Dreiste Lehrer

Bei uns arbeitet Dominic und kümmert sich um den Garten und ist quasi unser „Facility Manager“. Er ist nicht gerade der Schnellste aber der Langfädigste, wenn er eine Geschichte erzählt. Er nimmt also alles ein bisschen pole pole, schraubt auch mal ein Brett auf der falschen Seite an und spielt nicht mehr so gerne UNO weil er meistens verliert.

Als ich an Weihnachten merkte, dass seine Motivation auf einem Nullpunkt war fragte ich bei ihm nach, was denn sein Traumberuf wäre. Das ist hier immer eine schwierige Frage, denn meistens sind sich die Leute nicht gewohnt, dass sie einfach mal «fantasieren» können und meistens sagen sie etwas, das schon ihre Vorfahren gemacht haben. Aber ich wollte wissen, was ihn mehr motivieren würde als Gartenarbeit. Er zeigte mir eine kleine Mauer, die er gemacht hatte und er meinte, dass er gerne besser lernen würde wie man mauert. Aber ihm jetzt eine ganze Ausbildung zu finanzieren ist auch etwas übertrieben und in seinem Alter erhält er auch keine Stipendien mehr. Aber er meinte dann auch, dass er sehr gerne Schmuck herstellen und verkaufen würde. Das wäre etwas, das er sehr gerne machen würde. Er habe auch den letzten Studentinnen Masken aus Baobab Holz geschnitzt – leider seien sie aber nicht ganz fertig geworden, weil ihm gewisses Material gefehlt habe. Ich war erstaunt über seine Passion. Davon hatte ich nichts gewusst und ich fand es spannend, weil ich ihm das nie zugetraut hätte. Ich fragte, ob er Beispiele von seinem Handwerk habe und er brachte am nächsten Tag ein paar Beispiele mit. Ich musste mich zusammenreissen, dass ich nicht lachte, aber was er mir zeigte war nicht besser als das, was ein Zweitklässler in (unserer) Schule produzieren würde. Ein paar aufgereihte Perlen – sonst nichts. Aber lassen wir mal offen, ob er sich noch entfalten könnte – einmal mehr war meine Erwartung grösser als das Resultat. Ich stellte mir schon wunderschönes Beadwork vor in meinem Kopf. Aber ich erhielt dann eine Foto von diesen Masken von den letztjährigen Studentinnen und fand das doch noch ganz originell. Vielleicht gibt es da sogar ein bisschen eine Ähnlichkeit mit Dominic. Auch in der Hühneraufzucht ist er innovativ und macht einiges für seine Chicks.

Dies aber nur als Einleitung zu Dominic, der mich zwar etwas Nerven und viel Zeit kostet, der aber auch sehr lieb und umsichtig ist und mir auch mal zum Zvieri ein paar gebratene Maiskolben bringt. Und seit Moses endlich zu seinem angestammten Beruf als Fischer zurückgekehrt ist zeigt sich Dominic auch viel einsatzfreudiger. Es ist niemand mehr da, der ihm sagt: du musst nicht allzu viel arbeiten – du kriegst dein Geld auf jeden Fall…

Dieser besagte Dominic hat auch mindestens 8 Kinder und eines davon geht in Vyambani in die Sekundarschule. Eines Morgens war er auf dem Feld tätig und hatte sein Telefon eingesteckt zum Aufladen. Er war also quasi nicht erreichbar.

In dieser Zeit wurde seine Tochter von zwei Lehrern ins Lehrerzimmer gerufen und ausgequetscht wer denn ihr Vater sei und wo er arbeite und wer die Mutter sei und ob sie die Telefonnummern haben können. Als sie hörten, dass Dominic bei Peter Shehe, aka MCA of Jaribuni Ward arbeite dachten sie wohl, dass da Geld zu holen sei. Sie entliessen die Tochter wieder in den Unterricht. Dann riefen sie die Mutter an und sagten ihr, dass ihre Tochter beim Fussballspielen das Bein gebrochen habe und sie mit ihr ins Kilifi Spital fahren mussten. Sie müsse sofort KES 12‘000 senden für die Operation. Das sind doch immerhin etwa CHF 100 und mehr als zweimal soviel wie Dominic in einem Monat verdient.

Die Mutter war ausser sich und versuchte Dominic zu erreichen. Dessen Telefon war aber ausser Betrieb. Als Juliana, die Reinigungsfrau, die aus demselben Dorf stammt nachhause kam hörte sie von dem Unfall. Sie nahm ein Piki Piki und kam sofort nach Marere zurück und informierte Dominic, der natürlich aus allen Wolken fiel und Angst um sein Kind hatte. Er rannte sofort zu Peter, erzählte die Geschichte und bat um das Geld. Peter sagte ihm, dass er ihm höchsten KES 5000 vorschiessen kann, da er selber auch knapp bei Kasse ist und das seinem Lohn entspricht.

Dominic nahm das Geld und fuhr aus Dank zuerst Juliana wieder ins gemeinsame Dorf zurück anstatt auf direktem Weg nach Kilifi zu fahren. Das zeigte sich dann als Glück im Unglück. Auf der Strasse kam nämlich seine Tochter dahergelaufen – ohne gebrochenes Bein und vollkommen unversehrt. Auf die Frage, weshalb sie gehen könne meinte sie nur: ich hatte kein Problem, ich habe nicht einmal Fussball gespielt. Und dann erzählte sie die Geschichte von den Lehrern, die sie ausgequetscht hatten.

Peter wurde natürlich gebeten, sich darum zu kümmern. Zum Glück hatte man die Telefonnummern der beiden Lehrer. Peter riet Dominic zusammen mit der Tochter zur Polizei zu gehen und einen Rapport auszufüllen. Zusätzlich wurde noch der Bildungsbeauftragte von Jaribuni informiert und wir können nur hoffen, dass diese beiden Lehrer an einen anderen Ort versetzt werden. Was die sich überlegt haben und ob sie das vielleicht auch bei anderen Schüler:innen schon versucht hatten – das ist definitiv kriminelle Energie und wenn ich höre, dass die Ärmsten der Ärmsten ausgebeutet werden dann werde ich wirklich sackhässig. Der Vorfall ist jetzt schon ein paar Tage her aber ich glaube kaum, dass bereits etwas unternommen wurde.

Ich stellte mir vor, wie Dominic im Kilifi Spital umherirrt, seine Tochter sucht und nirgends findet und dann schon voller Panik glaubt, dass sie vielleicht gestorben sein könnte und alle Beerdigungshäuser in Kilifi abklappert. So weit ist es zum Glück nicht gekommen und wir sind hier alle froh, dass am Ende nichts passiert ist und auch niemand Geld abkassieren konnte. Leider vermute ich auch, dass das nicht gross weiterverfolgt wird. Ich erzähle die Geschichte hier genügend Menschen, so dass ähnliche Dinge nicht mehr vorkommen. Sehr dreist so etwas!

#dreistelehrer #dominic

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