So sehen also die Hühner aus!

Acht Jahre bis zum Durchbruch

Wer in den Sozialen Medien unterwegs ist hat gesehen, dass wir vom 31. Januar bis 2. Februar in unserem Marere College ein sogenanntes Eye Camp durchgeführt haben. Wie es aber dazu kam und was es alles an Vorbereitungen gekostet hat, das muss ich unbedingt in einen Blogeintrag fassen. Ich kann nämlich mein Glück nach 8 Jahren „Vorbereitung“ kaum glauben.

Ich habe mich ja kurz nach der Wahl von Peter 2013 damit auseinandergesetzt, ob ich in Kenia eine Anstellung finden könnte. Die Ernüchterung war aber ziemlich schnell da. Ich hätte zwar sogar in meinem angestammten Beruf im Tourismus einen gefunden, aber hätte ich bestimmt nicht mehr als CHF 2,000 verdient im Monat und hätte dann so ziemlich 24/7 verfügbar sein müssen, an Messen in andere Länder reisen müssen etc. So wäre ich ja noch weniger bei Peter gewesen als mit dem hin- und herreisen zwischen Kenia und der Schweiz. Aber trotzdem habe ich immer die Augen offen gehalten und bin so auch auf eine Hilfsorganisation gestossen, die EinDollarBrille heisst. Ein tolles Konzept, das in verschiedenen Ländern bereits damals implementiert war. Es bedeutet, dass in den ärmsten Ländern Brillen vor Ort hergestellt werden, die nicht mehr kosten als 1 Tageslohn in den Ländern, in vielen also nur Ein Dollar. Der Erfinder der Idee, Martin Aufmuth, war dann auch bei Aeschbi in seiner Sendung, die man hier noch nachschauen kann: Link zur Sendung.

Ein Job bei OneDollarGlasses

Ihr kennt mich: mein Netzwerk funktioniert prima, aber dass ich im Vorstand den Mann einer Freundin wiedersehen würde hatte ich auch nicht erwartet. Ich war also 2015 in Zürich an einer Mitgliederversammlung und wir begannen ernsthaft darüber nachzudenken, ob ich allenfalls für EinDollarBrille in Kenia arbeiten könnte. Ich habe auch von Anfang an klar gemacht, dass mein Salär nicht tiefer als in der Schweiz sein dürfte, damit ich auch weiterhin ohne finanzielle Probleme in die Schweiz reisen könnte, meine Krankenkasse beibehalten könnte, mein Haus bzw. meine Wohnung bezahlten könnte etc. Ich begann also, in Kenia Abklärungen zu machen und erkundigte mich, wie es mit dem Aufbau einer OneDollarGlasses Organisation stehen könnte. Ich hatte sehr spannende Meetings mit sehr interessanten Menschen. Wir haben aber ziemlich schnell herausgefunden, dass die Lobby der Optiker sehr stark ist in Kenia und sie ganz und gar nicht daran interessiert sind, dass da jemand für einen Dollar Brillen “verschleudert” und sie kein Geld mehr verdienen würden. Eine Delegation aus Deutschland die vor Ort Abklärungen machte beschloss dann, dass es nicht der richtige Zeitpunkt für Kenia sei. Ich verfolgte weiterhin, wie die NGO in andere Länder expandierte und dort erfolgreich war.

Link zur Webseite von EinDollarBrille

Gib deine Ideen nie auf

Ich lege zuhause immer Newsletters von anderen NGOs zur Seite, damit ich vergleichen kann, wie sie mit Mitgliedern umgehen, wie sie werben, wie sie informieren. Und so lag auch 2023 dieser neuste EinDollarBrille Newsletter bei mir auf einem Häufchen „noch zu lesen“. Ich sah, dass sie in Kenia jetzt offensichtlich doch Fuss gefasst hatten und entschied mich, meinem Freund im März 2023 einfach mal zu schreiben und nachzufragen, ob es jetzt vielleicht sogar möglich wäre, dass wir mal in Marere etwas zusammen machen könnten. Ich erhielt prompt Antwort, dass er mir gerne den Kontakt in Kenia herstellen würde und ich schrieb sofort einer gewissen Betty Brauer und trampte bei ihr auch gleich in ein Fettnäpfchen, denn sie schrieb mir in einem sehr guten Deutsch zurück. Ich gratulierte ihr zu ihrem hervorragenden Deutsch und ihre Antwort war: ich bin Deutsche. Oups… aber irgendwie brach das dann auch eine erste Barriere und wir führten ein ausführliches und spannedes Zoom Gespräch durch. Ich in der Schweiz und sie in Kenia und ja: sie ist definitiv eine Muzungu. Ich erklärte ihr meine Vorgeschichte und sie meinte, dass es doch optimal wäre, wenn ich mal an ein Eye Camp kommen würde, das sie in Kenia durchführen wenn GoodVision Glasses (so der Name der NGO in Kenia) mal an der Küste sein würden mit einem Team. In meinem Juli/August Aufenthalt 2023 klappte das leider nicht aber wie ihr mich kennt lasse ich einfach nicht locker, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe und so kam es, dass wir jetzt im Januar/Februar endlich dieses Eye Camp durchführen konnten. 

Link zu GoodVision Glasses

Was soll ich sagen: es war ein Erlebnis der Sonderklasse und was mich am allermeisten überrascht hatte war die Professionalität, die Pünktlichkeit, die Zuverlässigkeit, die Geduld und die Freundlichkeit des gesamten 10-köpfigen Teams, das da eingefahren ist. Ich gebe zu: Geduld haben sie alle aber meine Erfahrungen mit zuverlässigen, pünktlichen und auch noch professionellen Kenianer:innen können an einer Hand abgezählt werden aber es beweist mir: es ist möglich und ich liess mich so gerne positiv überraschen. Ich hatte zwei Flyer erstellt: einen in Englisch und einen in Kisuaheli und sie wurden von unseren vielen Bekannten hier in Jaribuni rege über WhatsApp verteilt. Auch in den naheliegenden Schulen verteilten wir sie, denn wir wussten ja auch von unseren FHNW Studentinnen, dass so viele Schüler:innen eine sehr schlecht Sicht haben.

Wir hatten pro Tag 80 Plätze zur Verfügung x 3 Tage = also 240 Personen konnten sich untersuchen lassen. Dass ich auf dem Flyer die Telefonnummer angegeben hatte, bei der man sich anmelden kann war ziemlich sinnlos. Typischer Muzungu Fehler halt. Es hatten sich vielleicht 3 Personen schriftlich oder per Telefon angemeldet. Hier funktioniert wirklich das Buschtrommel Prinzip und die Buschtrommel wurde geschlagen. Teilweise waren die Leute schon früher als 8 Uhr morgens da und es kamen auch nach den drei Tagen noch Leute, die sich untersuchen lassen wollten aber die halt die Trommel zu spät gehört hatten. Inzwischen habe ich den offiziellen Report erhalten und auch der ist superprofessionell dargestellt und gibt allen, die auf meinen Spendenaufruf reagiert haben eine gute Übersicht.

140 Menschen haben neue Brillen

Das sind die Fakten, aber was da täglich abgelaufen ist war einfach nur herzerweichend. Ich musste ja gleichzeitig noch lehren und einige Dinge organisieren aber ich konnte es nicht verkneifen, ab und zu bei dem Team vorbei zu schauen. Es war mir mit der Zeit schon peinlich wie sehr mir die Leute für dieses Eye Camp dankten: sie gaben mir die Hand, sie umarmten mich (und das war fast etwas gefährlich, denn hier ist eine Epidemie von Bindehautentzündungen ausgebrochen, hier heisst es «Red Eye Disease» und ist extrem ansteckend) und sie dankten mir, wie wenn ich sie persönlich geheilt hätte.

Ich kam mir schon beinahe wie Pastor Ezekiel vor, der hier ja täglich Leute heilt. Und ich kriegte Rückmeldungen wie: „ich kann das erste Mal in meinem Leben ein Buch lesen.“ „Ich dachte, dass ich blind werde und jetzt habe ich entsprechende Tropfen erhalten“, „ich konnte am Bildschirm fast nichts mehr lesen und mit der Schutzbrille kann ich jetzt wieder alles sehen“ und etwas vom Lustigsten: „ich wusste gar nicht, wie die Hühner aussehen – jetzt erkenne ich sie endlich“. Es waren effektive Dreitageglücksgefühle und das De-Briefing mit den Ärzten fiel sehr positiv aus und unsere Glückshormone waren auf einem Höchststand, die ich mit Schweizer Schokolade noch auf einen höheren Stand hob.

Es wird bestimmt noch Folgelösungen geben und allenfalls Operationen, für die wir mit Pro Ganze auch wieder unseren Beitrag versuchen zu leisten. Laura, die FHNW Studentin, hat sich sogar persönlich um Sophia gekümmert. Sophia ist eines der Marere Primary Kinder mit einem extremen Schielen.

Sie hat sich dafür einen ganzen Tag reserviert, ist mit ihr, der Mutter und einem kleinen Baby mit einem gemieteten Auto nach Mombasa in eine Privatklinik gefahren um Herauszufinden, dass es unter Umständen nur ein müdes Auge ist und dies mit Augenklebern wieder auf Touren gebracht werden kann. Solche Hilfe ist einfach Gold wert.

Wiederholung wegen der Glückshormone

Solche „Seitengeschichten“ haben das Leben von uns allen bereichert. Und weil Glückshormone gut für die Gesundheit sind haben wir uns gemeinsam mit dem Team von Good Vision entschieden, das Ganze in der zweiten Augustwoche 2024 zu wiederholen: ich kann es kaum erwarten.

Glückshormone durch Schokolade

Danke an alle, die ihren Beitrag an die Brillen und das Projekt geleistet haben. Wir konnten das Projekt kostendeckend abschliessen und ihr habt so mit CHF 5 pro Brille einen riesengrossen Beitrag zu einem besseren Leben und im übertragenen Sinn einen besseren Ausblick auf das Leben von Vielen geleistet. Ich sage es ja immer bei unseren Projekten: selbst der kleinste Betrag kann Grosses bewirken.

#eyecampmarere #goodvision #icanseeclearlynow

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1 Kommentar zu «So sehen also die Hühner aus!»

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