Besinnlich? Vielleicht…

Ich muss echt schmunzeln wenn man uns hier besinnliche und ruhige Tage wünscht. Gestern Abend habe ich mich zurückgezogen, denn das Shopping in Kilifi hat mich echt geschlaucht: 100 Kilo Reis, 26 Kilo Tomaten, 40 Liter Öl, 25!!! Kilo Zucker, 3 kg Knoblauch, 5 Kabis etc. etc. Das braucht es für die Weihnachtsfeier „im kleinen Rahmen“ am 25.12.! Dazu muss dann auch noch eine Kuh geschlachtet werden aber das verdränge ich jetzt fast ein bisschen… muss dann sicherstellen, dass ich mich nicht irgendwohin verirre, wo der Kopf rumliegt sonst komme ich wieder in den Instantvegetarierinnen Modus…

Aber ich gebe zu:  ich bin recht stolz auf meine Shopping-Fähigkeiten. Ich weiss jetzt wirklich, wo man alles kriegt und da ich ja auch mit dem Auto bis nach Dzitsoni gefahren bin würde ich es wohl auch nach Kilifi schaffen. Heute ist aber Peter mein Fahrer und mit ihm geht es super: ich kaufe WC Bürsteli für alle Toiletten ein (ein Set kostet KSH 100 = weniger als 1 Franken), finde einen Laden in der 3. Reihe, der mir Plastikbecher verkauft und bis hin zu Hefe für die Mahamri und Iliki (Kardamom) finde ich einfach alles in diversen Läden und Hinterläden. Aber zugegeben: ich schwitze extrem und hätte ich kein Wasser dabei käme es wahrscheinlich sogar zum Kollaps, aber es geht alles haraka haraka (schnell schnell). Dafür gönnen wir uns in der „Edelbäckerei“ (also stellt euch jetzt nicht allzu viel vor darunter…) einen Cappuccino und feine Samosas. Dann machen wir uns auf den Rückweg. Das Gute ist, dass wir hier immer Helfer haben beim Ausladen, Ausräumen und für die Weihnacht auch noch allerlei anderes Personal wie einen Koch und 3 Girls aus der Verwandtschaft. Geplant war nämlich, dass meine liebe Haushalthilfe aus Nairobi kommt. Sie ist inzwischen auch eine gute Freundin geworden und ihr Sohn Biden ist ein Goldschatz. Aber sie antwortet nicht auf unsere Anrufe, obwohl ich schon die Tickets für sie für die Busfahrt gekauft hatte. Plötzlich ruft eine Verwandte an: Linet ist im Spital, sie darf nicht besucht werden und es geht ihr ganz schlecht. Was für ein Rückschlag – ich hatte mich so auf sie gefreut, denn mit ihr sind auch intelligente Konversationen möglich und sie ist einfach durch und durch eine Perle.

Es gibt noch ganz viele Probleme, die man als „Nachbeben“ nach dem Ruto-Besuch bezeichnen könnte. Einerseits meinen viele, dass Peter Geld gekriegt hat von ihm, was leider nicht stimmt und andererseits hetzen seine Gegner die Leute auf und sagen: geh zu Peter, wir haben gehört, der hat Geld von Ruto erhalten und verteilt es jetzt… Es sind genau diese Dinge, die mich extrem nerven hier. Jeder vergönnt jedem alles und anstatt sich zu freuen, dass Jaribuni jetzt auf dem Radar des hoffentlich nächsten Präsidenten ist, gibt es wieder Neider und alle wollen nur Geld, Geld, Geld. Aber dann halt leider auch wieder verständlich, denn sie haben einfach nichts – gar nichts! Da versucht man schon anzudocken, wo es allenfalls noch etwas anzudocken gibt.

Ich verkrieche mich also in mein Zimmer und plötzlich höre ich, dass Ballone am platzen sind. Mein Mann hat meine Weihnachts-Dekotasche (sie ist ziemlich gross) rausgeholt und da sind jetzt etwa 10 Leute daran, Marere weihnachtstauglich zu dekorieren. Vor allem mein Weihnachtskleid, das wie der Engel von Niki de Saint Phalle am Zürcher Hauptbahnhof hier in Marere von der Decke hängt bringt mich echt zum Lachen. Dazu läuft laute Hip Hop Musik und alle wirken mit, damit Mama Kaya ein bisschen Weihnachts-Feeling hat. Zum Glück habe ich dieses Mal nichts erwartet und so bin ich ganz gerührt über diese Aktion.

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Am 24. gibt es dann auch noch einige Überraschungen: zuerst natürlich der Artikel, der in der Zeitung Le Temps über mich publiziert wurde. Er freut mich und gleichzeitig bin ich auch erstaunt darüber, dass er nur so kurz ist, nachdem ich ja einen ganzen Tag mein Leben erzählt habe – aber so ist es natürlich: in der Kürze liegt die Würze. Der Photograph ist immer noch in Jaribuni und als ich ihn auf die Kürze anspreche meint er nur, dass die Journalistin wohl sehr unerfahren sei, denn für einen solchen Artikel sollte man nicht mehr als 2 Stunden interviewen… Aber wie schon erwähnt war es für mich selbst sehr heilsam, mein Leben aufzurollen und es hat mir aufgezeigt, was mir im Leben wirklich wichtig ist.

Weil ein politisches und ohrenbetäubendes Meeting in der grossen Halle stattfindet setze ich meine Noise Cancelling Kopfhörer auf (Notiz an mich: von jetzt an immer mitnehmen!!) und verschlaufe mich in mein Zimmer. So müssen sie mich fast „wachrütteln“ als die Schwester von Peter – Nelly – zu Besuch kommt. Ich liebe diese Frau: ein Vorbild für alle hier. Grosszügig, liebevoll und eine hardworking woman. Wir plaudern zusammen und sie schenkt mir nicht nur einen riesigen Weihnachtskuchen sondern auch noch frische Mangos von ihrem Pflanzblätz. Einfach grossartig, wenn du so beschenkt wirst.

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Am Abend hat die Zuckerbombe dann einer grossen Runde Helfer viel Freude bereitet: 

Aber im Prinzip wären wir schon längst an eine Hochzeit eingeladen. Die verzögert sich aber um Stunden und erst gegen 17.00 Uhr fahren wir los. Der Sohn eines Bruders eines Freundes heiratet und wir sind quasi als „Quoten-Ehrengäste“ eingeladen, denn wenn man einen ehemaligen MP und dann auch noch eine Muzungu auf der Gästeliste zeigen kann, dann ist das schon sensationell. Aber ich mag dieses Paar wirklich sehr, sie sind sehr liebenswürdige Leute und so machen wir ihnen den Gefallen. Ich habe jetzt ja schon ein bisschen Harusi-Erfahrung, aber diese Dezibel hat bisher noch keines erreicht. Die Lautsprecheranlage ist riesengross und die Musik dröhnt und erzeugt ein schnelleres Herzklopfen. Die Einfahrt der Braut ist vollkommen verrückt: zuerst kommt ein riesiger Lastwagen mit Gästen und dann die Braut, die aussieht wie eine mehrstöckige Hochzeitstorte übersät mit Glitzer und begleitet von jungen Mädchen, die auch irgendwie die Bedeutung von Unschuldigkeit haben. Die laute Musik reicht nicht aus, das muss auch noch alles von Vuvuzelas begleitet werden…

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Ich werde hin und her und bis an die vorderste Front geschoben und dort wird es mir coronamässig dann doch eher etwas mulmig: Hunderte von Leuten dicht an dicht, ohne Masken und nachdem ich ein paar Fotos gemacht habe möchte ich zurück, was von der Gastgeberin nicht wirklich goutiert wird. Ich erkläre ihr, dass ich wegen Corona schon vorsichtig sei aber sie lacht, tanzt davon und meint: there is no Corona here… Schön für sie aber in Nairobi liegt eine Freundin auf der Intensivstation und an sie denke ich dann in meinem Wohnzimmer als ich diese Zeilen schreibe.

Und ich denke somit auch an alle anderen Menschen, die heute an irgendetwas, unter irgend jemandem oder mit jemandem leiden: ich wünsche mir, dass ihr wieder Hoffnung schöpfen könnt, denn Weihnachten ist das Fest der Liebe und der freudigen Botschaft: fürchtet euch nicht! Auch nicht vor anderen Bräuchen an Weihnachten.

Frohe Weihnachten an alle meine Bekannten und Freunde, die mir schöne Zeilen geschrieben haben und mit mir mitfiebern und mitleiden. Ihr seid eine Stütze wenn ich eine brauche und ihr motiviert mich, hier weiterzumachen und nie aufzugeben. Danke!