Business Model What?

Wenn meine Blogleser:innen schon schreiben, was denn los sei – sie würden sich schon längstens auf den nächsten Blog freuen, der aber nicht kommt, dann ist klar: es läuft sehr viel in Marere.

Die beiden „neuen“ Laura und Lukas von der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) sind angekommen, haben schon die erste “Kirchenerfahrung” oder besser gesagt das “Kirchentrauma”

Lukas, der Pfarrer, Barbara und Laura

hinter sich und unterrichten bereits an der Marere Primary School, wo sie täglich mit unsäglichen Geschichten zurückkommen. Aber genau das macht ja die Erfahrung aus. Maurin Büche gibt wie immer Vollgas: er hat bestimmt schon fünf Projekte am Laufen und das Allercoolste (er denkt als Vegetarier sogar über eine Hühnerfarm in Marere nach…): er hat am letzten Mittwoch einen Zoom Call mit fast 80 Personen gemacht und über seine Erfahrungen hier berichtet. Es war so mega spannend und wer daran interessiert ist kann bei mir gerne den Link dazu erhalten. Der ganze Call dauerte 1 Stunde (ohne WLAN Unterbruch!!!) und Maurin hat dafür extrem viel recherchiert. Als Zahlenmensch hat er auch z.B. die Währungssituation aufgezeigt und einige Vergleich von der Schweiz zu Kenia angestellt. Er sass in meinem Büro und hat dort die PowerPoint Slides gezeigt während wir ihm im gekühlten Wohnzimmer zuhörten und einfach nur beeindruckt waren: Wow, so cool! Unglaublich, was er alles herausgefunden hat! Das waren nur ein paar von unseren bewundernden Worten. Sogar Peter sass da und sagte immer wieder: also dieser Maurin, als dieser Mensch das ist so eine intelligente Person! Ich habe mir immer gewünscht, dass so jemand nach Marere kommt. Es war herrlich.

1 Stunde Zoom Call mit Wissenswertem über Kenia, Kilifi, Marere souverän durchgeführt von Maurin

Ich weiss, ich habe meine Bewunderung für diesen jungen Mann bereits schon ein paar Mal ausgesprochen und ich muss jetzt halt noch etwas nachhaken. Dass jemand, der einen bestimmt sehr gut zahlenden Job in der Schweiz für zwei Monate liegen lässt, sich hier unter schwierigste Umständen in das Thema Entrepreneurship reinkniet verdient grösste Bewunderung. Und zwar unterrichtet er nicht so, wie er es gerne unterrichten möchte sondern so, wie es das Curriculum von der NITA (National Institute of Training Association) erhalten hat.

Business Model Canva

Da sind Themen drin, die einfach nicht richtig sind für Student:innen von Jaribuni. NITA ist natürlich für ganz Kenia zuständig. Aber hier Dinge zu lehren, die in Nairobi vielleicht sinnvoll sind aber hier vollkommen nutzlos und überflüssig sind fällt ihm besonders schwer. Zudem wechselt die Flughöhe permanent: mal geht es um die Gesamtsicht von etwas, dann wieder um ein Detail und retour. Selbst bei mein Thema „Kommunikation“, das ich ja selbst aus dem Stegreif kann verzweifle ich fast beim Erstellen des Unterrichtmaterials. Ich mache das wenigstens gerne im Gegensatz zu Maurin. Wir haben eine Frau interviewed, die bei uns in Zukunft die Themen Life Skills, Communication and Business Skills unterrichten möchte und mit ihr zusammen versuche ich jetzt gute Schulungsunterlagen zu erstellen, die auch in Zukunft gebraucht werden können. Wir richten selbst einen OneDrive auf Google ein damit wir in Zukunft alle unsere Dokumente da raufladen können. Also hoffentlich klappt das auch, denn ich habe es vor einem Jahr schon Mal versucht. Vielleicht können wir dann gewisse Unterlagen auch mit den Student:innen teilen. Das ist eine sehr grosse Herausforderung, zumal ja manche Lehrer.innen noch nie einen Laptop aufgemacht haben und die meisten Schüler:innen fast kein Englisch verstehen. Und unsere Bandbreite ist momentan so tief, dass wir sie dringend erhöhen müssen. Das bedeutet dann aber auch wieder doppelte monatliche Kosten. Es ist immer ein Abwägen hier. Wieviel möchten wir investieren und was erhofft man sich davon.

Geduldsprobe Excel für Anfänger:innen

Neue Lehrerin für Kommunikation

Aber meine erste Begegnung mit der potenziell neuen Lehrerin muss ich noch ausführen: sie war anscheinend schon einmal hier und wollte sich vorstellen und damals hatten wir keinen Bedarf. Jetzt brauchen wir unbedingt jemanden, der eben alle diese Themen unterrichten kann und der Principal der Schule hat mich gebeten, beim Interview dabei zu sein. Ich sah bereits, dass sie etwas scheu ist und bat sie dann, sich vorzustellen. Und sie sagte in einem ganz kleinlauten Piepsstimmchen: ich bin Furaha (was Freude bedeutet) und ich möchte gerne Kommunikation und Life Skills unterrichten. Ich musste zuerst sagen, dass sie lauter sprechen müssen, denn mit dem Ventilator im Hintergrund konnte ich sie echt nicht hören. Dann wiederholte sie ein bisschen (also vielleicht ein Dezibel) lauter nochmals dasselbe. Ich war leicht irritiert und sagte, dass sie schon lauter sprechen müsse – gerade wenn sie Kommunikation unterrichten möchte. Sie brach fast in sich zusammen und sagte: ich habe noch nie in meinem Leben mit einer Muzungu (Weissen) gesprochen…. Wow und dann gelangt sie gerade an eine Power Muzungu wie mich, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Die Ärmste… Ich versicherte ihr, dass ich bereits gefrühstückt hatte und daher auch nicht im Sinn habe sie zu fressen… worauf sie mich noch geschockter anschaute. Aber ich setzte dann meine empathischste Miene auf die ich kann und erklärte ihr, dass ich dafür Verständnis habe, aber dass wir nicht viel Zeit hätten und sie sich schnell an mich gewöhnen müsse. Wir schlugen ihr dann vor, eine Probelektion über „Oral Communication“ zu machen am nächsten Montag. Wir diskutierten auch über den Lohn und hier wurde das Problem mit dem teurenTransport wieder ganz eklatant sichtbar: wenn sie aus dem Käffchen, aus dem sie kommt täglich nach Marere fahren würde mit dem PikiPiki dann hätte sie bereits ihr ganzes Salär aufgebraucht. Sie muss sich also überlegen in die Nähe zu ziehen, damit sie wenigstens nur einmal in der Woche hin und her fahren muss und dann halt ein kleines Zimmer nehmen muss. Dazu kommt, dass sie ein Kind hat, das momentan bei der Mutter lebt und das ist dann noch viel weiter entfernt. Ich schlug vor, dass sie das Kind in die Nähe bringt oder sogar mitnimmt ins College, da wir ja eine Kinderbetreuung haben. Am Schluss haben wir vorgeschlagen, dass sie halt nur 2 Tage unterrichtet um die Spesen zu minimieren für den Anfang. 

Volle Ladung PowerPoint

Dann kam grad die volle Ladung für sie: PowerPoint Folien erstellen, in den Notizen die Informationen einfügen, die sie lehren soll. Dann einen Beamer installieren, mit einem Presenter arbeiten und in der Referentenansicht jeweils die nächste Folie anschauen und die Notizen lesen damit sie keine Zusatznotizen brauch. Arme Furaha – es war grad ein bisschen viel für sie. Unter Umständen war das dann auch der Grund, weshalb sie am zweiten Tag schon nicht mehr kam. Sie meinte zwar weil ihre Tochter ins Spital musste aber so ganz glaubte ich das nicht. Wir werden sehen, ob sie morgen auftaucht. Ich musste halt wieder einspringen und die zwei Stunden am Montag Morgen unterrichten. Das Thema war für mich einfach, auch wenn ich nachlesen musste, was ein „Radio Call“ ist aber die Schwierigkeit war, dass wir bei grösster Hitze mit 20 Personen in einem Miniatur-Schulzimmer sassen und ich einfach vor mich hintropfte. Raus konnte ich nicht mehr, da jeder Milimeter mit Schüler:innen belegt war. So war ich froh, als mir Philip noch eine zusätzliche Schülerin brachte (die zwar keinen Platz mehr hatte im Zimmer) und ich um eine Flasche Mineralwasser betteln konnte. 

Erschwerte Bedingungen

Diese Truppe an einem Montagmorgen zu „animieren“ war eine Parforceleistung von mir. Und es tut mir gut, denn damit wächst mein Verständnis für die Lehrerinnen, wenn sie unter diesen Bedingungen Schule geben müssen. Oder ich merke was fehlt oder was wir noch brauchen. Der Staub, der Lärm von draussen, die fehlenden Flipcharts und Wandtafeln, die Stromunterbürche – es animiert mich noch mehr, mich für meine Projekte einzusetzen und euch um Mithilfe zu bitten. 

Und dafür bin ich Maurin auch dankbar: er hat in kürzester Zeit einige Tausend Franken gesammelt und er hat schon viele Ideen, wie er sie einsetzen wird hier.  Mit dem Curriculum hat er sich mit ein bisschen Murren (gehört einfach auch dazu) abgefunden und als Ausgleich lehrt er jetzt allen Lehrer:innen und ein paar fixen Schüler:innen (die haben wir tatsächlich auch, wenn auch in ganz kleiner Zahl) das Business Model Canvas und er zeigt es anhand von Dama‘s Näh-Business die einzelnen Komponenten auf. Und das natürlich alles auf Englisch. Manchmal müssen wir hier sogar unser Englisch den lokalen Begebenheiten anpassen, da wir sonst nicht verstanden werden.

Ein echt gut verständliches Business Model

Manchmal fühlt es sich so an, als würden wir kaum etwas verändern und manchmal erhalten wir Feedback, dass uns wieder zu Tränen der Freude rührt. Veränderung ist möglich: pole pole (langsam) aber ein gutes Vorbild zu sein funktioniert auch hier unter diesen schwierigen Bedingungen. 

#rolemodel #nervenbehalten #businessmodelcanvas

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