Wie läuft denn das College?

Ja diese Frage ist eine einfache, nur die Antwort ist sehr komplex.

Ich habe mir auch schon überlegt, darüber gar nicht zu bloggen. Vielleicht verscherze ich es ja mit einigen Sponsorinnen und Sponsoren. Aber ich kann nicht damit leben, dass ich etwas vorgaukle, was gar nicht ist. Mir ist es lieber, ihr liest hier mit und sieht, mit was für Herausforderungen wir hier zu kämpfen haben als dass ich euch eine heile Welt mit schönen Bilder vorgaukle und ihr eines Tages die Wahrheit erfährt und hört, dass es einfach nicht klappt mit unserer Idee von Unterstützung. Solche NGOs gibt es genügend. Ich war schon immer dagegen, dass man mit grossen Kinderaugen um Mitleid bittet. Ihr erlebt mit mir das echte Kenia-Leben in Jaribuni. Also kriegt ihr lieben Blogleser:innen 1:1 mit, womit wir hier zu kämpfen haben und erfährt, was unsere Herausforderungen sind. Ich hatte zugegebenermassen schon einige schlaflose Nächte deshalb. Aber ich bin ein mutiger Mensch und so verstecke ich mich nicht vor oder hinter den Problemen und beschreibe auch, dass das Leben hier eben nicht Hakuna Matata ist.

Ich habe in der ersten Woche seit ich hier bin einfach mal zugehört. Alle, die sich trauten (you know: we fear you… oder you know my English is not good enough) sind zu mir gekommen und haben geklagt: über dies und jenes. Über Gossip hinter dem Rücken, über fehlende Qualifikationen von gewissen Lehrer:innen, über Schüler:innen, die zuhause entweder gerade Mais pflanzen müssen und daher keine Zeit für Schule haben oder Schülerinnen, die geheiratet haben und daher jetzt zuhause bleiben. Über Schüler:innen, die zu den Lehrer:innen sagen: gibt mir die Notizen von dem was du gesagt hast, ich kann nicht schreiben! Ich höre geduldig zu aber ich werde dann doch hässig (etwa so hässig wie es der DCC, der jetzt wieder versetzt wird oft wurde – siehe letzter Blog): hässig über die Kaumas – die Gruppe der Mijikendas, die hier in Jaribuni lebt und für die Peter das Leben in der Schweiz verlassen hat. Ich muss leider verallgemeinern und es gibt ganz klar auch wenige Ausnahmen: aber die Mehrheit ist sich allzu stark gewohnt, dass es Handouts gibt, dass man ihnen Essen bringt kurz bevor sie verhungern und dass man ihren Kindern die Ausbildungen bezahlt.

Hauptsache verheiratet

Das Hauptaugenmerk der Ladies scheint zu sein, einen Ehemann zu finden, Kinder zu produzieren und zuhause Ugali zu kochen. Ich kriege fast die Krise und bete schon fast mantramässig herunter: Wenn du jetzt 20 bist und vielleicht 60 Jahre alt wirst: möchtest du dann 40 Jahre lang zuhause sitzen, Babies machen für die du zuwenig zu Essen hast und dahocken und warten bis dein Leben vorbei ist? Ich weiss: ich kann bei weitem nicht dieselben Ansprüche anwenden, die wir in der Schweiz haben, ja ich kann nicht einmal dieselben Ansprüche anwenden, die ich sonst an Kenianer:innen hätte. Ich kann mich auch noch erinnern, dass ich auf meiner Karriereleiter eigene Mitarbeiter:innen überfordert habe, weil ich wollte, dass alle nach mehr streben – bis ich merkte, dass das nicht immer so erstrebenswert ist. Das sind Lektionen, die mich das Leben gelehrt hat. Also weiss ich auch, dass wir Muzungus manchmal auch zu viel wollen. Aber irgendeine Zukunftsidee, vielleicht sogar eine Vision, oder mindestens ein Wunsch zu einer gewissen Selbstständigkeit, einer minimalen Unabhängigkeit wäre doch schon erstrebenswert. Es scheint aber bei den meisten nicht so zu sein und so dümpeln viele einfach vor sich hin. Wenn sie sich aber nicht verändern wollen, dann werden sie von Leuten aus anderen Gegenden von Kenia überholt und sie bleiben wortwörtlich auf der Strecke. Dennn es gibt sie: die geschäftstüchtigen, die motivierten, diejenigen, die nach mehr Freiheit und Unabhängigkeit streben. Einfach nicht bei den Kaumas.

Am Ende mit meinem Latein

Ich rede mir den Mund fusselig und bin manchmal auch ziemlich am Ende mit meinem Latein (das ich ja sowieso nie gelernt habe). Selbst die hoch motivierte Lehrerin Priscila, die Life Skills (das sind Fächer wie Kommunikation, Unternehmertum, Geschäftssinn) lehrt, ist frustriert: wenn null Eigenmotivation da ist und sie auf die Frage nach der Eigenmotivation sogar zu ihr sagen: „Das geht dich nichts an“ dann kommen wir tatsächlich beide an den „Anschlag“… Wir beschliessen, dass wir Strategien austüfteln müssen, wie wir das verändern werden – aber eine Lösung habe ich (noch) nicht in der Tasche oder im Ärmel.

Vorbilder sind gefragt

Also kümmern wir uns mal um die Lernenden, die wir noch hier haben und die nicht gerade zuhause am Mais pflanzen sind. Es zeigt sich, was sich auch in meinem Leben als Schülerin und als „Lehrerin“ immer wieder gezeigt hat: wenn du ein Vorbild bist, dann ziehen die Jungen nach. Die meisten unserer Lehrer:innen sind so top motiviert und ihre Unterrichtsstunden sind voller Engagement und Enthusiasmus. Es ist herrlich, ihnen zuzuhören. Sie gehen mit den Schüler:innen nach Hause wenn es Probleme gibt oder wenn etwas nicht verstanden wird und sie kümmern sich mit echter Empathie um das Wohlbefinden von allen. Aber eben: nur die meisten. Über andere gibt es Klagen. Den ICT Lehrer mussten wir schicken, weil er mitten im Unterricht auch mal rausging um Banghi (Marihuana) zu rauchen und dann stinkend wieder in den Unterricht kam und irgend etwas unterrichtete. Er hatte auch überhaupt kein Verständnis, als Peter einen finanziellen Engpass hatte. Peter finanziert mit seinem kleinen Einkommen und seiner noch kleineren AHV die Lehrerlöhne. Wenn aber der Staat seinen Lohn nicht zahlt, dann müssen sich halt alle gedulden. Das war für unseren Kiffer nicht möglich und er hat dem Principal bis zu 50x pro Abend angerufen und null Verständnis gezeigt. Er war ja bereits an der „2. Chance“ und die hat er jetzt aufgebraucht. Zum Glück konnten wir einen Ersatz aus der Region finden. Vor zwei Jahren wollte Benjamin schon als Lehrer bei uns anfangen aber er hatte nichts vorzuweisen: jetzt hat er selbstständig und online diverse Kurse absolviert und erfolgreich abgeschlossen: also – geht doch! Solche Vorbilder brauchen die Jungen hier. Für eine solche Person bin ich dann auch bereit, die Prüfungsgebühr zu bezahlen, damit er das offizielle Zertifikat erhält um weiterhin lehren zu können.

Keine Identität

An unserer Marathon Lehrersitzung kamen dann auch noch einige andere Probleme auf den Tisch: die meisten Leute meinen immer noch, dass sie die Ausbildung hier kostenlos kriegen und wir sind einem neuen Problem auf die Spur gekommen. Wenn du auf die Welt kommst muss ein Birth Certificate ausgestellt werden. Das haben aber nicht alle. Wenn du fragst: „Wann bist du geboren?“ ist die Antwort: „Au, ich muss meine Mutter fragen.“ Das ergibt dann aber später noch andere Probleme: Wenn du 18 wirst, dann musst du eine ID machen lassen – sonst existierst du für den kenianischen Staat quasi gar nicht und kriegst weder Subventionen noch kannst du eine Prüfung absolvieren. Über die Häflte unserer Student:innen hat also nicht einmal eine ID und obwohl unsere Nählehrerin ein Unterstützungsprogramm  von der Pwani University akquirieren konnte profitieren jetzt nur 29 anstatt 50 Schüler:innen davon, denn die anderen haben alle keine ID und auch das Geld nicht dafür eine ID machen zu lassen – geschweige denn, für das College zu bezahlen… Peter hat aber schon Massnahmen eingeleitet für die ID – er wird jemanden vom «Einwohneramt» organisieren, der nach Marere kommt. Somit muss wirklich nur noch das Birth Certificate gezeigt werden und die ID wird hier vor Ort erstellt. Schön, wenn wir einander gegenseitig unterstützen können und wir durch Peter diese Vorteile geniessen können. Die Aktion hat natürlich ihren Preis, denn sie müssen zu dritt kommen: einer, der die Foto macht, einer der die Informationen aufnimmt und einer, der sie in den Laptop tippt. Und die brauchen ja dann auch alle noch ein «Mittagessen» und Benzin für den Transport. Aber an solche Kleinigkeiten habe ich mich schon gewöhnt.

Aber auch wenn es für gewisse Themen eine Lösung gibt: manchmal ist der Problemberg einfach sehr gross. Mir wird plötzlich wortwörtlich trümmlig ob den vielen Problemen – ich merke dann später, dass mein Blutdruck eher im Keller ist weil ich neue Medis erhalten habe und mich gar nicht gewohnt bin, mit einem normalen Blutdruck durchs Leben zu gehen. Immerhin ist er nicht raufgegangen, was angesichts der Umstände fast erstaunlich ist.

Kein Geld für die Prüfung

Das nächste Problem ist dann, dass sie zwar bei uns die Ausbildung quasi gratis absolvieren aber bis Ende Juli müssen sie sich für die Prüfungen, die im Dezember stattfinden, angemeldet haben. Ihr ahnt es schon: auch eine solche Prüfung kostet. Momentan sind es KES 5000 (umgerechnet etwa CHF 40 pro Person). Und manche sagen auch ganz lakonisch: „Wozu brauche ich überhaupt eine Prüfung? Ich kann ja versuchen, auch ohne Zertifikat einen Job zu suchen.“ Aaaaahhhhhh @##¦!!! Würde ich Fingernägel kauen: ich hätte keine mehr!

Wir gehen Schritt für Schritt weiter, wir meistern jeden Tag und hoffen, dass die Mentalität sich verändern wird, wenn die Kaumas sehen, dass plötzlich Leute von weiter weg hierher kommen und eine erfolgreiche Ausbildung abschliessen, was jetzt bereits der Fall ist. Ich kann es mir schon vorstellen: dann werden die Kaumas sagen: immer nehmen uns die anderen die Ausbildungsplätze weg – aber ich kenne jetzt die Hintergründe besser und werde auch eine entsprechende Antwort parat haben.

Impressionen vom College

Team Building für die Lehrer:innen

Unser Lehrer:innenteam war auch schon motivierter und ich muss wohl versuchen, ein paar Team-Building Strategien einzuführen. Wer dafür Ideen hat: sie sind willkommen. Gerne per Mail oder WhatsApp. Also, meine lieben Personalentwickler:innen Freundinnen und Freunde – schickt mir bitte Anleitungen und Ideen, die auch hier funktionieren könnten. Mit dem Material, das wir hier haben (und ich meine das für die Menschen wie für die Lernmaterialen…) Ich habe schon an gemeinsames Kochen, Spiele, Singen etc. gedacht aber wie gesagt: je mehr Ideen, desto besser.

Bitte unterstützt uns weiterhin

Ich habe mich ja schon im letzten Dezember entschlossen, nicht aufzugeben, mich aktiv reinzuknien und so lange es immer wieder Lichtblicke am Horizont gibt bleibe ich dran. Mein persönlicher Horizont ist: Ende 2024. Wenn wir dann immer noch gleich weit sind, dann werde ich offiziell deklarieren, dass sich jetzt jemand anderes darum kümmern muss… In diesem Sinn: danke für alle Unterstützung, die ich bisher erhalten habe: sie motiviert, sie treibt an und sie ist eine Wertschätzung für die Arbeit, die wir hier vor Ort leisten. Eure Spenden werden direkt eingesetzt und es ist auf jeden Fall ein Beitrag an die Weiterentwicklung. Wir konnten jetzt durch unsere Spendenaktion «Marere College» schon einiges an Material finanzieren, das für die Ausbildungen gebraucht wird und als nächstes planen wir, mindestens zwei neue Klassenzimmer zu bauen, damit wir die Sanitärler und die Mechaniker nicht wortwörtlich im Regen stehen lassen müssen. Erste Angebote, die Bausteine selber herzustellen sind schon eingetroffen – das wird viel Geld sparen, damit bald unter Dach gelernt werden kann. Und so kommt es mir vor: Stein für Stein bauen wir an der Zukunft der Jugend von Kauma. Und auch wenn das Bild jetzt ein bisschen düster aussieht: es werden wieder Lichtblicke kommen, wir werden wieder von irgendwoher Hilfe kriegen – darüber bin ich mir ganz sicher.

Ich habe einen neuen Ausdruck kennengelernt: Akili ni mali – und den werde ich jetzt vermehrt verwenden! Wortwörtlich übersetzt heisst er so viel wie „Mind is Wealth“ oder „Geist ist Reichtum“ aber er bedeutet viel mehr „Knowledge is Power“ bzw. „Wissen ist Macht“ und ich breche es noch etwas runter unter übersetze frei und ein bisschen weniger anspruchsvoll: Glücklich sind die, die selbstständig denken können“. Damit wäre ich momentan schon zufrieden.

#motivationsschub #prioritätenimleben #wissenistmacht #akilinimali

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2 Kommentare zu «Wie läuft denn das College?»

  1. Liebe Barbara
    Danke für deine Arbeit, deine Ehrlichkeit und Motivation weiter zu machen mit solch grossen Widrigkeiten. Das ist wahrlich Mut und glauben an die Vision für die Zukunft. Grossartig! ❤️

    1. Danke Peter – wenn wir aufgeben, wer gibt diesen jungen Menschen dann eine Chance? Nach meiner heutigen Computereinführungslektion (das kennst du ja gut) habe ich wieder so viel Freude an den strahlenden Augen meiner Teilnehmern gehabt. Das kompensiert wirklich für Vieles.

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