Mach keinen Mais

So 10 Tage vor Abreise fühlt es sich an, als ob ich mich noch richtig beeilen müsste mit Organisieren. Ich möchte noch so viel machen und erledigen. Zum Glück hat das College Semesterferien so fallen die täglichen Sorgen und Sörgeli nicht an und wir brauchen auch kein Material und es muss nicht täglich für 100 Leute gekocht werden. Aber rund um das Marere Community Center läuft extrem viel und leider gibt es einmal mehr auch keinen ruhigen Sonntag, wie einige von euch in den Sozialen Medien schon gesehen haben.

Das Thema Mais – und jetzt meine ich den wirklichen Mais – nicht den Lärm, den hier viele Leute schon beim normalen Sprechen veranstalten – spielt hier eine extrem grosse Rolle. Aus dem Mais gibt es ja bekanntlich irgendwann Ugali und Ugali (diese langweilige, salzlose Maispampe) ist nun Mal der absolute Favorit aller Kenianer:innen. Du kannst Kartoffeln in allen kreativen Varianten auftischen, du kannst einen feinen Basmati Reis machen mit zwei Farben oder sogar mit Kokosnuss aber sie werden immer fragen: wo ist mein Ugali? Also pflanzen hier alle Mais an, auch auf dem kleinsten Pflanzblätz, den man sich vorstellen kann. Peter ist in der glücklichen Lage, sehr viel Land in Marere zu besitzen. Er gab allen Angestellten auch einen Pflanzblätz für Mais. Das hat manchmal zu Diskussionen geführt, weil die Mitarbeitenden bei ihrem Mais waren anstatt die Arbeit zu machen. Einmal kam Mbuche ganz wütend zurück. Irgendein saufrecher Tubel hatte in „ihrem“ Maisfeld einfach Äste von Bäumen abgeschnitten (also quasi geklaut) und diese Äste fielen auf ihren Mais und haben einen Teil davon kaputt gemacht. Sie war wütend über den zerstörten Mais und ich über die abgeschnittenen Äste. Die Geste, ihnen etwas Land zu geben finde ich aber sehr nobel und sinnvoll.

Wenn Peter die Frauen zum Arbeiten aufs Tapet ruft, dann kommen sie in Scharen, manchmal kommen sogar zu viele. Ich habe immer wieder vollste Bewunderung für ihre Arbeit, ihren Durchhaltewillen und ihre Stärke. Und wort-stark sind sie ebenfalls. Gott, was für ein Geschnatter und Gegacker sie loslassen können – unglaublich! Da nützen nicht einmal mehr die Noise Cancelling Kopfhörer etwas. Und so ist es nicht nur eine Arbeit, die sie machen können für ein paar hundert Schilling am Tag sondern es ist auch etwas Soziales: sie können sich austauschen, zusammen gossipen und kriegen dann auch noch Tee und ein paar Mahamri. Also das mit dem Mais ist ein langwieriger Prozess und vor allem muss der Mais genau zur richtigen Zeit geerntet werden. Wir hatten schon bald Bedenken, dass es auch zu feucht sein könnte, denn momentan regnet es immer noch fast täglich, was vollkommen aussergewöhnlich ist. Aber so grün und so bepflanzt wie momentan habe ich diese ganze Gegend in den letzten 10 Jahren noch nie gesehen. Und überall wird an kleinen Ständen Mais gebraten und als Snack angeboten. Ich selber mag diese Maiskolben vom Grill auch sehr auch wenn ihr lernen musste, dass in dieser Zeit alle am herumfurzen sind, weil der „grüne“ Mais anscheinend CO2 Ausstösse bewirkt…

Also die Maiskolben müssen gepflückt werden und dann an einen möglichst trockenen Ort gebracht werden um zu trocknen. Wenn es regnet müssen sie zugedeckt werden, denn sonst können sie verfaulen. Das Feld muss dann wieder zurückgeschnitten werden, damit man allenfalls nochmals anpflanzen kann. Wenn die Kolben trocken sind, dann kann man sich glücklich schätzen, wenn man eine Maschine hat, die die Körner vom Kolben trennt, einen sogenannten Thresher. Peter hat überall rumgefragt und überall war irgendetwas kaputt bei denen, die eine solche Maschine haben. Aber irgendwann wurde dann so eine Maschine aufgefahren. Sie funktionierte zwar nicht einwandfrei aber man reparierte sie dann so, dass es einigermassen lief. Peter und ich hatten schon im Internet nach einer eigenen Maschine Ausschau gehalten. Sie ist gar nicht so teuer, aber wenn man sie nur einmal im Jahr braucht ist es vielleicht doch keine so gute Investition.

Jetzt mussten also alle Kolben in den Saal gebracht werden und dort wurden sie mit ohrenbetäubendem Lärm (habe ich erwähnt, dass es ein Sonntag war?) getrennt. Das ganze verursacht auch einen gewissen Staub und alle rundherum waren am Niessen und Mbuche musste wieder mit einer Maske arbeiten. Die Kolben wollten und wollten nicht fertig werden und so haben Peter, John und ein paar Mitarbeiter die Arbeit dann noch bis in die späten Abendstunden fertig gemacht. Dummerweise hatte man vergessen, die Frauen anzurufen, dass sie am nächsten Tag nicht mehr kommen müssen und es kamen doppelt so viele wie am Vortag. Aber Peter fand dann eine andere Beschäftigung für sie, denn wir sind ja auch dran, neue Klassenzimmer zu erstellen und dafür muss zuerst ein Graben ausgehoben werden.

Momentan sind die Maiskerne unter einer Decke versteckt und werden von unseren Hauskatzen bewacht, denn auch die Ratten haben Interesse an einer Vorstufe von Ugali. Das grösste Problem ist momentan, dass es täglich regnet und wir hoffen, dass die Kerne nach all dieser Arbeit nicht verrotten.

Der Mais wird dann in eine Mühle gebracht, verpackt in besonderen Säcken, die von Insekten oder sogar von Ratten nicht durchgefressen werden können. Dann ist alles bereit für weitere Ugali-Mahlzeiten. Mindestens ist momentan sehr schön zu sehen, dass es keine hungerleidenden Menschen hat in dieser Gegend. Wer Hunger hat, der war einfach zu bequem um den ganzen Prozess des Mais pflanzen und ernten zu machen und der muss dann halt auch auf sein heissgeliebtes Ugali verzichten. Ich selber bin froh, dass ich es mir leisten kann, im Supermarkt einen Sack Basmati Sunrice zu kaufen und abends zu geniessen.

Viel Mais um den Mais kann ich da nur noch sagen.

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#vielmaisummais #ugaliinthemaking

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