Highway to hell

Ich packe wieder einmal ein heikles Thema an. Heikel, weil es ein religiöses ist und die Leute hier zum Teil wirklich blind gläubig sind. Ich habe bestimmt schon in meinen Blogs berichtet davon, dass manchmal Leute hierher kommen um das Haus von Peter, das College von bösen Geistern zu befreien und einen guten Spirit zu bringen. Ich bin da immer recht skeptisch. Ich weiss zwar, dass es Leute gibt, die „mehr können als andere“ und ich selber denke auch, dass ich gewisse Fähigkeiten besitze, die ich durch Gott, durch eine Höhere Macht, durch eine Spirituelle Verbindung (egal, wie man es nennen möchte) erhalten habe. Ich bin auch der Kirche gegenüber sehr offen eingestellt. Es käme mir nie in den Sinn, aus der Kirche auszutreten, auch wenn ich nicht immer mit allem einverstanden bin. Aber gerade in meinem Schweizer Wohnort Rorschach finde ich, dass es ganz viele vernünftige Leute hat, die mitwirken und dass sie sehr viel Gutes für die Gemeinschaft tun und dabei sogar sehr offen bleiben.

Ich selber habe ja auch viel in Richtung Religion gelernt in einem 2-jährigen Theologiekurs und eine Ausbildung zur Laienpredigerin gemacht im Kanton Thurgau. Ich weiss also einiges und ich verstehe vieles aber es gibt einfach Dinge, die gehen mir zu weit.

In Zungen reden

Dazu gehört einerseits das „Reden in Zungen“. Wenn du es noch nie erlebt hast, dann kannst du es dir kaum vorstellen und musst es mal googlen. Ich hatte es vor vielen vielen Jahren in der Schweiz erlebt als ich einen Mitarbeiter am Sonntag in die Kirche begleitet habe. Damals standen am Eingang viele Menschen, die eben das machten „in Zungen reden“. Es klingt wie ein sehr schnelles „babbeln“ in unverständlichen Worten. Ab und zu hört man wieder mal „im Namen von Jesus, Gottes Sohn, Halleluja, praise his name“ etc. aber ansonsten sind es unverständliche Worte. Ich weiss, dass das Teil der Pfingstmissions-Kirchen ist aber es gibt noch viele andere Freikirchen, die das ebenfalls praktizieren. Hier in Kenia habe ich es schon oft gesehen, denn die „Pentecoastal“ Kirche ist hier sehr verbreitet. Mir war das immer zu viel aber man muss es einfach akzeptieren – genau so wie die Verstärkeranlagen, die sie in jeder Kirche einsetzen und bei denen ich Oropax brauche. Also ich verurteile es nicht, aber ich fühle mich dabei nicht richtig wohl.

Exorzismus

Was dann aber noch obendrauf ist, das ist die Teufelsaustreibung – oder in einem etwas gepflegterem Wort der Exorzismus, der ja auch in der katholischen Geschichte bekannt ist. Und eben das wurde ja bei uns im Marere auch schon gemacht bis ich geschworen habe, dass das nicht mehr passiert auf unserem Gelände. Oups, ich musste meinen Schwur brechen.

Als man mir hier am Marere College das Wochenprogramm erklärt hat sah ich, dass man unter der Woche nach 15.00 Uhr spielt und Freizeitaktivitäten durchführen kann. Am Donnerstag stand CU auf dem Stundenplan. Das steht für Christian Union. Die Lehrer:innen und Schüler:innen haben gefragt, ob sie das machen können. So quasi eine „Bibelstunde“ für Freiwillige. Da war ich natürlich gespannt, was da abgeht und so sass ich um 15.00 Uhr brav bereit auf meinem Plastikstuhl (von denen wir 50 neue besorgen mussten, weil wir plötzlich so viele Schüler:innen haben).

Das ist die Musik, die mich berührt

Es begann für mich völlig unerwartet – nämlich mit Singen. Oh mein Gott, dieser afrikanische Gesang bewegt mich einfach immer wieder. Ich kann nichts dagegen tun: mir laufen einfach die Tränen runter und ich bin total berührt. Bestimmt auch, weil wir wirklich eine harte Zeit hatten hier mit dem College in den letzten Wochen und weil es jetzt ganz danach aussieht, dass bessere Zeiten kommen werden. Aber auch weil es einfach so schön ist und weil ich die Selbstorganisation der Crew bewundere. Eine Lehrerin ist die „Pfarrerin“ und unsere Allerweltshilfskraft Mbuche entpuppt sich ebenfalls zur Laienpredigerin und animiert die ganze Runde. Das bringt mich zwar etwas zum Schmunzeln aber das ist ja noch alles gut. Auch bei den „Testimonials“ bin ich dabei und teile den Versammelten (immer noch zu Tränen gerührt) mit, dass ich Gott dafür danke, dass er eine Lösung für das College gegeben hat und er neue Schüler:innen geschickt hat. So weit so gut. Wir singen noch weiter, jemand spielt die Trommel und alles ist ziemlich Friede, Freude, Eierkuchen und alle sind freiwillig hier. Die Musik reisst mit und animiert einige zum Tanzen:

Jetzt wird schon sehr aktiv getanzt

Auch das „in Zungen reden“ lasse ich vorbeiziehen. Ich bin etwas erstaunt, wie lange alles dauert. Ich dachte, das werde eine ½ Stunde bis maximal 1 Stunde dauern. Wir sind jetzt aber schon bei 1 ½ Stunden… Und jetzt kommt genau das, was ich nie wieder im Marere Community Center sehen wollte: sie beginnen, den Teufel auszutreiben. Wer sich «besessen» fühlt kommt nach vorne und ihm oder ihr wird die Hand aufgelegt und es passiert quasi eine Heilung. Alles noch im grünen Bereich, das macht man z.B. im Bernbiet sogar in der reformierten Kirche. Aber bei Sandra muss es wohl grosse Probleme geben. Sie beginnt sich zu schütteln, fällt auf den Boden. Sofort werden alle Stühle zusammengestellt und entfernt und jetzt beginnt die grosse „Show“. Sie rollt sich, stösst Schreie aus. Um ihr kleines Kind kümmert sich jemand anderes aber mir geht natürlich durch den Kopf, dass das ein Kind doch auch traumatisieren muss, wenn es seine Mutter sieht, die sich am Boden windet und schreit. Man bindet ihr die Beine zusammen, die Hände und dann kommt die Pfarrerin (ich sehe sie immer noch als Lehrerin für Beauty Therapy und Hairdressing, sorry da kann ich den Switch nicht machen) und legt ihr Hand auf, betet, weint selber, ist völlig am Rande der Erschöpfung und irgendwann ist der Spuck dann vorbei und man betet noch eine Runde und singt ein letztes Lied aber mir ist jetzt nicht mehr so zum Singen zumute. Ich habe es laufen lassen, weil das anscheinend hier dazu gehört und ich das ganze nicht unterbrechen wollte – nicht, dass der Teufel dann noch in mich rüberkommen wäre… – aber ich mache mir schon Gedanken, wie ich das stoppen könnte. Ich erkundige mich bei einigen Leuten, die auch religiös sind und diejenigen, die auch in der Pentecoastal Kirche sind finden es ziemlich normal, denn sie erleben es ja jeden Sonntag. Aber ein paar finden auch, dass das mit dem Exorzismus wirklich zu weit geht. Zudem war es ja wirklich nicht vorgesehen, dass man hier einen vollen Gottesdienst durchführt.

Keine Highway to hell

Ich spreche mit Peter darüber und ihm passt das natürlich auch gar nicht. Vor allem – und da bringt er noch einen Punkt rein, den ich verdrängt hatte – weil es ja in den letzten Monaten hier ein ganz dunkles Kapitel mit einer Freikirche gab. Ganz abseits im Busch geschah eine Riesenkatatsrophe. Der Pastor befahl seinen Mitgliedern, dass sie fasten sollen bis sie Jesus begegnen und so starben mehrere Hundert Menschen an einem qualvollen Hungertod. Einige wurde wahrscheinlich noch zu Tode geschlagen, wie die Untersuchungen herausgefunden haben. Das Ganze ist jetzt unter dem Namen „Shakahola-Desaster“ bekannt und hat sogar dazu geführt, dass der hochgelobte Pastor Ezekiel – der in Jaribuni seine gigantische Kirchenstadt gebaut hat – sogar auch noch ins Gefängnis musste. Er wurde allerdings wieder freigelassen aber ich selber traue ihm auch nicht über den Weg. Er ist mir einfach zu mächtig mit seinen 50‘000 Kirchenbesucher:innen pro Sonntag aus ganz Kenia. Ich frage Peter, weshalb er bisher noch nichts unternommen habe und er meinte nur: ich hörte letzten Donnerstag, dass sie loslegen und habe mich in meine Wohnung verkrochen. So löst man natürlich auch keine Probleme aber ich kann ihn auch ein bisschen verstehen – manchmal wird der Berg so gross, dass man geneigt ist ein bisschen Vogel Strauss zu machen – geht mir selber manchmal auch so. Ich habe den Stier aber bei den Hörnern gepackt und weiss jetzt wirklich wovon ich spreche, denn ich war dabei.

Man stelle sich nur mal vor ein Schüler erzählt herum, dass am Marere College jetzt auch noch Teufelsaustreibungen gemacht werden. Holy Shit – das wäre jetzt wirklich noch genau das, was wir brauchen könnten. Mit dem Principal habe ich dann am nächsten Tag gesprochen und auch er fand, dass das wirklich too much war, und dass er das ab sofort unterbinden würde.

Ouff –  das war wirklich ein Tag mit einem Wechselbad der Gefühle und trotzdem bleibt die gute Erinnerung an das berührt sein durch die Musik. Ich muss meinen Traum von einem Chor unbedingt verwirklichen hier in Kenia – wer weiss, vielleicht wird er im Marere College wahr. Ich könnte es mir gut Vorstellung. Knocking on Heaven’s door aber bitte keine Highway to hell!

P.S. Ich habe Videoaufnahmen von den Details aber ich werde mich hüten, diese zu publizieren…

#marerechoir #knockingonheavensdoor

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1 Kommentar zu «Highway to hell»

  1. Wie heisst es so schön:
    «Wehrt den Anfängen!»
    Ich finde, alles was «extrem» ist, ist eigentlich krank.
    Die Selbst-Darstellungen und «Show» machen, liegt ja vielen Menschen im Blut. Ich bevorzuge die Besinnung auf mich selbst und nicht auf «pseudo und psycho» Ablenkung von aussen. (Meine Meinung). Ganz einverstanden mit dir: das gehört definitiv nicht an eine seriöse Schule.

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