Wer hat jetzt einen Vogel?

Das Glück ist wie ein Vogel in deiner Hand. Wenn du die Hand geöffnet lässt, bleibt es, solange es will, wenn du sie schliesst, kannst du es zerdrücken.

Quelle unbekannt (aber bestimmt nicht aus Kenia)

Die beiden Studentinnen der Fachhochschule hier in Marere zu haben war bisher ein reines Vergnügen. Sie bringen so viel frischen Wind, sie kümmern sich um die Nachbarskinder, lehren ihnen und den Mitarbeiter:innen UNO und sind sich auch sonst für nichts zu schade. Ihre Angst vor Spinnen, Ameisen, Geckos etc. hält sich in Grenzen und da sind ja immer noch einige Männer, die sich gerne heldenhaft opfern um die Viecher zu entfernen.

Die Marere Primarschule hat schon ein bisschen Erfahrung, denn es ist ja jetzt schon das zweite Mal, dass Muzungu Teachers aus der Schweiz kommen. Auf jeden Fall hat die Zuteilung der Verantwortlichen schnell geklappt. Antonija hat eine Muslimin zugeteilt erhalten, die wohl ziemlich nach dem 08/15 Schema unterrichtet. Aber Antonija lehrt auch Physical Education und rennt in der grössten Hitze mit den Kindern auf dem Platz herum. Als Spezialprojekt bereitet sie einen Sporttag für die ganze Schule vor und anstatt Fitness lässt sie die Kinder auch mal nach der Musik via Boombox tanzen, was vollkommene Begeisterung auslöst.

Let’s dance with Madame Antonija

Für Moira ist Vanessa zuständig. Vanessa gehört quasi zu unserer Familie, da sie in Marere wohnt und mit Alex verheiratet ist. Er ist der Stiefsohn von Nelly, der Schwester von Peter. Also quasi eine Family Affair.

Am Freitag nach ihrer Ankunft wurden die beiden angehenden Primarlehrerinnen den Schüler:innen und Lehrer:innen vorgestellt. Die Zeremonie mit der kenianischen Flagge und den Gesängen und Gedicht-Vorträgen hat uns alle zu Tränen gerührt.

Am 2. Tag kam Moira ganz aufgeregt von der Schule nachhause und berichtete eine für uns Muzungus unglaubliche Geschichte:

Es war wirklich erst der zweite Tag und man überliess Moira bereits eine Klasse mausbeinalleine. Und eine Klasse sind hier nicht einfach 20 Kinder sondern mindestens 80. Sie verstehen ein bisschen Englisch aber nie so wie es notwendig wäre für eine optimale Kommunikation. Moira ist eine toughe junge Frau und sie war überzeugt, dass sie das auch allein schaffen würde. Die Lehrerin musste an ein Seminar nach Ganze. Wäre Moira nicht hier gewesen hätte man wahrscheinlich die Klasse einfach alleine hocken gelassen. Aber Moira lehrte die Kids Englisch bis in einer Ecke irgendeine Aufregung los war. Sie fragte nach und es wurde nur gelacht und sie machte mit der Stunde weiter. Aber das Gekicher hörte nicht auf uns so ging Moira auf das Dreiergrüppchen zu und fragte nach, was da so lustig sei. Ein Mädchen hatte irgendetwas in ihrer Uniformtasche und Moira bat sie das herauszugeben. Wahrscheinlich bereute sie diesen Wunsch gleich wieder, denn was sie sah schockierte sie zutiefst: das Mädchen legte einen nackten Vogel aufs Pult.

Symbolbild… wie es in meinem Kopf entstanden ist…

Er piepste erbärmlich vor sich hin und brach damit Moira fast das Herz. Jetzt waren Fragen angesagt: woher kommt dieser Vogel? Das Mädchen antwortete, es habe ihn auf dem Schulweg gefangen. Damit er nicht davon fliegen könne, habe es ihm die Federn ausgerissen. Nach einem Schweizer Tierschutzherz, war das alleine schon eine grosse Tortur. Auf die zweite Frage: was es denn damit machen möchte meinte das Kind lakonisch: am Mittag essen!

Moira wusste kaum, wie reagieren aber sie meldete es dann doch einer anderen Lehrerin und das Mädchen wurde dann vor den Schulleiter zitiert. 

Als mir Moira das erzählte wusste ich nicht, ob ich mit dem armen Vogel Mitleid haben sollte oder mit dem Mädchen, das vielleicht nicht genug zu essen hatte und somit auf einen Vogel zurückgreifen musste. Aber ich hatte auch Mitleid mit Moira, weil sie überhaupt erst in eine solch unangenehme Situation gebracht wurde.

Zum Glück sass John auch in meinem Büro und als wir uns alle ein bisschen beruhigt hatten und die Geschichte auf Schweizerdeutsch ausdiskutiert hatten kam mir die Idee, ihn als Kenianer zu befragen, was er dazu meinte.

Als wir nur schon den ersten Teil erzählten begann er zu lachen und wusste bereits, dass sie den Vogel für ein verbessertes Mittagessen behalten wollte. Das langweilige Ugali kann schon ein bisschen Aufpeppen durch einen grillierten Vogel brauchen Und dann kamen von John Erzählung davon, wie er als Kind mit Freunden Vögel gefangen habe und Fallen gemacht habe auf die für uns schrecklichste Weise mit klebrigem Harz etc. – ich erspare euch die Details. Aber wenn man bedenkt, dass hier schon die jüngsten Kinder Hühner töten und rupfen dann ist es fast ein bisschen begreiflich, dass das lebendige Rupfen eines kleinen Vogels ganz harmlos erscheint. Verglichen mit unseren Tierschutzregeln ist es vollkommen absurd aber wir konnten unsere Konversation nur mit dem Spruch „Andere Länder, andere Sitten“ beschliessen.

Mich hielt es dann nicht davon ab, Vanessa zu sagen, dass ich es verantwortungslos finde, dass man eine Studentin am 2. Tag bereits vollkommen alleine lässt. Das beflügelte sie dann an allen weiteren Tage lautstark dafür zu sorgen, dass alle Lehrer in ihre Klassen gehen und nicht einfach rumhängen, wie sie das normalerweise machen würden. In einem gewissen Sinn haben wir also alle gegenseitig etwas zum kulturellen Verständnis beigetragen.

Die Schülerin wurde zwar zurechtgewiesen wegen dieses Zwischenfalls. Aber nicht, weil sie einen Vogel zum zMittag braten wollte sondern weil sie ihn in der Tasche hatte und damit den Unterricht störte…

Die Geschichte werden wir wohl alle nicht so schnell vergessen und bei uns ist sie schon fast zu einem running Gag geworden… Wir wollten Kulturaustausch – wir haben ihn gekriegt.

#savethebird 

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2 Kommentare zu «Wer hat jetzt einen Vogel?»

  1. 😉die Geschichte erinnert mich an einen Schulbesuch in den Bergen bei Luang Prabang in Laos vor etwa 12 Jahren, der Inhalt der Schultasche eines Jungen bestand u.a. aus gefangenen (essbaren) Fröschen, wie er glaubhaft versicherte…

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