Ich bin eine Umweltsünderin

Ein Thema, das Maurin schon von Anfang an am Herzen lag war das Abfallmanagement hier in Kenia. Durch meine Freunde, die für Shelterplast ein tolles Projekt im Sinn haben, www.shelterplast.org wusste ich schon ein bisschen etwas über Abfall in Kilifi County aber halt doch nicht allzu viel.

Noch mehr wusste ich über die grösste Abfallhalde in Nairobi, die Dandora heisst. Das ist aber eine andere Story. 

Ich entschied also schon vor Maurin‘s Ankunft, dass ich mich mal informieren wollte, wie das Abfallmanagement jetzt in Kilifi County funktioniert. Es gibt ja auch Gegenden, in denen es eine richtige „Abfallmafia“ gibt und man den Abfall kaufen muss um ihn weiter zu verarbeiten. Und ich war selber auch immer extrem erstaunt, dass Leute den Abfall in einer Schule oder im Garten ihres eigenen Hauses einfach nicht sehen. Wahrscheinlich weil sie sich so gewohnt sind und das Auge sich irgendwie auch an schlechte Dinge gewöhnt. Manchmal geht es mir ja selber schon fast so. Ich werde zwar nicht müde, mit gutem Beispiel voranzugehen oder in den Schulbriefings allen zu sagen, dass sie den Dreck aufheben und in den Kübel schmeissen sollen, aber ich glaube, sie sehen das gar nicht als Dreck.

Es brauchte ein paar Anrufe bis wir wussten, wer denn jetzt zuständig ist für das Thema Abfallmanagement. Aber via den CECM (Chief Executive Committee Member) kam ich an die richtige Person: Jimmy Yaa, der Director of Environment Kilifi County.

Jimmy Yaa auf X

Ein junger Mann, der ein Master in Environmental Science hat. Ich schrieb ihm eine ganz lange Mail mit einem ganzen Katalog an Themen, über die ich gerne Bescheid hätte, wie:

  • wieviele Haushalte gibt es in Kilifi und in Jaribuni
  • Wie läuft das Abfallmanagement jetzt in Kilifi?
  • Gibt es überhaupt Abfallmanagement in Jaribuni und in anderen ländlicheren Gegenden?

Ich wollte vor meiner Abreise noch etwas Infos, die ich dann an Maurin weiterleiten hätte können. Aber es blieb beim Konjunktiv… „ich werde die Infos bald zusammen haben“, „ich brauche noch etwas Zeit“ – das war im November das letzte Mal und dann verleidete es mir bereits und ich hakte nicht mehr nach. Ich bin ja dann bald selber abgereist undMaurin war ja auch noch zu beschäftigt und hatte noch gar keine Zeit, sich ein konkretes Projekt zu überlegen. Er hat auch gemerkt, dass man sich in der Schweiz schwer tut, was man denn hier wirklich beitragen könnte.

Aber kaum kam Maurin am Flughafen an begannen seine Fragen betreffend Nachhaltigkeit und Umweltschutz: wie wird hier der Abfall entsorgt? Warum lässt Victor das Auto laufen, wenn es gar nicht braucht? Warum trinkt ihr das Wasser aus PET Flaschen? Es ging dann auch so weit, dass er Victor den Motor abstellte, wen dieser in einen Laden ging und dieser dann bei der Rückkehr ziemlich dumm aus der Wäsche schaute. Wir hatten grosse Diskussionen über Sinn und Unsinn von Plastik, Verpackungen. In Kenia gibt es ja immerhin ein Verbot von Plastiksäcken, was schon mal super ist und sich von der Schweiz abhebt. Wir begannen auch schon grosse Erdbeer-Yoghurt anstatt die kleinen einzukaufen. Ich hätte fast ein schlechtes Gewissen gekriegt weil ich ja jetzt neustens eine Klimaanlage aber nur „fast“, denn ich finde, die habe ich jetzt ja wirklich verdient und sie macht mein Leben um ein Vielfaches einfacher und wenn ich erholt und erfrischt bin, dann stehe ich auch der Community auch besser zur Verfügung.

Aber ich muss sagen: ich habe mich auch bei ein paar Umweltsünden ertappt nicht erst seit Maurin hier ist. Manchmal habe ich nicht daran gedacht, dass ich das Bier ja in Flaschen oder in Büchsen kaufen kann und das für die Umwelt ganz sicher besser ist, wenn ich es in Flaschen kaufe. Aber wahrscheinlich enden ja dann auch diese Flaschen auf dem gleichen Müllhaufen, da es hier noch gar kein Glas Recycling gibt. Oder es fällt mir manchmal schwer das Wasser vom Hahn zu trinken, auch wenn es durch die gesposnerte Reinigungsanlage ging weil ich den Geschmack irgendwie etwas abgestanden finde und weiss, wie es im Inneren des Wassertanks aussieht… Maurin ist da aber voll dabei und trinkt nur dieses Wasser, was bedeutet, dass er während seines Aufenthaltes nur eine grosse PET Flasche verbraucht und ich doch mindestens eine am Tag.

Der Altersunterschied war dieses Mal zu diesem Thema aus verschiedenen Gründen spürbar: ich bin wirklich nicht in einer Öko-Bubble aufgewachsen das gebe ich zu und bei Maurin ist es etwas anders: er ist von Geburt an aus einer puren Vegetarier Familie. Sein Vater ist extrem sparsam, was Kleider anbelangt und macht seine Vorträge gemäss Aussage von Maurin seit Jahren im selben Blazer, weil er diesen dann anziehen muss. Sie hatten keinen TV und bei uns war es eher umgekehrt: meine Mutter hat in der Modebranche gearbeitet und trug immer die neuste Mode, mein Vater war ein Technologie-Freak und hatte einen der ersten Fernseher überhaupt, später einen der ersten Farb TVs und ich habe wohl von beiden diese Dinge übernommen: mein Kleider- Schuh- und Schmuckschrank quillt über, ich habe für jeden Anlass die passenden Outfits und es passt farblich alles zusammen von den Brillenbügeln bis zu den Schuhen und ich liebe alle elektronischen Gadgets und bin ziemlich früh dabei, wenn etwas Neues auf den Markt kommt. Und selten sage ich: diesen Trend mache ich jetzt also nicht mit oder gar „dafür bin ich jetzt zu alt“. In den Sozialen Medien bin ich omnipräsent mache dauernd Stories, Reels, Videos und Maurin hat ein altes Handy, bearbeitet seine Fotos, die er mit der Digitalkamera gemacht hat nach ein paar Tagen und hat nur ein LinkedIn Konto für die Kommunikation.

Also kein Wunder, dass wir sehr unterschiedlich sind und auch unterschiedliche Interessen haben. Ich kann jetzt auch nicht gross über Filme mit ihm sprechen, weil er kaum ins Kino geht und ich wie ihr ja wisst sehr oft und ich interessiere mich für Filme. Aber die philosophischen Themen gehen uns trotzdem nicht aus und das ist ja auch das Wichtigste. Es ist gewissermassen ein Lernen voneinander.

Wir hatten innert Kürze einen Termin bei diesem Director of Environment für das ganze Kilifi County. Wir wurden im relativ kühlen Büro empfangen. Aha, das war wegen der Klimaanlage. Aber trotzdem war das Fenster auch noch geöffnet. Er brauche etwas Luft zum atmen es sei sonst zu stickig, meinte der junge Mann, der Umweltwissenschaften studiert hatte. 

Dann konnte ich alle meine Fragen platzieren, Maurin konnte auch nachhaken und das Resultat war fast schon wie erwartet eher niederschmetternd: in den ländlichen Gegenden gibt es schlichtweg gar nichts, das heisst in Jaribuni zum Beispiel wird einfach alles privat verbrannt. Auch Dinge, die man eigentlich gar nicht verbrennen kann wie Batterien etc. was ja dann schon sehr gefährlich ist.

In Kilifi deponieren die privaten Haushalte ihren Abfall in sogenannten „Transferstationen“. Die sind an diversen Orten zu sehen. Anscheinend gibt es auch Probleme, weil dieses Land nicht wirklich dem County Government gehört. Aber das ist ja auch kein Wunder bei der schlechten «Städteplanung», wenn man diesen Namen überhaupt verwenden kann. Gemäss dem Director werden diese täglich geleert, was wir nicht wirklich glauben können. Dort hatte man auch schon versucht, Metallcontainer hinzustellen. Diese wurden aber alle geklaut, und das Metall verkauft. Mit den Plastikcontainern gab es das Problem, dass sie teilweise mit verbrannt wurden. Daher liegt jetzt alles auf diesen Transferstationen. Einzig der Plastik kann an einen Sammelort in Kilifi gebracht werden, bzw. könnte an einen Sammelort gebracht werden und der wird dann an gewisse Firmen verkauft. Eine davon ist Ecoworld in Watamu aber bei denen funktioniert nicht einmal die Website. Aller restliche Müll wird an drei Orten, sogenannte Dumpsites in Kilifi County gelagert. Dort gibt es dann wiederum sogenannte „Scavengers“, Menschen die auf den Abfallbergen rumstapfen und die Metallmüll rausnehmen und ihn verkaufen, oder Dinge verbrennen, weil sie einzelne Komponenten wie Kupfer daraus brauchen.

Es wurden schon gewisse Diskussionen gehalten bezüglich Biogas oder Kompostiermöglichkeiten und auch über MRF (Material Recovery Factories) hat man schon nachgedacht oder diskutiert aber ganz ehrlich gesagt hat man momentan sogar zuwenig Lastwagen um den Müll einzusammeln. Klar gibt es manchmal Community Engagements um den Müll zu sammeln aber am Schluss kommt er halt doch an denselben Ort. Es ist also einfach zu wenig Geld vorhanden und so hat Maurin wahrscheinlich aufgegeben, jetzt das riesengrosse Projekt aufzuziehen. Er hat mich am Ende der Besprechung auf Schweizerdeutsch gefragt, ob er jetzt wohl noch das Thema vom Offenlassen des Fensters bei laufender Klimaanlage ansprechen soll bei dem Herrn, der ja das und die Konsequenzen studiert hat aber ich musste Maurin dann kurz erklären, dass wir es Peter zu verdanken haben, dass wir so schnell an die richtigen Leute kommen und dass wir uns das für die Zukunft nicht verscherzen sollten… ich bin die erste, die Dinge offen anspricht aber ich verstehe durchaus, wenn einem so etwas wurmt. Aber es war halt nicht der Moment, das jetzt anzusprechen. Trotz allem: die „Entwicklungsländer“ haben im Vergleich zu den sehr industrialisierten Ländern immer noch einen viel tieferen CO2 Ausstoss, auch wenn das Verbrennen des Abfalls der Gesundheit schadet. Wir sind nicht wirklich auf einen grünen Zweig gekommen.

Wir werden wohl wieder überwachen, dass in Marere der Plastik gesammelt wird und wir ihn wöchentlich nach Kilifi fahren damit wenigstens der Anteil am Verbrannten reduziert wird. Ich glaube nämlich, sobald Mama Kaya abfliegt geht das wieder vergessen wie einige andere Massnahmen, die ich einführe, überwache und immer wieder von vorne beginne. Immer und immer wieder dasselbe predigen ist ermüdend aber absolut notwendig. Und so übt sich Maurin bereits in Geduld und ich liebe es, dass ich jemanden habe, dem dieselben Dinge wie mir auffallen. Geteiltes Leid ist tatsächlich halbes Leid… Und so waren wir noch beim Markt, wo eine Kuh natürlich am Entsorgen der Maisblätter war und wir gönnten uns einen Drink. Maurin war viel mutiger als ich und nahm einen Mangosaft mit Chilli und ich einen fettigen Haselnuss-Smoothie mit so viel Milch, dass es mir am Abend fast schlecht wurde. Aber auch hier: wir lernen viel voneinander.

#trashtalk #transferstation #takataka

Möchtisch min Blog losä: du chasches uf Schwitzertüütsch mache:

You would like to know what I write in my Blog? Here is the English Audio File:

Teilen