Wer hat, dem wird gegeben

Der letzte Sonntag war irgendwie ganz normal. Wir gingen in die lokale Kirche, ich hatte wieder weder Liederbüechli noch Bibel dabei und musste immer wieder die Hilfe von Anderen annehmen. Den Pastor mag ich immer noch nicht besonders, er stellt mich immer wieder so doof bloss wie mit Fragen: „weisst du noch wie ich heisse?“ Nein, dass weiss ich natürlich nicht mehr nach einem Jahr und ich sage einfach „Pastor“ oder dann fragt er wieder, ob ich mit ihm einverstanden bin nach irgend einer hahnebüchenene Auslage der Bibel. Und ich bin es überhaupt nicht, denn was er sagt ist für mich völlig an den Haaren herbeigezogen und stimmt vielleicht Wort für Wort mit der Bibel – aber total aus dem Kontext herausgerissen und nicht mit einer modernen Welt überein. Und dann ist halt meine Antwort „maybe“… weil ich zwar weiss, dass ich mich hier den Gepflogenheiten anpassen muss aber ganz verbiegen will ich mich dann doch nicht.

Also so einen Sonntag würde es heute nicht geben, das wusste ich bereits. Peter hat seinen V6 Toyota Landcruiser direkt mit dem Techniker nach Nairobi fahren lassen nach der Party am Donnerstag. Wir sind ja schon mal froh, dass er es bis dorthin geschafft hat – der eine Pneu war definitiv eine Occasion. Und wie es sich für einen Mechaniker gehört hat er Marere – Nairobi in einem Heidentempo geschafft. Dort wird das gute Auto jetzt revidiert und gemäss den Bildern des Mechanikers mit Beispielen wird es wieder wie neu aussehen. Alles in allem lohnt sich das schon, denn es ist ja wirklich fast ein Lastwagen und einmal überholt wird dieses Auto noch die nächsten 10 Jahre überleben. Und ich kriege vielleicht dann einen anderen, kleineren – wäre schon noch cool! Der Mechaniker hat auf jeden Fall Grosses versprochen.

Mt 13,12 Denn wer hat, dem wird gegeben und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Vielleicht stimmt der Satz aus der Bibel, denn jemand hat angeboten Peter ein Auto kostenlos auszuleihen, denn die Reparatur des Landcruisers wird etwa einen Monat dauern. Also diese Klapperkiste mit dem Namen „Probox“ musste aber zuerst mal noch eine Versicherung haben.

so schön soll unser Auto wieder aussehen…

Peter wollte da keine Risiken eingehen. Er hat genügend Gegner und auch die Polizei ist hier immer auf Geld aus. Wenn du also als Mheshimiwa (Honorable) angehalten wirst dann kannst du sicher sein, dass es kostet. Genau wie wenn du als Muzungu angehalten wirst…

Also die Versicherung hatte Peter schon gelöst aber gestern fand er dann beim ersten Mal fahren, dass es eine rechte Ratterkiste sein und dass er das Auto besser beim Mechaniker seines Vertrauens in Kilifi vorbei bringen werde (erinnert ihr euch an unseren Breakdown auf der Fahrt in mein Lieblingsrestaurant Nautilus – gut zwei Jahre her du findest den Blogbeitrag mit der Suche „Nautilus“ noch in den alten Blogs auf meiner Webseite…)

Derselbe Mechaniker hat sich dann auch bereit erklärt, das Auto am Sonntagmorgen früh! zu reparieren und so sind wir schon etwa um 7.00 Uhr losgefahren. Wir waren sogar zu früh in Kilifi um Zigaretten für Peter zu kaufen. Seine Nervosität war spürbar. Ich war ja jetzt auch nur so halb begeistert und fand es einfach noch schön, wenn er nicht alleine fahren musste. Er würde dasselbe für mich ja jederzeit auch machen. Zudem hatte ich ihn so mindestens für eine kurze Zeit für mich alleine. Aber wirklich nur für eine kurze Zeit. Die Suche nach den Ersatzteilen musste jetzt losgehen und an einem Sonntag ist das schwieriger als unter der Woche… Peter und ich gönnten uns in der Zeit mal ein Frühstück in den Makuti Villas. Das ist ein Hotel, in dem Peter Füllemann und Peter Wieser schon gehaust haben und das definitiv seine besten Tage gesehen hat. Aber immerhin: der Kaffee ist super und sie machen tolle Pizzas, denn das Hotel gehört einem Italiener.

Wir fingen mal mit dem Cappucino und Espresso an und genossen ein wirklich feines Frühstück (und Stunden später auch noch eine Pizza). Dass dann auch noch der Bank Manager von Peter beordert wurde wusste ich nicht und ich fand es auch ein bisschen dreist, den an einem Sonntagmorgen in ein Restaurant zu bestellen. Mit der Zweisamkeit war es also abrupt wieder vorbei. Kaum war er erschienen – es schien ihm null und nichts auszumachen – kam ein ganz akuter Notfall ins Spiel. Die Somalis, die im Norden von Kenia mit ihren Kamel- und Kuhherden umherwandern sind recht verzweifelt, weil es wirklich so trocken ist im Norden und schon so lange nicht mehr geregnet hat, dass sie in den Süden wandern. Und der Süden ist dann eben auch Jaribuni, das jetzt – auch wenn er noch nicht offiziell im Amt ist – zu Peter’s Verantwortung gehört. Was ich nicht wusste: als Peter das letzte Mal von Ganze nach Marere fuhr kam er in eine ebensolche Herde und musste fast eine Stunde warten, bis er weiterziehen konnte. Anscheinend benehmen diese Leute und Tiere sich so ziemlich wie eine Heuschreckenplage und fressen alles, was ihnen in den Weg kommt, einschliesslich des momentan schön gedeihenden Mais, der dank des extremen Regens in dieser Gegend (auch nicht normal) echt wahnsinnig gut spriesst. Dazu kommt anscheinend noch, dass diese Somalis auch Frauen vergewaltigt haben und vor allem im Besitz von Waffen sind. Das erzähle ich jetzt echt einfach weiter aber ich glaube kaum, dass Peter solche Stories einfach erfindet. Der Bankmanager Felix wurde mal kurz zur Seite gestellt, während Peter alle Hebel bzw. alle Telefonate in Bewegung setzte um Order zu geben, was zu tun sein. Eine der Chiefs ist weiblich und sie sagte am Telefon auch, dass sie Angst habe, denn anscheinend haben diese Herren null Respekt vor Frauen, nicht einmal vor solchen in Uniform. Es ging mindestens ¾ Stunden, bis Peter das alles so weit hatte, dass die richtigen Leute das Richtige veranlassten: nämlich einerseits Anklage zu erheben, damit andererseits dann auch die Armee in Erscheinung treten kann und die Herden mit ihren Besitzern aus Jaribuni vertrieben werden können. Wohin? Das weiss ich selber auch nicht – aber ich war schon mal froh, dass mindestens die erste Gefahr gebannt bzw. geregelt war… Die Aufregung war spürbar.

Die Konversation rund um das Thema Bankgeschäfte ging dann weiter. Peter gibt bereits Vollgas und will Baumaschinen kaufen, damit es vorwärts geht in Jaribuni. 9 Aufträge übernimmt er von seinem Vorgänger und dafür sollte auch genügend Geld vorhanden sein. Es geht vor allem um Wasseraufbewahrungstanks, Verbesserung von Apotheken und dann auch um ein paar Strassen, die bereits geplant sind. Diejenige nach Marere wäre ja schon seit 2016 dran (das hatte Peter noch initiiert aber sein Nachfolger dann vereitelt…). Aber Peter hat bereits eine ganze Reihe an anderen Projekten und will keine Zeit verlieren.

Weil aber diesen Sonntag auch noch eine Notfallsitzung mit dem Kern-Wahlteam anstand kamen dann auch diese Leute so langsam aber sicher angerauscht und logisch: sie setzten sich und kredenzten sich mal ein ausgiebiges Frühstück. Peter widmete sich ihnen und ich setzte die Konversation mit dem Bankmanager fort. Wir hatten viele Gesprächsthemen. Er ist extrem interessiert an diversen Reiseorten und wir fachsimpelten über den stagnierenden Tourismus, verglichen Hotelpreise in den Lodges mit denen von Namibia und Botswana und diskutierten echt über Gott und die Welt. Als er erfuhr, dass ich jahrelang im Bankenumfeld gearbeitet habe machte ich auch noch etwas Personalentwicklung mit ihm.

Als dann alle Themen erschöpft waren und Peter auch langsam aber sicher mit seiner Sitzung fertig war kam der Mechaniker und genehmigte sich sein Frühstück: ein Guiness! Das mit dem Getriebe scheppern habe er behoben aber es sei einfach grad sehr schwierig am Sonntag einen Pneu aufzutreiben und einer müsse dringend ersetzt werden, sonst würden wir es kaum mehr bis nach Marere schaffen. Ok, normalerweise kostet ein Auto mieten ca. KES 5000 (etwa CHF 50) im Tag aber wir gaben jetzt einiges mehr aus für die Reparatur und den neuen Pneu. Allerdings wird es sich auszahlen, wenn wir das Auto wirklich für einen ganzen Monat behalten können… Ich wurde noch zum Supermarkt Naivas für einen weiteren Grosseinkauf gefahren und bis ich fertig war, hatten wir auch einen neuen Pneu und fuhren wieder retour. Ich selber arbeitete etwas an einer neuen Präsentation für Service Clubs für Pro Ganze und schaute natürlich das Fussballspiel FC Rorschach-Goldach 17 gegen FC St. Gallen im Cup. Ich hatte im Facebook gesehen, dass es online gezeigt wird aber ich musste zuerst das System noch mit Geocblocking ausbooten.

Das lange erwartete Cupspiel… lassen wir das finale Resultat mal sein… so wie es von hier aus ausgesehen hat machte es doch den meiten Spass

Dafür hatte ich aber in der Schweiz schon mit einer VPN Verbindung vorgesorgt und hatte jetzt das „Fussball-Desaster“ online vor mir. Es war witzig am Bildschirm einige bekannte Gesichter, natürlich auch „Zelli, Fussballgott“ zu sehen. In der Pause stand es bereits 0:8 und es sah ganz und gar nicht gut aus. Zudem machte ich noch etwas typisches Sonntägliches (oder mindestens war es früher so…) Ich las wieder mal eine Zeitung, denn das hatte mir ja früher sehr viel Spass gemacht in Kenia, wo alle so politisch sind. Ich blätterte die Zeitung durch und am meisten gefallen mir natürlich immer die Cartoons:

Ich war fast ein bisschen froh, als das Internet den Geist aufgab und ich entschloss mich für ein Nickerchen, denn wer weiss, was noch auf mich zukommt, wenn Peter von seinem Meeting mit den Ältesten retour kommt. Und es kam noch etwas auf mich zu: es ist möglich (und bitte bitte drückt dafür alle wieder mal die Daumen), dass wir unsere Wohnung in Nairobi endlich vermieten können. Peter hasst die Stadt ja und ich habe mich freiwillig anerboten, diese Wohnungsübergabe zu machen und nach Nairobi zu reisen (ob mit dem Zug oder dem Flug, das weiss ich jetzt noch nicht). Ganz glaube ich es noch nicht, denn beim letzten Mal war es auch eine „todsichere Sache“ und ging dann doch wieder in die Hose. Aber dieses Mal könnte es klappen: es handelt sich um eine Familie aus dem Süd-Sudan und ihr Kind geht gleich neben dem Wohnblock in die Schule – es klingt also alles perfekt. Der Vertrag ist schon mal eingetroffen und einmal mehr bewahrheitet sich anscheinend: wer hat dem wird gegeben! Oh, ich bin grad ein bisschen aufgeregt, wenn ich daran denke, dass mir noch eine Nairobi Reise bevorsteht. Es bleibt spannend!

#werhatdemwirdgegeben #einganznormalersonntag

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