Patriotische Gefühle

Wann ich die glorreiche Idee hatte, den Schweizer Nationalfeiertag zu zelebrieren weiss ich auch nicht mehr so genau. Peter sollte auf jeden Fall später noch eifersüchtig werden, dass nicht ER die Idee zuerst hatte. Aber ich hatte noch etwas Deko-Material in meinem Vorrat, da ich ja letztes Jahr mit meinen Freundinnen am Lake Nakuru die Frühstückstische dekoriert hatte auf unserer Safari. Ich war schon immer ein Fan von 1. August-Feiern und durfte auch mal in Arbon eine Ansprache halten. Die Idee mit einem 1. August in Marere geisterte also schon in meinem Kopf rum und ich dachte mir, wir könnten doch am Morgen einen Input über die Schweiz machen, so quasi unter „Social Skills“ und dann würde ich etwas Schweizerisches zum Essen in Auftrag geben oder auch selber machen. Wir hatten schon mit den Lehrern und mit dem Koch eine grosse Diskussion weil die Schüler:innen ja bereits bei Githeri (eine kenianische Speisen mit Mais und Bohnen) schnäderfrässig getan hatten, weil sie hier nur Ugali kennen. Allerdings nur bis ihnen Peter sagte, dass sie auch nachhause gehen können zum Essen und dass es durchaus keine Verpflichtung sei im College zu essen… Aber trotzdem meinte Mohammed, der Koch, dass man wahrscheinlich schon noch etwas Ugali dazu geben sollte. Also ich war nicht wirklich damit einverstanden und Peter sprach dann das Machtwort: entweder essen sie, was auf den Tisch kommt oder sie lassen es sein. Irgendwie erinnerte mich das an meinen Vater. Er war ja auch 25 Jahre im Militär und konnte manchmal solche Aussagen treffen. Und das Militärkochbuch half mir dann auch, meine Idee von Ghackets & Hörnli und Öpfelmues umzusetzen. Das war übrigens das Lieblingsmenüs meines Onkels Roland, der ein absoluter Spitzenkoch war und mehrere Kocholympiaden gewonnen hatte. Wenn sein Mutter fragte, was er essen möchte, dann war es immer dieses Gericht. Und ich wusste, dass meine Freundin Helene jeweils mit den Zeitfrauen rechte grosse Portionen davon kocht für den Stand am Arboner Wochenmarkt. Sie gab  mir dann auch eine Mengenangabe für 70 Personen und via eine Freundin, die gerade in einem Lager gekocht hatte, erhielt ich dann genau die richtigen Angaben für 100 Personen gemäss Kochbuch der Schweizer Armee.

In der Zwischenzeit hatte ich herausgefunden, dass das College ja bereits am Freitag vor dem 1. August schliesst und somit die Schüler:innen gar nicht präsent sein werden. Das fand ich irgendwie schade, denn ich wollte ihnen ja auch meine Kultur näher bringen. Und seit neustem haben wir ja auch eine Tanzgruppe – die hätte ich schon noch gerne in Action gesehen, bevor sie dann einen Monat Sommerferien haben und ich sie gar nicht mehr sehen werde… Also hatte ich die Idee mit einer offiziellen Einladung, so quasi R.S.V.P. Nur wer angemeldet ist darf kommen – die sollen sich nur mal an so etwas gewöhnen. Ich kriegte also zuerst mal eine Liste mit 64 Schüler:innen, dann noch fast alle Lehrer:innen und es tröpfelten dann immer mehr und mehr ein. Ich selber lud auch ein paar Freunde ein und obwohl es an einem Dienstag war, sagten doch einige zu. Da ich auch ein paar Politiker:innen eingeladen hatte hoffte ich natürlich, dass die dann nicht mit ihren Bodyguards und der ganzen Entourage anrauschen würden. Ich wollte ja auch keine Ansprachen, wie das sonst so üblich ist und ich musste Peter auch davon abhalten, dass er noch eine Ziege spendierte. Das hätte alles noch viel mehr Arbeit gegeben und ich wollte eben einen typisch schweizerischen Anlass machen. Der Zufall wollte, dass ich erst grad kürzlich mit Schweizer Freunden wieder Kontakt hatte, nach einer langen Zeit der Funkstille und sie waren grad zeitgleich in Watamu in den Ferien – das ist gar nicht so weit von Marere entfernt. Sie kamen also mit ihren zwei coolen Kids ebenfalls an das Fest. Insgesamt kam ich dann auf die stolze Zahl von 109 Gästen, die sich definitiv angemeldet hatten. Ich habe auf die Einladung auch geschrieben, dass „Latecomers“ nicht willkommen seien, denn grad bei den Schüler:innen wollte ich ja nicht, dass sie nur zum Essen kommen. Der Dresscode war rot/weiss (what else). Zwei meiner Freundinnen hatten sich bereit erklärt für eine Zoom Session. Corinne Staub, die das Landleben im Thurgau zeigte zusammen mit ihrem Mann und Katzen und Hunden. Und meine Freundin Karin Ettlinger, die wunderbar singen kann, hat anerboten die Nationalhymne zu singen und ihr 76-jähriger Papi das Akkordeon zu spielen.

Die Planung begann natürlich schon ein paar Tage vorher, denn auf dem Rezept stand: 20 Kilo Äpfel. Die sind nicht besonders billig hier und meine Marktfrau bot an, sie aus Mombasa direkt zu bestellen – also eine ganze Kiste, denn sonst verkaufen die sich per Stück. Ein paar Teller, Gabeln, 12 kg Gehacktes, weisse und rote Bänder, Alkohol, Sodas, neue Gläser (die alten sind immer zerschlagen, bis ich wieder komme…), 10 Rüeblicakes (habe herausgefunden, dass die im Naivas spottbillig und fein sind und seither mache ich sie nicht mehr selber) und eine rot/weisse Red Velvet Torte wurden bestellt.

Da wir 12 kg Fleisch nicht in den Kühlschrank bringen haben wir bereits am Vorabend mit kochen begonnen und das Schälen der Äpfel war ein Gemeinschaftswerk. (später meinte dann Anita lakonisch: was du schälst die Äpfel für Apfelmus? Das muss man doch nicht) und ich musste eingestehen, dass ich das erste Mal im Leben Apfelmus gemacht habe). Alle am runden Tisch inkl. Peter und wir haben sehr viel gelacht und geschält, bis uns die Hände wehtaten. In der Zwischenzeit begann eine Crew mit dem Dekorieren und sie machten atemstockende Aufstiege bis unters Dach. Sogar Peter’s OLMA Taschen mit den Kühen wurden strategisch platziert beim Eingang. In der Küche benutzten wir dann die Riesentöpfe und natürlich mit Holzfeuerung, was für mich schon recht ungewohnt ist. Da musst du innovativ werden beim Hitze rauf- und runterschrauben.

Aber Mohammed und ich hatten Spass und wir bereiteten alles so weit vor, dass er es am nächsten Tag fertig machen konnte und nur noch die Hörnli dazumachen musste. Al Dente wurden sie nicht ganz aber fast… die Kenianer haben ja auch andere Zähne.

Am 1. August hatten wir gar nicht mehr so viel Stress – nur noch das Einrichten des Computers und Beamers, damit dann auch alles bereit war. Die Leute tröpfelten ein und um 10 Uhr waren bestimmt schon 2/3 der Leute hier. Ich erzählte ihnen ein paar Fakten über die Schweiz, zeigte kurze Filme über den 1. August, über unsere Sprachenvielfalt, über Eishockey und Schwingen. Dann ein paar Vergleiche mit Kenia, was in Bezug auf Lebenswartung, Happiness Faktor, durchschnittliche Anzahl Kinder bis hin zu den Fakten, dass du in der Schweiz als Frau deinen Mann selber auswählen kannst, er keine Mitgift bezahlen muss und du sogar mit ihm zusammenleben kannst bevor du ihn heiratest.

Die Zoom Schaltungen waren dann etwas holprig weil das Internet nicht stabil war und es immer mal wieder regnete aber sie gaben doch einen guten Einblick in die Schweizer Gepflogenheiten zum 1. August. Irgendwie war ich saumässig stolz auf unsere Schweiz aber auch auf alles, was wir hier in Kenia erreicht haben. Mit einem regelrecht gefüllten Herz kündigte dann Alex, ein Sohn von Peter’s Schwester an, dass er für mich ein Lied komponiert habe und ich war natürlich sehr gespannt. Seine Singkünste und die Pianobegleitung waren nicht auf einem Top Level und in den hohen Tönen muss er noch etwas üben aber alles war umso inbrünstiger und kam von ganzem Herzen. Dass jemand so einen Aufwand betreibt und dann vor allem so etwas vorführt war für mich einfach nur berührend und ich konnte die Tränen überhaupt nicht mehr aufhalten. Natürlich war es auch die Anspannung, die extrem kurze Nacht (ich musste noch bis 2 Uhr morgens Schweizerfähnli an Zahnstocher kleben für die Kuchenstückli) und einfach alle Gefühlsausbrüche. Aber hier sind Gefühle gefragt, sie meinten zwar alle „pole pole“: sorry aber sie fanden es auch schön, dass ich mich so berühren liess. Das Mittagessen kam sehr gut an und es gab null Reklamationen. Die einzige negative Anmerkung war, dass es nicht genug war. Aber diese Menge musste einfach ausreichen…

Für die VIP Gäste hatten wir hinter dem Haus eine Art Lounge und wir hatten sehr sehr laute und angeregte Diskussionen, sangen auch noch die schweizerische und die kenianische Nationalhymne und alle waren am Schlemmen und am Lachen. Diskussionen über Heirat und wann das gilt in Kenia (nämlich automatisch nach ein paar Monaten) und wer dann von wem profitieren könne wenn man diesen Schritt macht riefen sehr viel Gelächter hervor.

Kenianische Nationalhymne – gesungen von meinen Freunden

Es floss auch ziemlich viel Rotwein und wir hatten einfach einen Riesenspass. Nach dem Essen zügelten wir alle Stühle nach draussen und jetzt begannen die Vorführungen unserer Tanzcrew. Es war soooo lustig. Sie hatten einen Song komponiert, in dem es hiess: Barbara oder Mama Kaya ist so weit weg und Peter ist dann traurig aber wenn sie kommt dann macht er „scha, scha, scha“ und dabei schüttelten sie ihre Hüften. Wir mussten wirklich so lachen.

Hier ein kleiner Ausschnitt

Dann wurden wir wie üblich aufgefordert mitzutanzen und da ich ja teilweise bei den Instruktionen auch dabei war konnte ich meine Hüften auch korrekt schwingen, was wieder ein Riesengelächter ausgelöst hat. Peter im Berner Sennenkittel verkroch sich langsam in die hinteren Ränge, denn er wurde jedes Mal mit einbezogen und sie hatten dabei alle einen Riesenspass. Ich belohnte sie dann auch mit einem Batzen weil sie zum ersten Mal einen Auftritt hatten was wiederum zur Folge hatte, dass ein paar der Frauen kamen, und mir einfach um den Hals fielen vor Glück, denn so etwas hatten sie noch nie erlebt.

Unsere Schweizer Gäste hatten ebenfalls einen Riesenspass und Mario gab dann auch noch ein Interview für Enrico, der sehr professionelle Aufnahmen machte. Ich weiss nicht, wie viele Male ich an diesem Tag einfach fast platzte vor Freude, Stolz und Glücksgefühlen. Das Glück, einen so empathischen und grosszügigen Mann zu haben, das Glück so vielen Leuten eine Arbeitsstelle bieten zu können und das Glück, so viele junge Menschen zu inspirieren und sie hoffentlich dazu anzustiften, dass sie nicht einfach zuhause hocken sondern sich weiterbilden um einmal ihr eigenes Leben bestreiten zu können.

Der Schweizer Botschafter in Kenia hat mir dann auch noch den Link zu Berset’s 1. Augustrede geschickt für die Schweizer im Ausland und sie war kurz und knapp und besann sich auch auf unsere Werte, die so wichtig sind. Ein paar von denen haben wir hier auf jeden Fall schon eingeführt.

So kann der 1. August wieder daherkommen. Es war wirklich „the best of both worlds“ und hat mir ganz klar gezeigt: ich bin angekommen!

#mudzini #bestofbothworlds #iloveswitzerland #ilovekenya

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