Turbulenzen

Endlich ist es so weit: Peter kommt in die Schweiz. Dieses Mal war es gar nicht so einfach, das richtige Datum zu finden. Wir hatten einige Turbulenzen mit dem College, weil der Schulleiter von einem Tag auf den anderen sein Amt niedergelegt hat und ganz schön Probleme gemacht hat, weil er einiges mitlaufen liess und wir erst nach einiger Zeit herausgefunden haben, dass er das Cash vom Brotverkauf und vom Beauty Salon selber eingesteckt hat und die Materialien dafür einfach im Namen von Peter Shehe “anschreiben” liess… 

Jetzt haben wir einen der Lehrer mit dem Amt eingesetzt und hoffen das Beste. Aber es kann ja nicht sein, dass wir jetzt noch mehr gebunden sind als früher. Solche Rückschläge kann ich schlecht wegstecken, dafür bin ich in meinem Leben immer zu erfolgsorientiert gewesen. Aber genau über solche Themen will ich mit meinem Mann ja diskutieren und das geht einfach nicht über WhatsApp oder Facetime… 

Er kommt nicht sehr lange in die Schweiz, weil er meint, dass die Nominationen für die Wahlen 2022 (im August) nächstens passieren werden und er dann vor Ort sein muss. Wir haben jetzt mal 6 Wochen – verhandelbar – abgemacht. 

Die Flüge mit Ethiopian und Austrian Airlines sind momentan die besten Verbindungen in Bezug auf Reisezeit und Geld. Ich bin auch schon zweimal so gereist und fand die Reise sehr angenehm. Zudem muss man nicht via Nairobi fliegen, was auch immer wieder zu Komplikationen führen kann.

Ich bin etwas knapp dran, aber es hat keinen Verkehr und ich komme ganz genau um 09.00 Uhr als der Flieger aus Wien landet. Ankunft im Terminal 1 ist etwas ungewohnt und ich muss noch ein paar Schritte weiter als sonst aber ich komme genau dann an, als es heisst “landed” – perfekt, das Gepäckband ist auch schon angegeben. Oh, ich habe nicht einmal Blumen gekauft. Ich beklage mich ja, wenn er ohne Blumen dasteht aber ich selber habe echt nicht dran gedacht. Aber auch den iPad brauche ich nicht um Bücher zu lesen, denn er kommt ja gleich raus. Ok, vielleicht wurde er noch etwas aufgehalten. Um 09.42 und nachdem ich schon ein paar Österreicher gehört habe, schreibe ich mal eine WhatsApp und eine SMS: Wo bist du? Leider keine Antwort. Dann sehe ich, dass um 10.55 h nochmals eine Maschine ankommt und ich warte also noch etwas länger ab… Ich schaue die erste Folge der Netflix Serie “The Good Doctor” und amüsiere mich, am Flughafen gibt es auch 4 Stunden gratis Internet. Das ist super, denn mein Handy habe ich dummerweise nicht ganz aufgeladen und spare etwas an Akkuleistung, indem ich auf Flugmodus schalte.

Um 10.37 h kommt dann die Nachricht 

“Not landed 45min before addis coz of bad weather”. 

Ich verstehe nicht: Er ist noch nicht gelandet? Wie kann er mir dann schreiben? Ich bin verwirrt und er kommt auch noch nicht an… Ich entscheide mich für einen kurzen Shopping Trip durch den Flughafen und genehmige mir einen feinen Kaffee bei Tchibo und mache gleich noch ein paar Einkäufe: Zopf, Butter, Zwetschgengonfi: damit mache ich Peter 100% happy und es sind Dinge, die ich momentan nicht in meinem Haushalt führe weil ich so gesund lebe…Weil ich für über CHF 60 einkaufe in der Migros gibt es eine Entwertung des Tickets (bzw. einfach eine Reduktion) und die Kassierin ist erstaunt: was, sie sind schon seit 09.00 Uhr am Flughafen??? Ja, ich warte auf meinen Mann…

Irgendwann versuche ich herauszufinden, ob er vielleicht auf einem anderen Flieger ist, aber dazu gibt niemand Auskunft: weder die Airline, noch der Service Desk: Datenschutz…  Ich bin etwas ratlos, schicke nochmals eine SMS: soll ich wieder nachhause, frage meine Freundin Ingeborg, ob ich evtl. bei ihr zuhause warten soll, denn ich nehme immer noch an, dass etwas vor Addis Ababa nicht geklappt hat und er vielleicht einen Tag später kommt. Ingeborg gibt innerhalb von Sekunden Antwort aber von Peter kommt lange nichts und dann endlich ein Telefon (dummerweise ist mein Akku wirklich schon fast leer). Er ist bereits in Wien aber es gab eine NOTLANDUNG (nicht eine Not landed (nicht gelandet)…) vor Addis Ababa – irgendwo in der Wildnis… Ok, immerhin in Wien. Der nächste Flug ist um 13.15 und Peter steht schon am Gate für den Flug. Also bis 14.25 halte ich es jetzt auch noch aus. Aber ich muss im Interdiscount eine PowerBank kaufen, sonst läuft gar nichts mehr…

Kurz vor Zwei eine Nachricht, dass  er erst um 14.50 h fliegen kann und das bedeutet auch, dass ich meinen Termin in Rorschach verschieben muss, der auf 17.30 h geplant war und halt nochmals eine Runde warte – aber jetzt habe ich wenigstens auch noch Zeit, ihm einen schönen Sonnenblumenstrauss zu kaufen, denn es geht ja immer die Sonne auf wenn er kommt. 

Ich sitze also ganz gebannt bei der Ankunft (jetzt im Terminal 2) und warte, plaudere mit anderen Wartenden und lasse die Türe nicht aus den Augen. Plötzlich werde ich auf der Schulter von Leuten angetippt, die mir auf Peter zeigen, der bereits vor dem Gebäude seine heiss ersehnte Zigarette raucht.

Die ganze Story kriege ich jetzt von ihm mit: Auf dem Weg von Mombasa nach Addis Ababa gab es extreme Turbulenzen wegen des Wetters. Das Flugzeug sank mehrfach sehr stark, sämtliche Kinder waren am Schreien und einige Frauen ebenfalls. Ganz abgesehen von anderen Körperflüssigkeiten, die nicht mehr gehalten werden konnten. Der Captain bat alle Passagiere ruhig zu bleiben und angeschnallt zu bleiben. Auch Peter dachte: das kann ja nicht sein: endlich schaffe ich es, meine Frau wiederzusehen und das ist jetzt keine Zeit zu sterben. Der Captain kündigt eine Notlandung an weil sich das Wetter nicht beruhigt. Alle beginnen zu beten und einige entwickeln Horrorszenarien, weil in Äthiopien ja gerade Kämpfe in Tigray stattfinden https://www.nzz.ch/international/krieg-in-tigray-die-rache-der-alten-guerilleros-ld.1636795 

Sie fragen sich, ob das alles von Al Shabab organisiert sei und ob sie dann bei der Landung überfallen würden und als Geiseln genommen werden etc. etc. Es muss eine üble Endzeit-Stimmung herrschen. Am Boden bleiben sie dann über 3 Stunden – natürlich ohne zusätzliches Essen und ohne Getränke bis sie endlich die 45 Minuten nach Addis Ababa auch noch fliegen können. Ich selber habe nur einmal etwas Ähnliches erlebt und man muss schon starke Nerven haben, um sich nicht ins Bockshorn jagen zu lassen durch eine solche Situation… Und nie eine Möglichkeit, eine Nachricht zu schreiben…

Das sind so die Situationen, in denen man das Leben an sich vorbeiziehen sieht: es macht auf jeden Fall unsere Wiedersehensfreude noch grösser als sie eh schon ist. In weiser Voraussicht habe ich ihm auch ein Bündnerfleisch-Sandwich und ein Shorley gekauft, das er in no time verschlingt! Welcome to Switzerland – ich richte ebenfalls ein Stossgebet zum Himmel. 7 Stunden Parking am Flughafen für CHF 34.– nehme ich gerne in Kauf um meinen Mann wieder zu haben. Der Regenbogen in Rorschach ist die schönste Begrüssung im Stadtwald. Hallelujah!