Wenn du glaubst, es geht nicht mehr

Den Rückmeldungen auf meinen letzten Blog über das Marere College waren für mich tatsächlich Balsam für die Seele und ein richtiger Mutmacher um dranzubleiben. Danke dafür. Als Bloggerin ist es nämlich auch wichtig zu wissen: meine Zeilen werden gelesen und ich erreiche die Menschen mit meinen Geschichten, mit meinen Zweifeln, mit meinen Freuden. Und zum Glück habe ich heute mehr Freudiges als Negatives zu berichten.

JOY bringt Freude

Wie bereits erwähnt hat unsere Nählehrerin den Kontakt zu einer Organisation herstellen können, die sich JOY Pwani Hub nennt. Wer ganz genau hinter JOY steckt habe ich zwar noch nicht herausgefunden – es scheint eine Cooperation zwischen Businessleuten, der Uni und einem NGO zu sein – aber momentan stört mich das auch nicht, denn ich bin einfach froh, dass wir die Unterstützung kriegen. Es gibt allerdings schon ein paar Bedingungen: alle müssen Uniformen von JOY tragen. Die Frauen einen Rock (den sie natürlich hier am Marere College herstellen) und die Männer ein Hemd, das auch hier geschneidert wird.

Lunch für alle

Dazu kommt, dass sie ein Mittagessen kriegen müssen – zum Glück haben wir einen Koch. Hier gibt es dann aber doch auch schon einen weitere Herausforderung: zusätzlich zu den von JOY gesponsorten Student:innen haben wir ja auch noch einen „Restposten“ von Schüler:innen, die bereits hier waren. Die erhalten aber das Essensprogramm nicht einfach kostenlos sondern müssten dafür KES 800 pro Monat bezahlen (nicht ganz CHF 6). Da sie aber nicht einmal für die Schule bezahlen können, wie sollen sie denn das Geld dafür aufbringen? Man stelle sich jetzt mal vor, dass die JOY Studierenden ein Mittagessen kriegen und die restlichen müssten ihnen beim Essen zuschauen. Wäre einfach nicht fair, einverstanden? Also haben wir entschieden: es gibt ab jetzt Lunch für alle. Also beim Wort Lunch muss man sich nicht allzu viel vorstellen: etwas Reis mit Bohnen muss ausreichen, denn KES 800 geteilt durch 20 Wochentage = KES 40 (nicht einmal 30 Rappen pro Tag). Als sehr typisches kenianisches Beispiel von „Nichtplanung“: Der Koch hatte den Auftrag, für die Student:innen zu kochen am nächsten Tag, was er auch pflichtbewusst machte. Als alles schon gekocht war kam dann die grosse Frage: wie soll denn das gegessen werden? Wir haben ja gar keine Teller. Also los geht’s: ins nächste Dorf fahren mit dem Piki-Piki und schnell 70 Teller organisieren. Das sind denn so Sachen, die bei mir unter „Unvorhergesehenes“ auf dem Budget stehen und inzwischen habe ich auch noch 100 Löffel gekauft… Ich wurde schon ganz nervös, denn es wartete doch eine ganze Meute an jungen Menschen, die Hunger hatten aber die blieben alle ganz cool und warteten und warteten. Und danach waren sie überglücklich, etwas Warmes zu essen zu kriegen. Beim Morgenbriefing mussten wir übrigens auch darauf hinweisen, dass alle pünktlich erscheinen müssen und es nicht gehe, dass man erst aufs Mittagessen kommen kann und sich dann einfach einreihen kann mit dem Teller. Solchen Dingen schaffen wir natürlich auch mit einer Klassenliste und der Unterschrift jeder einzelnen Schülerin und jedes einzelnen Schülers.

Deadline 10 Uhr

Nachdem Peter die Klage gehört hatte mit den fehlenden Identitätskarten startete er einerseits das Organisieren der Beamten fürs Ausstellen ebendieser. Er startete aber auch eine Rekrutierungsinitiative per Telefon. Das bedeutet, dass er alle Eltern anrief, die Kinder im College Alter haben. Er liess sie wissen, dass jetzt die Chance für eine kostenlose 3-monatige Ausbildung geboten würde und dass die Kids einfach mit der ID erscheinen sollen am nächsten Tag. Die Aktion läuft bis 10.00 Uhr und danach ist Anmeldeschluss. Wenn du jetzt denkst: was soll denn das bringen, dann schau dir mal diese Foto an:

Am nächsten Morgen standen 52 neue Schüler:innen auf der Matte und entschieden sich für eine Ausbildung bei uns. Auf die Frage, was sie denn lernen möchten gab es ein paar Ratlose, ein paar die sofort wussten was sie wollten und dann auch noch ein paar, die einfach das lernen möchten, was auch die Freundin oder der Freund lernt. Dass diese Entscheidung einen Einfluss auf ihre Zukunft haben könnte, das war etwas zu komplex für sie und wir mussten es ihnen ein paar Mal erklären.

Gremien und Gremien

Und siehe da: am Mittwoch hatten wir über 50 neue Studierende und sie wurden in den College-Alltag integriert. Und was für Kenia auch ganz typisch ist: es mussten jetzt auch unbedingt Gremien gebildet werden: pro Departement einen Klassensprecher, eine Klassensprecherin. Dann eine Präsidentin/einen Präsidenten der gesamten Schülerschaft und ebenfalls einen Vice-Präsidenten… Für die Freizeitaktivitäten (Achtung, da kommt noch was auf uns zu…) braucht es einen Vertreter oder eine Vertreterin und (genau du hast es schon begriffen) eine/n Vice! Bei der Auswahl aller dieser Ämter muss unbedingt darauf geachtet werden, dass die Anzahl von Frauen und Männer ausgeglichen ist. Gender equality ist hier definitiv kein Fremdwort.

Ich dachte, dass so viele Student:innen in ein Chaos ausarten würden – das war aber überhaupt nicht der Fall. Alle Neuen hatten sogar einen Block und etwas zu schreiben dabei. Unsere Kuhglocke wurde sofort zur Schulglocke umfunktioniert und es herrschte eine richtig positive Aufregung.

In den ersten Tagen haben wir eine Erhebung gemacht um herauszufinden,  wer welche Interessen hat an Freizeitaktivitäten. Das Resultat: die meisten sind an Fussball interessiert (zum Glück haben wir unsere Fussballsammelaktion gestartet in der Schweiz. Mit CHF 30 kannst du einen in Kenia hergestellten Ball sponsoren – näheres auf unserer Website www.proganze.com…). Ziemlich viele an Modern und Traditional Dance, einige wenige an Singen, zwei an Piano spielen, eine Person am Trommeln und einige werden sich noch zur Karate Klasse gesellen, die bereits durch unseren Lehrer Mr. Moses geleitet wird und sehr beliebt ist. Dann wird mir auch noch gemeldet, dass es drei Personen hat, die so „schöne“ Teppiche herstellen können (ich kriege schon fast Ausschläge als sie mir diese präsentieren, denn ich stelle mir vor was da alles drin kreucht und fleucht… ich frage, weshalb der eine Teppich denn nass sei und man erklärt mir, weil da gerade Muttermilch darauf ausgeleert wurde (wahrscheinlich gechötzlet)… ok das erklärt vielleicht auch den Geruch…) Ich überlege mir, was ich denn zu bieten hätte. Stricken? Häkeln? Schmuck herstellen? Singen? Yoga? Und natürlich: Computerwissen!

ICT für Anfänger

Doch bevor ich mit meinen Überlegungen am Ende bin kommt Benjamin, der ICT Lehrer, auf mich zu: könntest du die neuen 4 Studis übernehmen und mit ihnen eine Einführung in die Informatik geben? Vorsichtig frage ich zurück: um welche Zeit? Da es 10.30 – 12.30  ist erkläre ich mich einverstanden für die nächsten zwei Tage diese Funktion zu übernehmen. Und so sitze ich am nächsten Tag mit vier erwartungsvollen jungen Männern in meinem Büro und gebe eine Einführung in die Informatik. Zum Glück habe ich das gerade kürzlich für ein paar Mitarbeiter:innen von uns persönlich gemacht und habe noch ein paar Notizen und sogar noch ein paar PowerPoint Slides aus 2021 mit denen ich ihnen die Welt der Informatik näher bringen kann. Und sie staunen und sie haben ein Leuchten in den Augen, das mich wieder richtig in meiner Idee bekräftigt, hier wirklich etwas verändern zu können.

Meine Studenten lernen alles über das Keyboard und die Maus

Die vier sind zwischen 20 und 22 Jahre alt, sie haben alle die Primarschule und auch die Sekundarschule besucht und nur einer der 4 hat überhaupt schon einmal einen Computer gesehen, aber noch nie mit einem gearbeitet. Innerlich nerve ich mich gerade ein bisschen über die gescheiten Politiker, die von flächendeckendem Computerprogramm in allen Schulen blabla-en! Die Situation in Kenia sieht so aus wie hier beschrieben. In der heutigen Zeit ausgebildet aber null Ahnung von einem Computer. Ja klar: man kann jetzt sagen, dass das nicht das Wichtigste ist im Leben. Es ist aber so, dass bei jeder Jobsuche Computerkenntnisse vorausgesetzt werden und ich finde ja auch, dass ein Berufsleben ohne Computer kaum denkbar ist. Wir sind jetzt aber noch ganz am Anfang und ich erkläre heute erst mal die Tasten auf dem Keyboard und wie man Grossbuchstaben schreibt, schaut wo der Cursor blinkt und was ALT / CTRL und alle diese neuen Begriffe bedeuten. Und dann erkläre ich natürlich auch noch die wichtigste Taste und philosophiere innerlich für mich, dass es diese Taste manchmal auch im Leben geben sollte: Wenn es nicht mehr weitergeht, dann drücke einfach ESC und alle Probleme sind gelöst.

Einige Probleme gelöst

Für uns hier am Marere College sind mindestens ein paar sehr grosse Probleme gelöst: wir kriegen etwas Geld (auch wenn es kein riesengrosser Betrag ist) für die JOY Studierenden. Alle haben etwas zu Essen, die Lehrer:innen können ihr Wissen weitergeben und mit den zwei Fussbällen wird am Freitagnachmittag bestimmt viel Freude beim Spielen entstehen.

Sentimental am 6.7.

Ich bin gerade etwas sentimental, weil nämlich am 6. Juli der Geburtstag meiner 1992 verstorbenen Schwester ist und weil ich sie manchmal auch nach über dreissig Jahren ganz arg vermisse. Vielleicht kommt mir auch daher der Spruch meiner Grossmutter in den Sinn: wenn du glaubst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her… Und jetzt kam gerade ein grosses Licht nach Marere. Danke dafür – wer auch immer es gesendet hat! Vielleicht kam es ja von meiner Schwester Simone und meiner Grossmutter Frieda, zwei starke Frauen die auch zu meiner Stärke beigetragen haben.

#lichtblick #marerecollege

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6 Kommentare zu «Wenn du glaubst, es geht nicht mehr»

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