Furaha kubwa aus verschiedenen Gründen

Ich glaube, bisher war noch kein Tag dermassen von Freude geprägt wie der heutige. Die Wahlfeier von Peter war gut, aber dort war ich halt so involviert (auch mit meinem Portemonnaie), dass ich es nicht gleich geniessen konnte. Aber wenn jemand anderes einlädt und dieser Andere der Governor von Kilifi County ist, dann kann ich schon entspannter hingehen. Ich war mir natürlich schon bewusst, dass es lange und ausgiebig sein würde aber daran bin ich mich ja gewohnt. Das einzige Problem, das ich meistens habe: wie schaffe ich es, dass meine beiden Telefone (das kenianische, das ich als Hotspot verwende und das schweizerische für die schönen Fotos) den Akku nicht allzu schnell unten haben. Ich habe zwar 2 Powerbanks aber auch die gehen mal in die Knie und wenn du an einem mehrstündigen Anlass bist dann kann es schon passieren, dass nichts mehr geht… Und dann könnte es auch langweilig bzw. langwierig werden.

Am Vorabend mussten wir unsere Garderobe abgleichen. Ich hatte Peter so verstanden, dass ich ihm ein passendes Hemd organisieren soll in Nairobi. Also passend zu meinem Outfit und dieses Ziel hatte ich erfolgreich erreicht. Aber am letzten Meeting vor der Feier wurde klar: alle MCAs und anderen Offiziellen müssen in einem Suit kommen, also in einem Anzug mit Hemd und Krawatte. Ich glaube, Peter hat fünf Jahre keinen Anzug mehr getragen. Und ganz sicher hatte er (ausser wenn er mal in die Schweiz gekommen ist) keine geschlossenen Schuhe mehr getragen. Er hat auch seinen ganzen Wahlkampf in einfachen Kleidern und Flip Flops oder Wandersandalen gemacht – war ja auch viel authentischer bei den Leuten von Jaribuni, die – ausser wenn sie in die Kirche gehen – auch so daherkommen.

Wir machten also spät am Abend noch Tenü-Fez. Peter hat ja so viele Anzüge, die er als MP täglich tragen musste. Zum Glück hat er gewichtsmässig gar nicht zugelegt – er hat eher ein paar Kilos verloren. Also fanden wir die richtige „Schalä“, ein weisses Shirt (das wir zuerst noch von Staub befreien mussten), eine Krawatte, die zum Glück schon gebunden war – weil er ja nicht weiss, wie man das macht und Schuhe, die seine Zehen nicht allzu fest einengen würden. Ich hatte ihm zum Glück in Nairobi noch die kurzen Socken gekauft, die passten. Er peppte die Schuhe mit Schuhcrème auf und alles sah tipp topp aus. Dann kam die Entscheidung für mein Kleid und die war auch schnell gemacht, denn das eine der Kleider, die ich gekauft hatte war viel zu lang und wir hatten keine Zeit mehr für Näharbeiten. Ich legte auch alle meine Accessoires bereit und so war die Nacht zwar sehr kurz aber voller Vorfreude. Ich hatte ja dann um 6 Uhr die freudige Botschaft von Jambojet, dass meine Shopping Tasche gefunden wurde und Peter hatte einen Anruf einer alten Frau, die sich bei ihm beklagte, dass sie zu wenig Geld für ein Piki-Piki haben und ihres kaputt sei. Ja so läuft es hier: Peter ist nun als MCA noch mehr für alle und alles verantwortlich. Aber so ein Anruf um diese Zeite haute ihn dann doch aus den (kurzen) Socken…

Als wir dann vor dem Wegfahren unsere übliche Fotosession machten fanden alle: you look so smart und ich fand es auch – wirklich fit für eine Wahlfeier eines Governors.

Das Lustige war natürlich, dass wir im kleinen Probox Auto einfuhren – die meisten Offiziellen haben ja mindestens einen Prado, Landcruiser, Landrover etc. aber immerhin: wir hatten den Sticker am Auto, der uns Einlass gewähren würde.

Wir waren dann um 08.00 Uhr doch noch etwas zu früh in Kilifi und so konnten wir noch ein Paket abholen, das ich bei der Firma „ENDA“ in Kenia bestellt hatte. Das ist eine Sport-Schuhmarke made in Kenia und ich wollte mal ausprobieren, ob die Lieferung an die P.O. Box klappt. Und tatsächlich: wir erhielten eine Einladung zur Abholung und das Paket war eingetroffen. Ich hatte mich für Schuhe entschieden, die mich an meine letzte Safari erinnerten: Nakuru Flamingo – und auch die Farbe erinnerte daran. Und hinten haben sie erst noch die kenianische Flagge abgebildet. Ich kann so eine Schiess-Freude haben an so kleinen Details. Peter war natürlich alles andere als begeistert, dass er jetzt als Pöstler agieren musste aber er kennt mich und er verzeiht mir solche Sachen. „It is her weakness“ meinte er zu Enrico – -aber auch ein bisschen mit Stolz vermischt, denn er kann ja auch immer wieder von meiner Weakness profitieren.

Wir hatten sogar noch Zeit, die defekte Hupe des Autos zu reparieren (Auto fahren ohne Hupe ist fast ein Ding der Unmöglichkeit in Kenia!) und mitten in Kilifi das Frühstück einzunehmen. Weil die Leute merken, dass Peter in der neuen County-Regierung viel zu sagen haben wird scharen sie sich jetzt noch mehr um ihn: Oh, hello Mheshimiwa – do you remember me. I am family. You remember last time we met etc. etc. Also ein ruhiges Essen ist ebenfalls unmöglich, aber damit rechne ich schon gar nicht mehr.

Auf dem Feld, wo die Feier stattfinden wird, war schon einiges los und wir fuhren mit unserem Probox auf einen strategisch gut positionierten Parkplatz. Strategisch gut vor allem, was die Wegfahrt anbelangte…

Peter versuchte rauszufinden, wo die MCAs (Member of County Assembly) hinsitzen dürfen. Alles war total durchorganisiert und von Jaribuni wurden die Wahlhelfer der jeweiligen MCAs mit Bussen nach Kilifi transportiert. Ich erhielt die Meldung, dass die MCAs in der ersten Reihe des Riesenzeltes sitzen müssen. Aber gerade als sie mich dorthin abschieben wollten kam Peter angerauscht: schnell, schnell, komm auf das Podium. Die Security wollte mich nicht durchlassen aber Peter setzte sich energisch für mich ein und sagte: ich sitze sicher nicht alleine ohne meine Frau hier. Und so geschah es, dass wir zwar nicht auf einem so edlen Sitz wie Mung’aro sitzen durften aber immerhin auf Executive Chairs (erinnerst du dich noch an die Roten im Marere College?). Zwar in der hintersten Reihe aber unantastbar. Selbst als alle (ausser den Pfarrern und Imamen) wieder runter mussten vom Podium und sich neu „bewerben“ mussten durften wir bleiben. Gideon Mung’aro ist halt tatsächlich ein alter Weggefährte von Peter aus der Parlaments-Zeit und auch ein Freund auf den der Governor baut und der wesentlich bei der neuen Regierung mitwirken kann. Unsere Plätze wurden von einigen Leuten ganz neidisch beaugapfelt aber wir konnten sie bis zum Schluss halten. Selbst als einige begannen, die Tribüne von hinten zu besteigen und versuchten uns abzudrängen. Da kann ich dann auch sehr stur werden…

Die Zeremonie war unglaublich: zuerst singen, tanzen, dann Vorträge, deren Inhalt ich auch nicht ganz verstand. Dann die Nationalhymne und der Einmarsch des Governors mit seiner ganzen Familie. Gideon hat auch eine Muzungu zur Frau. Sie ist Deutsche und ich kenne sie (noch) nicht besonders gut. Aber ich weiss, dass sie mit dem bei Frauen beliebten Gideon schon einiges erlebt haben muss. Sie haben aber zwei attraktive Kinder. Eine schöne Tochter, die mit ihrem automatischen Ventilator anwesend war (damit das Make-up keinesfalls wie bei mir runterlief) und einen Sohn, der auch die körperliche Grösse von Mung’aro (etwa 2 Meter) erreicht und soeben Vater wurde. Das Enkelkind war ganz fröhlich mit dabei und der ohrenbetäubende Lärm schien es keineswegs zu beeindrucken. Meistens war das Kind beim Vater und nicht bei der Mutter und ich dachte mir so: wie schön, dass eine sehr moderne Familie jetzt an der Spitze des Kilifi County ist: International, gebildet und mit einem Vater, der sich nicht zu schade dafür ist, das Kind zu hüten. Ich erachte es als grossen Fortschritt. Anscheinend gibt es auch schon Anzeichen, dass die EU einige Projekte in Kilifi County finanzieren wird inkl. Studienplätze in Deutschland und anderen Ländern! Natürlich tauchte auch die ganze Polit-Elite von der Küste auf. Die schlimmsten der schlimmen Typen – ohne Namen zu nennen – und ich musste mich manchmal fast ein bisschen zurück halten um nicht zu zeigen, wie sehr ich diese Typen hassten. Vor allem natürlich diejenigen, die Peter so viel Schaden zugefügt hatten. Aber ich hatte es ja schon verschiedentlich gelernt: vom Präsidenten, vom Governor und anderen Politikern: man behält hier die Ruhe und zeigt sich mit seinen grössten Feinden in der Öffentlichkeit. Aber ich hatte dann schon eine grosse Genugtuung, als der abgewählte Governor dem neuen das Amt offiziell übergeben musste und von der Menge auch gehörig ausgebuht wurde. Etwas, das sonst fast nie passiert. Auch die körperliche Grösse machte aus dem abtretenden Governor eine echt Lachnummer. Ich weiss, ich weiss, das gehört sich nicht aber ich konnte nicht anders als zu denken: hier kriegst du jetzt die Quittung, die dir zusteht. Selbst als später beim Essen noch der allerhässlichste Gegner von Peter – der ex MP von Ganze, der ihn damals aus dem Rennen geschmissen hatte, auftauchte und Peter umarmte konnte ich nicht umhin innerlich zu grinsen und den jetzigen Erfolg von Peter zu feiern.

Es war somit ein sehr sehr schöner und glücklicher Moment in der politischen Karriere von Peter. Klar habe ich noch Bedenken was unsere gemeinsame Zukunft anbelangt, denn es sieht ganz danach aus, dass Peter wieder gleich viel – oder noch mehr – zu tun hat als zur Zeit als MP aber ich sehe, dass er wieder richtig aufblüht, endlich auch wieder zu Geld kommt und somit sein zwar nur angekratztes aber nie geknicktes Selbstbewusstsein noch mehr gestärkt wird. Ich finde: wirklich alles sehr verdient und er hat hart dafür gearbeitet. Die Feier war wirklich würdig und ich glaube, die meisten von meinen Freunden, die meinen WhatsApp Status mitverfolgen, haben auch genau wie ich noch nie ein soooo grosses Zelt gesehen. Es müssen an die 10’000 Personen anwesend gewesen sein. Und es wurde ausgelassen getanzt, auch die ganze Polit-Prominenz musste vorne an die Rampe stehen. Es wurde Reden geschwungen wie üblich. Aber noch eine wunderbare Nachricht ist, dass Mung’aro eine Frau zum Deputy Governor gewählt hat. Sie ist die Tochter eines Mannes, der wesentlich bei der Formation der heutigen Regierung mitgewirkt hat. Furaha Kubwa (grosse Freude) war das, was mir dauernd durch den Kopf ging.

Nach dem offiziellen Teil waren wir dann auch noch ins ca. 5-fach Zelt auf der Wiese des Mnarani Hotels eingeladen. Auch mit persönlicher Einladung. Aber selbst im Zelt gab es wieder 2 Klassen: die Polit-Elite und die gewöhnlichen Gäste. Peter schaffte es natürlich wieder, mich und „unseren Sohn“ Enrico (ihr erinnert euch an die Einladung der Schweizer Botschaft?) an einen Elite-Tisch zu bringen. Es sah schon etwas nach Überforderung aus, denn wir erhielten zuerst den Starter und dann bereits die Desserts (wahrscheinlich damit das Dessert-Buffet nicht von Anfang an gestürmt wurde). Als Mung’aro mit Familie auftauchte durften sie zuerst ans warme Buffet und auch hier folgten Peter und ich dicht auf den Fersen. Was jetzt begann war aber eine unbeschreibliche Schlacht am Buffet. Leute, die sich wichtiger vorkamen als andere drängten sich vor, ich hatte diverse Ellbogen und Hände zwischen den Rippen und alle versuchten, sich einen Teller mit Goldrand zu ergattern. Weil Enrico unsere Handys und Taschen bewachte liess ich gleich 2 Teller füllen. Die wurden mit der Zeit so schwer und wir wurden von der Menschenmenge so bedrängt, dass ich es fast nicht bis an den Schluss des Buffets schaffte. Und am Schluss angekommen war es ein grosser Spiessrutenlauf um wieder an den Platz zurück zu kommen. Also Reinhard Mey’s Lied von der heissen Schlacht am kalten Buffet ist nichts dagegen. Nach der Elite drängten sich dann die Normalsterblichen ans Buffet und es gab unglaubliche Situationen: so sah ich einige Leute, die wohl keinen Teller mehr ergattern konnten und die Platzteller dazu verwendeten und von den VIP-Tischen wegnahmen. Danach sah ich als Kontrast auch noch eine alte Frau, die mit einem Zementsackähnlichen Behälter von Tisch zu Tisch ging und die Resten reinkippte. Danach trank sie die restlichen Hibiskus-Säfte aus den Gläsern, die zurück geblieben waren.

Im Normalfall hätten wir wahrscheinlich gesagt: ach lassen wir es einfach sein, wir können ja zuhause kochen aber ich gab mich jetzt mal vollkommen in die Situation rein und hielt das Gedränge und das Geschubse einfach aus. Was ich mit vollster Bewunderung sagen muss: das Essen war hervorragend. Richtig schmackhaft und von super Qualität und selbst die Desserts, die ich bis zum Schluss horten konnte waren einfach delicious. Keine Ahnung, wie man überhaupt für so viele Leute kochen kann. Ich bin sicher, einige der Bestecke sind bei den Leuten zuhause gelandet. Vor allem die „aus Gold“…

Als dann die grosse Torte angeschnitten wurde, machten wir uns aus dem Staub und nahmen den Hinterausgang. Mit unserem kleinen Probox fuhren wir retour nach Marere und luden noch ein paar Frauen auf – so wie es Peter halt immer macht, wenn er Frauen am Strassenrand sieht von denen er weiss, dass sie einen langen Nachhauseweg haben. Und das herzigste waren die etwa 10-jährigen Kinder am Strassenrand die Peter zuriefen: „Peter Shehe – we voted for you“!!! Und vielleicht haben sie ja sogar ihre Eltern beeinflusst für Peter zu stimmen, weil er ihnen ja immer Perimende = Süssigkeiten verteilt wenn er welche dabei hat.

Unser kleiner Probox

Zuhause am Tisch amüsierten wir uns dann köstlich mit unseren Mitarbeitenden als wir ihnen alle Geschichten des Tages erzählten. Die wurden natürlich noch ziemlich aufgeblasen und alle applaudierten als wir erzählten, dass der alte Governor ausgebuht wurde. Ich bin sicher: heute schlafen alle in Marere gut und sehr sehr zufrieden – ich zwar als Letzte, denn ich will ja, dass auch ihr die Freude mit uns teilen könnt.

Peter ist der Einzige, der bereits wieder am Organisieren der nächsten Meetings ist und mir immer wieder Aufträge erteilt wie: du musst unbedingt jemanden finden, der sich im Abfallmanagement auskennt, und jemanden, der sich im Brückenbau auskennt und jemanden, der eine kaufmännische Ausbildung hat und diese hier einführen kann und und und. Was soll ich sagen: ich habe genau den richtigen Mann gefunden – auch wenn es erst spät im Leben war. Was ich hier alles erlebe und wo ich überall mitwirken kann: ich bin unendlich dankbar für dieses Leben und dass es jetzt endlich einen so positiven Verlauf nimmt. Ich glaube, wir werden ein verwandeltes Kilifi County erleben in den nächsten Jahren und ich freue mich darüber, ein Teil davon zu sein.

Auch ich gehe jetzt sehr glücklich ins Bett und bereite mich schon langsam aber sicher auf die Rückreise vor, die ich am 30. August antrete. Eine Freundin hat mir gerade einen Link geschickt, dass die Ethiopian Airlines ab November auch ab Zürich fliegt. Das sind gute Aussichten. Aber bevor ich abreise muss ich noch eine Präsentation fertigstellen, die Webseite von Jaribuni FM machen, Flyer für unsere nächsten Projekte kreieren und allen gute Ratschläge geben, die neustens Mama Kaya heimsuchen wie vorher Peter. Ich finde, wir machen das richtig gut hier!

#furahakubwa #governormungaro

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1 Kommentar zu «Furaha kubwa aus verschiedenen Gründen»

  1. Meine grösste Hochachtung liebe Barbara für alles was Du in diesem Land, für die Menschen und deinen geliebten Peter machst. Du hast deine Berufung gefunden mit dem richtigen Mann.
    Weiterhin viel Erfüllung.

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