Die grosse Homecoming Party

Ich habe gerade Geschichte erlebt! Unglaublich, was ich hier erfahren durfte. Es hat Peter und mich in den letzten Tagen sehr beschäftigt und ich berichte mit grosser Freude und ausführlich darüber. Ausführlich, weil es nicht einfach ein „lustiges Episödchen“ aus meinem kenianischen Leben ist sondern weil es ein echter Moment der Geschichte der Mijikenda ist. Und ihr wisst: ich bin nicht diejenige, die sich grossartig für Geschichte interessiert. Ich weiss, manche von euch können das kaum fassen aber es ist nun Mal so. Ich habe vielseitige Interessen aber Geschichte gehörte (bisher) nicht wirklich dazu und ich finde auch, dass die Menschheit viel zu wenig aus der Geschichte gelernt hat. Aber vielleicht hat sie ja gerade deshalb eine grosse Wichtigkeit.

Keine Kulturelle Aneignung

Und eine kleine Warnung zu Beginn dieser Story. Es wird in der Schweiz viel über kulturelle Aneignung gesprochen und es gibt sicher Leute, die finden, dass man mich auch dafür „anklagen“ könnte, wenn ich in den traditionellen Kleidern der Mijikenda bei den Ritualen mitmache. Aber glaubt mir: ich heisse hier nicht Mama Kaya für nichts. Von Anfang an, d.h. seit der Salbung von Peter in 2013 war ich mitten drin und wurde hier auch nie wie eine Aussenseiterin behandelt. Es gibt natürlich Dinge, die eingehalten werden müssen. So muss ich als Nicht-Mijikenda von einem kleinen Mädchen begleitet werden, wenn ich in das Innere der Kaya (Heilige Stätte) gehe. Dieses Mal wurde Velma, die Tochter unseres Fahrers dafür auserkoren. Sie brüllte zwar nicht, als man sie auf meinen Schoss setzte aber bei Mbuche war es ihr dann doch sichtlich wohler. Es muss für mich auch eine Ziege geschlachtet werden aber ansonsten gibt es keinerlei Probleme: ich werde als eine von ihnen akzeptiert und nie ausgeschlossen oder schräg angeschaut. Weil ich einen blauen Hando (zeremonieller Faltenjupe) trage gehöre ich gewissermassen zu den „Mgangas“, den spirituellen Heilerinnen. Das ist für mich mit meinem Hintergrund tatsächlich eine echte Ehre.

Die Vorbereitungen haben es in sich

Peter hat also vorinformiert, dass am Mittwoch, 12. Juli ein grosses Ereignis bevorsteht: es werden nämlich Artefakte an die Kaya Kauma retourniert, die vor Jahren dort gestohlen wurden und in Museen gelandet sind. Unglaublich, dachte ich, das klingt wirklich nach einem historischen Moment aber bis ich dann alle Fakten zusammen hatte dauerte es noch eine ganze Weile. Weil Peter ja der Sprecher der Kaya Mijikenda ist musste er auch helfen, einiges zu organisieren. So sind wir nach Mombasa gefahren um das ganz spezielle Räuchermaterial zu besorgen (gleich 4 Kilo davon) – es heisst hier Ubani. Dann mussten auch über 20 Meter von verschiedenen Stoffen gekauft werden, denn in die Kaya hinein kommt man ja nur mit den Kleidern der Mijikendas. Das gilt auch für Offizielle und einfach für alle, die die Kaya betreten. Manchmal reicht einfach das umwickeln der aktuellen Kleider aber besser ist es schon, wenn man wirklich in voller Montur und natürlich ohne Schuhe die Kaya betritt. Das war ja damals mit der Blick-Crew bei Peter’s Einweihung auch so – ich erinnere mich noch gut an die Fotos.

Unsere Mbuche war also beschäftigt mit waschen, flicken und es kamen ein paar Frauen, die auch meine Kleider parat machten. Sie fanden, dass ich noch zuwenig Schmuck habe und so musste Peter zusätzliche Perlen organisieren, damit sie mir Armbänder und Kopfschmuck herstellen konnten. Dazwischen wurde mein Hando über einen Holzstock geschlagen, bis die Falten wieder perfekt waren. Das Ganze dauerte einen ganzen Nachmittag und als die beiden Frauen zurück kamen rochen sie ziemlich verdächtig nach Mnazi (Palmwein) und Peter erklärte mir dann, dass man diesen Schmuck nur herstellen könne, wenn man dazu auch was zu trinken hat. Ich schmunzle und ertrage die Ausdünstung.

Am Tag selber stehen wir in Vollmontur vor unserer Wohnung und jetzt sind natürlich die College Studentinnen und Studenten interessiert: Was passiert da, warum tragen sie diese Kleider und der Schülervertreter bittet uns, eine kurze Erklärung abzugeben. Das macht Peter sehr gerne und da die meisten Jungen keine Ahnung von diesen Traditionen haben erklärt er in aller Ruhe, was es mit den verschiedenen Farben der Kleider auf sich hat und was die Bedeutung des Stabes, des Hockers etc. ist. Für einmal wird umgekehrt fotografiert. Die Schüler:nnen zücken ihre Handys und fotografieren und sie sind so herzig: in ihren Augen spiegelt sich ein unglaublicher Stolz und sie sind dankbar für diese Geschichtslektion.

Über den Anlass selber könnte ich echt ein separates Buch schreiben aber ich versuche, mich aufs Wesentliche zu beschränken – dies auch nachdem ich selber noch recherchiert habe und jetzt auch den Hintergrund zu dieser Repatriierung der Artefakte kenne. Es geht um die sogenannten Vigango (Einzahl Kikango). Wenn man das mit unseren Totenritualen vergleicht so haben wir nichts Ähnliches in der christlichen Kultur. Ein Grabstein bei uns hat einfach die Bedeutung, dass man weiss, wer wo bestattet wurde und vielleicht hat er auch noch einen religiösen Spruch oder einen Hinweis auf den Toten oder die Tote. Aber nehmen wir mal an, ein Grabstein würde gestohlen, dann wäre das zwar nicht ethisch und sehr verletzend, aber es hätte nicht einen direkten Einfluss auf unser weiteres Leben oder auf den Verstorbenen selber. Anders bei den Vigango. Diese sind quasi die Inkarnation der Toten in den Kayas. Der Spirit der Verstorbenen ist da drin und diese ein bis zwei Meter hohen Holzstatuen wurden in den Kayas wie eine Familie aufgestellt (Familienaufstellung einmal anders..).

So sehen die Vigango aus der Nähe aus

Möchtest du, dass deine wertvollste Erinnerung in einer Wohnung steht?

In den 70-er Jahren musste ein Galerist aus Kalifornien sein Business etwas aufpeppen und er stiess auf die Vigango bei den Mijikenda. Wie er genau zu denen gekommen ist lässt sich nicht mehr genau herausfinden, da seine Aussage und die Aussage der „Bestohlenen“ auseinandergehen. Auf jeden Fall wurden die Vigango entweder für ein Butterbrot oder ganz gratis in die USA und teilweise auch in europäische Galerien verschachert. Dort pries der rührige Galerist vor allem Hollywood-Grössen an, die sie dann als „Kunst“ oder Deko-Objekte in ihren Villen aufstellten.

Gene Hackman und Linda Evans gehörten beispielsweise auch dazu. Als sie derer überdrüssig wurden machten sie Spenden an Museen, damit sie die Beträge – so ein Vigango ist heute gut und gerne USD 200’000 wert – von den Steuern abziehen konnten. Stell dir mal vor, du hättest so ein Objekt, dass dir unendlich viel Wert ist, sei es etwas Religiöses oder einfach ein Objekt, das bei dir von unschätzbarem Wert ist. Wie würdest du dich fühlen, wenn man es dann irgend in einer Galerie als „Art Commodity“, wie man das heute nennt gehandelt würde und dann in irgendeiner Wohnung oder einem Museum landet, wo es die ganze Welt anschauen kann?

Gibt es bald ein neues Museum – oder ein Kulturzentrum?

Das Museum, das diese Woche die Vigango in die Kaya Kauma zurückgebracht hat, ist das Denver Museum of Nature and Science, die den Senior Curator Steve Nash damit beauftragt haben. Dieser Steve Nash bemüht sich schon seit Jahren, die Vigango zurückzugeben aber auch er hatte mit diversen Hürden zu kämpfen. Klar mit Korruption aber auch noch mit Einfuhrtaxen von fast USD 50‘000, die das Museum bestimmt nicht bezahlen wollte und auch nicht konnte. So lagen die Vigango mehrere Jahre in einem Zoll in den USA. Aber es ergaben sich sehr viele tolle Zufälle und Treffen und dass der Tag jetzt bevorstand, wo er die Vigango persönlich den rechtmässigen Besitzern zurückgeben konnte, das war für Steve auch ein sehr bewegender Moment. Denn die Frage ist ja nicht nur, ob man solche Artefakte zurückgibt, sondern auch wo sie dann schlussendlich hingehen und landen. Optimalerweise an den Ort des Ursprungs. Aber was, wenn dort niemand auf sie aufpassen kann, oder wenn sie dann von dort wieder gestohlen würden?

Aber an der grossen Zeremonie hier in der Kaya sind Versprechungen gemacht worden, dass man sich über den Bau eines kleinen Museums oder einer Kulturstätte Gedanken machen wird und ihr könnte sicher sein: Peter und ich werden da ganz an der Spitze aktiv sein, denn uns beiden ist es ein Anliegen, dass die Mijikenda zu ihren Rechten kommen, die ihnen lange verwehrt wurden. Zudem soll auch weltweit bekannt werden: in Kenia gibt es nicht nur die Maasai sondern eben auch noch andere Stämme, die genau so viel Kulturgut anzubieten haben. Gerade die Touristen, die sich an der Küste sonnen wären bestimmt interessiert daran, Ausflüge mit einem solchen Hintergrund zu machen.

Eine Zeremonie mit Hühnerhautdusche

Die Zermonie selber war einfach gigantisch und ich kriege ein paar Tage danach immer noch Hühnerhaut oder wie meine Freundin Ingeborg es nennt: minutenlange Hühnerhautentzündung.

Peter war quasi der Zeremonienmeister und wusste, was zu tun war.  Zuerst mussten sich alle mit einer Art Wasser mit Blättern einreiben, dann wurden überall Räuchertöpfe aufgestellt und es wurde getanzt. Dann kamen die Vigango an – lustigerweise in einem Matatu (Kleinbus) mit der Aufschrift von Bob Marley – er hätte sich bestimmt auch darüber gefreut.

Weil es sich ja um eine Art „Tote“ in Holzform handelte bei den Vigango wurden sie auch mit Bahren von der Strasse bis zur Kaya getragen. Das natürlich begleitet mit Gesängen im Call und Response Verfahren. Ihr wisst es ja: da bin ich richtig gut drin und es fragen sich alle, wie ich das mache, aber mit Gefühl und Sprachtalent gelingt es mir, da einfach mitzusingen. Dass ich bei der sengenden Hitze und in meinen Flip Flops etwas leiden musste habe ich schon lange wieder vergessen. „Moto sana“ war mein Lieblingsspruch: „Sehr heiss“ und dann wischte ich mir die Schweissperlen von der Stirne.

Zum Glück wird Regen positiv bewertet

Die Bahren wollten nicht so recht, weil sie teilweise nass geworden waren am Tag zuvor. Der ganze Tross musste ein paar Mal innehalten und ausruhen – ich glaube, die Dinger sind auch ziemlich schwer, denn sie sind aus einem Hartholz, das termitenresistent ist. Die Einheimischen deuteten das so, dass nicht alle Vigango zurück zur Kaya Kauma kommen wollten und das stimmte auch, denn nicht alle Vigango kamen aus dieser Kaya. Weil so viele Offizielle und Ausländer:innen erwartet wurde entschied man sich, den ganzen Anlass etwas ausserhalb des innersten Kerns zu machen, denn ansonsten hätten ja alle die Mijikenda Kleider tragen müssen, barfuss hineingehen müssen und das war bei dem aufkommenden Regen nicht für alle gewünscht oder möglich. Zudem hätte man keinen Lautsprecher verwenden dürfen und bei einem so grossen Aufmarsch war das halt notwendig. Es wurden diverse Musik- und Tanzgruppen eingeladen und dann trafen sie alle ein: der Governor, die Verantwortlichen der Departemente Kultur, Tourismus, Umwelt etc.. Und zwar nicht nur die aus Kilifi sondern auch die aus Nairobi. Dann natürlich die ganze amerikanische Delegation mit etwa 15 Leuten. Ihr könnt euch vorstellen, dass auch das Reden halten entsprechend lange wurde aber dieses Mal machte es mir gar nichts aus, denn es war für mich so spannend und – ich weiss ich wiederhole mich – ein echt historischer Moment. Der Regen wurde inzwischen so stark, dass ab und zu alles unterbrochen werden musste, aber der Regen ist ja hier ein grosser Segen und so sprach man es natürlich auch der Rückkehr der Vigango zu, dass der Regen ein gutes Omen ist. Alle mit weissen Turnschuhen oder anderen teuren Schühlein fanden es wahrscheinlich nicht so toll aber es gab kein Entrinnen: es musste getanzt und fotografiert werden, Selfies geschossen und Adressen ausgetauscht werden. Alle, die schon in Kenia waren kennen das wahrscheinlich sehr gut. Aber es lag in der Luft: heute ist ein ganz spezieller Tag und als die Vigango dann ausgepackt wurden kam schon der erste Hühnerhautmoment. Nach über 50 Jahren sind die gestohlenen Toten wieder zurückgekehrt. Das liess niemanden unberührt. Die Ansprachen von Steve Nash und einer anderen Dame, deren Namen ich mir leider nicht gemerkt habe, liessen einfach die Tränen in meine Augen schiessen – ich konnte gar nicht anders. Sie sagte, dass sie als Afrikanische Amerikanerin besonders berührt sei und dass sie nur an drei Worte gedacht habe, als sie gebeten wurde zu sprechen: WE ARE SORRY. Und besonders, weil sie in den Gesichtern der Menschen hier ihre eigenen Urgrossväter und –mütter sehe und sie deshalb persönlich von viel Freude erfüllt sei, weil sie diesen grossen Akt mitbestimmen konnte. Peter sprach ebenfalls direkt die Amerikaner:innen an (mit einem Speech, den ich für ihn vorbereitet hatte und wir gemeinsam am Vorabend noch geübt hatten) und war ganz stolz darauf, dass er seinen Beitrag ebenfalls leisten konnte.

Ich interessiere mich ab sofort für Geschichte

Ab sofort interessiert mich Geschichte – auf jeden Fall die Geschichte der Vigango und der Mijikenda und es ist mir wirklich eine echte Ehre, hier ebenfalls mitgewirkt zu haben. Oft kamen mir dann auch Gedanken über meine eigene Familie. Wie wir auf drei Kontinenten verteilt sind, wie momentan Colombe in der Schweiz ist, aber ich in Afrika mit Amerikanern, die Artefakte an Kenianer retournieren und es wird mir so bewusst, wie wir doch alle miteinander zusammen hängen. Schön, dass es Menschen gibt wie diese Museumsverantwortlichen, denen grösstes Interesse es ist, fair zu sein und diese Artefakte nicht als Kunstgegenstände handeln zu wollen sondern eben genau das machen, was sich gehört: sie an die rechtmässigen Besitzer zu retournieren und dabei ein sehr gutes Gefühl zu haben und den Menschen ein gutes Gefühl zurück zu geben.

Mein Homecoming war rutschig

Der Rückweg zum Auto war ziemlich abenteuerlich, denn es hatte ja in Strömen geregnet und ich musste meine Flip Flops ausziehen, da ich sonst keinen Meter weit gekommen wäre. Barfuss stapfte ich also durch den Dreck über den mindestens zwei Kilometer langen Weg retour, gehalten von meinen Gehilfinnen, die auch dabei gewesen waren. Einmal bin ich ausgeruscht aber wirklich nur ausgerutscht. Oben angekommen empfand ich meinen Namen „Mama Kaya“ als sehr treffend und ich hatte einen solchen Adrenalinschub, dass ich weder Schmerzen noch Müdigkeit verspürte. Ich wollte einfach nach Hause, eine warme Dusche nehmen und dann einen ruhigen Abend verbringen und die Ereignisse verarbeiten. Was für ein Erlebnis, was für ein besonderer Moment in meinem Leben. Und das gemeinsam mit dem Mann erleben zu können, den ich über alles liebe, das war eine regelrechte Erfüllung.

Ich habe einen Video zusammengestellt, denn auch der Sound gehört dazu. An diesem Anlass wurden Lieder gesungen, die man sonst nie zu hören bekommt. Etwas ungewohnt für unsere Ohren – ich habe mich bereits daran gewöhnt.

Video über die Homecoming Party

Schön, wenn ich euch auch ein bisschen davon in die Schweiz und in andere Länder bringen konnte, in denen mein Beitrag gelesen wird. Es wird wieder andere Stories geben und so ist halt mein Blog: ganz nahe dran am Leben und so abwechslungsreich wie das Leben selbst.

Hör dir den Blog auf Schweizerdeutsch an:

Listen to the blog in English:

#repatriierung #vigangokayakauma #homecoming

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