LOVE OF MY LIFE – wo wirkst du mit?

Ich habe keine Ahnung, was ich schreiben würde, wenn Peter nicht gewählt worden wäre, wenn wir weiterhin über mehr oder weniger notwendige Auslagen und über unsere finanzielle Situation hätten streiten müssen, wenn er in die Schweiz gekommen wäre und nicht mehr als Facility Manager hätte arbeiten wollen oder können. Aber es ist müssig darüber zu diskutieren. Wenn ihr ein paar Monate zurück geht und nochmals liest, was ich geschrieben habe: ich muss es nicht mehr hervorklauben, denn ich weiss, dass ich gesagt habe: ich übergebe die Entscheidung an höhere Mächte, denn es ist ausserhalb von meiner eigenen Macht oder meinem persönlichen Einflussbereich ob er gewinnt oder nicht. Das wurde bei mir schon fast zu einem Mantra.

Während den Monaten, in denen Peter in der Schweiz war hatte ich immer besonders Freude an unserer Beziehung: wir können so viel zusammen lachen, wir haben so viele gemeinsame Interessen und ihm ist nie etwas zu viel, was ich nicht von allen meinen Bekannten sagen kann. Da heisst es dann doch meistens mal: wird dir das nicht zuviel? findest du nicht, dass du es jetzt etwas übertreibst? etc. Nein: Peter ist immer und überall dabei und genau so unermüdlich wie ich. Praktisch ist natürlich, dass er Schweizerdeutsch versteht und es für ihn auch lustig ist an einem Comedy Abend oder an einen Poetry Slam Abend mitzukommen. Und das tut er dann auch und findet es sogar sauglatt und er checkt auch die Witze.

Egal, an welchem Anlass – Peter ist immer dabei und stimmt seine Outfits sogar auf meine ab! Freiwillig!

Also meinen „Peter in der Schweiz Partner“ habe ich schon immer über alles geliebt. „Der Peter wurde MP Partner“ aber hat mir viel abverlangt. Einsame Tage, noch einsamere Nächte, wenn ich so viele Kilometer angereist war und er dauernd geschäftlich weg war und noch schlimmer manchmal sogar einsame Tage wenn er da war und das Telefon von Morgens bis Abends läutete und es ja genau dieser eine so dringende Anruf hätte sein können, den er erwartete (während ich auf meinem Toast kaute).

Seine Lieblingsbeschäftigung…

Dann auch die ewig dauernden Geldprobleme, selbst als er noch genügend verdiente. Im Nachhinein verstehe ich besser, was ablief: oft hatte er einfach keine Geduld bis das Geld vom Staat kam und er schoss halt schon ab und zu mal von seinem Privatgeld vor. Nur dumm, wenn dann das Staatsgeld aus irgendwelchen Gründen (und davon gab es viele) doch nicht kam… Sorry, too late! Teilweise hatten seine Gegner es ja schon darauf angelegt, ihn finanziell in die Knie zu zwingen, denn ihnen ging das mit der Entwicklung von Ganze alles zu schnell und ich kenne keinen anderen MP, der so viele Projekte in so kurzer Zeit umgesetzt hat. Das Schöne: diese Projekte sind immer noch sichtbar (auch wenn der Nachfolger teilweise seine eigenen Poster dahin geklebt hat und stolz behauptete, das seien seine Errungenschaften gewesen). Und vor allem werden sie vom jetzigen MP gesehen und geschätzt. Eine Freundin sagte zu mir: “gell, es ist ein bisschen wie eine Rehabilitierung” und das hat etwas. Durch viele Leute haben wir jetzt ja auch erfahren, wie es 2017 lief mit den Betrügereien – und wie es auch 2022 hätte laufen können. Wir waren einfach zu naiv und gingen davon aus: wenn das Volk einen Vertreter will, dann wird er auch gewählt. Aber glaubt mir: das ist definitiv nicht so. Du musst überall deine Wachhunde aufstellen, du musst allen (auch denjenigen, welchen du mal vertraut hast) permanent auf die Finger schauen und nichts für gegeben ansehen. Zum Glück waren wir dieses Mal schlauer und aufmerksamer und hatten die richtigen Connection. Ich bin dann gespannt, wie die Präsidentschaftswahl mit der hängigen Petition noch final ausgeht…

Und dann die harten 5 Jahre nach der Abwahl, die dann in den letzten 2 Jahren auch noch in der Corona Krise gipfelten, die es nicht einmal mehr ermöglichte wie geplant vorhandenes Land zu verkaufen oder einen guten College Betrieb Aufrecht zu erhalten. Die schlimmsten Phasen waren diejenigen in denen ich wusste, dass wieder überall Not am Mann und an den Frauen ist und ich fast hoffte, dass Peter nicht anruft, weil es bedeutete, dass ich wieder Geld für irgendeinen extrem wichtigen Grund locker machen musste. Die Phasen in denen ich alles hinschmeissen wollte waren da und ich musste Freundinnen wie Olivia, Vreni und Susanne – die die Situation vor Ort kannten – ab und zu als “Lastabladeflächen” benutzen aber irgendwie kamen dann auch immer wieder unsere Phasen von extrem tiefgründigen Diskussionen dazu. Das Geniale (und das stand ja auch auf meiner ursprünglichen Checkliste) war immer, dass Peter auch ein spiritueller Mensch mit gleichen Grundwerten ist. Für Peter war immer klar und das war auch immer seine Antwort: er wollte am liebsten jede Minute seines Lebens mit mir verbringen. Er wollte am liebsten mit mir rund um die Uhr Zusammensein und das bis ins hohe Alter, selbst wenn das bedeutete, dass ich (oder er) zu einem Pflegefall werden könnten. Solche Diskussionen führten wir noch und nöcher. Seine Liebe war immer völlig bedingungslos und uneingeschränkt und seine Bewunderung für meine Fähigkeiten immer grenzenlos. Schon bei der ersten Wahl zum MP sagte er immer wieder, dass er es ohne mich – und meine unterstützenden Freunde aus der Schweiz – nicht geschafft hätte. Und die Solidaritätsaktion für seine Wahlfeier, bei der so viele von euch mitgewirkt haben, hat echt die Tränen der Freude in unsere Augen getrieben. Was für grosszügige Menschen wir kennen, was für Mitfieberer und Mitfreuer:innen! Es hat uns so gestützt und gestärkt – wir können gar nicht genügend oft danke sagen.

Alle lieben Babu und Mama Kaya – ob mit oder ohne Make-up – gestylt oder nicht…

Wer denkt, dass Peter jetzt seine letzten fünf Jahre als Politiker noch „geniessen“ wird und auch mal hier und da abzockt irrt sich gewaltig. Dafür ist er viel zu ehrlich. Aber dass er aus gehabtem Schaden gelernt hat und jetzt das System besser versteht zeigt schon sein verändertes Verhalten. Aber glaubt ja nicht, dass er jetzt wartet bis er nächste Woche ins Amt eingeschworen wird: nein, Peter ist schon unterwegs und bestellt Baumaschinen, er ist schon täglich an mehreren Meetings zur Vorbereitung auf sein neues Amt und er erhält von überall Anerkennung dafür, dass er sich nicht zu schade war, einen Schritt retour zu gehen und sich „nur“ für das Amt eines MCAs wählen zu lassen. In den Sozialen Medien haben sie ihn dafür fertig gemacht, ausgelacht, beschimpft. Der “Alte” soll Platz für die Jungen machen. “Will er jetzt noch mehr klauen als er es vorher schon gemacht hat?” sind nur ein paar Müsterchen. Diese Stimmen sind jetzt verstummt und er hat sich nicht beirren lassen, hat Interview für Interview erklärt, weshalb er das mache und dass er in diesem Amt noch mehr für seine Leute bewirken könne. Und ja: das Amt selber hat vielleicht einen weniger hohen Stellenwert und er verdient auch einiges weniger als ein MP. Er hat keinen Bodyguard (Gott sei Dank) und keine so grossen Spesen mehr. Aber – und das ist ihm das Allerwichtigste – er ist viel näher dran an seinen Leuten: an den Leuten aus Jaribuni, die er versteht und die sonst kein Sprachrohr haben, weil sie nämlich eine Minderheit sind und allen anderen Politikern so ziemlich egal. Seine politischen Freunde respektieren ihn dafür und seine Gegner fürchten ihn, denn sie wissen um seinen Einfluss. Dadurch, dass er schon mal MP war (was es sonst ja gar nie gibt in der lokalen Regierung) hat er einen höheren Stellenwert, ist bei Gremien gefragt und darf – wie an der Wahlfeier des Governors gesehen – wortwörtlich auf dem Podium sitzen. Sie hoffieren ihn jetzt und sie geben ihm Geld dafür, dass er dann für sie stimmen wird wenn es z.B. um die Position des Speakers des County Government geht. Er nimmt das Geld dankend an und wählt dann wen er will. Genau so, wie es auch seine Wähler:innen gemacht haben.

Mit dem neuen Member of Parliament (gleicher Job, den Peter von 2013-2017 hatte) waren wir vorgestern Abend in meinem Lieblingsrestaurant Nautilus in Kilifi und haben Pläne geschmiedet, wie wir Jaribuni und Ganze gemeinsam vorwärts treiben können. Einfach schön, dass da auch eine sehr vernünftige Person am Drücker ist – das ist echt eine veränderte Situation. Dass Peter von 2013 bis 2017 gleichzeitig mit dem jetzigen Governor von Kilifi County im Parlament war kommt ihm ebenfalls sehr entgegen. Zudem ist der Governor ein Freund von ihm und ein Typ, der vorwärts macht. Der Governor ist im Prinzip ja der Vorgesetzte der MCAs (Member of County Assembly) und Mung‘aro ist ein Typ der delegiert, wenn er vertraut. Er hat bereits mit der ersten Aufräumaktion ganz viele aus den jetzigen Ämtern entlassen und die Stellen neu besetzt. Und er schaut hin und hat z.B. 50 “Ghost Workers” gefunden: Leute, die angestellt waren, einen Lohn bezogen und nie auch nur einen Finger gerührt hatten. Wenn ich dann sehe, dass meine “Schwiegertochter” Fridah zwar 2 Jahre lang gearbeitet hat aber nur Almosen bekam weil sie niemand offiziell anstellen wollte kommt mir die Galle hoch. Aber ich bin übereugt: Peter wird zusammen mit diesen positiv eingestellten Leadern eine echte Veränderung bringen können für die Gegend. Sie sprechen jetzt schon davon, dass Peter eine Lösung für die Abfallentsorgung von Kilifi County auf die Beine stellen soll. Und sich in puncto Brückenbau in Europa umsehen soll. Und darum meine ich meinen Aufruf 100%ig ernst:

Wenn jemand von meinen Blogleser:innen Beziehungen zu Leuten hat, die sich im Abfallmanagement auskennen und vorzugsweise sogar schon in afrikanischen Ländern gearbeitet haben: bildet meldet euch bei mir und stellt die Kontakte her. Dasselbe gilt ganz besonders auch für Brückenbau und Stadtplanung insgesamt. Wer weiss, vielleicht habe ich pensionierte Freunde und Freundinnen, die sich die Mitwirkung in solchen Projekten vorstellen könnten. Und was Peter auch immer gerne hätte: jemand, der ihm das Büro organisiert. Jemand, der das KV gemacht und weiss, wie man einen Bürobetrieb einrichtet, damit es funktioniert. Alle diese Personen sollten wirklich gut Englisch sprechen sonst wird es echt schwierig. Wohnen kann man bei uns in Marere und über die Entschädigung müssen wir uns unterhalten. Denn eine grosse Aufgabe gibt es auch noch: ich habe so das Gefühl, dass ich noch einmal bauen werde… Peter spricht immer noch von einer „Überraschung“… aber ich möchte da lieber aktiv mitwirken, wenn es denn wirklich um unser Heim für die Zukunft geht. Also mein Aufruf geht auch an Architekten und Architektinnen, die mir bei der Planung eines neuen Hauses helfen. Und noch etwas, das ich jetzt gerne können würde: einen Garten anlegen und einen Garten gestalten, denn auch darauf freue ich mich sehr.

Ach wie oft habe ich Peter bewundert: selbst wenn ich in der Schweiz etwas verzweifelt war über gewisse Projekte oder über gewisse Entwicklungen, die gar nicht für uns sprachen: er hat immer seine gute Laune behalten, er hatte immer noch einen Aufsteller und ein paar positive Worte übrig und wir beide vergessen keinen einzigen Tag einander zu sagen wie sehr wir uns lieben. Wir machen uns machmal sogar ein Spiel daraus und sagen zum Beispiel: au Mist, ich habe noch etwas vergessen… „Was?“ „I love you“… Wir haben jetzt 11 Jahre darauf gewartet, dass wir mehr Zeit miteinander verbringen können: jetzt ist die Zeit gekommen und in unserem Alter müssen wir auf jeden Fall schauen, dass wir die Jahre, die uns zusammen bleiben auch optimal nutzen.  Ich hoffe daher auch auf das Verständnis von meinen Freundinnen und Freunden in der Schweiz. Ich schätze unsere Freundschaften so sehr und ich bin die erste, die Freundschaften pflegt. Jetzt ist die Priorität beim Mann meines Lebens und so müssen auch gewisse Dinge, in den Hintergrund rücken wie Freizeitaktivitäten, Vereine und Weihnachtsfreuden.

Und so passt die Karte sehr, die ich jetzt in unserer Wohnung mit einem grossen Herz versteckt habe sehr gut. Sie ist gar nicht so einfach zu übersetzen für Nicht-Kenia-Kenner:innen aber ich versuche, euch die Begriffe zu erklären:

SUKUMA TO MY WIKI | Sukuma wiki = eine Art Spinat. Grundnahrung der Kenianer

MANDAZI TO MY CHAAI | Mandazi = Pfannkuchen der zum Frühstück mit Chai (Tee) gegessen wird
MAMBO TO MY POA | Mambo Poa = geht es dir gut?
TANGA IN MY WIZI |Tangawizi = Ingwer, ein Gewürz, das sehr oft verwendet wird
STAR IN MY SKY | Stern in meinem Himmel – braucht keine Erklärung
FIZZ IN MY SODA | Bläschen in meinem Mineralwasser (damit es immer wieder prickelt)
BEAT OF MY HEART | Mein Herzschlag – was gibt es dazu noch zu sagen?
LOVE OF MY LIFE | Die Liebe meines Lebens. Spät entdeckt aber doch zum richtigen Zeitpunkt

Zum allerersten Mal bin ich jetzt nicht gerade gerne nachhause geflogen. Aber ich muss sagen: Eurowings war eine super Wahl. Am Flughafen wurde mir zu einem günstigen Preis ein Upgrade in die Businessklasse angeboten und ich habe zugeschlagen: ich glaube, ich habe noch selten einen so bequemen Flug genossen.

Die Sitze waren 1A und konnte in alle erdenklichen Positionen inkl. total flaches Bett gebracht werden. Das Essen und die Getränke waren 1A, der Service ausgezeichnet, das Unterhaltungsangebot reichlich auf einem sehr grossen Bildschirm, das Give-Away richtig hübsch und ich bin jetzt in Frankfurt, vermisse meinen einzigartigen Mann mit einem unglaublichen Durchhaltevermögen schon sehr fest und gehe nach Rorschach zurück um meine Welt neu zu sortieren.

Ganz klar, dass ich am 3. September an der Chornacht singe und ganz klar, dass ich im Martin Luther King Musical im November mitmache, denn das sind Dinge, die ich schon zugesagt habe. Andere Pläne – vor allem die um Weihnachten rum – müssen wahrscheinlich hinten anstehen bzw. werden ersetzt durch spannende Projekte in Kenia. Ich kann im Marere College, in der Entwicklung von Jaribuni, in der Organisation so viel mitbestimmen und mitgestalten – es ist nochmals etwas ganz Neues in einer optimalen Positionierung und ich war schon immer flexibel. Meine Kenntnisse in Kommunikation, Social Media, Design, Gesang, Excel, Computer, Interkulturelle Kompetenz, Religion, Präsentationstechnik etc. etc. etc. werden noch einmal eine ganz neue Dimension erfahren. Ich habe ja schon immer gesagt: manchmal lernt man Dinge und hat noch keine Ahnung, wo und wann man sie einsetzen kann. Und dann: BANG und hier wird es plötzlich klar!!! Ich freue, wenn ihr mich in dem einen oder anderen Thema unterstützen könnt und sehe euch hoffentlich bald live an einem der Anlässe in der Schweiz.

P.S. ich poste diese Zeilen erst drei Tage später, da sich die Ereignisse auch in der Schweiz schon wieder überstürzt haben… gleich ist mein Coiffeur Termin und auf den freue ich mich auch schon ganz fest…

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