It’s raining again

Ich habe es kommen sehen: dieses Weekend wird anstrengend. Peter hatte mir schon bei der Ankunft gesagt, dass er an der „Graduation party“ eines Freundes teilnehmen werde in Kaloleni, das ist gar nicht so weit von Marere entfernt. Endlich mal etwas Freudiges dachte ich mir und trug es in die Agenda ein. Zwei Tage vorher rief der DCC (District County Commissioner) an. Er wurde wieder nach Marsabit an die Nähe der somalischen Grenzen versetzt. Er war nur etwas über ein Jahr hier und Peter und er verstanden sich super. Er hat sich an den schwierigen Kaumas zwar auch fast die Zähne ausgebissen (also ähnlich wie ich es tue) aber die beiden haben sich immer in die Hände gespielt, auch wenn es z.B. um das Verteilen von Essen für die Bedürftigen ging. Also ich denke, er wird mit einem lachenden und einem weinenden Auge gehen. Klar ist: seine Farewell Party ist ebenfalls am Samstag. Oups, das wird schwierig, aber Peter meint, dass er das schon managen kann und an beiden Events seine Präsenz zeigen kann. Wäre da nicht noch ein kleiner Anruf vom County Government gewesen. Am Samstag ist der Internationale Tag der Co-Operatives (sogar gemäss Unesco…) https://www.un.org/en/observances/cooperatives-day und der liebe Peter ist ja der Vorsitzende der Kommission für Tourism, Trade and Co-Operatives.Also ist seine Präsenz mehr als gewünscht, ja sie wird sogar verlangt und der Governor wünscht, dass er dort auftaucht. Jetzt wird es langsam eng mit der Agenda und könnt ihr euch noch erinnern, an welchen Tagen jeweils die Beerdigungen sind in Kauma? Ganz genau: am Samstag! Ich hatte die eine ja schon seit 2 Nächten miterlebt, da ich deshalb auch kaum Schlaf gefunden habe.

Ach ja und dann haben die Ältesten der Kaumas auch noch entschieden, dass man ein Ritual machen muss weil es Vollmond ist und man sonst wieder einen ganzen Monat warten muss damit. Ja irgendwie geht das alles nicht auf. So langsam aber sicher annulliert Peter einem Termin am anderen, aber am Co-Operative Day gibt es nichts zu rütteln und so fahren wir dort hin. Ich kann es nicht verkneifen: mir kommt immer wieder das Lied von meiner Freundin Jacqueline Schlegel in den Sinn, wo sie eine perfekte Sommerparty besingt mit so einem bescheuerten Spiel mit Eiern, aber eben: dann kommt der Regen. Feschte

Und geregnet hat es in den letzten Wochen übermässig viel. Das ist zwar gut für den Mais und der gedeiht überall in Hülle und Fülle, aber es kann dann auch mal zu viel sein, vor allem wenn gerade Sackhüpfen und Flaschentransportieren (und andere bescheuerte Spiele – siehe oben) zur Belustigung der Leute angesagt sind und alle flach in den Dreck fallen. Das alles passiert zeitgleich mit dem St –Galler OpenAir, wo das ja auch zum Programm gehört (also nicht unbedingt das Sackhüpfen aber der Schlamm)… Aber mir tun die Leute jetzt doch ein bisschen leid, die sich da im Dreck suhlen und trotzdem noch ihre Aktrobatik-Nummern zum Besten geben. Der Governor hat wohl auch ein ähnliches Programm wie Peter und hat die Deputy Gouverneurin abbeordert.

Das ist etwas undankbar für sie, denn es wünschen sich halt schon alle den Boss – aber da sie aus dieser Gegend stammt war es eine sinnvolle Entscheidung. Doch das Ganze dauert dermassen lange mit Gedichten, komischen Liedvorträgen, Akrobatik-Nummern, Speeches, dass wir das Weite suchen ohne dass Peter eine Ansprache gehalten hat und selbst die Vize-Gouverneurin macht es auch so. Wir fahren retour Richtung Marere und Peter glaubt, dass wir wohl nur an eine der Beerdigungen gehen werden… Der Weg dorthin ist schon ziemlich glitschig und ohne 4×4 wäre er wohl gar nicht zu bewältigen gewesen. Ich werde aufgefordert im Auto zu bleiben, was mich nicht stört, denn der ganze Untergrund ist ein Riesenmatsch und ich habe keine Lust mich da drin Fangopackung-mässig auszutoben. Der eine Nachteil im geparkten Auto zu sein ist, dass ich direkt an den Kopf der Kuh schauen muss, die jetzt wohl im Pilau gelandet ist. Sorry für das Bild aber ihr wollt es ja authentisch.

Der zweite Nachteil: es kommt einer nach dem anderen an das Autofenster und erklärt mir, dass er mit Peter verwandt ist und dass er daher auch mein Bruder ist und dass ich ihn bald mal besuchen kommen soll. Das alles mit einer riesen Mnazi-Fahne. Mnazi fliesst in Strömen – etwa genau so wie der Regen. Das hält allerdings einige Ladies nicht davon ab, ihre schönsten Schuhe zu präsentieren und mit weissen Kleidern aufzufahren. Eine Beerdigung ist ja weit mehr als das zu Grabe tragen des Toten: es ist ein Event, eine Brautschau, ein Festessen, eine Disco – genau die war ja auch zu hören in den letzten Nächten. Bald scheint alles vorbei zu sein, der Wagen, der den Toten geliefert hat macht sich auf den Rückweg. Leider ist Peter immer noch nicht in Sicht: er wird von Brüdern, Cousins, Wähler:innen und allen möglichen anderen Interessierten belagert. Ich kann ihn zwar einen kurzen Moment im Rückspiegel sehen aber wusch… dann ist er wieder verschwunden.

Leider, denn dieser Kleinbus steckt jetzt im Schlamm fest und blockiert unsere Ausfahrt. Es muss zuerst ein 4×4 Wagen organisiert werden, der ein Seil montiert und versucht, das Büssli rauszureissen. Mehr schlecht als recht. Unser Kollege – ebenfalls mit 4×4 – hat ebenfalls grosse Mühe da rauszukommen und wir müssen wohl oder übel warten, bis die Bahn frei ist. Selbst unser Riesenauto kommt an die Grenze aber der Fahrer Victor macht es souverän. Peter hat den Nachteil, dass er noch kurz vorher aus dem Auto ausgestiegen ist und wir können nun wirklich nicht mehr anhalten. In der Zwischenzeit sind übrigens noch mindestens 4 Frauen mit mindestens 3 Kindern ins Auto eingestiegen, die den Marsch zu Fuss gescheut haben – verständlicherweise und Peter hat immer ein Ohr für die Bedürftigen – selbst wenn es ums Mitfahren im Auto geht. Wenn die eine nur nicht so nach Mottenkugeln riechen würde. Mir wird fast schlecht auch wenn sich meine olfaktorischen Ansprüche hier auf einem Minimum halten.

Beim DCC kommen wir also mit 2 Stunden Verspätung an, aber noch genug früh um salbungsvolle Worte an ihn zu richten und ein feines Pilau zu schmausen. Das war ein richtiger Dreck-Samstag und ich bin einfach froh, dass wir Elektrizität haben und ich warm duschen kann. Ich gebe zu, ich habe Peter immer belächelt, weil er einen Durchlauferhitzer wollte – jetzt bin ich echt selber froh und geniesse anschliessend einen ganz gewöhnlichen Filmabend eingekuschelt vor dem TV.

#letitrain #toomuchrain

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