Dec 17, 2020: Ein ganz normaler Tag in Marere

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Auf die Frage, was ich denn immer so mache wenn ich in Kenia bin habe ich manchmal keine Antwort, wenn ich in
der Schweiz bin. Ohne Kenia zu kennen, ohne die Verhältnisse im Bush in Marere
zu kennen ist es noch schwierig zu erklären, was ich den ganzen Tag hier mache.

Gestern war so ein Durchschnittstag und daher nehme ich ihn
gerne mal um euch zu beschreiben, wie denn so ein Tag in Marere ablaufen kann.

Ich mache heute schnell mit dem Frühstück, das von Mbuche
präpariert wird. Wir verwöhnen uns heute selber, da wir ja gestern in Malindi
waren und sogar Yoghurt und Käse gefunden haben – schade, dass Malindi 1 ½ Stunden
von Marere entfernt ist… Dazu gibt es den feinen kenianischen Tee mit
Gewürzen – ähnlich wie Chai bei den Indern. Ich richte mit Hilfe vom Riesen
Moses mein neues Büro ein: Laptop, Kamera, Zettel, Schreibstift und natürlich
Ventilator!

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Wir erhalten vom Verein Aqua Pura in der Schweiz eine
Wasserreinigungsanlage, die unser Regenwasser in Trinkwasser umwandeln wird.
Das ist grossartig und ich habe als Vermittlerin zwischen dem Sanitärler, der die
Offerte und die Umsetzung machen wird und der Organisation in der Schweiz
gewirkt. Ich habe ja selber keine Ahnung vom Wasserreinigungsanlagenbau aber
ich habe versucht alles, was er auf ein Papier gekritzelt hat in eine Excel
Tabelle umzuwandeln, damit es dann auch ein bisschen was hermacht. Es gibt da
verschiedene Teile im System und so habe ich beim Umsetzen erfahren, was eine
ball valve und was boss white ist und habe eine saubere Aufstellung gemacht.
Dummerweise gingen immer noch ein paar Dinge unter wie Transport des Materials
und als Peter alles durchgesehen hat ist ihm aufgefallen, dass die eingesetzten
Preise für Holz viel zu tief waren. Ich habe korrigiert und vermittelt. Es war
ein grosses Hin und Her und wir entschieden uns, eine Zoom Session zu machen
damit wir die Dinge gleich klären können. Peter und der Sanitärler, Rawlings
heisst er, sitzen also brav um 9.30 h neben mir in meinem neuen Büro. Auf der
Schweizer Seite gibt es einige Probleme mit Zoom (wir haben alles im Griff mit
einer guten Kamera und hervorragendem Ton) und ich sehe lange nur den geteilten
Bildschirm, nicht aber die Person, mit der wir uns austauschen. Aber irgendwie
kriegen wir es hin und klären die letzten Themen dann noch zusätzlich über
einen WhatsApp Anruf. 

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Ich gehe nochmals zurück in mein Wohnzimmer und schon
kommt Naema, die jetzt das Protokoll unserer Sitzung in ein Word Dokument umgewandelt
hat nachdem ich ihr gesagt habe, dass eine Schule, die IT unterrichtet keine
Protokolle haben sollte, die auf einem Fresszettel stehen, hat sie sich die
Mühe genommen und es mit Word versucht.

Das Protokoll beinhaltet vielleicht ¼ von dem was wir besprochen
haben, keine To Dos, die extrem wichtigen Themen fehlen aber mindestens hat sie
es versucht. Ich werde ihr eines der Protokolle von Pro Ganze zur Verfügung
stellen und auf Englisch übersetzen damit sie sieht, wie man das auch
professioneller machen kann. Ich beginne zwar kurz mit der Übersetzung aber da
kommt dann auch schon die nächste Frage: ob ich den Flyer schon fertig habe,
den wir für die Schul-Werbung brauchen möchten. Ich habe begonnen, ihn in Canva
zu designen aber ich bin noch nicht fertig geworden, da ich – Perfektionistin
die ich bin – auch noch die Farben genau anpassen wollte. Es ist jetzt aber
Zeit, dass ich mich parat mache für ein Business Meeting per Zoom mit der
Schweiz. Ich habe eine Anfrage von einem potenziellen Auftraggeber für Seminare
in 2021 erhalten. Wir tauschen uns eine Stunde lang aus und ich habe eine
unglaubliche Freude: ich kann fast wie in Rorschach teilnehmen – allerdings
muss ich den Ventilator einschalten, denn ich musste die Türe schliessen sonst
kommt alle 5 Minuten jemand rein und der Schweiss steht mir schon auf der Stirn
– aber innerlich bleibe ich cool. Meine Begeisterung für meine
Kommunikationsthemen kommt rüber und eine Sitzungsteilnehmerin meint, sie würde
sich ohne den Inhalt zu kennen bei mir an einem Seminar anmelden. Wow – das ist
ein grosses Kompliment Ich werde mich an die Konzeption und die Offerte machen
und freue mich unglaublich darauf.

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Um 14.00 erhalte ich meine tägliche Kiswahili Lektion. Der
Lehrer verlangt mir grad ein bisschen viel ab: er beginnt mit der ganzen
Grammatik und auch wenn Swahili eigentlich einfach aussieht: wenn du in die
Details gehst ist es dann doch nicht so einfach. Aber ich versuche zu folgen
und heute flutscht es tatsächlich besser als auch schon. Ich beginne ganze Sätze
zu formen und überrasche immer wieder mit einigen Ausdrücken, die nicht von mir
erwartet wurden. Ich komme meinen Zielen tatsächlich näher.

Um 15.00 Uhr heisst es: die Frauen für den Chor sind da! Sie
waren gestern schon da aber hier fragt man nicht vorher an, ob jemand vor Ort
ist sondern man kommt einfach mal vorbei – und gestern war ich halt in Malindi.

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Über das Chorprojekt berichte ich dann noch etwas mehr, aber
soviel sei schon mal gesagt: wir hatten ein erfolgreiches und auch sehr
lustiges erstes Meeting! Auf jeden Fall war der Chor dann Anlass, um bei meiner
Freundin Karin Ettlinger nachzufragen, ob sie mir ein paar Tipps hat, wie wir
Einsingübungen mit dem Chor machen könnten und wie man unterrichtet, wenn
jemand keine Noten lesen kann, was hier bei allen der Fall ist. Aus dem kurzen
WhatsApp Chat ist dann eine ganz lange Zoom Session geworden, in der wir uns
wieder mal so richtig updaten konnten über unsere Wehwechen und unsere Freuden.
Und das ohne Unterbruch und in perfekter Qualität. Dazwischen habe ich ganz
viele Mails beantwortet, WhatsApp Gruppen fürs College und den Chor begonnen,
ein paar lieben Menschen zum Geburtstag gratuliert. Eine neue Einkaufsliste
begonnen, die Offerte für Aqua-Pura neu überarbeitet und den Strategieplan für
das College nochmals durchgelesen.

Wir haben uns für den neuen Chor (den Namen haben wir noch
nicht) entschieden erst Mal 3 Weihnachtslieder einzustudieren. Dafür wollen sie
sich jeden Tag treffen, sie sind hungrig nach etwas Neuem. Ich habe dann
entsprechende Musik gesucht und auch einige Beispiele für Chöre, die
erfolgreich aufgetreten sind in diversen Casting-Shows. Das war dann auch
gleich die Gelegenheit, den Beamer in meinem neuen Büro auszuprobieren. Es hat
prima funktioniert und das heisst, dass ich jederzeit auch kleine Filmvorführungen
machen kann! Plötzlich steht die ganze Marere Truppe da und weil ich gerade am
Suchen nach tollen Chorvorführungen bin wollen sie auch noch reinschauen und
sie wippen und tanzen gleich mit.

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Irgendwann ist das Nachtessen parat (auf zMittag verzichten
wir hier immer) und Peter und ich schauen uns dazu noch die neusten News auf
CNN an und tauschen uns über alle Aktivitäten des Tages aus. Meinen Salat
konnte ich leider nicht essen, denn das Olivenöl vom letzten Jahr hat mich fast
zum Erbrechen gebracht. Mbuche ist in der Zwischenzeit eine recht gute Köchin
und die Chapati mit Bohnen und die frischen Mangos und Ananas sind ein
vorzügliches Essen. Nach dem Essen verabschiede ich mich nochmals für 1 Stunde
für eine sehr erleuchtende Meditation mit Romy Zgraggen, meiner St. Galler
Astrologin, die das jetzt auch online machen muss. Die Erkenntnisse aus der
stündigen Meditation und ihre Infos über die Sternenkonstellation hauen mich
fast um und ich komme anders aus meinem Büro als ich reingegangen bin. Es ist
einfach so klar, dass die spirituellen Menschen schon längst auf den Moment
gewartet haben: auf das Wassermannzeitalter und auf eine neue Welt. Wer sich
jetzt darüber beklagt hat nicht viel begriffen oder hat nicht darauf gewartet.
Ich bin sicher wir stehen an einer Schwelle für ein neues Zusammenleben. Wir
müssen unsere spirituellen Erkenntnisse nutzen für das Gute in allen Ländern,
in der ganzen Welt. Das ist die Idee: setz dein Talent ein für das, was allen
Zugute kommt. Denk mal darüber nach, was du beitragen kannst – ich bin mir
sicher, jeder Mensch findet darauf eine Antwort.

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Nach der Meditation bin ich grad ein bisschen geflasht aber
realistisch genug, dass ich auch noch den Flyer fürs College fertig machen muss
und so setze ich mich hin. Ich scheine definitiv viel positive Energie
geschöpft zu haben und mache den Flyer spät fertig und sende ihn an den
Schulleiter. Er ist richtig schön rausgekommen – mir gefällt er und es ist grad
ein bisschen ein Unterschied zum ursprünglichen! Aber entscheidet selbst…

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Weil Peter im Bett immer noch gerne die letzten News liest
entscheide ich mich, die letzte Folge von Virgin River auf Netflix zu schauen
auf meinem iPad. Hat jemand die Serie geschaut? Ich fand sie mega spannend und
auch berührend. Ich nehme gerne neue Empfehlungen für weitere Serien und Filme
an, wobei ich als nächstes Voices of Fire anschauen werde. Das ist das
Chorprojekt von Pharell Williams‘ Onkel. Das wird mich bestimmt inspirieren –
auch für den Chor! Nach einer angenehmen Dusche falle ich müde aber glücklich
ins Bett und hoffe auf wenig Mücken und tiefen Schlaf.

Klingt nach einem extremen Tag? Davon hat es hier viele aber
wie erklärst du das jemandem, der dich so beiläufigbfragt „und was machst du
denn immer so in Kenia“? Oder noch besser: jemandem, der dir schöne Ferien
wünscht?

Ich wünsche euch eine besinnliche Zeit und was mich noch
interessieren würde: was machst eigentlich du so den ganzen Tag?