Primarlehrer:innen mit riesengrossen Herzen

Ein Monat mit Laura und Lukas

Ein einziger Blogeintrag ist natürlich nicht genug, um den beiden Student:innen der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) und angehenden Schweizer Primarlehrer:innen gerecht zu werden. Aber sie sind „mitschuldig“, dass ich im letzten Monat kaum mal dazu gekommen bin, überhaupt noch im Blog zu schreiben. Sie haben mich im positivsten aller Sinne auf Trab gehalten und daher werde ich versuchen, hier einen kleinen Einblick zu geben, was wir alles miteinander erlebt haben.

Anlaufschwierigkeiten

Ich hatte erste Kontakte mit den beiden über diverse Zoom Calls, die aus dem Programm Intermobil an der FHNW organisiert wurden. Und ihnen eilte schon ein guter Ruf voraus, denn Laura Bösiger ist eine gute Freundin von Antonija, die letztes Jahr hier war und die ums Haar Laura als Freundin begleitet hätte. Und Lukas Fleischmann (der notabene Veganer ist) kannte eine Studentin aus dem ersten Jahr, seit wir hier im Januar zwei Student:innen begrüssen dürfen. Die Kommunikation mit ihnen im Vorfeld war nicht besonders einfach, denn es konnte schon sein, dass meine Nachrichten auch mal ignoriert wurden im WhatsApp, aber was will man. Diese „Jungen“ sind einfach zu busy um gewisse Nachrichten sofort zu beantworten. So hatte ich dann auch eine Nacht vor Ankunft eine ohne Schlaf (einige würden noch folgen), weil Laura bemerkte, dass sie das Visum ja noch gar nicht erhalten hatte und sich inzwischen auch die Bedingungen geändert hatten, denn neu braucht man nur noch einen Einreisebewilligung, aber kein Visum mehr). Es war mir also bis kurz vorher nicht ganz klar, was für ein „Programm“ sie haben würden aber irgendwann haben sie mich angefragt, wie weit weg denn der Mount Kenia von uns sei, denn diesen wollen sie besteigen. Wow – das nenne ich ja mal ambitioniert! Dummerweise lag aber dieser Mount Kenia sehr weit von uns weg und so mussten sie – obwohl sie korrekterweise Mombasa als Ankunftsflughafen für Marere gewählt hatten – wieder nach Nairobi fliegen und von dort aus ihre Expedition beginnen. Weil sie sich natürlich ohne Gepäck, bzw. mit so wenig wie möglich Gepäck aufmachen wollten, entschieden sie, dass wir doch das Gepäck abholen sollen am Flughafen und um gleich einen Eindruck von ihnen zu erhalten fuhren wir als Delegation zusammen mit Maurin und Peter zum Flughafen als Empfangskommittee. (Meine CH-Fahne durfte ich nur kurz auspacken, das war dann Maurin zu peinlich…) Sie hatten selbstständig ein Backpacker Hotel reserviert für die erste Nacht in Mombasa. Peter insistierte, dass er das „Hotel“ sehen möchte aber es sah von aussen ganz ok aus. Der erste Eindruck von diesen beiden Muzungus war supersympathisch: leicht chaotisch (Lukas hielt seine Typhus Impfung in einem Kühlbeutel (den er dann später im Hotel vergass) in der Hand, und Laura liess alle Dollar in Cash für das Mount Kenia Abenteuer in der falschen Tasche – nämlich in der, die bei uns in Marere blieb) aber sie kamen mit viel Lebenserfahrung und einem Riesenherz – das war uns allen von Anfang an klar. Und wir hatten schon eine grosse Vorfreude auf ihren Aufenthalt in Marere.

Schnell auf den Mount Kenya?

Und unsere erste Beobachtung sollte sich dann auch bewahrheiten. Was wir in diesen vier Wochen mit ihnen erlebten ist fast unbeschreiblich – und vor allem fast unbeschreiblich gut. Die Mount Kenya Besteigung haben sie aus verschiedenen Gründen abgebrochen. Laura aus Wettergründen, da es aussergewöhnlicherweise in Strömen regnete und sie nur noch am Frieren war und Lukas dann auf dem letzten Teil, weil er auf etwa 4200 Metern die Höhenkrankheit hatte und vor lauter Kopfschmerzen nur noch schlafen wollte) – aber ich kann nur sagen: that’s another story und würde mehr als einen Blogeintrag verdienen.

Innovativ und kreativ unter schwersten Bedingungen

Im Unterrichten an der Primarschule bewiesen sich aber beide als äusserst innovativ und kreativ. Sie konnten ihre Schweizer Talente prima einbringen und sie waren fleissig am Basteln und Vorbereiten für den nächsten Tag. Natürlich hatten sie auch zu kämpfen mit der laschen Einstellung einiger Lehrer:innen, die dachten: au toll, die Muzungus kommen, jetzt können wir zurücklehnen. Aber sie standen für sich ein, wehrten sich, wenn sie fanden, dass sie jetzt ungerecht behandelt wurden oder sich alleine gelassen fühlten. Sie änderten ihre Betreuungsperson, wenn sie nicht zufrieden waren und hinterfragten, weshalb heute „ihr(e)“ Lehrer:in wieder nicht anwesend war. Dafür gab es ja auch ganz witzige Gründe: zum Beispiel, weil die Betreuungsperson seine Kuh suchen musste, die ausgebüxt war. Unter den hiesigen Umständen einen Tag zu verbringen mit der Hitze und dem Staub, der Kleider, Ohren und Nase braun werden lässt ist schon eine Herausforderung wenn man nur einfach so dasitzt. Aber sie haben sich bewegt, haben Klassen von über 70 Schüler:innen betreut, gelehrt, versucht zu begeistern und mit neuen Lehrmethoden beglückt. Am Abschied war ganz klar: da hatten alle voneinander gelernt und die Pünktlichkeit, Innovation wurde mehrfach hervorgehoben. Es gab auch einige Herausforderungen und Tiefs aber mit ihrer grossen Portion Eigenmotivation haben sie sich wieder eingerenkt und immer wieder gesagt: wir machen das für eine bessere Zukunft der Kinder. Sie sprangen ein, wenn eine junge Frau sich umbringen wollte, weil sie das Geld nicht auftreiben konnte für die Sekundarschule, sie redeten den Kindern gut zu wenn sie traurig und verzweifelt waren und sie brachten sie mit ihrem „lustigen“ Englischdialekt immer wieder  zum Lachen. Und das beruhte auf Gegenseitigkeit, denn auch der kenianische Englischakzent hat seine Tücken und gab ein paar Mal Anlass für gewisse Missverständnisse. Und genauso unsere Unterschiede von Ostschweizer Schifflischticker, Badener sowie Baasler Dialekt.

Aufwärmen in dieser Hitze?

Beim „Sporttag“ griff ihnen Maurin unter die Arme. Als international geübter Pfader hatte er auch viele Ideen, wie man so einen Morgen gestalten konnte. Mich machten sie schon fast ein bisschen nervös, weil sie am Abend vorher aus meiner Tüpflischiiserischen Sicht noch nicht alles 100% vorbereitet hatten. Dazu kam noch, dass Lukas tatsächlich den Befund „Malaria“ hatte und seine Energie nicht auf dem gewohnt hohen Level war. Aber am Tag selbst brachten sie den Kids viele Spiele bei, die sie dann hoffentlich auch später miteinander spielen werden und sich noch lange an die Muzungu Teacher erinnern würden, die mit ihnen in der grössten Hitze Staffetten und „Aufwärmübungen“ (wirklich das falsche Wort für Marere) gestaltet hatten. Mama Kaya betätigte sich als Fotografin und VJ, damit diese Erinnerungen nicht plötzlich verblassen würden.

Können Veganer geheilt werden?

Und blass war die Zeit mit Laura und Lukas keineswegs. Gemeinsam machten wir eine dreitägige Safari zum Tsavo West und East, spielten Tichu bis zu meiner Aufgabe, besuchten eine Beerdigung, die von der Vize-Gouvernörin besucht wurde, diskutierten wir mit der DCC (District County Commissioner) – wenn sie uns denn zum Wort kommen liess, machten viele Morgen um 06.15 h Yoga und assen tolle Frühstücke (mit wenig Mahamri und viel Soyamilch) und am Abend viel Reis und Bohnen (Lukas ist Veganer und Laura und Maurin sind Vegetarier). Das mit Vegetarier und Veganer wird hier zwar fast als Krankheit angesehen und so erzählten sie uns auch von Leuten, die in der Kirche von dieser Krankheit geheilt wurden – Gott sei Dank.

Beim Chillen in der Simba Lodge, Voi

Und sogar mit Gott kamen wir oft in Berührung, so zum Beispiel in Gottesdiensten und beim Besuch von verschiedenen Schulen als Quervergleich, unter anderem auch der Internationalen Schule von Pastor Ezekiel, bei dem an einem Sonntag bis zu 45’000 in die Kirche kommen! Hallelujah – praise the Lord. Als Laura an ihrer Abschiedsrede sagte, dass sie hier das Beten wieder gelernt habe wurde mir ganz warm ums Herz (also noch wärmer als sonst).

Und noch mehr führten wir tiefgründige Gespräche mit teilweise kontroversen Themen, wir triggerten uns aus diversen Gründen auch regelmässig gegenseitig und zum Glück kam etwas nie zu kurz: das Lachen! Es waren die Flachwitze von Lukas, die auch mich anstachelten und das Lustigste: egal, über welches Thema wir sprachen: jemand von uns vier sagte immer: was/wer ist das? Davon habe ich noch nie gehört. Und glaubt mir: die Themen kannten keine Grenzen. Von einfachen Dingen wie Film, Musik, Englisch bis zu von wegen: was fändest du schlimmer a) oder b) (und es waren meistens unglaubliche bis unmögliche Entscheidungen) über Frauenrechtsthemen inklusiv Menstruationstassen, persönliches Budget und Altersvorsorge und anderen Themen, die diesen Blog definitiv als X-Rated abstempeln würden. Aber gerade diese Intimität und dieses „Hosen herunterlassen“ bzw. sich vorzustellen, wer denn jetzt Unterhosen trage, und diese unglaubliche Offenheit hat uns  in so kurzer Zeit zu so guten Freunden werden lassen. Wir haben uns gegenseitig wieder aufgebaut, wir sind zu zweit spazieren gegangen und wir haben in verschiedenen Konstellationen Händchen gehalten und uns umarmt (davon habe auch ich in einigen Instanzen profitiert, wenn ich wieder mal am liebsten Abreisen und nie mehr zurückkommen wollte).

Abschied nehmen ist schön und hart gleichzeitig

Gemeinsames Essen beim Italiener

Das Nonplusultra war dann am letzten Abend vor den beiden Farewell Parties eine Einladung in ein italienisches Restaurant in Kilifi. Die drei (die sich auf einem Weekendausflug nach Watamu auch noch näher kennenlernten) luden aber nicht nur Peter und mich ein sondern auch unsere wichtigsten Angestellten Mbuche, Samuel und Dominic und natürlich auch Enrico unseren Medienmenschen (mit dem Laura notabene auch einen Blog produzieren wird) und den Fahrer, der uns überallhin sicher mit dem grossen Landcruiser fuhr. Es war herzerwärmend, die Dankesrede von Laura zu hören und wie sich dann alle Eingeladenen bedankten. Stellt euch vor: Unser Koch Samuel, der 9 Kinder und damit auch sehr viele Sorgen hat, wurde in seinem ganzen Leben noch gar nie in ein Restaurant eingeladen. Das wird eine Erfahrung sein, die sie in ihrem ganzen Leben nie mehr vergessen werden. Und so genossen sie diese Aufmerksamkeit und schnabulierten vor sich  hin. Das Wort Dessert kannten sie nicht und als sie dann grosse Portionen Glacé und Fruchtsalat vertilgen durften waren sie wirklich im siebten Himmel. Und ich ebenso, denn ich wusste: der Abschiedstag wird hart. Das kannte ich schon aus den zwei Jahren vorher: diese Kinder mit ihren Darbietungen, mit ihren lieben Sprüchen und die vielen Worte der Wertschätzung lassen jedes Herz schmelzen. Und geschmolzen sind wir mehrfach an diesem Tag. Beim zweiten Teil des Tages – der ersten Graduation am Marere College – schwitzen Maurin und ich unter diesen – meiner Meinung nach – superdoofen „Gowns und Graduation Hüten“, die hier aber genau so üblich sind wie lange Reden und glitzernde Girlanden-Umhänge, die uns alle wie Christbäume strahlen liessen. Für Laura (die sonst nie ein Kleid trägt) und Lukas (der bestimmt nie solche Hosen tragen würde) hatten sie massgeschneiderte Kleider machen lassen und so feierten wir alle stilgerecht und unsere Herzen quollen über: vor Freude, vor einer gewissen Hilflosigkeit, dass man nie genug machen kann um allen zu helfen und vor ganz viel Liebe. Liebe, die diese drei Muzungus zu „meinem“ und Peter’s Kenia gewonnen hatten, Liebe zu den Menschen hier, die aus so wenig so viel machen und natürlich Liebe zueinander.

Crazy people – verspricht mir, dass ihr zurück kommt

So viel Wertschätzung, so viel Engagement, so viel Freude: ich habe zwar Laura und Lukas heute mit Tränen in den Augen in Mombasa verabschiedet aber es waren nicht Tränen der Trauer und auch keine Tränen der Freude aber Tränen gefüllt mit so vielen positiven Gefühlen. Bitte kommt wieder ihr crazy Leute – ihr habt das Leben von Hunderten von Menschen bereichert und ich bin sehr glücklich, dass ich eine von diesen bin.

Asante sana sana

Und die ganze Episode kannst du dir hier auch anhören, wenn du das besser magst:

You didn’t understand a thing? Listen to the English recording of my blog here:

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