Darf er sie heiraten?

Ich habe ja schon oft erzählt wie es hier mit dem Heiraten läuft. Ich habe auch schon fast alle Rituale mitgemacht. Von den Mitgift Verhandlungen bis zu den traditionellen und weissen Hochzeiten. Letzteres ist ein Brauch, der sich durch die „Vereuropäisierung“ oder wie immer man es nennen will durchgesetzt hat. Die meisten machen zuerst eine Heirat im Ort, wo sie herkommen mit den traditionellen Kleidern und Bräuchen, viel Mnazi (Palmwein), lokaler Musik und Tänzen. Am Tag darauf kommt dann die grosse Heirat mit weissem Kleid, Bridesmaids und Bridesmen, meistens mit einer Farbvorgabe für die Kleider, riesigen Torten, Fotografen etc. etc. Einen kleinen Einblick hatte ich erhalten, als wir in der Coronazeit an der Hochzeit von John und Fridah eingeladen waren. Wegen Corona haben wir aber nach der Trauung auf die Teilnahme am Fest verzichtet, weil wir nicht mit zu vielen Leuten zusammen sein wollten. Schade, den die beiden mag ich sehr gut und ich hätte damals auch gerne mitgetanzt und mitkuchengegessen aber es war einfach nicht die richtige Zeit dafür. Zudem sind auf fast allen Fotos auch noch Masken zu sehen, was echt schade ist. Aber warten war ja damals keine Option für die jungen Leute (sagt die Stiefmutter hahaha…) 

Ich wurde diesen Freitag informiert, dass am Samstag die Familie kommen würde für die Vorstellung der zukünftigen Braut. Also da muss ich jetzt ein bisschen ausholen, weil es sich nämlich um Peter‘s Neffen Allan handelt der heiraten will im September. Meine erste Reise nach Kenia war damals im Jahr 2011 an die Beerdigung seines Vaters Tony, ein Bruder von Peter. Allan war damals etwa 17 Jahre alt und er tat mir aufrichtig leid, weil er seinen Vater verloren hatte. Dieser Tony muss ein megacooler Typ gewesen sein und viele sehen in John (Peter’s Sohn mit einer anderen Frau, siehe Coronahochzeit oben) sehr viele Charakterzüge von Tony und selbst die Stimme soll dieselbe sein… Peter hat mir immer gesagt: du musst unbedingt meinen Bruder kennenlernen, er ist ein so fröhlicher und positiver Mensch, der von allen geliebt wird und einen genialen Humor hat. Du wirst ihn auch lieben. Leider kam es nie dazu. Tony’s Sohn Allan also hat eine supertolle Karriere gemacht – natürlich viel davon von Peter finanziert, denn hier in Kenia ist es so, dass der zweit- oder drittälteste automatisch das Familienoberhaupt wird, wenn die älteren sterben. Allan hat ein Studium in Economics mit höchsten Auszeichnungen abgeschlossen. Weil Peter also quasi das Oberhaupt der Familie ist, ist er für die ganze Familie verantwortlich. Das ist für viele Menschen hier eine echt Bürde, vor allem wenn es bedeutet, eine halbe Sippe mit 7 Kindern zu übernehmen. Mittlerweile weiss ich auch, dass dieser Bruder dann auch die Verpflichtung hat, die Frau und die Kinder zu übernehmen. Also nicht einfach zu akzeptieren sondern die Frau mit allen ehelichen Verpflichtungen zu nehmen. Das wäre die Regelung nach den alten Regeln. Einfach zu blöd, wenn er schon eine Frau und Familie hat, oder – wie in meinem Fall – mit einer Muzungu zusammen ist, die solche komischen Sitten auf keinen Fall tolerieren würde. Ich glaube, ich habe Peter damals mit offenen Augen und Mund angeschaut, als er mir das erklären wollte aber selbst er fand damals schon, dass er solche Sitten sicher nicht unterstütze und er total gegen Polygamie sei und das für ihn ein alter Zopf sei. Da hatte ich ja mal noch Glück gehabt – ouff… Die Witwe hatte aber schon irgendwie damit gerechnet, es dann aber wohl oder übel akzeptiert und heute kennt sie mich gut und wir sind befreundet und es käme ihr wohl auch etwas komisch vor. Aber wie gesagt: für Allan war Peter immer eine Art Vaterersatz und Peter wurde immer konsultiert wenn es um wichtige Entscheidungen ging. Die Mitgift-Verhandlungen hatte Peter bei Eva, der Auserwählten von Allan, zwar nicht gemacht. Dafür hatte er seine beiden Schwestern in Vertretung geschickt, weil er arbeiten musste – oder das mindestens so behauptete. Aber am heutigen Tag ging es einfach darum, dass die Braut dem quasi zukünftigen Schwiegervater und dessen Familie offiziell vorgestellt wird. Dann gab es gleichzeitig auch ein Familienmeeting, bei dem diskutiert wurde, wie die Hochzeit ablaufen sollte und wer wieviel an Finanzen oder Naturalien beisteuern könne. Wie bei der Kollekte in der Kirche ist es zum Beispiel auch akzeptiert, wenn man das Holz zum Anfeuern spendet oder Früchte/Gemüse aus dem eigenen Garten oder ähnliche Dinge.

Langsam aber sicher trafen alle Familienmitglieder ein, Mohammed war vorgewarnt, dass er Pilau, Kachumbari und Cabbage kochen musste und es wurde auch eine Ziege geschlachtet, wie es sich gehört bei einer grossen Feier.  Ich, die ja erst grad von dem Event erfahren hatte, war happy, dass ich noch genügend Getränke vom 1. August übrig hatte inkl. Wein für die “not saved”, also diejenigen die nicht aus religiösen Gründen Abstinenz geschworen hatten und von denen hat es (zum Glück) eine ganze Menge. Ich begrüsste die jungen zukünftigen Eheleute und gab ihnen ein paar meiner Philosophien weiter. Zum einen sagte ich, dass das Aussehen zwar wichtig sei, aber dass die Werte noch viel mehr zählen würden. Denn das Aussehen kann sich mit der Zeit verändern aber die Werte bleiben und sind wichtig. Und der zweite weise Rat war, dass sie nicht eine teure Hochzeit veranstalten sollen, nur um anderen zu zeigen, wie teuer sie das machen können sondern es soll ihnen entsprechen und auch nicht eine Schuld werden, die sie jahrelang abbezahlen müssen. Denn eine gigantische Hochzeit dauert einen Tag und bezahlt nicht für das Essen, das man gerne auf dem Tisch haben möchte. Sie bedankten sich für meine Ratschläge aber vielleicht fanden sie innerlich auch: was will uns diese Muzungu (die ja auch schon zweimal verheiratet war – jetzt wohl beibringen…) Egal, ich war meine Weisheiten losgeworden und ganz bestimmt schätzte die Mutter von Allan sehr, was ich gesagt hatte und ebenso alle, die auch finanziell ihren Beitrag leisten müssen.

A propos Rituale muss ich noch eine Klammer aufmachen. Bei John und Fridah war das Ganze ja noch etwas komplizierter, denn John ist ein unehelicher Sohn und dann funktioniert alles etwas anders. Auch dort hatte Peter überhaupt keine Lust, die Mitgift-Verhandlungen zu führen und delegierte ebenfalls seine Schwestern dafür ab. Nach den Mitgift-Verhandlungen gibt es so etwas wie das „ritual of passage“ oder so ähnlich. Das würde bedeuten, dass die Eltern der Kinder – sofern sie noch leben – miteinander Liebe machen müssen. Weil ja Peter gar nie mit der Mutter von John zusammen war (also nicht mit ihr zusammen gelebt hat…) und ich in der Schweiz war zu dem Zeitpunkt, wurde dieser Teil nicht sauber “volllzogen”. Dummerweise ging es dann bei den beiden wirklich sehr lange nach der Hochzeit und es wollte einfach kein Kind auf die Welt kommen. Also hat die Mutter der Braut plötzlich Peter aufgesucht und meinte, dass das bestimmt sei, weil das Ritual nicht sauber durchgeführt wurde und dass Peter jetzt das Notwendige unternehmen müsse, damit die beiden endlich Kinder kriegen konnten. Da war sie aber bei Peter an der falschen Adresse und er hat sie in die Wüste geschickt und gesagt, das sei lächerlich, an solche Dinge zu glauben. Gottseidank ist mein Mann etwas weiter entwickelt und lässt sich auch von niemandem irgend etwas vorschreiben. Zum Glück ist dann endlich mein zuckersüsser Enkel auf die Welt gekommen, sonst hätte das ein echtes Problem werden können. So viel Druck lastet auf den Eheleuten, ich habe das schon mehrfach erlebt. Es kann so weit gehen, dass der Mann sich eine zweite Frau nehmen muss, damit es endlich Kinder gibt (dass der Grund beim Mann liegen könnte also an so etwas Absurdes denkt hier niemand – und sollte es am Mann liegen, dann ist er bestimmt von einem Hexer oder einer Hexerin verzaubert worden). Zudem sind da auch noch die finanziellen Lasten der Hochzeit, die horrend hoch sind und ihnen manchmal fast ein normales Leben verunmöglichen. Aber selber schuld, wenn man Drohnen und teure Fotografen hat und nachher die Bilder und die Videos der Hochzeit nicht kriegt weil sie nicht bezahlt werden können. (Solche Sachen können mich heute noch halb verrückt machen….) Ich kenne allerdings auch in der Schweiz Leute, bei denen es ähnlich lief.

Man brachte jetzt also die Braut an den Tisch, es wurden ihr alle Verwandten vorgestellt und auch wenn sie sichtlich nervös aussah so war sie wohl glücklich zu sehen, dass sie in eine zivilisierte Gesellschaft einheiratete. Peter versicherte ihr auch, dass sich die Shehe Familie um sie kümmern werde wie um ein eigenes Kind und dass sie immer und jederzeit zu uns kommen könne für Ratschläge und Hilfe. Sie scheint eine interessante und intelligente junge Frau zu sein und sie macht mit ihrem Mann in Kilifi ein Büro für Immobilien und Innendekoration auf und für die schönen Wandverzierungen, die mir so gut gefallen. Es scheint wirklich ein modernes Paar zu sein, das weiss, was es will.

Plötzlich kam auch noch ein Auto daher, das uns nicht bekannt war und da kam ein Überraschungsgast: die älteste Tochter von Peter – Gladys – war gerade von ihrer Mutter und dem Fahrer vom Flughafen abgeholt worden nach einem langen Flug aus der Schweiz. Sie war alleine da, ihre drei Kinder (quasi meine anderen Enkelkinder) waren alle irgendwo in den Ferien und sie kam mitunter auch, um am 25-jährigen Hochzeitsjubiläum einer Freundin teilzunehmen nächste Woche. Peter freute sich natürlich sehr, er freut sich immer, wenn er seine Kinder sieht aber er musste dann doch etwas leer schlucken, dass seine Ex-Frau auch mit dabei war, denn sie war noch nie in unserem neuen Heim. Zum Glück hatten wir aber gerade schon eine Woche vorher die erste offizielle Begegnung gehabt (auch mit mir), sonst wäre es wohl ein sehr komisches Gefühl gewesen. Aber vor einer Woche waren wir bei Paul an einem kleinen Fest und da begegneten wir drei uns zum ersten Mal so richtig. Ihr kennt mich ja: ich bin ein grosszügiger Mensch und ich bilde mir mein eigenes Urteil und ich habe ja nicht grundsätzlich etwas gegen sie aber logisch – ich war auch ein bisschen baff. Ich habe mich gerade mit der astrologischen Lage der Sterne auseinandergesetzt und überall steht, dass wir unsere Beziehungen überdenken sollen und überall, wo wir können Frieden schliessen sollen. Also machten wir das gleich live und es wurde dann noch ein sehr fröhliches Fest. Gladys war seit 23 Jahren nie mehr in Marere und ich glaube, sie staunte schon etwas und hatte auch Freude daran, was wir hier alles erreicht haben.

Gerade heute habe ich bei einer Bekannten von mir einen ganz langen Kommentar auf Facebook abgegeben, weil sie nicht wusste, wie sie mit den vielen Hatern und hässigen Kommentaren auf ein Projekt von ihr umgehen soll. Und da ist mir auch einmal mehr wieder bewusst geworden, weshalb so viele Leute negativ reagieren, wenn man Erfolg hat und sein Leben so lebt, wie man es für richtig hält. Oft ist es einfach so, dass sie ihn selber nicht haben oder weil sie denken, dass es ihnen besser geht, wenn sie andere runtermachen und sich dann ob ihnen fühlen. Aber glaubt mir: genau das Gegenteil ist der Fall. Nur wer vorbehaltlos und bedingungslos Liebe aussendet wird sie eines Tages auch wieder zurückkriegen. Manchmal fällt das verdammt schwer, es braucht Geduld und es braucht viel Selbstreflexion und auch eine Portion Mut und Durchhaltewillen. Aber es ist der einzige Weg und ich höre ihn von allen spirituellen Lehrer:innen, die mich auf meinem Lebensweg beeinflusst haben und es noch tun. Liebe ist der einzige Weg und je mehr ich diesen Weg gehe umso besser geht es mir und umso reicher beschenkt fühle ich mich. Heute war ein solcher Tag und so sende ich meiner ganzen komplexen und manchmal auch komplizierten Familie auf meiner und auf Peter’s Seite und meiner “extended Family” einfach nur Liebe und dadurch hoffentlich die Heilung, die wir alle brauchen und die Erkenntnis, dass wir alle zusammenhängen und es uns besser geht, wenn es der und dem anderen ebenfalls besser geht. Klingt jetzt alles etwas pathetisch aber es ist meine tiefste Überzeugung. In diesem Sinn: viel Liebe für alle.

#loveistheanswer #villliebi

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