barbara.fuhrer@bluewin.ch

Uniformen machen stolz

Eine der letzten Handlungen, die Maurin und ich in Marere vornahmen war eine Mitarbeiter:innen-Sitzung. Wir versammelten Mbuche, die für das Housekeeping zuständig ist, Samuel, unseren Koch und Dominic, den Gärtner. Sie hatten begonnen etwas gegeneinander zu arbeiten. Das heisst, wenn mal einer nicht da war, dann wurde die Arbeit des anderen nicht automatisch übernommen. So sagten wir allen drei, dass sie zusammenstellen müssen, was sie denn täglich so tun. Bei Mbuche hatte ich das schon längst gemacht und es fruchtet jeweils nicht besonders viel aber für die anderen zwei war es neu. Es ging auch darum, ihnen aufzuzeigen, dass sie nicht wirklich total überlastet sind und schon noch ein paar Zusatzaufgaben erledigen können.

Sie waren ganz stolz darauf, dass es eine solche Sitzung gab, denn wir veranstalteten sie in unserem kühlen Wohnzimmer und das ist dann schon fast «Executive Style». Auf jeden Fall haben alle versprochen, dass sie in Zukunft mehr kooperieren würden, auch wenn mal jemand nicht da ist. Wir werden sehen – bzw. ich werde das nächste Mal sehen ob es wirklich klappt aber die Hoffnung ist da. Es war für sie auf jeden Fall eine Wertschätzung gehört zu werden. Mit dem Principal des College habe ich ja jede Woche ein Zoom Meeting wenn ich in der Schweiz bin und das läuft ganz gut so.

Am Schluss haben sie sich dann irgendwie rumgeduckt und wollten noch etwas sagen. Dann sind sie endlich damit herausgerückt: sie möchten unbedingt Uniformen haben meinten sie unisono. Maurin und ich tauschten verwunderte verdutzte Blicke aus. Ich fragte mich, wie man überhaupt auf so eine Idee kommen könne. Aber das bin einfach ich – Barbara – die gar nicht gerne in Uniformen gesteckt wird (Erinnerungen an ein Jahr in Blau mit Nadelstreifen an der Academy Euregio Bodensee kamen hoch…) aber ich war bereit zuzuhören.

Schweizer Sackmesser nach der Sitzung

Das würde ihnen eben mehr Gewicht geben. Man würde dann erkennen, dass sie eine gewisse Wichtigkeit hätten und so könnten sie sich gegenüber den anderen abheben. Auch wenn Besucher kommen würden, dann wüssten diese gleich wer denn hier zum Staff gehört. Und ich fragte wirklich doppelt und dreifach nach: wollt ihr das wirklich? Bei unserem Security Guard Bonstone wusste ich ja, dass er schon lange wie ein Polizist aussehen wollte aber ich kam irgendwie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen und sagte dann mit einer sehr offiziellen Stimme: Diese Idee finde ich gar nicht schlecht. Dann seid ihr auch immer sauber angezogen und müsst nicht die eigenen Kleider zum Putzen, Gärtnern und Kochen benutzen.

Holt doch mal eine Offerte bei der Schneiderin Dama ein und dann werden wir weiter sehen. Das Ganze hat mich am Schluss dann einiges gekostet, denn beide brauchen ja 2 Sets und der Kuhirt und später noch der Ziegenhirt und die Kinderpflegerin und eben der Security Guard kommen ja dann auch noch mit dazu. Und ja klar: Schuhe bräuchten sie auch noch und Schürzen…

Ich habe also nicht wenig für all das ausgegeben. Aber wenn ich jetzt beim Foto und bei den Videos (Marere’s next Topmodel lässt grüssen) reinschaue, dann muss ich schmunzeln. Diese Leute haben einen höheren Status durch Uniformen gekriegt und ich habe ihnen diesen Wunsch noch so gerne erfüllt. Bonstone, der Security Guard, hat mir geschrieben, dass sein grösster Wunsch in Erfüllung gegangen sei und er mir aus seinem ganzen Herzen danke. Es gibt jetzt noch Namenstäfelchen und weitere Bilder folgen… Die Muzungu und Nicht-Uniformen-Trägerin Mama Kaya hat etwas dazugelernt.

Hier geht es zum Video:

#uniformsmakeproud #proudjob

Primarlehrer:innen mit riesengrossen Herzen

Ein Monat mit Laura und Lukas

Ein einziger Blogeintrag ist natürlich nicht genug, um den beiden Student:innen der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) und angehenden Schweizer Primarlehrer:innen gerecht zu werden. Aber sie sind „mitschuldig“, dass ich im letzten Monat kaum mal dazu gekommen bin, überhaupt noch im Blog zu schreiben. Sie haben mich im positivsten aller Sinne auf Trab gehalten und daher werde ich versuchen, hier einen kleinen Einblick zu geben, was wir alles miteinander erlebt haben.

Anlaufschwierigkeiten

Ich hatte erste Kontakte mit den beiden über diverse Zoom Calls, die aus dem Programm Intermobil an der FHNW organisiert wurden. Und ihnen eilte schon ein guter Ruf voraus, denn Laura Bösiger ist eine gute Freundin von Antonija, die letztes Jahr hier war und die ums Haar Laura als Freundin begleitet hätte. Und Lukas Fleischmann (der notabene Veganer ist) kannte eine Studentin aus dem ersten Jahr, seit wir hier im Januar zwei Student:innen begrüssen dürfen. Die Kommunikation mit ihnen im Vorfeld war nicht besonders einfach, denn es konnte schon sein, dass meine Nachrichten auch mal ignoriert wurden im WhatsApp, aber was will man. Diese „Jungen“ sind einfach zu busy um gewisse Nachrichten sofort zu beantworten. So hatte ich dann auch eine Nacht vor Ankunft eine ohne Schlaf (einige würden noch folgen), weil Laura bemerkte, dass sie das Visum ja noch gar nicht erhalten hatte und sich inzwischen auch die Bedingungen geändert hatten, denn neu braucht man nur noch einen Einreisebewilligung, aber kein Visum mehr). Es war mir also bis kurz vorher nicht ganz klar, was für ein „Programm“ sie haben würden aber irgendwann haben sie mich angefragt, wie weit weg denn der Mount Kenia von uns sei, denn diesen wollen sie besteigen. Wow – das nenne ich ja mal ambitioniert! Dummerweise lag aber dieser Mount Kenia sehr weit von uns weg und so mussten sie – obwohl sie korrekterweise Mombasa als Ankunftsflughafen für Marere gewählt hatten – wieder nach Nairobi fliegen und von dort aus ihre Expedition beginnen. Weil sie sich natürlich ohne Gepäck, bzw. mit so wenig wie möglich Gepäck aufmachen wollten, entschieden sie, dass wir doch das Gepäck abholen sollen am Flughafen und um gleich einen Eindruck von ihnen zu erhalten fuhren wir als Delegation zusammen mit Maurin und Peter zum Flughafen als Empfangskommittee. (Meine CH-Fahne durfte ich nur kurz auspacken, das war dann Maurin zu peinlich…) Sie hatten selbstständig ein Backpacker Hotel reserviert für die erste Nacht in Mombasa. Peter insistierte, dass er das „Hotel“ sehen möchte aber es sah von aussen ganz ok aus. Der erste Eindruck von diesen beiden Muzungus war supersympathisch: leicht chaotisch (Lukas hielt seine Typhus Impfung in einem Kühlbeutel (den er dann später im Hotel vergass) in der Hand, und Laura liess alle Dollar in Cash für das Mount Kenia Abenteuer in der falschen Tasche – nämlich in der, die bei uns in Marere blieb) aber sie kamen mit viel Lebenserfahrung und einem Riesenherz – das war uns allen von Anfang an klar. Und wir hatten schon eine grosse Vorfreude auf ihren Aufenthalt in Marere.

Schnell auf den Mount Kenya?

Und unsere erste Beobachtung sollte sich dann auch bewahrheiten. Was wir in diesen vier Wochen mit ihnen erlebten ist fast unbeschreiblich – und vor allem fast unbeschreiblich gut. Die Mount Kenya Besteigung haben sie aus verschiedenen Gründen abgebrochen. Laura aus Wettergründen, da es aussergewöhnlicherweise in Strömen regnete und sie nur noch am Frieren war und Lukas dann auf dem letzten Teil, weil er auf etwa 4200 Metern die Höhenkrankheit hatte und vor lauter Kopfschmerzen nur noch schlafen wollte) – aber ich kann nur sagen: that’s another story und würde mehr als einen Blogeintrag verdienen.

Innovativ und kreativ unter schwersten Bedingungen

Im Unterrichten an der Primarschule bewiesen sich aber beide als äusserst innovativ und kreativ. Sie konnten ihre Schweizer Talente prima einbringen und sie waren fleissig am Basteln und Vorbereiten für den nächsten Tag. Natürlich hatten sie auch zu kämpfen mit der laschen Einstellung einiger Lehrer:innen, die dachten: au toll, die Muzungus kommen, jetzt können wir zurücklehnen. Aber sie standen für sich ein, wehrten sich, wenn sie fanden, dass sie jetzt ungerecht behandelt wurden oder sich alleine gelassen fühlten. Sie änderten ihre Betreuungsperson, wenn sie nicht zufrieden waren und hinterfragten, weshalb heute „ihr(e)“ Lehrer:in wieder nicht anwesend war. Dafür gab es ja auch ganz witzige Gründe: zum Beispiel, weil die Betreuungsperson seine Kuh suchen musste, die ausgebüxt war. Unter den hiesigen Umständen einen Tag zu verbringen mit der Hitze und dem Staub, der Kleider, Ohren und Nase braun werden lässt ist schon eine Herausforderung wenn man nur einfach so dasitzt. Aber sie haben sich bewegt, haben Klassen von über 70 Schüler:innen betreut, gelehrt, versucht zu begeistern und mit neuen Lehrmethoden beglückt. Am Abschied war ganz klar: da hatten alle voneinander gelernt und die Pünktlichkeit, Innovation wurde mehrfach hervorgehoben. Es gab auch einige Herausforderungen und Tiefs aber mit ihrer grossen Portion Eigenmotivation haben sie sich wieder eingerenkt und immer wieder gesagt: wir machen das für eine bessere Zukunft der Kinder. Sie sprangen ein, wenn eine junge Frau sich umbringen wollte, weil sie das Geld nicht auftreiben konnte für die Sekundarschule, sie redeten den Kindern gut zu wenn sie traurig und verzweifelt waren und sie brachten sie mit ihrem „lustigen“ Englischdialekt immer wieder  zum Lachen. Und das beruhte auf Gegenseitigkeit, denn auch der kenianische Englischakzent hat seine Tücken und gab ein paar Mal Anlass für gewisse Missverständnisse. Und genauso unsere Unterschiede von Ostschweizer Schifflischticker, Badener sowie Baasler Dialekt.

Aufwärmen in dieser Hitze?

Beim „Sporttag“ griff ihnen Maurin unter die Arme. Als international geübter Pfader hatte er auch viele Ideen, wie man so einen Morgen gestalten konnte. Mich machten sie schon fast ein bisschen nervös, weil sie am Abend vorher aus meiner Tüpflischiiserischen Sicht noch nicht alles 100% vorbereitet hatten. Dazu kam noch, dass Lukas tatsächlich den Befund „Malaria“ hatte und seine Energie nicht auf dem gewohnt hohen Level war. Aber am Tag selbst brachten sie den Kids viele Spiele bei, die sie dann hoffentlich auch später miteinander spielen werden und sich noch lange an die Muzungu Teacher erinnern würden, die mit ihnen in der grössten Hitze Staffetten und „Aufwärmübungen“ (wirklich das falsche Wort für Marere) gestaltet hatten. Mama Kaya betätigte sich als Fotografin und VJ, damit diese Erinnerungen nicht plötzlich verblassen würden.

Können Veganer geheilt werden?

Und blass war die Zeit mit Laura und Lukas keineswegs. Gemeinsam machten wir eine dreitägige Safari zum Tsavo West und East, spielten Tichu bis zu meiner Aufgabe, besuchten eine Beerdigung, die von der Vize-Gouvernörin besucht wurde, diskutierten wir mit der DCC (District County Commissioner) – wenn sie uns denn zum Wort kommen liess, machten viele Morgen um 06.15 h Yoga und assen tolle Frühstücke (mit wenig Mahamri und viel Soyamilch) und am Abend viel Reis und Bohnen (Lukas ist Veganer und Laura und Maurin sind Vegetarier). Das mit Vegetarier und Veganer wird hier zwar fast als Krankheit angesehen und so erzählten sie uns auch von Leuten, die in der Kirche von dieser Krankheit geheilt wurden – Gott sei Dank.

Beim Chillen in der Simba Lodge, Voi

Und sogar mit Gott kamen wir oft in Berührung, so zum Beispiel in Gottesdiensten und beim Besuch von verschiedenen Schulen als Quervergleich, unter anderem auch der Internationalen Schule von Pastor Ezekiel, bei dem an einem Sonntag bis zu 45’000 in die Kirche kommen! Hallelujah – praise the Lord. Als Laura an ihrer Abschiedsrede sagte, dass sie hier das Beten wieder gelernt habe wurde mir ganz warm ums Herz (also noch wärmer als sonst).

Und noch mehr führten wir tiefgründige Gespräche mit teilweise kontroversen Themen, wir triggerten uns aus diversen Gründen auch regelmässig gegenseitig und zum Glück kam etwas nie zu kurz: das Lachen! Es waren die Flachwitze von Lukas, die auch mich anstachelten und das Lustigste: egal, über welches Thema wir sprachen: jemand von uns vier sagte immer: was/wer ist das? Davon habe ich noch nie gehört. Und glaubt mir: die Themen kannten keine Grenzen. Von einfachen Dingen wie Film, Musik, Englisch bis zu von wegen: was fändest du schlimmer a) oder b) (und es waren meistens unglaubliche bis unmögliche Entscheidungen) über Frauenrechtsthemen inklusiv Menstruationstassen, persönliches Budget und Altersvorsorge und anderen Themen, die diesen Blog definitiv als X-Rated abstempeln würden. Aber gerade diese Intimität und dieses „Hosen herunterlassen“ bzw. sich vorzustellen, wer denn jetzt Unterhosen trage, und diese unglaubliche Offenheit hat uns  in so kurzer Zeit zu so guten Freunden werden lassen. Wir haben uns gegenseitig wieder aufgebaut, wir sind zu zweit spazieren gegangen und wir haben in verschiedenen Konstellationen Händchen gehalten und uns umarmt (davon habe auch ich in einigen Instanzen profitiert, wenn ich wieder mal am liebsten Abreisen und nie mehr zurückkommen wollte).

Abschied nehmen ist schön und hart gleichzeitig

Gemeinsames Essen beim Italiener

Das Nonplusultra war dann am letzten Abend vor den beiden Farewell Parties eine Einladung in ein italienisches Restaurant in Kilifi. Die drei (die sich auf einem Weekendausflug nach Watamu auch noch näher kennenlernten) luden aber nicht nur Peter und mich ein sondern auch unsere wichtigsten Angestellten Mbuche, Samuel und Dominic und natürlich auch Enrico unseren Medienmenschen (mit dem Laura notabene auch einen Blog produzieren wird) und den Fahrer, der uns überallhin sicher mit dem grossen Landcruiser fuhr. Es war herzerwärmend, die Dankesrede von Laura zu hören und wie sich dann alle Eingeladenen bedankten. Stellt euch vor: Unser Koch Samuel, der 9 Kinder und damit auch sehr viele Sorgen hat, wurde in seinem ganzen Leben noch gar nie in ein Restaurant eingeladen. Das wird eine Erfahrung sein, die sie in ihrem ganzen Leben nie mehr vergessen werden. Und so genossen sie diese Aufmerksamkeit und schnabulierten vor sich  hin. Das Wort Dessert kannten sie nicht und als sie dann grosse Portionen Glacé und Fruchtsalat vertilgen durften waren sie wirklich im siebten Himmel. Und ich ebenso, denn ich wusste: der Abschiedstag wird hart. Das kannte ich schon aus den zwei Jahren vorher: diese Kinder mit ihren Darbietungen, mit ihren lieben Sprüchen und die vielen Worte der Wertschätzung lassen jedes Herz schmelzen. Und geschmolzen sind wir mehrfach an diesem Tag. Beim zweiten Teil des Tages – der ersten Graduation am Marere College – schwitzen Maurin und ich unter diesen – meiner Meinung nach – superdoofen „Gowns und Graduation Hüten“, die hier aber genau so üblich sind wie lange Reden und glitzernde Girlanden-Umhänge, die uns alle wie Christbäume strahlen liessen. Für Laura (die sonst nie ein Kleid trägt) und Lukas (der bestimmt nie solche Hosen tragen würde) hatten sie massgeschneiderte Kleider machen lassen und so feierten wir alle stilgerecht und unsere Herzen quollen über: vor Freude, vor einer gewissen Hilflosigkeit, dass man nie genug machen kann um allen zu helfen und vor ganz viel Liebe. Liebe, die diese drei Muzungus zu „meinem“ und Peter’s Kenia gewonnen hatten, Liebe zu den Menschen hier, die aus so wenig so viel machen und natürlich Liebe zueinander.

Crazy people – verspricht mir, dass ihr zurück kommt

So viel Wertschätzung, so viel Engagement, so viel Freude: ich habe zwar Laura und Lukas heute mit Tränen in den Augen in Mombasa verabschiedet aber es waren nicht Tränen der Trauer und auch keine Tränen der Freude aber Tränen gefüllt mit so vielen positiven Gefühlen. Bitte kommt wieder ihr crazy Leute – ihr habt das Leben von Hunderten von Menschen bereichert und ich bin sehr glücklich, dass ich eine von diesen bin.

Asante sana sana

Und die ganze Episode kannst du dir hier auch anhören, wenn du das besser magst:

You didn’t understand a thing? Listen to the English recording of my blog here:

So sehen also die Hühner aus!

Acht Jahre bis zum Durchbruch

Wer in den Sozialen Medien unterwegs ist hat gesehen, dass wir vom 31. Januar bis 2. Februar in unserem Marere College ein sogenanntes Eye Camp durchgeführt haben. Wie es aber dazu kam und was es alles an Vorbereitungen gekostet hat, das muss ich unbedingt in einen Blogeintrag fassen. Ich kann nämlich mein Glück nach 8 Jahren „Vorbereitung“ kaum glauben.

Ich habe mich ja kurz nach der Wahl von Peter 2013 damit auseinandergesetzt, ob ich in Kenia eine Anstellung finden könnte. Die Ernüchterung war aber ziemlich schnell da. Ich hätte zwar sogar in meinem angestammten Beruf im Tourismus einen gefunden, aber hätte ich bestimmt nicht mehr als CHF 2,000 verdient im Monat und hätte dann so ziemlich 24/7 verfügbar sein müssen, an Messen in andere Länder reisen müssen etc. So wäre ich ja noch weniger bei Peter gewesen als mit dem hin- und herreisen zwischen Kenia und der Schweiz. Aber trotzdem habe ich immer die Augen offen gehalten und bin so auch auf eine Hilfsorganisation gestossen, die EinDollarBrille heisst. Ein tolles Konzept, das in verschiedenen Ländern bereits damals implementiert war. Es bedeutet, dass in den ärmsten Ländern Brillen vor Ort hergestellt werden, die nicht mehr kosten als 1 Tageslohn in den Ländern, in vielen also nur Ein Dollar. Der Erfinder der Idee, Martin Aufmuth, war dann auch bei Aeschbi in seiner Sendung, die man hier noch nachschauen kann: Link zur Sendung.

Ein Job bei OneDollarGlasses

Ihr kennt mich: mein Netzwerk funktioniert prima, aber dass ich im Vorstand den Mann einer Freundin wiedersehen würde hatte ich auch nicht erwartet. Ich war also 2015 in Zürich an einer Mitgliederversammlung und wir begannen ernsthaft darüber nachzudenken, ob ich allenfalls für EinDollarBrille in Kenia arbeiten könnte. Ich habe auch von Anfang an klar gemacht, dass mein Salär nicht tiefer als in der Schweiz sein dürfte, damit ich auch weiterhin ohne finanzielle Probleme in die Schweiz reisen könnte, meine Krankenkasse beibehalten könnte, mein Haus bzw. meine Wohnung bezahlten könnte etc. Ich begann also, in Kenia Abklärungen zu machen und erkundigte mich, wie es mit dem Aufbau einer OneDollarGlasses Organisation stehen könnte. Ich hatte sehr spannende Meetings mit sehr interessanten Menschen. Wir haben aber ziemlich schnell herausgefunden, dass die Lobby der Optiker sehr stark ist in Kenia und sie ganz und gar nicht daran interessiert sind, dass da jemand für einen Dollar Brillen “verschleudert” und sie kein Geld mehr verdienen würden. Eine Delegation aus Deutschland die vor Ort Abklärungen machte beschloss dann, dass es nicht der richtige Zeitpunkt für Kenia sei. Ich verfolgte weiterhin, wie die NGO in andere Länder expandierte und dort erfolgreich war.

Link zur Webseite von EinDollarBrille

Gib deine Ideen nie auf

Ich lege zuhause immer Newsletters von anderen NGOs zur Seite, damit ich vergleichen kann, wie sie mit Mitgliedern umgehen, wie sie werben, wie sie informieren. Und so lag auch 2023 dieser neuste EinDollarBrille Newsletter bei mir auf einem Häufchen „noch zu lesen“. Ich sah, dass sie in Kenia jetzt offensichtlich doch Fuss gefasst hatten und entschied mich, meinem Freund im März 2023 einfach mal zu schreiben und nachzufragen, ob es jetzt vielleicht sogar möglich wäre, dass wir mal in Marere etwas zusammen machen könnten. Ich erhielt prompt Antwort, dass er mir gerne den Kontakt in Kenia herstellen würde und ich schrieb sofort einer gewissen Betty Brauer und trampte bei ihr auch gleich in ein Fettnäpfchen, denn sie schrieb mir in einem sehr guten Deutsch zurück. Ich gratulierte ihr zu ihrem hervorragenden Deutsch und ihre Antwort war: ich bin Deutsche. Oups… aber irgendwie brach das dann auch eine erste Barriere und wir führten ein ausführliches und spannedes Zoom Gespräch durch. Ich in der Schweiz und sie in Kenia und ja: sie ist definitiv eine Muzungu. Ich erklärte ihr meine Vorgeschichte und sie meinte, dass es doch optimal wäre, wenn ich mal an ein Eye Camp kommen würde, das sie in Kenia durchführen wenn GoodVision Glasses (so der Name der NGO in Kenia) mal an der Küste sein würden mit einem Team. In meinem Juli/August Aufenthalt 2023 klappte das leider nicht aber wie ihr mich kennt lasse ich einfach nicht locker, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe und so kam es, dass wir jetzt im Januar/Februar endlich dieses Eye Camp durchführen konnten. 

Link zu GoodVision Glasses

Was soll ich sagen: es war ein Erlebnis der Sonderklasse und was mich am allermeisten überrascht hatte war die Professionalität, die Pünktlichkeit, die Zuverlässigkeit, die Geduld und die Freundlichkeit des gesamten 10-köpfigen Teams, das da eingefahren ist. Ich gebe zu: Geduld haben sie alle aber meine Erfahrungen mit zuverlässigen, pünktlichen und auch noch professionellen Kenianer:innen können an einer Hand abgezählt werden aber es beweist mir: es ist möglich und ich liess mich so gerne positiv überraschen. Ich hatte zwei Flyer erstellt: einen in Englisch und einen in Kisuaheli und sie wurden von unseren vielen Bekannten hier in Jaribuni rege über WhatsApp verteilt. Auch in den naheliegenden Schulen verteilten wir sie, denn wir wussten ja auch von unseren FHNW Studentinnen, dass so viele Schüler:innen eine sehr schlecht Sicht haben.

Wir hatten pro Tag 80 Plätze zur Verfügung x 3 Tage = also 240 Personen konnten sich untersuchen lassen. Dass ich auf dem Flyer die Telefonnummer angegeben hatte, bei der man sich anmelden kann war ziemlich sinnlos. Typischer Muzungu Fehler halt. Es hatten sich vielleicht 3 Personen schriftlich oder per Telefon angemeldet. Hier funktioniert wirklich das Buschtrommel Prinzip und die Buschtrommel wurde geschlagen. Teilweise waren die Leute schon früher als 8 Uhr morgens da und es kamen auch nach den drei Tagen noch Leute, die sich untersuchen lassen wollten aber die halt die Trommel zu spät gehört hatten. Inzwischen habe ich den offiziellen Report erhalten und auch der ist superprofessionell dargestellt und gibt allen, die auf meinen Spendenaufruf reagiert haben eine gute Übersicht.

140 Menschen haben neue Brillen

Das sind die Fakten, aber was da täglich abgelaufen ist war einfach nur herzerweichend. Ich musste ja gleichzeitig noch lehren und einige Dinge organisieren aber ich konnte es nicht verkneifen, ab und zu bei dem Team vorbei zu schauen. Es war mir mit der Zeit schon peinlich wie sehr mir die Leute für dieses Eye Camp dankten: sie gaben mir die Hand, sie umarmten mich (und das war fast etwas gefährlich, denn hier ist eine Epidemie von Bindehautentzündungen ausgebrochen, hier heisst es «Red Eye Disease» und ist extrem ansteckend) und sie dankten mir, wie wenn ich sie persönlich geheilt hätte.

Ich kam mir schon beinahe wie Pastor Ezekiel vor, der hier ja täglich Leute heilt. Und ich kriegte Rückmeldungen wie: „ich kann das erste Mal in meinem Leben ein Buch lesen.“ „Ich dachte, dass ich blind werde und jetzt habe ich entsprechende Tropfen erhalten“, „ich konnte am Bildschirm fast nichts mehr lesen und mit der Schutzbrille kann ich jetzt wieder alles sehen“ und etwas vom Lustigsten: „ich wusste gar nicht, wie die Hühner aussehen – jetzt erkenne ich sie endlich“. Es waren effektive Dreitageglücksgefühle und das De-Briefing mit den Ärzten fiel sehr positiv aus und unsere Glückshormone waren auf einem Höchststand, die ich mit Schweizer Schokolade noch auf einen höheren Stand hob.

Es wird bestimmt noch Folgelösungen geben und allenfalls Operationen, für die wir mit Pro Ganze auch wieder unseren Beitrag versuchen zu leisten. Laura, die FHNW Studentin, hat sich sogar persönlich um Sophia gekümmert. Sophia ist eines der Marere Primary Kinder mit einem extremen Schielen.

Sie hat sich dafür einen ganzen Tag reserviert, ist mit ihr, der Mutter und einem kleinen Baby mit einem gemieteten Auto nach Mombasa in eine Privatklinik gefahren um Herauszufinden, dass es unter Umständen nur ein müdes Auge ist und dies mit Augenklebern wieder auf Touren gebracht werden kann. Solche Hilfe ist einfach Gold wert.

Wiederholung wegen der Glückshormone

Solche „Seitengeschichten“ haben das Leben von uns allen bereichert. Und weil Glückshormone gut für die Gesundheit sind haben wir uns gemeinsam mit dem Team von Good Vision entschieden, das Ganze in der zweiten Augustwoche 2024 zu wiederholen: ich kann es kaum erwarten.

Glückshormone durch Schokolade

Danke an alle, die ihren Beitrag an die Brillen und das Projekt geleistet haben. Wir konnten das Projekt kostendeckend abschliessen und ihr habt so mit CHF 5 pro Brille einen riesengrossen Beitrag zu einem besseren Leben und im übertragenen Sinn einen besseren Ausblick auf das Leben von Vielen geleistet. Ich sage es ja immer bei unseren Projekten: selbst der kleinste Betrag kann Grosses bewirken.

#eyecampmarere #goodvision #icanseeclearlynow

Lust, diesen Beitrag lieber zu hören? Hier kannst du es auf CH-Deutsch machen.

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Business Model What?

Wenn meine Blogleser:innen schon schreiben, was denn los sei – sie würden sich schon längstens auf den nächsten Blog freuen, der aber nicht kommt, dann ist klar: es läuft sehr viel in Marere.

Die beiden „neuen“ Laura und Lukas von der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) sind angekommen, haben schon die erste «Kirchenerfahrung» oder besser gesagt das «Kirchentrauma»

Lukas, der Pfarrer, Barbara und Laura

hinter sich und unterrichten bereits an der Marere Primary School, wo sie täglich mit unsäglichen Geschichten zurückkommen. Aber genau das macht ja die Erfahrung aus. Maurin Büche gibt wie immer Vollgas: er hat bestimmt schon fünf Projekte am Laufen und das Allercoolste (er denkt als Vegetarier sogar über eine Hühnerfarm in Marere nach…): er hat am letzten Mittwoch einen Zoom Call mit fast 80 Personen gemacht und über seine Erfahrungen hier berichtet. Es war so mega spannend und wer daran interessiert ist kann bei mir gerne den Link dazu erhalten. Der ganze Call dauerte 1 Stunde (ohne WLAN Unterbruch!!!) und Maurin hat dafür extrem viel recherchiert. Als Zahlenmensch hat er auch z.B. die Währungssituation aufgezeigt und einige Vergleich von der Schweiz zu Kenia angestellt. Er sass in meinem Büro und hat dort die PowerPoint Slides gezeigt während wir ihm im gekühlten Wohnzimmer zuhörten und einfach nur beeindruckt waren: Wow, so cool! Unglaublich, was er alles herausgefunden hat! Das waren nur ein paar von unseren bewundernden Worten. Sogar Peter sass da und sagte immer wieder: also dieser Maurin, als dieser Mensch das ist so eine intelligente Person! Ich habe mir immer gewünscht, dass so jemand nach Marere kommt. Es war herrlich.

1 Stunde Zoom Call mit Wissenswertem über Kenia, Kilifi, Marere souverän durchgeführt von Maurin

Ich weiss, ich habe meine Bewunderung für diesen jungen Mann bereits schon ein paar Mal ausgesprochen und ich muss jetzt halt noch etwas nachhaken. Dass jemand, der einen bestimmt sehr gut zahlenden Job in der Schweiz für zwei Monate liegen lässt, sich hier unter schwierigste Umständen in das Thema Entrepreneurship reinkniet verdient grösste Bewunderung. Und zwar unterrichtet er nicht so, wie er es gerne unterrichten möchte sondern so, wie es das Curriculum von der NITA (National Institute of Training Association) erhalten hat.

Business Model Canva

Da sind Themen drin, die einfach nicht richtig sind für Student:innen von Jaribuni. NITA ist natürlich für ganz Kenia zuständig. Aber hier Dinge zu lehren, die in Nairobi vielleicht sinnvoll sind aber hier vollkommen nutzlos und überflüssig sind fällt ihm besonders schwer. Zudem wechselt die Flughöhe permanent: mal geht es um die Gesamtsicht von etwas, dann wieder um ein Detail und retour. Selbst bei mein Thema „Kommunikation“, das ich ja selbst aus dem Stegreif kann verzweifle ich fast beim Erstellen des Unterrichtmaterials. Ich mache das wenigstens gerne im Gegensatz zu Maurin. Wir haben eine Frau interviewed, die bei uns in Zukunft die Themen Life Skills, Communication and Business Skills unterrichten möchte und mit ihr zusammen versuche ich jetzt gute Schulungsunterlagen zu erstellen, die auch in Zukunft gebraucht werden können. Wir richten selbst einen OneDrive auf Google ein damit wir in Zukunft alle unsere Dokumente da raufladen können. Also hoffentlich klappt das auch, denn ich habe es vor einem Jahr schon Mal versucht. Vielleicht können wir dann gewisse Unterlagen auch mit den Student:innen teilen. Das ist eine sehr grosse Herausforderung, zumal ja manche Lehrer.innen noch nie einen Laptop aufgemacht haben und die meisten Schüler:innen fast kein Englisch verstehen. Und unsere Bandbreite ist momentan so tief, dass wir sie dringend erhöhen müssen. Das bedeutet dann aber auch wieder doppelte monatliche Kosten. Es ist immer ein Abwägen hier. Wieviel möchten wir investieren und was erhofft man sich davon.

Geduldsprobe Excel für Anfänger:innen

Neue Lehrerin für Kommunikation

Aber meine erste Begegnung mit der potenziell neuen Lehrerin muss ich noch ausführen: sie war anscheinend schon einmal hier und wollte sich vorstellen und damals hatten wir keinen Bedarf. Jetzt brauchen wir unbedingt jemanden, der eben alle diese Themen unterrichten kann und der Principal der Schule hat mich gebeten, beim Interview dabei zu sein. Ich sah bereits, dass sie etwas scheu ist und bat sie dann, sich vorzustellen. Und sie sagte in einem ganz kleinlauten Piepsstimmchen: ich bin Furaha (was Freude bedeutet) und ich möchte gerne Kommunikation und Life Skills unterrichten. Ich musste zuerst sagen, dass sie lauter sprechen müssen, denn mit dem Ventilator im Hintergrund konnte ich sie echt nicht hören. Dann wiederholte sie ein bisschen (also vielleicht ein Dezibel) lauter nochmals dasselbe. Ich war leicht irritiert und sagte, dass sie schon lauter sprechen müsse – gerade wenn sie Kommunikation unterrichten möchte. Sie brach fast in sich zusammen und sagte: ich habe noch nie in meinem Leben mit einer Muzungu (Weissen) gesprochen…. Wow und dann gelangt sie gerade an eine Power Muzungu wie mich, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Die Ärmste… Ich versicherte ihr, dass ich bereits gefrühstückt hatte und daher auch nicht im Sinn habe sie zu fressen… worauf sie mich noch geschockter anschaute. Aber ich setzte dann meine empathischste Miene auf die ich kann und erklärte ihr, dass ich dafür Verständnis habe, aber dass wir nicht viel Zeit hätten und sie sich schnell an mich gewöhnen müsse. Wir schlugen ihr dann vor, eine Probelektion über „Oral Communication“ zu machen am nächsten Montag. Wir diskutierten auch über den Lohn und hier wurde das Problem mit dem teurenTransport wieder ganz eklatant sichtbar: wenn sie aus dem Käffchen, aus dem sie kommt täglich nach Marere fahren würde mit dem PikiPiki dann hätte sie bereits ihr ganzes Salär aufgebraucht. Sie muss sich also überlegen in die Nähe zu ziehen, damit sie wenigstens nur einmal in der Woche hin und her fahren muss und dann halt ein kleines Zimmer nehmen muss. Dazu kommt, dass sie ein Kind hat, das momentan bei der Mutter lebt und das ist dann noch viel weiter entfernt. Ich schlug vor, dass sie das Kind in die Nähe bringt oder sogar mitnimmt ins College, da wir ja eine Kinderbetreuung haben. Am Schluss haben wir vorgeschlagen, dass sie halt nur 2 Tage unterrichtet um die Spesen zu minimieren für den Anfang. 

Volle Ladung PowerPoint

Dann kam grad die volle Ladung für sie: PowerPoint Folien erstellen, in den Notizen die Informationen einfügen, die sie lehren soll. Dann einen Beamer installieren, mit einem Presenter arbeiten und in der Referentenansicht jeweils die nächste Folie anschauen und die Notizen lesen damit sie keine Zusatznotizen brauch. Arme Furaha – es war grad ein bisschen viel für sie. Unter Umständen war das dann auch der Grund, weshalb sie am zweiten Tag schon nicht mehr kam. Sie meinte zwar weil ihre Tochter ins Spital musste aber so ganz glaubte ich das nicht. Wir werden sehen, ob sie morgen auftaucht. Ich musste halt wieder einspringen und die zwei Stunden am Montag Morgen unterrichten. Das Thema war für mich einfach, auch wenn ich nachlesen musste, was ein „Radio Call“ ist aber die Schwierigkeit war, dass wir bei grösster Hitze mit 20 Personen in einem Miniatur-Schulzimmer sassen und ich einfach vor mich hintropfte. Raus konnte ich nicht mehr, da jeder Milimeter mit Schüler:innen belegt war. So war ich froh, als mir Philip noch eine zusätzliche Schülerin brachte (die zwar keinen Platz mehr hatte im Zimmer) und ich um eine Flasche Mineralwasser betteln konnte. 

Erschwerte Bedingungen

Diese Truppe an einem Montagmorgen zu „animieren“ war eine Parforceleistung von mir. Und es tut mir gut, denn damit wächst mein Verständnis für die Lehrerinnen, wenn sie unter diesen Bedingungen Schule geben müssen. Oder ich merke was fehlt oder was wir noch brauchen. Der Staub, der Lärm von draussen, die fehlenden Flipcharts und Wandtafeln, die Stromunterbürche – es animiert mich noch mehr, mich für meine Projekte einzusetzen und euch um Mithilfe zu bitten. 

Und dafür bin ich Maurin auch dankbar: er hat in kürzester Zeit einige Tausend Franken gesammelt und er hat schon viele Ideen, wie er sie einsetzen wird hier.  Mit dem Curriculum hat er sich mit ein bisschen Murren (gehört einfach auch dazu) abgefunden und als Ausgleich lehrt er jetzt allen Lehrer:innen und ein paar fixen Schüler:innen (die haben wir tatsächlich auch, wenn auch in ganz kleiner Zahl) das Business Model Canvas und er zeigt es anhand von Dama‘s Näh-Business die einzelnen Komponenten auf. Und das natürlich alles auf Englisch. Manchmal müssen wir hier sogar unser Englisch den lokalen Begebenheiten anpassen, da wir sonst nicht verstanden werden.

Ein echt gut verständliches Business Model

Manchmal fühlt es sich so an, als würden wir kaum etwas verändern und manchmal erhalten wir Feedback, dass uns wieder zu Tränen der Freude rührt. Veränderung ist möglich: pole pole (langsam) aber ein gutes Vorbild zu sein funktioniert auch hier unter diesen schwierigen Bedingungen. 

#rolemodel #nervenbehalten #businessmodelcanvas

Do chasches au losä uf CH Tüütsch

You want to know what I am talking about: listen to it in English

Ich bin eine Umweltsünderin

Ein Thema, das Maurin schon von Anfang an am Herzen lag war das Abfallmanagement hier in Kenia. Durch meine Freunde, die für Shelterplast ein tolles Projekt im Sinn haben, www.shelterplast.org wusste ich schon ein bisschen etwas über Abfall in Kilifi County aber halt doch nicht allzu viel.

Noch mehr wusste ich über die grösste Abfallhalde in Nairobi, die Dandora heisst. Das ist aber eine andere Story. 

Ich entschied also schon vor Maurin‘s Ankunft, dass ich mich mal informieren wollte, wie das Abfallmanagement jetzt in Kilifi County funktioniert. Es gibt ja auch Gegenden, in denen es eine richtige „Abfallmafia“ gibt und man den Abfall kaufen muss um ihn weiter zu verarbeiten. Und ich war selber auch immer extrem erstaunt, dass Leute den Abfall in einer Schule oder im Garten ihres eigenen Hauses einfach nicht sehen. Wahrscheinlich weil sie sich so gewohnt sind und das Auge sich irgendwie auch an schlechte Dinge gewöhnt. Manchmal geht es mir ja selber schon fast so. Ich werde zwar nicht müde, mit gutem Beispiel voranzugehen oder in den Schulbriefings allen zu sagen, dass sie den Dreck aufheben und in den Kübel schmeissen sollen, aber ich glaube, sie sehen das gar nicht als Dreck.

Es brauchte ein paar Anrufe bis wir wussten, wer denn jetzt zuständig ist für das Thema Abfallmanagement. Aber via den CECM (Chief Executive Committee Member) kam ich an die richtige Person: Jimmy Yaa, der Director of Environment Kilifi County.

Jimmy Yaa auf X

Ein junger Mann, der ein Master in Environmental Science hat. Ich schrieb ihm eine ganz lange Mail mit einem ganzen Katalog an Themen, über die ich gerne Bescheid hätte, wie:

  • wieviele Haushalte gibt es in Kilifi und in Jaribuni
  • Wie läuft das Abfallmanagement jetzt in Kilifi?
  • Gibt es überhaupt Abfallmanagement in Jaribuni und in anderen ländlicheren Gegenden?

Ich wollte vor meiner Abreise noch etwas Infos, die ich dann an Maurin weiterleiten hätte können. Aber es blieb beim Konjunktiv… „ich werde die Infos bald zusammen haben“, „ich brauche noch etwas Zeit“ – das war im November das letzte Mal und dann verleidete es mir bereits und ich hakte nicht mehr nach. Ich bin ja dann bald selber abgereist undMaurin war ja auch noch zu beschäftigt und hatte noch gar keine Zeit, sich ein konkretes Projekt zu überlegen. Er hat auch gemerkt, dass man sich in der Schweiz schwer tut, was man denn hier wirklich beitragen könnte.

Aber kaum kam Maurin am Flughafen an begannen seine Fragen betreffend Nachhaltigkeit und Umweltschutz: wie wird hier der Abfall entsorgt? Warum lässt Victor das Auto laufen, wenn es gar nicht braucht? Warum trinkt ihr das Wasser aus PET Flaschen? Es ging dann auch so weit, dass er Victor den Motor abstellte, wen dieser in einen Laden ging und dieser dann bei der Rückkehr ziemlich dumm aus der Wäsche schaute. Wir hatten grosse Diskussionen über Sinn und Unsinn von Plastik, Verpackungen. In Kenia gibt es ja immerhin ein Verbot von Plastiksäcken, was schon mal super ist und sich von der Schweiz abhebt. Wir begannen auch schon grosse Erdbeer-Yoghurt anstatt die kleinen einzukaufen. Ich hätte fast ein schlechtes Gewissen gekriegt weil ich ja jetzt neustens eine Klimaanlage aber nur „fast“, denn ich finde, die habe ich jetzt ja wirklich verdient und sie macht mein Leben um ein Vielfaches einfacher und wenn ich erholt und erfrischt bin, dann stehe ich auch der Community auch besser zur Verfügung.

Aber ich muss sagen: ich habe mich auch bei ein paar Umweltsünden ertappt nicht erst seit Maurin hier ist. Manchmal habe ich nicht daran gedacht, dass ich das Bier ja in Flaschen oder in Büchsen kaufen kann und das für die Umwelt ganz sicher besser ist, wenn ich es in Flaschen kaufe. Aber wahrscheinlich enden ja dann auch diese Flaschen auf dem gleichen Müllhaufen, da es hier noch gar kein Glas Recycling gibt. Oder es fällt mir manchmal schwer das Wasser vom Hahn zu trinken, auch wenn es durch die gesposnerte Reinigungsanlage ging weil ich den Geschmack irgendwie etwas abgestanden finde und weiss, wie es im Inneren des Wassertanks aussieht… Maurin ist da aber voll dabei und trinkt nur dieses Wasser, was bedeutet, dass er während seines Aufenthaltes nur eine grosse PET Flasche verbraucht und ich doch mindestens eine am Tag.

Der Altersunterschied war dieses Mal zu diesem Thema aus verschiedenen Gründen spürbar: ich bin wirklich nicht in einer Öko-Bubble aufgewachsen das gebe ich zu und bei Maurin ist es etwas anders: er ist von Geburt an aus einer puren Vegetarier Familie. Sein Vater ist extrem sparsam, was Kleider anbelangt und macht seine Vorträge gemäss Aussage von Maurin seit Jahren im selben Blazer, weil er diesen dann anziehen muss. Sie hatten keinen TV und bei uns war es eher umgekehrt: meine Mutter hat in der Modebranche gearbeitet und trug immer die neuste Mode, mein Vater war ein Technologie-Freak und hatte einen der ersten Fernseher überhaupt, später einen der ersten Farb TVs und ich habe wohl von beiden diese Dinge übernommen: mein Kleider- Schuh- und Schmuckschrank quillt über, ich habe für jeden Anlass die passenden Outfits und es passt farblich alles zusammen von den Brillenbügeln bis zu den Schuhen und ich liebe alle elektronischen Gadgets und bin ziemlich früh dabei, wenn etwas Neues auf den Markt kommt. Und selten sage ich: diesen Trend mache ich jetzt also nicht mit oder gar „dafür bin ich jetzt zu alt“. In den Sozialen Medien bin ich omnipräsent mache dauernd Stories, Reels, Videos und Maurin hat ein altes Handy, bearbeitet seine Fotos, die er mit der Digitalkamera gemacht hat nach ein paar Tagen und hat nur ein LinkedIn Konto für die Kommunikation.

Also kein Wunder, dass wir sehr unterschiedlich sind und auch unterschiedliche Interessen haben. Ich kann jetzt auch nicht gross über Filme mit ihm sprechen, weil er kaum ins Kino geht und ich wie ihr ja wisst sehr oft und ich interessiere mich für Filme. Aber die philosophischen Themen gehen uns trotzdem nicht aus und das ist ja auch das Wichtigste. Es ist gewissermassen ein Lernen voneinander.

Wir hatten innert Kürze einen Termin bei diesem Director of Environment für das ganze Kilifi County. Wir wurden im relativ kühlen Büro empfangen. Aha, das war wegen der Klimaanlage. Aber trotzdem war das Fenster auch noch geöffnet. Er brauche etwas Luft zum atmen es sei sonst zu stickig, meinte der junge Mann, der Umweltwissenschaften studiert hatte. 

Dann konnte ich alle meine Fragen platzieren, Maurin konnte auch nachhaken und das Resultat war fast schon wie erwartet eher niederschmetternd: in den ländlichen Gegenden gibt es schlichtweg gar nichts, das heisst in Jaribuni zum Beispiel wird einfach alles privat verbrannt. Auch Dinge, die man eigentlich gar nicht verbrennen kann wie Batterien etc. was ja dann schon sehr gefährlich ist.

In Kilifi deponieren die privaten Haushalte ihren Abfall in sogenannten „Transferstationen“. Die sind an diversen Orten zu sehen. Anscheinend gibt es auch Probleme, weil dieses Land nicht wirklich dem County Government gehört. Aber das ist ja auch kein Wunder bei der schlechten «Städteplanung», wenn man diesen Namen überhaupt verwenden kann. Gemäss dem Director werden diese täglich geleert, was wir nicht wirklich glauben können. Dort hatte man auch schon versucht, Metallcontainer hinzustellen. Diese wurden aber alle geklaut, und das Metall verkauft. Mit den Plastikcontainern gab es das Problem, dass sie teilweise mit verbrannt wurden. Daher liegt jetzt alles auf diesen Transferstationen. Einzig der Plastik kann an einen Sammelort in Kilifi gebracht werden, bzw. könnte an einen Sammelort gebracht werden und der wird dann an gewisse Firmen verkauft. Eine davon ist Ecoworld in Watamu aber bei denen funktioniert nicht einmal die Website. Aller restliche Müll wird an drei Orten, sogenannte Dumpsites in Kilifi County gelagert. Dort gibt es dann wiederum sogenannte „Scavengers“, Menschen die auf den Abfallbergen rumstapfen und die Metallmüll rausnehmen und ihn verkaufen, oder Dinge verbrennen, weil sie einzelne Komponenten wie Kupfer daraus brauchen.

Es wurden schon gewisse Diskussionen gehalten bezüglich Biogas oder Kompostiermöglichkeiten und auch über MRF (Material Recovery Factories) hat man schon nachgedacht oder diskutiert aber ganz ehrlich gesagt hat man momentan sogar zuwenig Lastwagen um den Müll einzusammeln. Klar gibt es manchmal Community Engagements um den Müll zu sammeln aber am Schluss kommt er halt doch an denselben Ort. Es ist also einfach zu wenig Geld vorhanden und so hat Maurin wahrscheinlich aufgegeben, jetzt das riesengrosse Projekt aufzuziehen. Er hat mich am Ende der Besprechung auf Schweizerdeutsch gefragt, ob er jetzt wohl noch das Thema vom Offenlassen des Fensters bei laufender Klimaanlage ansprechen soll bei dem Herrn, der ja das und die Konsequenzen studiert hat aber ich musste Maurin dann kurz erklären, dass wir es Peter zu verdanken haben, dass wir so schnell an die richtigen Leute kommen und dass wir uns das für die Zukunft nicht verscherzen sollten… ich bin die erste, die Dinge offen anspricht aber ich verstehe durchaus, wenn einem so etwas wurmt. Aber es war halt nicht der Moment, das jetzt anzusprechen. Trotz allem: die „Entwicklungsländer“ haben im Vergleich zu den sehr industrialisierten Ländern immer noch einen viel tieferen CO2 Ausstoss, auch wenn das Verbrennen des Abfalls der Gesundheit schadet. Wir sind nicht wirklich auf einen grünen Zweig gekommen.

Wir werden wohl wieder überwachen, dass in Marere der Plastik gesammelt wird und wir ihn wöchentlich nach Kilifi fahren damit wenigstens der Anteil am Verbrannten reduziert wird. Ich glaube nämlich, sobald Mama Kaya abfliegt geht das wieder vergessen wie einige andere Massnahmen, die ich einführe, überwache und immer wieder von vorne beginne. Immer und immer wieder dasselbe predigen ist ermüdend aber absolut notwendig. Und so übt sich Maurin bereits in Geduld und ich liebe es, dass ich jemanden habe, dem dieselben Dinge wie mir auffallen. Geteiltes Leid ist tatsächlich halbes Leid… Und so waren wir noch beim Markt, wo eine Kuh natürlich am Entsorgen der Maisblätter war und wir gönnten uns einen Drink. Maurin war viel mutiger als ich und nahm einen Mangosaft mit Chilli und ich einen fettigen Haselnuss-Smoothie mit so viel Milch, dass es mir am Abend fast schlecht wurde. Aber auch hier: wir lernen viel voneinander.

#trashtalk #transferstation #takataka

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Eine neue Generation

Der Grund, weshalb ich mit meinem Blog ins Hintertreffen gekommen bin hat einen Namen: Maurin Büche, 29 Jahre jung. Er ist am 2. Januar in Kenia angekommen. Was er hier machen wird: das sind wir momentan gerade konkret am Herausfinden.

Maurin war mir bei Raiffeisen schon immer positiv aufgefallen. Er hatte mal bei mir ein Seminar besucht und in einem grossen Projekt haben wir zusammen einiges bewegt und erreicht. Wir haben noch einen gemeinsamen Bekannten, zu dem ich ebenfalls einfach einen guten Draht habe, das ist Raphi Baer. Meine engeren Freunde wissen: ich habe schon immer von diesen beiden jungen Männern geschwärmt. Ich fand sie einfach aussergewöhnlich und anders als Männer jeglichen Alters. Also gewissermassen „alles ausser gewöhnlich“. Ich finde sowieso, dass Männer um die 30 in der Schweiz echt eine ”neue Generation” sind. Intelligent, interessiert, nicht karrieregeil, ohne Gender Bias und einfach rundum tolle Menschen mit denen ich mich gerne austausche und mit denen ich gerne über das Leben (und den Tod) philosophiere. Mit dem Fakt, dass diese beiden auch Pfader sind hat, es bestimmt auch einen Zusammenhang. Die Werte, die in der Pfadi weitergegeben und gelehrt werden diese transportieren sie auch in die Arbeitswelt und in ihr privates Leben. Kurzum: ich liebe den Austausch mit ihnen.

Mit Raphi und Maurin hatte ich also immer wieder Kontakt. Mal kamen sie an ein Benefizessen von Pro Ganze, mal trafen wir uns auf einen Burger, dann kochte ich etwas zuhause und das in unregelmässigen Abständen. Maurin verhalf mir zu einem Auftrag beim KFMV Ostschweiz und vor allem entstand dort wieder ein wunderbarer Kontakt zu einer Namensvetterin, deren Freundschaft ich enorm schätze und bei einem Seminar, das ich dort halten durfte entstand wieder eine tolle Freundschaft mit einer Seminarteilnehmerin, die es total drauf hat. So lebe ich das Thema „Netzwerk“ täglich und egal, ob ich in Kenia oder in der Schweiz bin.

Maurin habe ich bisher (ausser bei PWC, die Firma ist mir einfach zu wenig sympathisch) an all seinen neuen Arbeitsplätzen besucht. Er ist sich stetig am Verändern, bildet sich weiter, nutzt seine Karriereschritte nicht nur vertikal sondern auch horizontal. Ihm ist es wichtig, dass er seine Werte auch in der Firma, in der er arbeitet wieder erkennen kann. Und in diesem Zusammenhang hat er letztes Jahr seinen Job gewechselt und sich überlegt, ob er in der Zeit zwischen Jobs etwas Sinnvolles machen kann. Sinnvoll für seinen Lebensweg aber auch sinnvoll für die Menschheit. Er setzt sich nämlich auch intensiv mit Umweltthemen auseinander, ist sein ganzes Leben schon Vegetarier und auch sonst ein sehr reflektierter Mensch. Durch meinen Blog und meine persönlichen Erzählungen aus meinen Kenia Erfahrungen hatte er die Idee, das Thema bei Pro Ganze bzw. bei einem Besuch in Kenia umzusetzen. Er fragte mich schon früh, was denn sinnvoll wäre, was er machen könnte bei uns und was allen etwas bringen würde. Meine Antwort auf eine solche Frage – die ich ab und zu erhalte – ist immer: ja was kannst du denn? Ich denke, dass ich das hier schon öfters erwähnt habe: Handwerker:innen sind halt eindeutig am Nützlichsten: egal, ob du kochen, zimmern, sanitärlen, nähen, frisieren, autoflicken oder bauen kannst: das kann hier als Vorbild zur Anwendung deiner Fähigkeiten kommen. Zudem zeigt es auch den Menschen hier auf, dass nicht alle an eine Uni müssen um einen guten Lebensweg einschlagen zu können. Und daher ist es manchmal mit reinen Kopfmenschen oder „Bürogummis“ eher schwierig zu sagen, was sie hier beitragen können.

Maurin hatte zu seinem Bürogummi-Sein und seinem Hirnschmalz noch das grosse Asset: Pfadi. Weil ja auch unser Radiomoderator Enrico ein Pfader ist hatten wir 2021 bereits einmal eine lange Zoom Session zwischen der Pfadi Jaribuni und der Pfadi Speicher organisiert und es war eine super Erkenntnis für beide Seiten. Ich glaube der Anlass blieb allen in bester Erinnerung.

2022 begann dann Maurin darüber zu sprechen, dass er gerne mal nach Kenia kommen möchte und in ein Projekt eintauchen möchte. Ab März 2023 fingen wir dann mit einer konkreteren Planung an und ich bereitete ihn schon mal darauf vor, dass bei uns am College das Thema „Entrepreneurship“ auf dem Stundenplan ist und ich mir sehr gut vorstellen könnte, dass er das unterrichtet, nebst nachhaltigen Projekten wie Abfallmanagement, die natürlich auch sehr wichtig sind. Auch meinte ich, dass ein Monat das absolute Minimum sei für einen Aufenthalt und wir einigten uns dann auf zwei. Als Muzungu muss man sich ja auch zuerst akklimatisieren, denn besonders in den Wintermonaten ist die Temperatur schon sehr gewöhnungsbedürftig im oberen Bereich. Seine Frage, ob er auch mit „öffentlichen Transportmitteln“ anreisen könne beantwortete ich inoffiziell mit einem Schmunzeln (vielleicht sogar mit einem kleinen Kopfschütteln) und ihm gegenüber mit dem Aufzeigen von Krisenländern rund um Kenia, die bestimmt nicht über öV verfügen sondern ihn wohl eher abknallen würden auf der Strecke… Dann war auch noch das Thema Kilimanjaro besteigen in der Luft und da ja auch im Januar/Februar jeweils die FHNW Student:innen hier sind habe ich ihnen schon mal „voneinander“ erzählt, da diese ähnliche Pläne hatten. Da er dann auch noch seinen Job wechselte gab es keinen „Aufenthalt zwischen zwei Jobs“ aber er konnte an der neuen Stelle bereits aushandeln, dass diese Auszeit folgen würde. Wobei Auszeit total das falsche Wort ist. Also auf jeden Fall für Maurin. Denn kaum kam er am 2. Januar am Flughafen an begann schon am ersten Tag das Programm: nach Marere fahren, Gepäck deponieren, weiter nach Kilifi und meine Bekannte, die französische Journalistin treffen und mit ihr heftig über Politik diskutieren, auf dem Markt einkaufen, bei Jumia den Kasten abholen, der in die Gästezimmer gehört, den Naivas kennenlernen und dann wieder retour nach Marere und gleich ausprobieren, ob er ein Piki Piki (Töffli) fahren könnte um ihn unabhängiger zu machen.  Also gar nichts von „aus“, wenn schon, dann eher „ein“. Es folgten dann weitere Abenteuer von denen ich dann auch eins ums andere berichten werde – ich kann nur sagen: unsere Konversationen zu allen möglichen Tages- und Nachtzeiten sind ein echter Deep Dive in philosophische Themen, die Gott und die Welt wie auch eine Welt ohne Gott betreffen.

Ich darf gar nicht schreiben, wie glücklich ich bin, Maurin hier zu haben, denn es könnte kitschig werden oder eifersüchtige Reaktionen hervorrufen. Allerdings stimmt das nicht, denn auch Peter ist voll begeistert von Maurin und freut sich, wenn sich jemand auch für politische Themen interessiert. Maurin bereichert mein Leben gerade über alle Massen und auch wenn ich nicht alle der vielen Fragen von ihm beantworten kann: sie geben auch mir immer wieder Gelegenheit, über Sinn und Unsinn von Entwicklungshilfe zu reflektieren, mir Gedanken zu machen über unser Engagement hier und auch meine zukünftigen Wege in einem neuen Licht zu beleuchten. Ich kann nur sagen: Blog schreiben ist spannend aber Marere aus Maurin’s Sicht täglich anzuschauen noch viel mehr.

Maurin möchte Projekte unterstützen und er hat eine WhatsApp Gruppe aufgemacht, in der er am 23. Januar von 17.30 – 18.30 von seinen Erfahrungen berichten wird. Da ihn ja auch einige meiner Freunde und Freundinnen kennen und es für meine Blogleser:innen spannend sein dürfte, da mit dabei zu sein darf ich nach Absprache mit ihm den Link hier teilen:

Bald gohts scho los und denn bini zwei Mönät in Kenya – gnauer gseit in Ganze. I mach en Deep Dive id Kultur und versueche us mim Studium und suscht bescheidene Lebenserfahrige Wüsse apasst uf d’Region de junge Erwachsene vom Marere College witerzgeh.

Wenn’s di Wunder nimmt, wa da gnau heisst, wie s’Lebe döte ufm Land isch und wiemer die Region suscht konkret chan unterstütze, ladi zumene Teams Termin am

*Dienstag, 23. Januar, 17:30 – 18:30 Uhr *i,

tritt dere Whats App Gruppe bi (kai Angst i verteile suscht kai Spam) – i teile nume döte denn de Link!

https://chat.whatsapp.com/JiVjA6tLD3k1mXFQ379eUb

Es freut mi mega wenn du dir chasch Zit neh, Lieber Gruess Maurin

Sei doch auch mit dabei und höre „live“ von Maurin’s Erfahrungen. Ich kann bereits versprechen: sie sind vielschichtig! Und vielschichtig geht es bei uns in Marere weiter. Wir bleiben dran!

#waskannichbeitragen #deepdive #philosophischegespräche

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Augen auf bei der Farbwahl

Wieder ein Tag oder Abend mit Erwartungen – aber meine waren auf einem Minimum. Einerseits weil ich grad eine üble Magen/-Darmgrippe durchgelebt habe und noch nicht ganz sicher war, ob ich das Essen halten konnte oder ob es oben oder unten wieder rauskommen wollte. Ich kann nur sagen: danke an mich, dass wir eine Klimaanlage haben. So lag es sich wenigstens kühl.

Ich hatte schon mal mit zwei Flaschen Prosecco vorgesorgt. Kleine Anekdote dazu: Peter wollte sie kaufen, weil er für Zigaretten in den Liquor Store musste. Als ich reinkam sah ich, dass er zwei Flaschen Champagner bei der Kasse hatte. Ich meinte: kauf keinen Champagner, der ist viel zu teuer! Er meinte: es ist schon zu spät, ich habe ihn schon gekauft! Als er aber sah, dass der Preis 11’400 (ca. CHF 60) und nicht 1’140 (ca. CHF 6) ist schluckte er nur leer und brach die Aktion ab. Ist ja wirklich auch Wucher und auch der Martini Prosecco, den ich aber wenigstens von der Schweiz her kenne, hat noch etwa KES 2’100 (ca. CHF 12) gekostet was hier definitiv genug ist.

Einer der näheren Verwandten und jemand, der auch sonst viel für Peter macht wollte seinen Bruder, der in Nairobi erstochen wurde, noch im alten Jahr beerdigen. So quasi um nicht noch Probleme und Negatives ins neue Jahr zu nehmen. Also war Peter’s Beschäftigung am letzten Tag des Jahres an diese Beerdigung zu gehen. Zum Glück werde ich schon gar nicht mehr gefragt und so konnte ich zuhause das Haus mit meinen neuen Kissen für das Sofa einrichten. Leider schaffte ich es nicht, den Überzug auf die Matratze zu bringen, da man dafür zu zweit sein musste. Also richtete ich sonst etwas ein, öffnete noch die letzten Kisten aus dem Container Transport und fand darin auch noch eine Brotmaschine, die ich gleich ausprobierte und die zu funktionieren schien…

Irgendwann wurde es hinter dem Haus ziemlich laut und ich sah schon mal Dennis Jilani und Joshua aus der Familie und dann noch einige weitere Männer. Die Whiskey-Flaschen wurden aufgefahren und ich ahnte ein gewisses “Unheil”… aber ich hielt mich raus, denn der letzte Tag des Jahres gehört ja auch gefeiert und Peter ist ja sonst extrem zurückhaltend was Alkohol angeht. Ich dachte mir: das ist die beste Zeit um noch einen kurzen Nachmittagsschlaf zu machen. Man weiss ja nicht, was sonst noch passieren wird. Ich hatte davon abgesehen ein besonderes Menü aufzugleisen und dachte mir einfach: es gibt was es gibt. Mbuche hatte aber bereits erwähnt, dass es sicher keine Bohnen und Reis sein würden, denn es sei ja der letzte Tag des Jahres.

Nach ein paar Stündchen wachte ich auf und wunderte mich, weshalb es hinter dem Haus so ruhig sei. Ich ging ins Wohnzimmer und da lag Peter auf der Couch wie bewusstlos und schnarchte friedlich vor sich hin. Alles klar: die Jungs waren weg – daher die Ruhe und Peter offensichtlich “unter Einfluss”. So halb musste ich grinsen und so halb nervte ich mich. Ich erinnerte mich an den Sylvester vor einigen Jahren als es ähnlich war und ich den Abend – ohne ein Wort Swahili zu können – mit dem Gärtner und dem Kuhhirt am Tisch verbracht hatte. Damals hatte ich aber schon begonnen, die Tradition von Dinner for One einzuführen und das hatte ich auch heute vor. Und wenn alle Stricke reissen würden, dann würde ich mir ein paar Filme reinziehen heute Nacht. Aber plötzlich war Peter quasi “auferstanden” – auch wenn ja nicht Ostern war. Er gab zu, dass er quasi out of order war, was ich aber unter den Umständen durchaus verstehen konnte.

Nach einem starken Kaffee kamen die Lebensgeister wieder zurück und wir konnten uns zu zweit ein mittelmässig feines Essen gönnen, Ziege mit Reis und Peter griff zu. Wir begannen dann einen Film zu schauen und ich schlug vor, dass wir unseren Arbeiter:innen unsere Musikanlage zur Verfügung stellen, damit sie auch ein bisschen Partystimmung machen können. Zusammen wollten wir dann Dinner for One schauen. Das Internet war allerdings ziemlich hoffnungslos überstrapaziert und ich musste einen Hotspot auf mein Telefon machen, dann funktionierte es aber super und wir mussten alle so lachen – zum x-ten Mal – über diese Geschichte mit “Same Procedure as every year”. Einfach herrlich, wenn Humor in verschiedenen Kulturen und Sprachen funktioniert. Zuerst mussten sich die Jungs aber noch mit Sofa beziehen beschäftigen – gar nicht so einfach – aber es kam super raus.

Weil ich noch Rotwein hatte, auf den ich gar keine Lust hatte, lud ich alle auf ein Glas ein, offerierte ein paar Chips und da sassen sie nun auf meinen neuen Sofas und alle fühlten sich ganz glücklich.

Mbuche hing zwar mehr in den Seilen und ich habe ihr ein Kissen, damit sie aufrecht schauen konnte. Plötzlich sagte sie au, jetzt hat es Rotwein auf dem Sofa!!! Was?! Sie war eingeschlafen und ein volles Glas Rotwein floss über mein neues Sofa und mein neues Kissen. Ich kriegte die Krise. Wie kann man so unvorsichtig sein? Ich griff sofort zu Salz, denn das kannte ich noch aus meiner Vielfliegerzeit: an Bord hat man das immer so gelöst: Salz und dann mit Mineralwasser abtupfen. Allerdings war der Fleck riesengross – aber: Augen auf bei der Farbwahl – hatte sozusagen dieselbe Farbe wie der Wein.

Trotzdem meinte Bonstone kleinlaut: I think the party is over. Und ich meinte: ja es ist wohl besser, wenn ihr jetzt schnell rausgeht. Ich weiss, sie hat es nicht absichtlich gemacht aber hier einfach zu sagen: ach das macht doch nichts, ich habe jetzt ja nur gerade ein paar Hundert Franken für neue Polster ausgegeben – nein sorry, das entspricht auch nicht meinem Temperament. Auf jeden Fall schauten wir unseren Film noch zu Ende (übrigens sehr zu empfehlen: Rustin auf Netflix) und kurz vor Mitternacht teilten wir unseren Prosecco mit den Mitarbeitende, die vor Ort waren. Mbuche war bereits im Dreamland aber wir tanzten unter dem Sternenhimmel noch ins neue Jahr, das hoffentlich viel Freude, Frieden und wenig Stress bringen wird.

Am nächsten Morgen schlich Mbuche rein und ich kann nur sagen: das neue Jahr beginnt gut, denn der Fleck ist ganz und gar nicht mehr sichtbar. So kann es weitergehen. Happy New Year an alle.

#newyearnewsofa #sameprocedureaseveryyear #happy2024

Do chasch losä – uf Schwitzertüütsch

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Barbara mittendrin

Mona mittendrin schaue ich mir sehr gerne an, weil ich Mona mag und es immer eine Überraschung ist, wohin die Reise führt. Und wenn mein Mann fragt: begleitest du mich morgen? Dann geht es mir ähnlich. Heute hiess das Programm: Ziegen verteilen und dann in eine Kaya gehen…

Da Peter in Jaribuni als MCA bekannt ist und auch die Spokesperson der Mijikenda Kaya ist wurde er heute an zwei Veranstaltungen gebeten.

Schauplatz 1: 270 Ziegen verteilen in Mwapula

Ich habe Claris mitgenommen – sie ist die junge Frau, die ich unterstütze. Sie ist aus der Uni zurückgekommen für Weihnachten. Sie langweilt sich sonst ja zu Tode. Etwas zu sexy angezogen tauchte sie auf mit der Bemerkung, dass das noch das Einzige sei, was anzuziehen haben. Bei unserem Flohmarkt gingen alle Kleider weg und so kam sie halt im Kleid mit Schlitzen mit. Sie ist ja aus dieser Gegend und muss besser als ich wissen, was sich gehört…Der Governor von Kilifi hat 270 Ziegen gespendet bzw. das Kilifi County Government hat sie gespendet. Ich finde Ziegen spenden grundsätzlich gut und bei der Frage von Claris, was man denn mache, wenn die jetzt einfach alle Ziegen als Weihnachtsschmaus essen würde hatte ich auch keine Antwort aber diese Möglichkeit besteht natürlich immer… wer es aber geschickt macht kann mit den 5 Ziegen und einem Bock, der an jede Familie verteilt wird, ganz gutes Business haben. Ich antwortete also: es ist auch so, dass ich 2 Menschen je 500’000 Shilling geben kann. Der eine baut damit ein kleines Business auf, der andere kauft einen TV und hat dann wieder nichts…

Aber es war schon ein wunderschönes Bild, wie diese Viechli verteilt wurden und die Freude gross war. Der Verantwortliche für Agrikultur Dr. Patteson Chula war persönlich dabei und da er auch ein Kauma ist sind das immer Situationen, in denen das gefeiert wird. Neben der Veranstaltung fand ein Gottesdienst mit einer sehr lauten und sehr grauenhaften Sängerin statt und selbst der Chief bzw. die Chief – sie ist hier eine Frau konnte sie nicht dazu bringen, die Dezibel zu drosseln: we have the right to do this as loud as we want! So fangen kleine Kriege an… als Peter dann noch Süssigkeiten verteilte war die Welt aber wieder in Ordnung.

Schauplatz 2: zwei Kayas besuchen

Es ging wieder retour durch den Jaribuni Fluss, der es teilweise unmöglich macht durchzukommen nach den verheerenden Regenfällen. Da bist du um einen 4×4 echt froh. Die zweite Veranstaltung wurde von der Verantwortlichen für Kultur vom Kilifi County angezettelt. Wir fuhren in zwei Kayas etwas nördlich von Marere. Zum Glück hatte ich einen Kishutu Kanga dabei. Das ist der Stoff der Mijikenda in Form eines Kangas. Damit bin ich immer auf der sicheren Seite. Dinge wie ein Kanga, eine Flasche Wasser und eine Powerbank und vielleicht noch Feuchttücher gehören zur Notfallausrüstung…

Ich band das Ding um und Claris konnte das Auto nicht verlassen, weil ihr Outfit nicht angemessen war in dieser traditionellen Umgebung. Sogar Philip, der Manager, musste dazu aufgefordert werden seine Mütze auszuziehen. Er müsste es ja wissen, auch wenn wir nur ausserhalb der eigentlichen Kaya waren.

Die Ältesten brachten ihre Anliegen vor. Sie möchten, dass ihre Themen besser vertreten sind im Kilifi County. Sie brauchen einen Zaun, denn es werden einfach unkontrolliert Bäume abgeholzt. Am Schluss wollte die Verantwortliche Geld da lassen aber offensichtlich kennt auch sie die Bräuche nicht. Mpesa ist hier kein Thema. So musste Peter und in der anderen Kaya noch ich KES 5’000 Cash vorschiessen. Peter kniete sich damit vor den Ältesten nieder und zählte das Cash vor. Der nahm es dann und steckte es in die Korbtasche. Danach mussten wir Ladies hinknien und wir wurden gesegnet bundnich dachte einmal mehr: Barbara mittendrin!

Das Ganze wurde noch in einer zweiten Kaya wiederholt. Die erhielten einen Wassertank. Beim Eindunkeln auf einem Baumstamm in einer heiligen Stätte zu sitzen und den Anliegen der Ältesten anzuhören… schon recht mittendrin…

Die Rückfahrt war äusserst holprig und ich war dann auch ganz glücklich, dass es zum zNacht keine Ziege gab…

#barbaramittendrin #keineziegezumznacht #notfallausrüstung

Do chasch no sGanzi uf Schwitzertüütsch lose:

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Ein cooles Leben

Wir waren in den letzten Tagen wirklich sehr „reduziert“ in den letzten Tagen. Ich wegen der Hitze, der ich nicht entfliehen konnte. Peter hatte bei der Hitze eine böse Erkältung erwischt und hörte nich mehr auf zu niessen aber ich muss sagen: ich bin nicht böse darüber, denn das hat uns so ruhige Weihnachten beschert, wie ich sie mir sonst gar nicht hätte wünschen oder vorstellen können. Einen ganzen Abend (am 24.) und einen ganzen Tag (am 25.) haben wir fast alleine zusammen verbracht. Das Weihnachtsessen war ein feines Raclette (obligat, wenn ich den Käse aus der Schweiz bringe) aber selbst dieses Essen hat nicht allzu viel Spass gemacht, da wir einfach zu heiss hatten. Da nützte es auch nichts, dass noch Weihnachtslieder dazu liefen. Es gibt ja viele Leute, die auch im Sommer Raclette essen und ich kann mir das zwar vorstellen, aber halt doch nicht bei 33 Grad stickiger Luft. Wir hatten schon einige Dinge zu besprechen und so waren es zwar fröhliche aber auch ernsthafte Weihnachten. Wir „hingen“ im Mudzini draussen auf der Gartenterrasse mit der neuen schönen Schutzmauer, die uns Frieden bringt und versuchten mit einem Ventilator, Früchten und gekühlten Wasser etwas Erleichterung zu bringen.

Nach einer pflotschnassen Nacht ohne viel Schlaf (hatte wohl auch mit den bumm bumm bumm Riesenlautsprechern des Nachbars zu tun) mussten wir noch den ganzen Tag eine Kostenzusammenstellung für einen Antrag um Unterstützung machen und dann beschlossen wir: die Festtage sind vorbei: wir leisten uns jetzt eine Klimaanlage fürs Schlafzimmer. Mit dieser Mission fuhren wir nach Mombasa. Wir wussten in welcher Strasse die Elektronischen Geräte sind.  Das ist in Mombasa so: in dieser Strasse kann man dies kaufen, in einer anderen Strasse etwas anderes. Vorher hatten wir aber einen feinen Zmorge Swahili Style. Es ist unser Stammrestaurant und ich kann meistens nicht widerstehen: die machen so feine Sachen, an die ich mich in den 11 Jahre seit ich nach Kenia komme gewöhnt habe. Ich glaube man nennt dies „acquired taste“. So ist es ja z.B. auch unverständlich, weshalb Leute diesen komischen Brotaufstrich der Aussies – heisst das Veggiemate oder so? mögen können und ich hatte immer Mühe mit dem Rootbeer in Amerika – ich hatte es nie gerne. Aber man gewöhnt sich an Dinge, bis man sie gerne bekommt und sie dann ein Stückchen Heimat bedeuten.

Danach wollte Peter, dass der Garagist sich den komischen Ton anhört, den eines der Räder machte. Leider bedeutete das ein grösseres Auseinandernehmen des Rades. Peter und ich hatten mit dem Tuk Tuk schon eine Erkundungstour gemacht und die optimale Air Condition gefunden. Ein portables Gerät war jetzt definitiv nicht mehr auf unserer Liste, denn erstens sind sie nicht verfügbar, da wir schon eine so lange Hitzeperiode haben und alle Geräte kaum erhältlich sind und zweitens braucht man auch bei einem portablen Gerät einen grossen Schlauch, der dann durch das Fenster gesteckt wird. Also quasi eine halbe Sache und erst noch hässlich und ein Energiefresser.

Wir kamen also zum Garagisten zurück und die News waren nicht gut. Die Wheeldrums (Radtrommeln) mussten ersetzt werden. Keine billige Sache. Ich sass so auf dem Bänkchen und plötzlich hatte ich einen solchen Hitzeschub in der prallen Sonne und es war absolut kein Schatten in Sicht: ich ergriff förmlich die Flucht und setzte mich ins erstbeste TukTuk und liess mich zum Restaurant Blue Room in der Nähe des Air Condition Ladens fahren für KES 100 (CHF 0.70). Dort erhoffte ich mir Kühlung aber selbst dieses bekannte Restaurant hatte keine AC sondern nur ein paar mikrige Deckenventilatoren. Ich musste fast aufpassen, dass ich nicht einschlief oder vielleicht sogar noch in Ohnmacht fiel. Irgendwann kamen sie dann mit dem geflickten Auto und wir erstanden dieses Klimagerät. Der Installateur wurde uns auch gleich empfohlen. Wir luden ihn unterwegs auf und brachten ihn bis nach Marere. Zeitweise guckte er etwas verdutzt aus der Wäsche, da er wohl dachte, mein Gott, die bringen ihn ans Ende der Welt. Aber vor Ort machte er sich so schnell an die Arbeit, dass wir total überrascht waren. Innert Kürze hatte er das Innengerät an die Wand montiert, Löcher gebohrt, den Schlauch via Badezimmer nach draussen geführt und dort den Ventilator montiert. Und in kürzester Zeit hatten wir eine Lösung für viele Probleme.

Zwar keine schöne, aber eine praktische: wir schliefen super durch die ganze Nacht, wir hatten mehr Energie und ich wurde in kürzester Zeit wieder viel fröhlicher und aktiver. Ich suchte mir schon ein paar Yoga- und Fitnessübungen heraus, mit denen ich dann das neue Jahr starten werde. Wir waren dermassen begeistert, dass wir den Installateur am nächsten Tag anriefen und dasselbe für das Wohnzimmer auch noch bestellten. Sie brachten die zweite Anlage mit einem Töffli von Mombasa bis nach Marere und bis am Abend war alles installiert. Gleichzeitig wurde auch der Wasserheizer ersetzt, denn das letzte Mal, als ich ihn verwendet habe hat es mir fast eine „geputzt“ und ich hatte schon Angst, eine Dusche zu nehmen. Und jetzt fragen wir uns: warum zum Teufel haben wir das nicht schon viel früher gemacht und sooo lange gewartet mit dieser Entscheidung? Es bringt so viel Positives mit sich und irgendwie habe ich grad das Gefühl, dass ich einen Schritt weiter im Wohlbefinden gemacht habe. Es fühlt sich nicht mehr an wie ein Aushalten einer unerträglichen Situation sondern mehr nach: ok, so lässt es sich effektiv leben. So langsam aber sicher wächst Marere doch noch zu meinem Mudzini = Zuhause.

Ich freue mich auf ein cooles Neues Jahr – im wahrsten Sinne des Wortes.

#coollife #mudzini

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Liebe verschenken

Ich habe euch Aussicht auf einen positiveren Blogbeitrag gegeben und hier kommt er pünktlich zu Weihnachten. Zur Freude von euch aber auch von mir. Denn Weihnachten in dieser Stimmung hätte ich mir kaum vorstellen können.

Die lange Reise des Containers

Die Geschichte mit dem Container ist eine lange. Ich habe im Blog schon ab und zu angetönt, was da alles drin war aber jetzt mal die ganze Story: Es war der Freund einer Freundin: ein Kenianer, der wieder nach Kenia zurückgegangen ist weil er pensioniert wurde in der Schweiz. Bei meinem Besuch, hat er mir Platz im Container angeboten. Später fand ich dann heraus, dass dies “bezahlter” Platz ist aber ich konnte ja auch nicht so naiv sein, dass ein Kenianer etwas gratis und nur aus Nächstenliebe abgibt. Aber ich habe trotzdem zugesagt, denn ich hatte einige Dinge, die ich nach Kenia transportieren wollte und die entweder zu schwer oder zu gross waren. Ich kann ja bei der Ethiopian Airline jeweils 2x 23 Kilos mitnehmen, aber die sind immer schnell erreicht. Dieses Jahr war auch noch ein Desktop mit dabei, den unser Kassier freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Also sammelte ich auch bei Freunden noch allerlei zusammen: vom Kinderbettli über Stoffresten, Volleyballnetz, wunderschöne Rucksäcke, die die Buchhandlung WörterSpiel in Rorschach gesponsert hatte, allerlei Trainings-Outfits und dann von Freundinnen, die ich eigens dafür im Aargau besucht habe schöne Kleider und wertvolle Schuhe. Dann auch noch einiges Haushaltsmaterial, von dem ich dachte, dass es dann einmal in meinem neuen Heim zum Einsatz kommt (ich weiss, ich weiss auch ein bisschen naiv), wie auch Deko-Artikel, die mir am Herzen liegen aber einfach besser nach Kenia passen. Wohlverstanden, das ist alles vor mehr als über einem Jahr im Herbst 2022 passiert. Es waren sogar Weihnachtsdekos mit dabei, weil mir der besagte Herr versicherte, dass alles in 4-6 Wochen in Kenia sein würde. Ich musste dann auch einen Transporter organisieren um alles nach Romanshorn ins Zwischenlager zu bringen. Er half mir zwar dabei und ebenso meine Nachbarin aber bezahlen musste ich dann doch dafür. Ich war daran interessiert zu sehen, wo das Zwischenlager ist und es hat mich nicht gerade zuversichtlich gestimmt: es war ein Schopf ausserhalb von Romanshorn und ich wunderte mich, ob die Sicherheit da garantiert war. Vor allem auch, weil ich 22 Laptops in einer Kiste hatte, die mir von verschiedenen Firmen zur Verfügung gestellt wurden. Aber das Ganze sollte ja bald auf die Reise gehen. Dachte ich… Wann immer ich nachfragte hiess es: hakuna matata, don’t worry. Aber irgendwann hiess es auch: der Lieferant des Containers hat mich reingelegt. Ich habe ihm viel Geld gegeben, aber er hat nicht geliefert. Jetzt muss ich von vorne anfangen. Ich glaubte nicht wirklich alles, aber was blieb mir übrig… Einige Male fuhr ich in Romanshorn vorbei und sendete Stossgebete zum Himmel, denn ich sah eine Auslage von Kleidern auf der Wiese, die zum Trocknen ausbereitet waren – wahrscheinlich hatte es in diesen Schuppen reingeregnet… Monate später – also im Frühjahr 2023 hiess es: jetzt geht die Reise los. Könnte mir Peter vielleicht einen guten Agenten empfehlen in Kenia? Das tat Peter natürlich, denn er hat hier ja viele gute Verbindungen von zuverlässigen Agenten.

Als der Pensionierte dann aber in Kenia die entsprechenden Dokumente vorlegen sollte stellte sich heraus, dass er nicht beweisen konnte, dass er wirklich die Schweiz verlassen hat. Also weder Stempel im Pass noch Abmeldebestätigung aus der Schweiz waren vorhanden und anscheinend hatte er auch mehr als einen Pass. Und jetzt begann ein langes Hick Hack und ein Prozess, der gar nicht zu beschreiben ist ohne dass ich unflätig werde. Diese Dokumente waren so wichtig, denn nur so gilt man als “returning resident” und kann einmalig einen Container einführen ohne dass man Taxen bezahlen muss. Der Agent wollte helfen, der Pensionierte behauptete aber, dass dieser (und auch Peter) nur mehr Geld wollten für nichts und so kam alles wieder ins Stocken. Am Schluss war das Problem, dass sich bereits hohe Lagerkosten angestaut hatten. Ich hatte jetzt die Wahl: entweder bezahle ich CHF 1’000 und kriege meine Sachen aus diesem Container oder ich verzichte ganz darauf. Denn dieser Pensionierte begann schon mit Anwalt zu drohen etc. und er schrie und fluchte herum, was das Zeugs hielt. Er wurde so rüpelhaft, dass Peter schon gar nicht mehr mit ihm kommunizieren wollte. Da kommt dann doch auch der Stolz zu tragen und Peter kann schon mal klarstellen, dass er sich nicht wie ein Schuelerbueb behandeln lässt – von niemandem. Für mich war die Entscheidung klar: ich will meine Sachen jetzt und sofort. Alleine schon, wenn ich an die ganze Sammelaktion und den guten Willen meiner Freunde und Freundinnen denke.

Flohmarktidee

Der Inhalt meiner 27 Schachteln wurde in meinem Büro zwischengelagert bis ich komme. Einzig die Laptops hatte man gesichert, den Staubsauger in Betrieb genommen und den Kaffee und die Zwetschgengonfi hatte Peter bereits in Sicherheit gebracht. Aus diesem Container und den vielen tollen Kleidern entstand meine Idee, eine Weihnachtsfeier für das College zu machen und quasi einen grossen Flohmarkt zu veranstalten und die Leute rund um das College mit Kleidern zu versorgen. Gleichzeitig räumte ich auch meine Kleider aus, denn es hatten sich in den Jahren in Marere schon einige Deras (lange Kleider) angestaut, die ich nicht mehr trage.

Und so veranstalteten wir ein Fest für Lehrer:innen, Schüler:innen und deren Eltern. Ich überliess die Organisation dem College. Es war zwar ziemlich chaotisch aber ich versuchte mich echt zurückzuhalten. Ich war sogar nicht einmal mit einer Ansprache vorbereitet und schrieb sie erst während alle Lehrer:innen ihre Speeches hielten. Peter musste – wie fast immer – noch an einen anderen Termin nach Kilifi. Am Jahresende hat man das Gefühl, alles müsse noch reingequetscht werden.

Der Ablauf unseres Festes wurde festgelegt, ich habe 25 Kilo Reis und 15 Kilo Fleisch für ein Pilau gesponsert. Für die Lehrer:innen habe ich Warengutscheine in Kilifi gekauft (die wir durch ein Missverständnis dort vergessen hatten (obwohl bezahlt) und nochmals von Marere nach Kilifi fahren mussten um sie zu holen… aber that’s another story…)

Jetzt ist der Container angekommen

Meine Soundbox (die auch im Container war) wurde aufgebaut, die Lehrer:innen waren alle schön angezogen, der Schulleiter sogar im Samichlauskostüm). In der grossen Halle drapierten wir alle Kleider und als dann dieses Thema an der Reihe war leitete Dama alle an, wie es funktioniert: zuerst durften alle Angestellten von Marere College & Community Center etwas auswählen, dann waren die Lehrer:innen dran, dann die Eltern der Schüler:innen und dann waren die Schüler:innen und alle, die sonst auch noch aufgetaucht waren dran. Es wurde stufenweise natürlich immer chaotischer, denn plötzlich war die ganze Halle voll. Ich musste aufpassen, dass sie mir nicht noch die Vakuum Aufbewahrungssäcke mitnahmen, mit denen man Kleider und Stoffe mittels Staubsauger verkleinern kann. Es war am Schluss restlos alles weg und überall sah ich Hüte, Caps, Schuhe, Ketten, Kleider, die neue Besitzer:innen gefunden hatten. Die Aktion war deshalb auch sinnvoll, weil es ja in Kenia Brauch ist, dass alle ein neues Kleidungsstück erhalten zu Weihnachten. Oft ist es dann fast das einzige Kleidungsstück, das sie das ganze Jahr über tragen.

Feliz Navidad

Nach dem Essen und den Süssgetränken war die Zufriedenheit sehr gross und es gab lauter strahlende Gesichter. Peter traf dann auch noch ein und konnte seinen Speech platzieren (ihr wisst: er spricht selten unter 45 Minuten) und dann konnte er Samichlaus spielen, in dem er Süssigkeiten an die Kinder abgeben konnte. Und dass alle glücklich sind drückten sie dann mit einem lautstarken Feliz Navidad aus – ein Song, dessen Text zwar niemand kennt aber den sie trotzdem alle lautstark mitsingen.

Pro Ganze und Mama Kaya waren aktiv

Pro Ganze als Hilfswerk und ich als Person wurden von allen hochgelobt und da wir gleichzeitig auch noch die Zusage eines Schweizer Hilfswerks für das Essensprogramm 2024 erhalten hatten war wieder so ein Moment in dem ich dachte: ok, das lohnt sich eben doch alles! Diese Momente sind unbeschreiblich und es gibt mir immer die Bestätigung, dass alles, was wir hier machen wirklich einen Erfolg bringt. Wir haben 2021 mit dem College begonnen – jetzt haben wir schon die Zertifizierung als Prüfungscenter erlangt und im Dezember wurden die ersten Prüfungen vor Ort durchgeführt. Einige Studenten konnten in Nairobi ihre Internship als Mechaniker machen. Das sind Dinge, von denen sie sich nicht in ihren kühnsten Träumen hätten vorstellen können.

Ich erhielt dann auch noch ein Geschenk, das mich natürlich wieder zu Tränen gerührt hat. Aber heute sind es Tränen der Freude und ich hoffe, dass ich euch diese auch ins Gesicht zaubern konnte. Der Dezember Newsletter von Pro Ganze gibt euch zusätzlich einen Einblick, wie diese Feier abgelaufen ist.

Dezember Newsletter – hier klicken

Ich kann mich im Namen von so vielen Menschen einfach nur dankbar zeigen, für alles was wir hier erreichen. Dafür nehme ich sogar in Kauf, dass ich temporäre Frustrationen und Tiefs habe. Sie werden nach ein paar Tagen immer wieder belohnt mit Freude und Liebe, die entgegenkommt.

Die Liebe zählt

Gerade kürzlich war ich in St. Gallen an einem Vortrag von Robert Betz und in seinem heutigen Newsletter schreibt er:

Ich bin überzeugt, dass jeder von uns am Ende seines Lebens kristallklar erkennen wird, was von seinem Leben bleiben wird, wenn er aus seinem Körper geht. Die entscheidende Frage, die jeder sich selbst beantworten darf, lautet: „Wie sehr, wie viel, wie tief habe ich geliebt in meinem Leben?“

Stellt euch diese Frage und vergisst nicht: Weihnachten ist das Fest der Liebe. Nehmt sie an, wenn sie euch entgegenkommt und verschenkt ganz viel davon.

Mit viel Liebe aus Kenia von Peter und mir, vom ganzen Marere Team und an alle, die ein Interesse an unserem Wirken haben. Wir wünschen euch ein grosses Fest der Liebe, denn die Welt braucht sie.

Krismasi njema

#krismasinjema #dieliebezählt

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