Das blaue Kleid

Weshalb das blaue Kleid?

Also meine Lieben – auf dem Facebook Konto habe ich ja am Montag schon einen Teaser lanciert und gefragt, ob jemand weiss, weshalb ich heute Blau trage. Von Komplimenten über Ängste, ob ich mich „blue = deprimiert“ fühle bis zu Vermutungen, dass ich vielleicht heirate ist natürlich niemand drauf gekommen. Und leider hat es auch so lange gedauert, dass ich drei Tage lang dasselbe Kleid anhatte, bis ich es aus Hygienegründen ausziehen musste.

Die Auflösung: wir haben unser Auto, meinen geliebten Toyota Landcruiser (fast) wieder zurück. Über die krasse Geschichte mit dem Gear-Box-Ersatz (Getriebe) hatte ich ja schon mal ausführlich berichtet. Das Auto hatte auch sonst noch ein paar Tücken und dem verrückten Autoflicker in Nairobi war es ein Anliegen zu zeigen, was er kann. Er erhofft sich dadurch auch zukünftiges Business, vor allem jetzt, wo Peter wieder in der Regierung ist. Er hat also alle Register gezogen. Neu gespritzt, neue beige Polster und Interieur und natürlich noch ein paar Supergadgets. Oder das war uns mindestens versprochen worden und er hatte es auch immer wieder mit Videos und Bildern untermalt. Zwar war er ein echt schlechter Fotograf aber hey – man kann seine Fähigkeiten nicht immer überall haben.

Am Tag als ich auf Facebook mein blaues Kleid postete wollte ich einen Hinweis darauf geben, dass wir anstatt einem hellblauen ein royalblaues Auto zurückerhalten. Die Polster beige, eine Soundanlage, die ihresgleichen sucht und – was für die grossen Buben extrem wichtig ist – Alarmlichter vorne und beleuchtete Einsteiglichter auf der Seite. Extremer als irgendetwas, das man hier an der Küste schon je gesehen hat.

Also mit den kleinen Gadgets habe ich nicht viel am Hut. Ich kann gerade schon wieder die Headlines hören: „Jaribuni MCA finances a new and expensive car with money of the residents“ – oder so ähnlich. Wir hatten ja in den letzten Tagen wieder mit falschen Presseberichten zu kämpfen. Ist es möglich, dass man sich auch an so etwas gewöhnt? Aber das ist eine andere Geschichte.

Schlafende Polizisten

Aber was solls: die Jungs haben natürlich eine Scheissfreude an diesen Spielereien und ich bin ja auch ein Gadget-Freak. Ich glaube ein neues Radio, eine Rückfahrtkamera und allerlei andere Schischis sind inbegriffen.

Aber ich bin vor allem froh, dass es hoffentlich bald vorbei ist mit dem Zirkeln über diese schlafenden Polizisten. Ich benutze das ausgeliehene Auto gar nicht mehr gern, denn egal wie ich zirkle: bei ein paar Bumps in Jaribuni „chrooste“ es einfach immer am Unterbau. Es war für mich ein richtiger Stressfaktor, denn Peter musste das Auto bestimmt schon zweimal reparieren lassen deswegen. Es scheint ja so, dass hier jeder Private einfach solche Bumps vor dem Haus bauen kann. Oder ist es eher so, dass es einfach gemacht wird und niemand kontrolliert im Niemandsland? Teilweise verstehe ich es bei diesem Lastwagen-Verkehr ja auch – ich würde auch versuchen meine Familie zu schützen, denn diese lastwagenfahrer nehmen null Rücksicht. Mit einem 40-Tönner oder auch mit einem Prado, Landcruiser etc. fährt man da wirklich locker drüber. Aber die Leute, die solche Bumps bauen sind wahrscheinlich selber noch nie in einem Auto gesessen und haben das einfach hinbetoniert. Der Minister of Roads hat einen Augenschein genommen und gesagt, dass die alle zerstört werden aber das hat er dann doch nicht durchgezogen. Ist ihm wahrscheinlich zu blöd und es bringt ihm persönlich ja gar nichts. Es ist ja auch besser, wenn er aufs Bauen von neuen Strassen fokussiert.

Ich wünschte, ich könnte heute schreiben: ja und jetzt schicke ich eine Foto mit dem neuen Auto aus Marere – aber das geht leider nicht. Und hier ist die Geschichte (weiss nicht einmal, ob ich das chronologisch noch hinkriege):

Montag

Vor der Fahrt an die Küste hatte der Mechaniker in Nairobi alles getestet. Er hat eine „Spritzfahrt“ in den Norden gemacht um das Auto auf Herz und Nieren zu testen auf der Strasse. Also am besagten Montag hatte Geoffrey, so heisst der Automechaniker, dann gemeldet, dass er losfährt und wir ihm noch das Geld für Diesel schicken sollen, was wir dann auch taten. Es waren KES 38‘000 (fast 380 Franken, da der Tank ja 145 Liter fasst). Wir hörten den ganzen Tag nichts von ihm. Bei jedem Auto, das vors Marere College fuhr hüpfte ich umher und dachte: das ist er jetzt. Aber leider war es bis am Abend eine reine Enttäuschung: kein blauer Landcruiser in Sicht. Peter hatte Mühe, Geoffrey zu erreichen, denn er antwortete nicht auf die Telefonanrufe und wir machten uns bereits Sorgen. Endlich gelang ihm ein Kontakt und Geoffrey meinte kleinlaut: es sei ein sehr blödes Problem aufgetreten. Denn als der Tank total voll war fand er heraus, dass der Tank wohl nicht ganz dicht sei. Und so musste er den ganzen Diesel wieder herauspumpen, den Fehler beheben und dann wieder tanken. Ich stelle mir gar nicht vor, wie das mit den Mitteln, die hier zur Verfügung stehen geht. Aber da staune ich ja immer wieder… Danach kam die Rechnung über CHF 200 um das zu flicken.

Dienstag

Ok, Dienstag: nächster Versuch. Ich denke: ja das Kleid kann ich nochmals anziehen, wir gehen ja heute in den Staub um Essen zu verteilen und danach ist es dann wirklich dreckig. Und das taten wir dann auch. Im entfernten Chivara war ein Meeting geplant und wir konnten Maismehl an 800 Familien verteilen, was extrem geschätzt wurde. Mir war es recht für ein paar Stunden beschäftigt zu sein, denn so waren wir etwas abgelenkt und dachten nicht dauernd ans Auto. Der lokale MP wurde durch seine sympathische Frau und ein paar Freundinnen (von ihr) vertreten und wir hatten eine echte Gaudi zusammen. Als wir dann am Nachmittag nach Marere zurückkamen dachte ich: so jetzt wird das Auto aber hier sein. Aber welche Enttäuschung: nichts…

Wir fingen wirklich an, uns Sorgen zu machen. Ich war aber mit den Ladies so beschäftigt, dass ich gar nicht gross darüber nachdenken konnte. Peter sagte mir dann am Abend plötzlich, dass Geoffrey mal erwähnt hatte, dass er vielleicht den Senator in Kwale (südlich von Kilifi County) besuchen möchte. Aber er habe ihm gesagt, das soll er nicht tun, denn wir warten jetzt ja schon seit Monaten auf das Auto. Aber wir fingen schon mal an im Internet zu suchen, wer dieser Senator sei falls wir ihn anrufen müssen. Auf jeden Fall nahm Geoffrey kein Telefon entgegen, die WhatsApp Nachrichten an ihn wurden nicht beantwortet und wir begannen schon, ein paar komische Szenarien durchzudenken. Vielleicht ein Unfall, vielleicht liegt er irgendwo in einem Graben, vielleicht zerquetscht von einem Lastwagen, überfallen von Strassenräubern, gekidnapped von Autokidnappern die dann ein Lösegeld fordern. Also wir wurden fast ein bisschen kreativ mit den Szenarien. Und immer noch kein Peeps. Ich versuchte ihn zu erreichen – manchmal hilft das, wenn sie vor Peter zu viel Respekt haben. „Hi Geoffrey. Where are you – we are really worried about our car (also über ihn natürlich auch, aber momentan war mir gerade das Auto näher als er). please give us at least a sign so we can sleep. Dann kam irgendwann eine umständliche Entschuldigung mit einem Flehen für Vergebung. Es tue ihm so leid aber er hätte ein Problem mit den Injectors (Einspritzdüsen) gehabt und müsse alle ersetzen. Er würde es erklären, wenn er dann am nächsten Tag vor Ort sei.

Mittwoch

Tag 3 – aus purem Frust dachte ich mir: ich ziehe jetzt dieses saumässig dreckige Kleid einfach nochmals an – was soll es. Ich hatte so viel Arbeit mit dem College – es war ja eigentlich egal, wenn ich es nochmal anhatte – vielleicht kann ich ja dann das Bild noch machen mit unserem Auto. Aber das sollte eine Illusion bleiben. Es war jetzt Mittwoch und kein Auto in Sicht. Peter schreibt ihm Motivations WhatsApps, dass man im Leben manchmal Probleme habe aber dass es doch eine Lösung gäbe und er soll sich nicht schlecht fühlen etc. Irgendwann schrieb er zwar, dass er jetzt in Emali sei und noch einen kleinen Breakdown gehabt habe aber bald ankommen werde. Danach war es wieder ruhig und wir hörten nichts mehr. So langsam aber sicher hatten Peter und ich fast einen Breakdown – aber einen mit unseren Nerven. Peter hatte hohen Blutdruck und hohe Zuckerwerte vor lauter Aufregung. Mein Gott: so ein teures Auto (als Occasion schon über 30‘000 Franken und jetzt hatte Peter (und ich) bestimmt nochmals 15‘000 reingesteckt) und was kann denn damit geschehen sein? Wir extrapolierten unsere Horrorszenarien: hat er das Auto über die Grenze verkauft? Hat er persönliche Probleme und jetzt sieht er keinen Ausweg mehr? Peter begann die ganze Gegend abzutelefonieren, d.h. zwischen dem letzten Ort, den Geoffrey gemeldet hatte bis nach Marere. Überall sagten die Leute, nein – ein solches Auto hätten sie nicht gesehen. Und jetzt zündete Peter noch weitere Raketen und informierte den lokalen DCC (District County Commissioner). Dieser bot an, mit seinem eigenen Auto nach Nairobi zu fahren auf der Suche nach dem Auto. Als Peter dann dem Freund von Geoffrey sagte, dass er jetzt keine andere Möglichkeit mehr sehe, als die Polizei einzuschalten erhielten wir die finale Nachricht darüber, was wirklich passiert war.

Weil anscheinend kleine Partikel im Diesel waren (siehe oben) fingen die Injectors an zu stottern. Dieses Auto ist so delikat, vielleicht mögt ihr euch an die Schlüsselgeschichte erinnern: nur alleine schon einen neuen Schlüssel zu machen ist mega kompliziert weil alles elektronisch gesteuert ist. Ich kann mir also gut vorstellen, dass diese delikaten Injektoren kein Stäubchen mögen. Geoffrey schaffte dann, das zu „flicken“ oder zu ersetzen. Als er weiterfahren wollte machte das Auto aber keinen Wank mehr und weigerte sich überhaupt noch einen Millimeter weit zu fahren. Geoffrey blieb nichts anderes übrig, als im teuren Auto zu übernachten in der Kälte (ja in gewissen Gegenden kann es saukalt sein in der Nacht) und am nächsten Tag einen Rücktransport nach Nairobi zu organisieren. Weil es ihm so peinlich war zu erzählen, was wirklich passiert war entschied er sich, gar kein Telefon mehr zu beantworten. Und Peter meinte dann noch „he really fears you“ – also mich Barbara. Ich finde Respekt ist gut aber Angst und zwar dermassen Angst, dass er sich nicht traut zu sagen, was wirklich passiert war das kann ich fast nicht fassen. Es ist aber eine VogelStraussPolitik, die ich hier oft erlebe.

Donnerstag

Am Donnerstag kamen dann bereits Bilder aus dem Spital und wie er am Tropf hing und nochmals eine mehrere Centimeter lange Entschuldigungs in WhatsApp. Ich munterte ihn per WhatsApp und telefonisch auf, sagte ihm, dass seine Gesundheit an erster Stelle sei und dass danach das Auto kommt und dass er bestimmt bald wieder genesen würde, da er ja ein junger und starker Mann sei etc. etc.

Wir waren so etwas von erleichtert, dass wir auch akzeptieren, dass er erst am Montag kommt, weil sein Sohn am Sonntag noch seinen Geburtstag feiern will. Zuerst die Gesundheit, dann die Familie und dann das Auto – oder wie ist die Reihenfolge genau?

Ruhe bewahren

Ich muss echt schon fast darüber lachen und ich hoffe, dass ich am Montag mein total blaues Kleid anziehen kann und euch Bilder vom „Beast“ in dunkelblau schicken kann. Ihr dürft weiter gespannt sein und ich bin – wie immer – gespannt auf eure Kommentare. Und trotz allem: ich stehe zu Geoffrey – es ist einer der besten Mechaniker weit und breit und hat so etwas von einem Berufsstolz und genau das hat ihm fast das Genick gebrochen und unsere Nerven ruiniert. Was einfach sensationell ist und darauf bin ich genauso auf Peter wie mich stolz: wir haben die Ruhe bewahrt und werden hoffentlich bald dafür belohnt. Und jetzt schlafen wir sogar wieder gut.

#autoskostennerven #iamnotfeelingblue

Teilen

4 Kommentare zu «Das blaue Kleid»

  1. Mit großem Interesse habe ich mir grade deine letzten 3 blogs zu Gemüte geführt liebe Barbara. Was bleibt ist ein Gefühl von tiefster Bewunderung für Dich, dass Du Dich und ja auch nicht als ganz junges Häschen 🐰 auf alle diese schwierigen Situationen einlässt und sie gemeinsam mit Deiner Liebe, Peter durchziehst.
    Voller Respekt und Hochachtung wünsche ich Dir und Euch beiden weiterhin viel Kraft und Durchhaltevermögen. Bleibt gesund. Barbara

    1. Danke Barbara. Solche Aufmunterungen helfen mir sehr durchzuhalten. Auch wenn ich theoretisch jederzeit aufhören könnte: in Wirklichkeit hängt zu vieles zusammen und wir möchten ja alle gerne Spuren im Leben hinterlassen. Auf diesen Strassen hier ist es manchmal eine echte Herausforderung. Im echten wie im übertragenen Sinn.

  2. Erna Schmidhauser

    Ich finde deine Blogs immer mega spannend! Danke dafür. Bin immer erstaunt, was du alles durchstehst und wie du das Leben in Kenia meisterst. Bei manchen deiner Beiträge muss ich sagen – ich würde nur noch schreien….!!! (Obwohl ich gegenüber jüngerer Zeiten ruhiger geworden bin)
    Ich freue mich auf die nächsten Beträge und wünsche euch alles Gute und gutes Gelingen!
    Liebe Grüsse aus dem noch (Fasnacht) ruhigen Altstätten
    Erna

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert