Jan 18, 2021: Wo bleiben die  Schüler in Kenia

Zu meinem heutigen Blog braucht es zuerst das Durchlesen
dieses Artikels im Tagesanzeiger, auf dem mich Freundinnen aufmerksam gemacht
haben.

https://www.tagesanzeiger.ch/wo-sind-die-2-millionen-schueler-788892885667

Der Artikel hat mich dazu veranlasst wieder einmal etwas
über den Schulbetrieb in Kenia zu berichten. Wir haben da schon einiges an
Erfahrungen gesammelt  einerseits mit der
Kindertagesstätte in Goshene, bei der vor allem Waisenkinder zur Schule gehen
und andererseits mit dem Wissen, das wir uns über die Jahre angeeignet haben.

Die Kinder gehen schon früh zur Schule und absolvieren den
Kindergarten und dann die Primarschule. Man könnte denken, die Ausbildung sei
kostenlos aber alleine die Auflage, dass sie eine Uniform haben müssen ist für
Familien schon ein grosses Hindernis. Die Uniformen muss man meistens in Kilifi
besorgen in einem speziellen Laden, der dafür vorgesehen ist. Eine Hin-und
Rückreise nach Kilifi kommt schon auf CHF 10.– Auf dem Schulzettel steht dann,
wieviele Oberteile, Jupes/Hosen man kaufen muss. Dann kommen auch noch die Schuhe
dazu und einiges an Schulmaterial. Wenn man das nicht besorgen kann wird es
schwierig, denn die meisten Schulen lassen keine Schüler zu, die keine Uniform
haben. Meistens ist die Uniform die einzig „saubere“ Kleidung, die diese Kinder
besitzen und so sehen sie nach einem Jahr meisten recht abgewetzt und abgenutzt
aus. Gerade in Goshene, das weit ab von der Strasse ist sehen die Kinder
manchmal genau so braun aus wie die Erde hier. In Goshene kamm dann auch die
Behörde vorbei und sagte, die Schule müsse jetzt offiziell registriert werden
und das bedingt wieder hohe Kosten. Auch ein Zaun muss gebaut werden. Dafür hat
das Eherpaar Wieser mit einem wemakeit Crowdfunding Geld gesammelt. In der
Zwischenzeit musste der Schulbetrieb wieder eingestellt werden. Mit der
Ausrüstung im Marere College hoffen wir, Uniformen vor Ort herstellen zu können
zu einem günstigen Preis.

Wenn die Kinder dann in die Sekundarschule gehen und vor
allem wenn es eine Boardingschule ist wird es richtig teuer: sie brauchen eine
Matratze, eine Aufbewahrungsbox, Dinge für den Alltag, eine Tasche etc. etc.
Ich habe das jetzt schon zweimal mitgemacht. Einmal als eine sehr grosszügige
Freundin ein Mädchen sponsorte, das zuhause missbraucht wurde und sonst nicht
mehr in die Schule hätte gehen können und einmal mit dem Mädchen, das von einem
Pro Ganze Mitglied gesponsort wird weil sie einen 13 km langen (pro Weg)
Schulweg hatte! Irgendwie bezahlt man nicht nur für alle diese Geschichten
sondern adoptiert gewissermassen auch die Familie, denn was passiert, wenn
jemand krank wird, oder wenn sie – was hier oft vorkommt- -überhaupt nichts zu
essen haben? Dann tut es einem schon so leid, dass man auch wieder einmal etwas
mehr schickt oder für die Fahrt zum Spital und die Kosten zahlt. Insgesamt
kommt so ein Sponsoring pro Jahr locker auf CHF 1‘500 zu stehen. Manchmal
einfach nicht vorstellbar, wie die Leute das hier vermögen.

Ich selber kenne es ja auch aus Erfahrung. Ich habe vor 2
Jahren einem Mädchen aus der Bredouille geholfen, weil sie in der Schule einen
Mist angestellt hatte (irgendwie verständlich in diesem Alter) und daher
rausgeschmissen wurde. Es war dann erfreulich, dass sie super abgeschlossen hat
in der hiesigen Sek aber das hat natürlich bedeutet, dass sie an eine
Universtität zugelassen wurde und die Frage, wer das erste Jahr bezahlt hat
muss ich wohl nicht beantworten… Als ich dann bei ihr auf WhatsApp sehr sexy
Bilder und sehr dummes Zeug gesehen habe liess ich wieder mal Peter mit ihr
sprechen, denn sie war sich ja der Konsequenzen überhaupt nicht bewusst, wenn
sie so etwas postet. Von zuhause konnte sie gar keine Hilfe erwarten – im Gegenteil:
als sie zur Schule rausgeschmissen wurde sagte ihre Mutter auch noch: jetzt
musst du auch gar nicht mehr Nachhause kommen, schau selber wo du bleibst…

Was in dem Artikel steht kann ich nur unterschreiben: es ist
für eine ganze Generation eine Katastrophe, dass sie ein ganzes Jahr
wiederholen müssen. Sie haben vielleicht bald einmal Corona „überlebt“ aber Corona
wird ihr Leben massiv beeinflusst haben. Stellt euch vor: ein ganzes Jahr
wiederholen und das bedeutet auch ein ganzes Jahr länger für die Ausbildung
bezahlen. Bei 7 Kindern – was hier total üblich ist – wird das manchmal ein
Ding der Unmöglichkeit. Und genau was im Artikel steht stellen wir jetzt auch
fest bei den zögerlichen Anmeldungen fürs College: Warum sollten sie eine
Ausbildung machen, wenn sie ja vielleicht von einem Freund oder einem
Familienmitglied lernen können. Warum für eine Ausbildung bezahlen, wenn man es
ja von den Menschen lernen kann? Ich muss gerade ein bisschen schmunzeln, denn
meine Schwester, die leider mit 25 schon verstorben ist, hat es genau so
gemacht: sie hat nach der 8. Klasse in der Schweiz (war damals noch möglich) die
Schule abgebrochen und ist durch die Welt gezogen. Wozu eine Ausbildung machen,
wenn ich von den Leuten lernen kann? Bei ihr hat es im Nachhinein Sinn gemacht,
zumal sie mit 25 bereits 4 Sprachen sprach und sehr viel Lebenserfahrung hatte.
Aber ihr Wunsch für die eigenen Kinder war immer, dass sie eine gute Ausbildung
kriegen. Das war ja sogar der Grund, weshalb sie mit ihnen in die Schweiz kam
–und natürlich um Geld zu verdienen.

Ja da bin ich jetzt manchmal selber im Clinch. Klar gibt es
die Selfmade Women und Men aber es gibt halt an der Schule auch noch eine ganze
Menge Dinge, die man lernen kann: wie den Austausch mit anderen,
termingerechtes Arbeiten, soziale Interaktionen, wie beschrieben etwas zu essen
etc. etc. Momentan brauchen wir gerade viel Überzeugungsarbeit um den Leuten zu
erklären, dass es der richtige Weg ist an einem College zu lernen. Die
Ausbildung selbst wird ihnen zeigen, wie man es gut machen kann. Ich habe da
volles Vertrauen in die Lehrkräfte.

Und ich habe – ohne dafür zu fragen, schon ein
Sponsoringangebot erhalten. Ein guter Freund wird eine Frau zur Hälfte
sponsoren wenn sie es sich nicht leisten kann. Er sagt zur Hälfte, weil es dann
auch noch Eigenleistung braucht, was wahrscheinlich mehr motiviert. Ich finde
das eine spannende Idee. Man könnte auch ein spezielles Spnsoringangebot daraus
machen: du kriegst die Hälfte bezahlt und wenn du erfolgreich abschliesst
kriegst du auch die andere Hälfte. Bei den günstigen Schulgeldern könnte das
doch wirklich ein Anreiz sein. Ein Jahr am College kostet zwischen CHF 300 und
650 – je nach Art des Abschlusses. Ich bin gespannt, was eure Meinung dazu ist.

Was ich auch deutlich unterstreichen muss, was im Artikel
erwähnt wird: dass die Kinder Zugang zu E-Learning oder Online Learning hätten
ist ein frommer Wunsch. Hier im College sind wir super eingerichtet: Solar- und
normale Elektrizität, frisches Wasser und sogar Internet. Das ist eine grosse
Ausnahme. In Goshene, der Kindertagesstätte, die hauptsächlich vom Ehepaar
Wieser unterstützt wird, gibt es nicht einmal Elektrizität, nur eine
Solaranlage, die gerade reicht um die Schule zu beleuchten. Die Schulklassen
gehen hier bis zu 70 Schülern und mehr. Nicht einmal die Lehrer haben Zugang zu
Computern oder vielleicht gibt es gerade mal einen Laptop, weil die Schüler in
eine Datenbank eingetragen werden müssen. Bei uns kommt regelmässig ein Lehrer
vorbei von der Marere Primary School. Er leiht sich einen Laptop aus weil der
von der Schule gestohlen wurde… Ich nerve mich immer noch wenn ich daran denke,
dass der Präsident mal verkündet hat: Laptops für alle Schulen. Er soll einfach
mal in Ganze vorbeischauen und sich ein echtes Bild von der Situation machen. Aber
er ist ja mit Building Bridges (BBI) und der Korruption innerhalb der Regierung
beschäftigt und da kann er sich nicht auch noch um solche Bagetellen kümmen…

Es ist ein düsteres Bild, das ich hier zeichne, denn es gibt
kein anderes. Das einzige, was Hoffnung macht ist, dass die Kenianer echte
Stehauf-Frauen und –männer sind. Sie werden wieder sagen: es kommt schon gut,
Gott wird dafür sorgen. Es wird lange dauern und es wird für diese Generation
ein grosser Knick sein aber am Schluss glaube ich auch daran: alles kommt gut! Also
liebe Europäer: vergleicht die Situation in Europa mit der in Kenia und ich
glaube ihr seht erst recht, dass es bei euch viel schneller viel besser kommen
wird, bzw. gar nie eine Tragödie ist. Viel Spass im Home-Office und
Home-Schooling.

Diese Bild zeigt alle Kindergärtner, die leider nicht mehr
in der Privatschule bleiben konnten, weil die Behörden zu grosse Auflagen
machten. Sie sind jetzt alle noch zusätzlich in der Marere Primary School, die
ohnehin schon keinen Platz mehr hat.