für die grosse Wahlveranstaltung. Wir haben einen langen Weg zurückgelegt und die Leute hier bedanken sich bei mir von Herzen für den Anteil, den auch ich mit allen Unterstützern – und somit jeder Person, die bereits einmal etwas für Pro Ganze gespendet hat – gehabt habe. Das berührt und bestätigt, dass wir sehr viel geleistet und verändert haben.

Wenn du dich auch freust über das Resultat, dann darfst du gerne auch einen kleinen Beitrag an Peter‘s Wahlfeier beisteuern, die am Donnerstag stattfindet. Ganz persönlich auf mein Twint Konto 079 629 59 89. Das hat nichts mit Pro Ganze zu tun und ist einfach ein Beitrag an die Freude hier. Die Leute von Jaribuni werden es dir danken! Heute schlafen wir wahrscheinlich noch besser als sonst – und den TV werde ich jetzt mal abstellen.

Auf Englisch

#fundraisingpetershehe #williamrutothe5th

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2 Kommentare zu «Nervenkrieg»

  1. Peter Füllemann

    Viel Glück und Erfolg für die neuen Führungskräften in Kenia und vor allem für die Region Ganze. Mögen sich die Nichtwähler von Peter Shehe schämen und sich umorientieren. Ich rede von dem (dummen) Teil in Ganze, die Peter Shehe abgelehnt haben.
    Herzlichen Dank an alle, die ein hoffentlich guten Wechsel für die Zukunft von Kenia ermöglichen.

    1. Ich habe von Ruto gelernt: er hat niemanden runtergemacht und alle eingeladen, die Regierung mit ihm zusammen zu bilden. Ich atme durch und sage dasselbe 😉

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