Dec 8, 2020: Internet macht glücklich

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Wer mich gut kennt weiss, was für eine unbändige Freude ich
jetzt habe an dieser WLAN Verbindung. Es bedeutet viel mehr, als einfach ein
bisschen surfen zu können. Es ist möglich, dass es bedeutet, dass ich in
Zukunft ganz anders arbeiten kann und meine Zeiteinteilung ganz anders machen
kann. Seit es läuft ist sogar die erste Anfrage für einen Job reingekommen! Ich
fühle mich grad ein bisschen wie ein Digital Nomad auch wenn ich nicht
umherziehe, so ist doch der Unterschied zwischen Rorschach und Marere ziemlich
gross. Oder zumindest war er es bis heute Morgen als Peter ganz vorsichtig ins
Zimmer geschlichen kam (ich schlafe auch hier gerne länger am Morgen) und
sagte: „Robinson von Airtel meinte, du solltest es jetzt nochmals ausprobieren,
es sollte funktionieren… „

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Immer noch ein bisschen müde von der heissen Nacht (das hat nebst
meinem Mann vor allem mit der Temperatur und der fehlenden Luftzirkulation zu
tun…) nehme ich mal erst mein Schweizer Handy und verbinde es mit Marere
College und gebe dann eine Webseite ein und tatsächlich: es funktioniert!!!
Sofort werde ich mit Robinson verbunden, der jetzt auch noch einen Speed Test mit
mir machen muss (also natürlich nicht mit mir, denn der würde morgens um 8.00h
lausig ausfallen). Dafür muss ich zuerst mal meinen Laptop aufstarten, eine
passende Steckdose finden (die lange Steckerleiste hat gestern plötzlich das
Zeitliche gesegnet und sieht sehr verschmörzelet aus…) und dann einloggen und
loslegen… I am ready! Download 10 Mbit/s und Upload 6.05 Mbit/s – dafür
bezahlen wir und das haben wir bestellt – wir fangen bescheiden an, denn dieses
Geld muss sich ja dann durch die Schule finanzieren bzw. durch die Leute, die
ins Cyber zum Surfen kommen…

Und tatsächlich: es funktioniert auf Handy, iPad, Laptop und
gar nicht mal sooo langsam. Ich bin zutiefst beeindruckt und so glücklich, dass
ich das, was ich vorher versprochen habe auch halten muss: ich spendiere eine
Ziege für ein Festessen. Meine vegetarische Freundin Catherine wollte mich auf
FB zwar zu Tofu-Braten umstimmen aber da muss ich sagen: wenn sogar mein
Supermarkt Tusky’s geschlossen ist in Kilifi da müsste ich für Tofu wohl schon
viele Kilometer fahren bis ich irgendwo Tofu finden würde (vielleicht in
Mombasa oder Malindi – da war ich dieses Jahr noch nicht). Aber selbst wenn ich
dann eine gute Mahlzeit mit Tofu hinkriegen würde (was durchaus fraglich ist)
dann möchte ich die Gesichter der Kenianer sehen, wenn sie „so etwas“
aufgetischt kriegen. Also nur für den Funfaktor wäre das schon einen Versuch
wert.

Aber es muss also so ein Viechlein herhalten – sorry hier
gelten einfach andere Bräuche und zum Fest gehört die Ziege!!! Ich verbringe
den Tag schon fast in Ekstase und merke, wie meine Laune merklich besser wird,
zumal sie in meinem zukünftigen Büro auch bald fertig sind mit der Decke
einbauen. Ich finanziere mir hier meinen eigenen (T)Raum, Schritt für Schritt
und es sieht ganz danach aus, dass er diese Woche Realität wird: mein
Rückzugsort mit einer schönen Aussicht, mit Ruhe und mit Internet – also fast
wie in Rorschach nur afrikanischer!

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Der Weg bis zum heutigen Tag war aber ein sehr weiter. Es
ist so, dass Marere dummerweise in einem Funkloch liegt, da es in einer kleinen
Talsohle ist. In Beria (ein paar Kilometer entfernt) steht ein riesiger Mast und
auch in der gegenüberliegenden Primarschule konnten sie Internet einrichten
aber in Marere: leider nein – es ist quasi wie in Mörschwil… Jeden Tag auf dem
Weg zur Arbeit bin ich dort aus dem Netz geflogen, weil die Mörschwilerinnen
keinen Mast wollen. Aber eine IT Schule ohne Internet: ok, das kann gehen, in
Jaribuni hat es sogar eine IT Schule ohne Computer und ohne Licht. Aber da
wollen wir den Standard schon ein bisschen höher halten. Ich habe also vor
einem Jahr begonnen mich zu informieren. Es wurde bald klar, dass Airtel der
günstigere Anbieter ist als Safaricom und so erhielten wir die Offerten und
entschieden uns für die „kleinste“ Lösung mit eben diesen 10 Mbit/s. Ob es dann
ausreichen wird, wenn wir richtig viele Schüler haben das wird sich zeigen.
Mann kann auch abwechselnd ins Internet, da müssen nicht permanent alle Online
sein. Am 19.6.2020 habe ich in der Schweiz den Vertrag unterzeichnet und dann
ging es los: Airtel wird zwar den Router zur Verfügung stellen aber eben: da
muss jetzt ein Mast her… Ich habe mir vorgestellt, dass das so eine kleinere
Antenne wird. Weil man die aber nicht einfach aufs Dach packen kann (das ist ja
aus Aluminium und würde keinen hohen Mast halten) muss er gebaut werden. Peter
ist schon in der Schweiz als er sich auf die Suche nach einem Mastbauer macht.
Airtel macht eine Empfehlung aber der Typ stellt sich als Riesenflop heraus.
Erstens macht er den Mast extrem langsam und auch viel zu wenig hoch. Seine
Offerte beträgt am Schluss einen Viertel der echten Kosten. Dazu kommen noch
der Transport des Materials, Schweissen mit viel Strom, erschwerte Bedingungen
wegen Corona und der Kommunikation zwischen Kenia und der Schweiz etc. etc.
Peter ist schon wieder zurück von seiner Schweiz-Reise und scheint endlich die
richtigen Leute gefunden zu haben. Aber blöd: der Mast muss noch 10!!! Meter
höher werden. Also wird alles wieder demontiert und noch dieses Stück
aufgesetzt. Um den Mast dann aufzustocken braucht es einen Kran. Ich hatte mir
schon vorgestellt, dass man einen richtigen Kran hierherbringen muss – ich sah
schon die totale Kostenexplosion. Aber nein: mit einem Tuk-Tuk (dreirädriges
Gefährt) haben sie eine 4-Meter lange Eisenstange gebracht und damit das
fehlende Stück aufgestockt. 

Transportvideo hier:

https://youtu.be/fOKBAnQ3xfE

Dann braucht es eine saumässig teure Lampe damit
keine Flugobjekte (z.B. Drohnen, die Hochzeiten fotografieren…) reinfliegen
nachts. Und die Experten stellen fest, dass der Vorgänger einen völligen Pfusch
bei der Verstrebung gemacht hat und dafür nochmals neues Material gekauft
werden muss. So ganz am Schluss erwähne ich dann noch, dass wahrscheinlich auch
noch etwas gegen Blitzeinschlag gemacht werden müsste. Ja genau, das können wir
auch noch in Auftrag geben. Sie würden dann am Dienstag nochmals kommen und das
Einrichten… Jetzt hoffen wir einfach, dass es bis dann nicht blitzt, denn
regnen tut es im Moment grad (für 5 Minuten)…

Also die Anlage steht jetzt und der Typ von Airtel hockt
schon seit Stunden auf dem Boden und versucht, den Router zu programmieren aber
es gelingt ihm einfach nicht. Wir legen ein Passwort fest und diskutieren
drüber, wie wir das dann auch ändern werden und wie wir auch noch eine Software
brauchen um ein Cyber einzurichten und die Kosten verrechnen zu können. Das Ziel
ist es ja, dass die Internetkosten finanziert werden mit Leuten, die hier
surfen. Also bloss nicht das Passwort herausgeben, das wäre fatal und ich bin
sicher, das Marere Community College wäre bald der wahre Hotspot von Kauma!!!

Man erkennt jetzt zwar das Netzwerk aber leider hat es kein
Signal. Der Airtel Typ gibt auf und geht nachhause. Am Nachmittag kommt der
Anruf vom Airtel Boss Robinson (der vom Wake-up Call) aber dummerweise ist
Kelvin, der IT Spezialist nicht mehr hier und jetzt muss Barbara her mit dem IT
Supporter Certificate, denn mein lieber Peter versteht nur noch Bahnhof und
meint: can you talk to my wife?

Ich muss zuerst die Umstände beschreiben: es ist gefühlte 40
Grad heiss, die Telefonleitung ist etwa so miserabel wie das Englisch von
Johnson, dem Airtel Boss und in meinem Büro wird grad die Decke raufgehämmert
während draussen die Kids und die Ziegen rumrennen. Der „Serverraum“ verdient
natürlich den Namen nicht. Ein Abstellraum mit Kabeln, Überbleibseln von der
Solareinrichtung mit Kabeln, die wild durcheinander gehen. Aber genau dort muss
ich hin mit meinem Laptop, den wir vorher versucht haben über Hotspot von
meinem kenianischen Handy und Ethernet-Kabel zu verbinden. Man glaubt es kaum
aber nachdem ich endlich eine entsprechende Steckerleiste gefunden habe (mein
eigener Laptop ist nämlich auch alt und läuft nicht mehr ohne Akku) und Windows
auf Englisch umgestellt habe sowie die Software (Teamviewer) für den Zugriff
auf meinen Compi geöffnet habe sind wir so weit, dass wir die ganze
Konfiguration zusammen machen können. Ich muss mir schon mal einen Stuhl holen,
da es so lange dauert und immer wieder die Frage: klappt es, läuft es? Und
immer wieder die Antwort: nein, nein… Plötzlich meint er: oh, dann müssen wir
wohl auf unserer Seite noch etwas konfigurieren. Wir melden uns bald wieder. 

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Das bald dauert einen Tag und ich baue meine ganze Installation wieder ab und
warte und warte und warte: bis zu jenem Freudenjubel am Morgen früh (siehe
oben). Ich glaube, ihr könnt in etwa nachvollziehen, warum ich so eine
Scheissfreude am Resultat habe. Wer weiss: vielleicht kann ich sogar an einem
Webinar teilnehmen heute (hat schon geklappt…) und sogar im sinGALLinas Adventstreffen mit Zoom mit
dabei sein. Nachdem ich gestern Tatort Teil 2 online angeschaut habe ohne
Unterbrechungen bin ich durchwegs zuversichtlich!!!

Ja und wenn es wirklich klappt heute, dann freue ich mich
auf WhatsApp Chat/Skype/Zoom/Teams Einladungen, damit wir einander wenigstens
online sehen können in den nächsten 3 Monaten, Deal?

Bei allem Ärger, extrem hohen finanziellen Auslagen, die wir
teilweise persönlich getragen haben weil es selbst das Pro Ganze Budget
übersteigt habe ich wieder ein paar Dinge gelernt.

  • Budgetieren ist fast ein Ding der Unmöglichkeit hier.
    Selbst wenn du alles schon weisst und schon das Doppelte dazugerechnet hast:
    Überraschungen gibt es immer wieder
  • Es gibt hier wirklich pflichtbewusste und
    sorgfältige Arbeiter. Und flinke: wenn du zugeschaut hast, wie der Typ den Mast
    raufklettert und dort auch noch rumwerkelt: Chapeau – er kann jederzeit Mnasi
    (Alkohol, der aus den Kokospalmen gewonnen wird) herstellen!
  • Was du mal gelernt hast kann dir immer wieder nützlich sein (SIZ PC Supporter in den 80-er Jahren!!!)
  • Nichts ist Unmöglich – ich dachte phasenweise
    schon, dass ich meinen Traum vom Internet in Marere vielleicht begraben muss
    weil es einfach zu komplex ist aber nein: zusammen und wirklich mit vereinten
    Kräften haben wir es geschafft. Ich stehe dann wirklich da und staune!
  • Und natürlich für mich persönlich: Internet macht
    unabhängig und glücklich
    ! Morgen (oder übermorgen) ziehe ich in mein Büro ein –
    ich muss mir nur noch Möbel besorgen, aber das dürfte ja ein Klacks sein!!!

P.S. Gerade als ich den Blog hochladen wollte ist der Strom ausgefallen… 

#internetmachtglücklich