Netzwerk ist das halbe Leben

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Im Netzwerk „Inter Nations“ (internationales Online Netzwerk für Expats) hat eine Journalistin die Frage gestellt: Ich arbeite für Le temps und suche Schweizer:innen, die ihre Weihnachten in Kenia verbringen. Ist das bei Ihnen der Fall? Ich habe mich kurz gemeldet: ich mache das, sofern mein Flug vom 15.12. nicht abgesagt wird…

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Daraufhin hat sie sich gemeldet. Ich habe fast die Antwort verpasst, denn seit wir nicht mehr in Nairobi hausen hat das Netzwerk für mich fast keinen Nutzen mehr. Zum Glück hatte ich die E-Mail Notification eingeschaltet, sonst hätte ich die Antwort gar nicht gesehen.

In den Jahren, als wir noch in Nairobi lebten hatte es mir geholfen, einen Suaheli Lehrer zu finden und auch einen Elektriker, der die Jura Kaffeemaschine flicken konnte. Ich wäre bestimmt auch darüber froh gewesen als ich die Möbel gekauft hatte aber als Shopping Queen habe ich damals nicht so danach gesucht und nur einige Bekannte aus dem Europäischen Bekanntenkreis gefragt, wo man moderne und coole Möbel finden könne in Nairobi… Die veranstalten auch Ausflüge, Vorträge, kulturelle Veranstaltungen – also alles, was ich auch besuchen würde, wenn ich denn noch immer in Nairobi leben würde. Dazu gibt es auch in Facebook noch spannende Gruppen, in denen man diverse Antworten erhält. In Kilifi ist diesbezüglich nicht so viel los und in Jaribuni bin ich ja fast die einzige Muzungu…

Die französische Journalistin Claudia, die für die schweizerische Zeitung Le Temps schreibt, hat noch etwas nachgefragt. Ich habe ihr von Pro Ganze erzählt und ein paar Eckpfeiler zu meinem Bezug zu Kenia geliefert und siehe da: sie fragte die Editors und interessierte sich sehr für meine Geschichte und meinte, sie würde gerne bei mir vorbei kommen. Ich habe zuerst gar nicht geglaubt, dass das ihr Ernst ist, denn eine Reise nach Marere ist nicht gerade das Unbeschwerlichste, was man sich vorstellen kann!!!

Dass sie nicht viel Ahnung davon hatte, wo Marere liegt und wie man hierher kommt habe ich dann an ihren ersten Fragen gemerkt. Die Agentur, für die sie arbeitet war auch nicht bereit einen Flug zu finanzieren und so kam sie mit dem Zug in Mombasa an. Wir organisierten ihr einen Transfer mit einem Chauffeur und unserem Auto, da die Strassen ja nicht für das übliche Stadttaxi gemacht sind… Das grösste Problem war, das Datum zu finden. Ich hatte ja vom 16.-19. 3 Nächte in Diani gebucht und am 20. stand der Besuch des Deputy President an (an den ich damals noch nicht so ganz glaubte – aber trotzdem: an dem Tag wäre so oder so die Hölle los gewesen in Marere…)

Ihre Deadline war dummerweise der 20. Dezember und so hatten wir bereits ein grosses Problem. Sie wollte auf dem 20. Dezember bestehen aber das musste ich einfach ablehnen. Meine Blogleser:innen wissen: ich kam ja schon am 18. morgens retour nach dem verkürzten Aufenthalt in Diani! Es hat halt wirklich im Leben immer alles einen Grund.

Und so kam es dass Claudia am 19. so quasi auf den letzten Drücker eintraf – zusammen mit einem lokalen Fotografen. Das Hotel, das sie reserviert hatte war wohl eher ein Stundenhotel, denn Joshua (der Fahrer) hatte bei der Adresse sofort gesagt, dass das im Nuttenviertel sei… Sie hat dann auch schüch angefragt, ob es in Marere ein Lokal habe, in dem man Mittagessen könne worauf ich ihr mit vielen Smileys geantwortet habe, dass es hier weder Restaurant noch Take Away gäbe, dass wir aber sehr gerne für sie Lunch kochen würden. Ob sie Vegetarierin ist habe ich absichtlich nicht gefragt, das hätte alles nur noch kompliziert… Sie hat sich dann als flexible Vegetarierin herausgestellt, die auch ein Pilau isst aber die Fleischstückli nicht an sich reisst…

Mit etwas Verspätung sind sie um 11.30 h in Marere eingetroffen. Sie befragte zuerst Peter, der natürlich schon wie auf Nadeln war für den nächsten Tag und dachte, er würde sie nur schnell schnell begrüssen. Claudia wollte aber von ihm wissen, was für eine Person ich sei und vor allem, ob ich in der Schweiz anders sei als hier in Kenia. Zuerst wollte er nur in den höchsten Tönen davon schwärmen, was ich in Kenia alles mache für die Leute aber sie hat immer wieder nachgehakt und gefragt: nein, sie wolle wissen, wie er mich sehe. Und das fiel natürlich noch positiver aus. Ein Mensch, der sich allen Begebenheiten anpassen kann und sich nie über die anderen stellt. Sie sei eine von hier, obwohl es für sie manchmal sehr hart sei, hier zu überleben und es in der Schweiz schöner habe und mehr Kultur und Menschen auf ihrem Niveau begegnen könne.

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Ach wie war das wieder Balsam für die Seele von meinem Mann zu hören, dass er mich einfach die Grösste findet und voller Bewunderung für mich ist. Ich glaube, auch der Journalistin wurde ganz warm ums Herz. Ist doch schön, wenn zwei in unserem Alter sich nicht zu schade sind, die gegenseitige Liebe publik zu machen.

Ich hatte keine Ahnung, dass jetzt ein stundenlanges Interview folgen würde über mein ganzes Leben!!! Wo sind Sie aufgewachsen, wo haben Sie Ihren Mann kennengelernt, was hatten/haben Sie für einen Beruf? Manchmal hätte ich bei den einzelnen Fragen schon am liebsten gefragt: wie viele Tage haben Sie Zeit? Aber ich verkniff mir diese Antwort und berichtete aus meinem Leben: über meine Jobs, meine Familie, meine Pflegekinder, meine Männer (also nicht alle..), meine Wohnorte, mein Projekt in der Werteorientierten Stadtenwicklung Arbon, das mich zu Peter führte, meinen Liebes- und Leidensweg in Kenia mit einem Politiker und natürlich mein Engagement mit Pro Ganze und meinen Status als Mama Kaya. 

Erst ganz am Schluss kamen wir dann darauf zu sprechen, was an Weihnachten in Marere anders ist als in der Schweiz und ihr wisst es ja schon: fast alles! Es kam auch noch die Frage dazu, die sie von der Redaktion aus stellen musste: wie ich das Handling von Corona sehe in Kenia – insbesondere im Vergleich zur Schweiz. Allzu viel konnte ich dazu nicht sagen, denn ich kenne das wirkliche Corona-Management nicht. Hier trägt grad gar niemand eine Maske, alle schütteln Hände oder umarmen sich und es finden Veranstaltungen mit Tausenden von Menschen statt. Ich weiss, dass ich einen gratis PCR machen konnte vor der Rückreise und ich weiss auch, dass es Klassenunterschiede gibt, ob du jetzt eine Impfung kriegst oder nicht… Meine Antwort darauf, wie es in Kenia mit Corona sei ist sozusagen immer: die Leute sterben vorher an anderen Sachen, gegen die es aber eine Impfung/Lösung/Medikament gäbe…

Wow – ich kann nur sagen: sein ganzes langes Leben in einem Nachmittag zu erzählen ist ganz schön anstrengend aber auch erleuchtend: manchmal hat man selber das Gefühl: na ja, das war ein ganz normales Leben und so am Stück erzählt kam es mir dann auch so vor als hätte ich doch eine Portion mehr erlebt als die meisten Menschen.

Was dabei rauskam ist, dass ich mich immer wieder gut adaptiere und ich weiss, dass wird meinem Coach Philip gefallen, denn gerade kürzlich haben wir darüber diskutiert, was seine Devise ist: wer sich am besten adaptieren kann überlebt! Ich habe damals noch ziemlich dagegen gehalten, weil für mich adaptieren ja auch irgendwie mit anpassen und „mit der Masse gehen“ gleichgesetzt. Es ist aber wahrscheinlich da schon noch ein feiner Unterschied mit dabei. Ich interpretiere jetzt mal frei wie es für mich ist: Adaptieren: sich den Umständen anpassen und das Beste draus machen. Anpassen: versuchen, nicht herauszustechen und sich unterordnen oder sich mindestens an etwas angleichen. Mit dieser Unterscheidung kann ich mit gutem Gewissen sagen: ich adaptiere mich gut an neue Begebenheiten und Umstände und überlebe daher auch immer wieder in veränderten Verhältnissen. So lebe ich gut und mit Freude und kann mit Veränderungen super umgehen. Ich glaube sogar, das ist eine Fähigkeit, die in Zukunft mehr denn je gefordert sein wird: Adaptabilität. Und so wird das zu einem Attribut, das ich mir sehr gerne gebe und dabei meine Individualität und Einzigartigkeit behalte.

Der Fotograf mit dem kuriosen Namen Gordwin (muss vielleicht ein Übersetzungsfehler gewesen sein – ich kenne nur Godwin ohne „r“…) war ein sehr spannender Typ. Er lebt in Nairobi und macht in einigen Projekten in Kibera (einem der grössten Slums in Nairobi) mit. Er interessiert sich extrem für Umweltthemen und als wir ihm von Peter‘s Kauma CBO www.kaumacbo.com erzählen kriegt er riesengrosse Augen. Er hat seinen Aufenthalt grad subito verlängert und macht wahrscheinlich jetzt noch eine Geschichte über die Ausbeutung der Böden in dieser Gegend, über die ich auch berichtet habe und was ich auf der Homepage auch thematisiere.

Er war so herzig bei den Aufnahmen: sitze mal so, schau mal da hin, jetzt noch etwas mehr links, ja so ist gut. Er gab wirklich Instruktionen und ich folgte seinen Vorschlägen. Er wusste genau, was die Redaktion von ihm wollte und er wollte sicherstellen, dass er die richtigen Fotos liefert. Immer sagte er „wow, beautiful“, „I can‘t believe how incredibly beautiful it is here“, „you are doing great“ etc. etc. Er hat es geschafft in no time ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und mir den Eindruck zu geben, dass er extrem versiert ist. Wir machten noch einen Spaziergang bis an den Rande von Peter‘s Land und da flippte wiederum die Journalistin aus, weil sie – genau so wie ich – auch eine Baobab Liebhaberin ist und sich gar nicht sattsehen konnte an den „Baobabwäldern“, die Richtung Kilifi wachsen. Und sie verstand meinen Wunsch, an dieser Stelle ein kleines Haus bauen zu wollen sehr gut, denn sie würde es genau gleich machen. 

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Wir hatten richtig Spass zusammen und als ich ihr einen feinen Kaffee mit Weihnachtsguetzli servierte war sie sehr glücklich mit dem Leben. Dabei lernte ich auch (hatte das gar nicht mehr so auf dem Radar), dass die Franzosen zwar dem Essen an Weihnachten extrem viel Wichtigkeit beimessen (wann nicht?), dass aber der Brauch von Weihnachtsguetzli gar nicht bekannt ist. Peter haben wir übrigens nichts gesagt vom Diebstahl der Guetzli, denn – wie jedes Jahr – hortet er seine Büchse wie seinen Augapfel!

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Ich habe ihnen dann auch noch gezeigt, wie meine Weihnachtsdeko in Marere aussieht und das fanden sie natürlich besonders süss. Zwischen der singenden Mütze und der aus Bananenschelferen gebastelten Krippe sind etwa so grosse Unterschiede wie zwischen meinen tanzenden Samichläusen in Rorschach und Weihnachten in Marere.

Erst um 18 h machten sich die beiden mit Joshua wieder auf den Weg, nachdem sie kurz noch den Eventort für Ruto‘s „Staatsbesuch“ besichtigt hatten. 

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Claudia hatte den Nachtzug nach Nairobi gebucht und musste ja mit der Arbeit schnell sein, da die Deadline für den Entwurf der 20. Dezember war!

Was ich genau gesagt habe, bzw. viel mehr: was Claudia Lacave daraus gehört hat werdet ihr schon am Wochenende erfahren (sofern ihr Französisch könnt – und sonst hilft Google Translate bestimmt weiter, denn auch mein Blog hier  wird in der Zwischenzeit nicht nur vom Geheimdienst sondern auch von ein paar kenianischen Freunden mithilfe von Google gelesen. Nimmt mich wunder, wie meine schweizerdeutschen Ausdrücke übersetzt werden…)

Ich bin selber megamässig gespannt und freue mich mit euch, den Artikel zu lesen… zumindest hoffe ich, dass er lesenwert wird…