Ich habe ein Dilemma

Meine Wahlhelferin aus dem Jahr 2013 habe ich immer wieder einmal getroffen. Sie heisst Joyce und diese ominöse Nacht, in der wir die Zahlen von Peter‘s Wahl selber zusammengezählt hatten und mitgefiebert hatten, diese Nacht in der wir die einzigen waren, die keine Minute geschlafen hatten: sie hat uns einfach zusammengeschweisst. Obwohl ich sie noch als sehr jung angesehen hatte bekam sie dann plötzlich ein Kind und es war das zuckersüsseste, das man sich vorstellen kann. Ich habe Joyce immer wieder etwas mitgebracht: für sie selbst oder für ihre Zuckerbohne. Sie hat mich immer informiert darüber, wo sie arbeitet und ich freute mich immer wieder, wenn ich hörte, dass es ihr gut ging.

Als wir das College eröffnet haben schickte sie ihren definitiv nichtsnutzigen Bruder an die Schule und bezahlte sein Schulgeld für ein ganzes Jahr. Er aber hat es versiebt, kam betrunken zur Schule und hat es einfach nichts auf die Reihe gekriegt. Ehrlich gesagt: ich wusste nicht einmal, dass er Joyce‘s Bruder ist.

Sie hatte mich schon informiert, dass sie jetzt in Malindi wohnt und aber immer noch für die Firma arbeitet, die die Zölle für die Lastwagen an den Wiegestationen einnimmt. Einmal, als ich mit dem Auto unterwegs war (ja, ich fahre jetzt ja auch selber mit unserem Riesenmobil) habe ich sie begrüsst und es war so herzlich wie eh und je.

Als wir mit den Lehrerinnen zusammen einen Ausflug nach Malindi planten dachte ich plötzlich unterwegs, dass wir sie ja besuchen könnten. Da Joshua, der Fahrer, sie auch kennt wusste er auch wo sie wohnt und wir machten einen Überraschungs-Halt bei ihrem Haus. Ich hatte es schon auf WhatsApp gesehen und war ganz erstaunt darüber, dass sie sich so ein schönes Haus leisten kann. Vielleicht hat sie einen reichen Mann – es wäre ihr zu gönnen. Und tatsächlich: ein so hübsches Haus habe ich noch selten gesehen: geschmackvoll eingerichtet, natürlich mit einem Riesen-TV aber auch aussen schön angemalt, sehr weiblich und einfach richtig cool. Sie hatte eine Riesenfreude und stellte uns ihre Mutter vor, mit der sie dort wohnt, ihre Schwester, die normalerweise in Nairobi wohnt und alle Kids, die gerade zu Besuch waren.

image
image

 Ich fragte sie schon ein bisschen aus: der Mann hätte eine andere Frau gehabt deshalb habe sie sich entschieden, die Tochter alleine aufzuziehen und weg von Kauma zu ziehen. Dort müsse sie sich sonst um die ganze Familie kümmern. Ich kann es verstehen, denn um dieses „eine arbeitet und alle hängen an ihrem Tropf“ kommt man einfach nicht herum wenn man aus Jaribuni ist. Ich kenne genügend Kenianer:innen, die ins Ausland gezogen sind damit sie nicht für die ganze Sippe aufkommen müssen.

image
image

Ich fühlte mich etwas doof, denn der Entscheid, sie zu besuchen wurde ja erst unterwegs gefasst und so kamen wir wirklich mit leeren Händen. Sie bot natürlich sofort Sodas an – das ist ein Zeichen von Reichtum und Wertschätzung den Gästen gegenüber. Wenigstens die bezahlte ich. Wir meinten dann, dass wir jetzt zum Marine Park fahren würden und sie war sehr schnell auch dafür zu begeistern. Ich hatte ein bisschen Wehmut, denn letztes Mal war ich ja mit Linet und Biden auf diesem Ausflug und die Erinnerungen daran liessen mich nicht gerade meine fröhlichste Seite zeigen. Aber ich freute mich für Joyce und ihre Tiffany – sie hatten natürlich einen super Tag, den sie sich wohl sonst kaum leisten könnten.

Den Preis musste ich allerdings auch noch bös runterhandeln, denn mir war, dass wir das letzte Mal KSH 5000 bezahlt hatten und dieses Mal meinte er: KSH 10‘000, was ich definitiv Wucher fand. Ich war auch nicht sicher, ob auch noch der Fahrer etwas abkriegen würde aber ich meinte kurzerhand: let me call my husband… worauf der eine meinte, ok, I do it for 5000. Trotzdem rief ich Peter an der dann den Tarif bekannt gab. Los ging‘s auf den Bootsausflug. Zuerst raus zu den Fischen und dann noch an eine Stelle, an der man stehen konnte. Ich war erstaunt, dass ich es besser wieder ins Boot zurück schaffte als vor ein paar Jahren. Das Intervalltraining wirkte! 

image
image
image
image

Es war ein richtiger toller Ausflug. Danach gönnten wir uns einen Swahili zMittag und kauften noch „Halva“ für Peter, denn das gehört zu einem Malindi Ausflug dazu.

Zuhause erzählte ich Peter von Joyce‘s Haus und er meinte, das seien eben die Einkommen der Leute, die in diesen Firmen arbeiteten, und das viele Geld abzockten. Wir könne es sonst sein, dass eine junge Frau in so kurzer Zeit ein so grosses Haus bauen könne. Er möge es ihr ja gönnen aber trotzdem sei es einfach nicht richtig, dass Geld abgezockt würde, das im Prinzip der Gemeinschaft gehören würde. Genau dafür kämpft er mit dem Kauma CBO. Es schmälerte meine Freude für Joyce‘s Errungenschaft ebenfalls und ich fühlte mich wirklich zwischen zwei Fronten. Aber ich kann das ja alles nicht beeinflussen und daher muss ich eingestehen, dass ich nur so eine halbe Freude hatte, denn ich weiss ja auch, dass Peter keinen Mist erzählt. In diesem Fall halte ich mich einfach am besten ganz aus der Diskussion raus und lasse den Dingen ihren Lauf. Irgendwann wird vielleicht die Kauma Community endlich erhalten, was ihr zugesteht. Wenn es dich noch weiter interessiert: auf www.kaumacbo.com kannst du mehr zum Thema erfahren.

Die Freude über den gemeinsamen Ausflug hallt trotz allem noch nach.

image