Liebe verschenken

Ich habe euch Aussicht auf einen positiveren Blogbeitrag gegeben und hier kommt er pünktlich zu Weihnachten. Zur Freude von euch aber auch von mir. Denn Weihnachten in dieser Stimmung hätte ich mir kaum vorstellen können.

Die lange Reise des Containers

Die Geschichte mit dem Container ist eine lange. Ich habe im Blog schon ab und zu angetönt, was da alles drin war aber jetzt mal die ganze Story: Es war der Freund einer Freundin: ein Kenianer, der wieder nach Kenia zurückgegangen ist weil er pensioniert wurde in der Schweiz. Bei meinem Besuch, hat er mir Platz im Container angeboten. Später fand ich dann heraus, dass dies “bezahlter” Platz ist aber ich konnte ja auch nicht so naiv sein, dass ein Kenianer etwas gratis und nur aus Nächstenliebe abgibt. Aber ich habe trotzdem zugesagt, denn ich hatte einige Dinge, die ich nach Kenia transportieren wollte und die entweder zu schwer oder zu gross waren. Ich kann ja bei der Ethiopian Airline jeweils 2x 23 Kilos mitnehmen, aber die sind immer schnell erreicht. Dieses Jahr war auch noch ein Desktop mit dabei, den unser Kassier freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Also sammelte ich auch bei Freunden noch allerlei zusammen: vom Kinderbettli über Stoffresten, Volleyballnetz, wunderschöne Rucksäcke, die die Buchhandlung WörterSpiel in Rorschach gesponsert hatte, allerlei Trainings-Outfits und dann von Freundinnen, die ich eigens dafür im Aargau besucht habe schöne Kleider und wertvolle Schuhe. Dann auch noch einiges Haushaltsmaterial, von dem ich dachte, dass es dann einmal in meinem neuen Heim zum Einsatz kommt (ich weiss, ich weiss auch ein bisschen naiv), wie auch Deko-Artikel, die mir am Herzen liegen aber einfach besser nach Kenia passen. Wohlverstanden, das ist alles vor mehr als über einem Jahr im Herbst 2022 passiert. Es waren sogar Weihnachtsdekos mit dabei, weil mir der besagte Herr versicherte, dass alles in 4-6 Wochen in Kenia sein würde. Ich musste dann auch einen Transporter organisieren um alles nach Romanshorn ins Zwischenlager zu bringen. Er half mir zwar dabei und ebenso meine Nachbarin aber bezahlen musste ich dann doch dafür. Ich war daran interessiert zu sehen, wo das Zwischenlager ist und es hat mich nicht gerade zuversichtlich gestimmt: es war ein Schopf ausserhalb von Romanshorn und ich wunderte mich, ob die Sicherheit da garantiert war. Vor allem auch, weil ich 22 Laptops in einer Kiste hatte, die mir von verschiedenen Firmen zur Verfügung gestellt wurden. Aber das Ganze sollte ja bald auf die Reise gehen. Dachte ich… Wann immer ich nachfragte hiess es: hakuna matata, don’t worry. Aber irgendwann hiess es auch: der Lieferant des Containers hat mich reingelegt. Ich habe ihm viel Geld gegeben, aber er hat nicht geliefert. Jetzt muss ich von vorne anfangen. Ich glaubte nicht wirklich alles, aber was blieb mir übrig… Einige Male fuhr ich in Romanshorn vorbei und sendete Stossgebete zum Himmel, denn ich sah eine Auslage von Kleidern auf der Wiese, die zum Trocknen ausbereitet waren – wahrscheinlich hatte es in diesen Schuppen reingeregnet… Monate später – also im Frühjahr 2023 hiess es: jetzt geht die Reise los. Könnte mir Peter vielleicht einen guten Agenten empfehlen in Kenia? Das tat Peter natürlich, denn er hat hier ja viele gute Verbindungen von zuverlässigen Agenten.

Als der Pensionierte dann aber in Kenia die entsprechenden Dokumente vorlegen sollte stellte sich heraus, dass er nicht beweisen konnte, dass er wirklich die Schweiz verlassen hat. Also weder Stempel im Pass noch Abmeldebestätigung aus der Schweiz waren vorhanden und anscheinend hatte er auch mehr als einen Pass. Und jetzt begann ein langes Hick Hack und ein Prozess, der gar nicht zu beschreiben ist ohne dass ich unflätig werde. Diese Dokumente waren so wichtig, denn nur so gilt man als “returning resident” und kann einmalig einen Container einführen ohne dass man Taxen bezahlen muss. Der Agent wollte helfen, der Pensionierte behauptete aber, dass dieser (und auch Peter) nur mehr Geld wollten für nichts und so kam alles wieder ins Stocken. Am Schluss war das Problem, dass sich bereits hohe Lagerkosten angestaut hatten. Ich hatte jetzt die Wahl: entweder bezahle ich CHF 1’000 und kriege meine Sachen aus diesem Container oder ich verzichte ganz darauf. Denn dieser Pensionierte begann schon mit Anwalt zu drohen etc. und er schrie und fluchte herum, was das Zeugs hielt. Er wurde so rüpelhaft, dass Peter schon gar nicht mehr mit ihm kommunizieren wollte. Da kommt dann doch auch der Stolz zu tragen und Peter kann schon mal klarstellen, dass er sich nicht wie ein Schuelerbueb behandeln lässt – von niemandem. Für mich war die Entscheidung klar: ich will meine Sachen jetzt und sofort. Alleine schon, wenn ich an die ganze Sammelaktion und den guten Willen meiner Freunde und Freundinnen denke.

Flohmarktidee

Der Inhalt meiner 27 Schachteln wurde in meinem Büro zwischengelagert bis ich komme. Einzig die Laptops hatte man gesichert, den Staubsauger in Betrieb genommen und den Kaffee und die Zwetschgengonfi hatte Peter bereits in Sicherheit gebracht. Aus diesem Container und den vielen tollen Kleidern entstand meine Idee, eine Weihnachtsfeier für das College zu machen und quasi einen grossen Flohmarkt zu veranstalten und die Leute rund um das College mit Kleidern zu versorgen. Gleichzeitig räumte ich auch meine Kleider aus, denn es hatten sich in den Jahren in Marere schon einige Deras (lange Kleider) angestaut, die ich nicht mehr trage.

Und so veranstalteten wir ein Fest für Lehrer:innen, Schüler:innen und deren Eltern. Ich überliess die Organisation dem College. Es war zwar ziemlich chaotisch aber ich versuchte mich echt zurückzuhalten. Ich war sogar nicht einmal mit einer Ansprache vorbereitet und schrieb sie erst während alle Lehrer:innen ihre Speeches hielten. Peter musste – wie fast immer – noch an einen anderen Termin nach Kilifi. Am Jahresende hat man das Gefühl, alles müsse noch reingequetscht werden.

Der Ablauf unseres Festes wurde festgelegt, ich habe 25 Kilo Reis und 15 Kilo Fleisch für ein Pilau gesponsert. Für die Lehrer:innen habe ich Warengutscheine in Kilifi gekauft (die wir durch ein Missverständnis dort vergessen hatten (obwohl bezahlt) und nochmals von Marere nach Kilifi fahren mussten um sie zu holen… aber that’s another story…)

Jetzt ist der Container angekommen

Meine Soundbox (die auch im Container war) wurde aufgebaut, die Lehrer:innen waren alle schön angezogen, der Schulleiter sogar im Samichlauskostüm). In der grossen Halle drapierten wir alle Kleider und als dann dieses Thema an der Reihe war leitete Dama alle an, wie es funktioniert: zuerst durften alle Angestellten von Marere College & Community Center etwas auswählen, dann waren die Lehrer:innen dran, dann die Eltern der Schüler:innen und dann waren die Schüler:innen und alle, die sonst auch noch aufgetaucht waren dran. Es wurde stufenweise natürlich immer chaotischer, denn plötzlich war die ganze Halle voll. Ich musste aufpassen, dass sie mir nicht noch die Vakuum Aufbewahrungssäcke mitnahmen, mit denen man Kleider und Stoffe mittels Staubsauger verkleinern kann. Es war am Schluss restlos alles weg und überall sah ich Hüte, Caps, Schuhe, Ketten, Kleider, die neue Besitzer:innen gefunden hatten. Die Aktion war deshalb auch sinnvoll, weil es ja in Kenia Brauch ist, dass alle ein neues Kleidungsstück erhalten zu Weihnachten. Oft ist es dann fast das einzige Kleidungsstück, das sie das ganze Jahr über tragen.

Feliz Navidad

Nach dem Essen und den Süssgetränken war die Zufriedenheit sehr gross und es gab lauter strahlende Gesichter. Peter traf dann auch noch ein und konnte seinen Speech platzieren (ihr wisst: er spricht selten unter 45 Minuten) und dann konnte er Samichlaus spielen, in dem er Süssigkeiten an die Kinder abgeben konnte. Und dass alle glücklich sind drückten sie dann mit einem lautstarken Feliz Navidad aus – ein Song, dessen Text zwar niemand kennt aber den sie trotzdem alle lautstark mitsingen.

Pro Ganze und Mama Kaya waren aktiv

Pro Ganze als Hilfswerk und ich als Person wurden von allen hochgelobt und da wir gleichzeitig auch noch die Zusage eines Schweizer Hilfswerks für das Essensprogramm 2024 erhalten hatten war wieder so ein Moment in dem ich dachte: ok, das lohnt sich eben doch alles! Diese Momente sind unbeschreiblich und es gibt mir immer die Bestätigung, dass alles, was wir hier machen wirklich einen Erfolg bringt. Wir haben 2021 mit dem College begonnen – jetzt haben wir schon die Zertifizierung als Prüfungscenter erlangt und im Dezember wurden die ersten Prüfungen vor Ort durchgeführt. Einige Studenten konnten in Nairobi ihre Internship als Mechaniker machen. Das sind Dinge, von denen sie sich nicht in ihren kühnsten Träumen hätten vorstellen können.

Ich erhielt dann auch noch ein Geschenk, das mich natürlich wieder zu Tränen gerührt hat. Aber heute sind es Tränen der Freude und ich hoffe, dass ich euch diese auch ins Gesicht zaubern konnte. Der Dezember Newsletter von Pro Ganze gibt euch zusätzlich einen Einblick, wie diese Feier abgelaufen ist.

Dezember Newsletter – hier klicken

Ich kann mich im Namen von so vielen Menschen einfach nur dankbar zeigen, für alles was wir hier erreichen. Dafür nehme ich sogar in Kauf, dass ich temporäre Frustrationen und Tiefs habe. Sie werden nach ein paar Tagen immer wieder belohnt mit Freude und Liebe, die entgegenkommt.

Die Liebe zählt

Gerade kürzlich war ich in St. Gallen an einem Vortrag von Robert Betz und in seinem heutigen Newsletter schreibt er:

Ich bin überzeugt, dass jeder von uns am Ende seines Lebens kristallklar erkennen wird, was von seinem Leben bleiben wird, wenn er aus seinem Körper geht. Die entscheidende Frage, die jeder sich selbst beantworten darf, lautet: „Wie sehr, wie viel, wie tief habe ich geliebt in meinem Leben?“

Stellt euch diese Frage und vergisst nicht: Weihnachten ist das Fest der Liebe. Nehmt sie an, wenn sie euch entgegenkommt und verschenkt ganz viel davon.

Mit viel Liebe aus Kenia von Peter und mir, vom ganzen Marere Team und an alle, die ein Interesse an unserem Wirken haben. Wir wünschen euch ein grosses Fest der Liebe, denn die Welt braucht sie.

Krismasi njema

#krismasinjema #dieliebezählt

Hier kannst du auch Schwizertüütsch zuelose

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