Jan 06, 2020: Finde deinen eigenen Raum

Wer meinen Blog schon seit längerer Zeit liest weiss, dass
ich bisher nicht viel „für mich alleine“ organisieren konnte. Das hat bestimmt
viel damit zu tun, dass hier der Individualismus vollkommen im Hintergrund
steht, da es meistens ums Überleben geht und man dafür Dinge zusammen stehen
muss. Wenn ich auch in meinem Leben als grösste Erkenntnis erfahren habe, dass
die Dinge zusammen viel besser gehen, so bin ich aber auch ein Mensch, der viel
von diesem Individualismus oder vielmehr auch vom Alleine-Sein braucht. Das mag
erstaunen, da ich ja eine ziemlich öffentliche Person bin und auch sehr oft mit
vielen Menschen meine Zeit verbringe. Auch das liebe ich. Aber ich glaube genau
deshalb brauche ich auch den Ausgleich immer wieder. In meinem Leben gab es
schon als Kind das Wort „Langeweile“ nie. Anscheinend konnte man mich in einem
Restaurant einfach mit einem Block und Farbstiften glücklich machen und ich
malte fröhlich und alleine vor mich hin. Auch jetzt verwende ich dieses Wort
kaum, denn es existiert einfach nicht wenn ich mit mir alleine bin. Unter
Umständen kann es mir langweilig werden wenn ich mit anderen Menschen zusammen
bin, z.B. an den politischen Veranstaltungen, an denen ich hier schon
teilnehmen musste oder mit Menschen, die ich ziemlich hohl und langweilig finde.
Aber mit denen treffe ich mich quasi nie. Das bedeutet aber nicht, dass ich
meine Zeit auf Biegen und Brechen immer mit Aktivitäten ausfüllen muss – auch wenn
es von aussen betrachtet für viele Menschen so aussieht. Ganz im Gegenteil: ich
kann tage- ja wochenlang alleine sein und niemanden physisch treffen und das
hat mir in Covid19 Zeiten enorm geholfen. Ich fühlte mich nie einsam oder
ausgegrenzt, denn endlich endlich hatte ich Zeit Dinge zu tun, die ich schon
längst erledigen wollte. Und dazu hatte ich ja auch noch meine wunderbare
Nachbarin, die in geschätzter Distanz doch immer wieder den Austausch mit mir
pflegte.

Nach Kenia zu kommen in den letzten Jahren hat immer
bedeutet, dass ich meine Individualität und meine Zeit für mich alleine total
aufgebe, denn es gab kaum Gelegenheit, das auszuleben. Immer waren noch andere
Personen anwesend, immer wurde ich beobachtet und immer musste ich meinen Mann „teilen“
(nicht auf allen Ebenen versteht sich – da bin ich recht füdlibürgerisch
konservativ). Es gab Phasen, in denen ich deshalb fast durchgedreht bin und
auch schon das eine oder andere Mal lieber gestern als heute wieder abgereist
wäre. Ich wusste, dass ich das dringend ändern muss, denn sonst würde ich es
kaum bis 80 (oder mindestens in etwa so lange wie meine Lebenserwartung ist)
aushalten mit dem Hin- und Herreisen.

2019/2020 war ja dann das erste Mal, dass ich aneinander 3
Monate hier sein konnte. Ich war schon sehr glücklich darüber, dass wir eine
Dusche und ein eigenes WC hatten und dass ich unsere 2 Zimmer nach meinen
Vorstellungen einrichten konnte. Aber damals war unser Wohnzimmer auch noch
eine Küche und wenn es Fisch gab hatte ich noch die ganze Nacht den Fischgeruch
in den beiden Zimmern, da diese nur durch einen Vorhang abgetrennt sind. Nach
und nach konnten wir die Möbel aus unserer Nairobi-Wohnung zügeln, was schon
mal einen höheren Komfort brachte. Wenn ich aber am Esstisch am Arbeiten war,
dann war das keinerlei Barriere für die Menschen im Community Center. Für sie
gehört es sich auch, dass man zum Begrüssen vorbei schaut – das ist ihre Kultur
und ihr Anstand. Aber wenn da jeden Tag bis zu 100 Menschen vorbei kommen (weil
sie Peter sehen wollen, weil sie Arbeit suchen, weil sie etwas verkaufen
möchten etc. etc.) dann kann das schon mal richtig lästig sein.

Ich wusste also, dass ich da was massiv verändern musste,
damit mein Wohlbefinden erhöht wird. Ich habe also schon letztes Jahr mein
Territorium abgesteckt indem ich Peter angekündigt habe, dass ich das Eckbüro
des Community Centers als meines beanspruchen werde. Damals hatte es noch keine
Fenster, keinen Boden, keine Decke und keine Türe. Es wurde als Abstellraum für
die Baumaterialien verwendet. Warum es genau dieses Zimmer sein muss kann ich
gut erklären: um dahin zu gelangen, muss man zuerst mal die Barriere
überschreiten, dass man in den hinteren Teil des Gebäudes kommt – es ist also
nicht direkt von aussen sichtbar. So dreist sind dann auch die wenigsten
Menschen, dass sie in das private Gefilde eindringen. Dazu kommt etwas, was mir
am Wichtigsten ist: Ich brauche für mein Wohlbefinden eine Aussicht in die
Weite (gell Helene, du kannst das wahrscheinlich immer noch nicht ganz
nachvollziehen). Das ist in Rorschach so, wo ich im Stadtwald ein Gefühl habe,
Teil von Europa zu sein, wenn ich auf den Bodensee blicke und das ist auch hier
so. 

Jeder Mensch setzt seine Prioritäten anders. Manche brauchen unbedingt
einen Balkon, andere einen eigenen Garten: bei mir ist es die Sicht. Und die
stimmt hier ebenfalls. In unmittelbarer Nähe sehe ich auf unsere riesige
Passionsfruchtplantage, dahinter ist eine grosse Kokospalme und noch weiter
hinten sind meine geliebten Baobab-Bäume. Wenn ich aufstehe kann ich sogar ganz
weit entfernt Kilifi und den Indischen Ozean erblicken. Wäre ich eine Frühaufsteherin
könnte ich sogar Sonnenaufgänge geniessen hier, aber das lasse ich auch hier
sein. Ich habe es letztes Jahr versucht aber es bewährt sich bei mir einfach
nicht. Mein Leben ist am schönsten, wenn ich um Mitternacht oder 01.00 Uhr ins
Bett kann und dann um 08.00 oder 09.00 Uhr aufstehen kann. Das ist mein
Lebensrhythmus und dieses Privileg der Selbstständigkeit geniesse ich. Hier hat
dieses Eck-Zimmer auch noch den fantastischen Nebeneffekt, dass es den ganzen
Tag herrlich lüftelt und ich somit die Hitze durchaus ertragen kann. Wenn ich
nachts drin bin habe ich jetzt einen Deckenventilator, der auch ganz schön
Kühlung bringt. Das ist auch alles viel vernünftiger als eine Klimaanlage, was
ich in dieser armen Gegend als absolut daneben empfinden würde.

Ich habe also seit einem guten Jahr meine Finanzen so
ausgelegt, dass ich dieses Büro ausbauen konnte. Es war gar nicht so billig,
denn da kommt schon einiges zusammen auch in Kenia. Baumaterial ist teurer
geworden und auch die Fundis (Handwerker) arbeiten nicht umsonst. Ich habe im
Blog über die Handwerker schon beschrieben, dass ich jetzt zwar ein umgekehrtes
Farbkonzept habe als geplant (die Wänder sind hellblau und die Decke weiss…)
aber das ist ok – ich kann mit dem Beamer auch auf diese Wände projizieren, was
mich beruhigt. Peter hat mit der Zeit wirklich gesehen, wie wichtig mir das ist
meinen eigenen Raum zu haben – er hat mich über die Jahre kennengelernt und
respektiert meine Wünsche. Im Endeffekt profitiert er ja auch von meiner
Ausgeglichenheit, die dadurch entsteht.

Kaum war das Büro eingerichtet kam auch schon der Leiter des
Colleges und meinte: au, das würde sich super eignen um einen Beauty –und Haarsalon
einzurichten, denn es interessieren sich wohl viele Frauen für eine Ausbildung
in diesem Sektor. Ich gebe zu, da habe ich ein bisschen geschluckt, denn es ist
klar: der Raum könnte für viele andere Dinge verwendet werden, die vielleicht
sinnvoller für die Gemeinschaft wären. Aber ich bleibe hart: dieser Raum gehört
mir – wenigstens in den 3 – 4 Monaten (merkt ihr, ich habe schon auf 4 erhöht…)
in denen ich hier bin. Dazwischen können sie ihn als Konferenzraum, Büro oder
was auch immer nutzen – so lange er wieder so aussieht, wie ich ihn verlassen
habe. Es ist „Mama Kaya’s Büro“ und das ist jetzt auch allen klar. Momentan
brauche ich es, um jeden Tag Yoga zu machen, um Online Sessions durchzuführen,
um meine Online Meditation bei Romy zu machen, um zu schreiben, um Konzepte zu
erstellen, Offerten zu machen, Musik zu hören, Netflix Videos zu schauen,
Swahili zu lernen etc. etc. etc.

Ab und zu darf Peter ganz wichtige Besucher hier drin
empfangen oder die Schulleitung kann ganz ausnahmsweise mal eine Sitzung
abhalten wenn es keine anderen Möglichkeiten gibt. Und wisst ihr was: dieses
Büro steigert mein gesamtes Wohlbefinden ganz enorm. Ich bin ausgeglichener,
fröhlicher, kreativer und speditiver. Und genau das wirkt sich auch auf die
Gemeinschaft aus: ich kann dann durchaus wieder mehr mit anderen unternehmen
und ihnen Ratschläge geben und sie coachen. In dem Monat seit ich hier
angekommen bin habe ich deutlich gespürt wie viel besser es mir geht und ich
glaube, es ist etwas, das Jede und Jeder für sich beanspruchen sollte: den
eigenen Raum. Dabei kommt es nicht auf die Quadratmeter an, aber dass der Ort den
Zweck erfüllt, den er erfüllen soll.

Seit einer knappen Woche sind ja auch 8 unserer
transportierten Kisten in Mombasa angekommen: darunter war ein
Liegestuhlgestell aus der IKEA und ein Sonnenschirm. Ich hatte letztes Jahr
schon den Versuch mit der Hängematte gestartet – aber draussen auf dem Hof des
Community Centers war ich so exponiert, dass ich mich kaum traute, dort meine
Siesta zu machen. Und nebst den Kühen wurde ich auch von allen anderen begafft
und fühlte mich wie ein Ausstellungsobjekt: „Muzungu ist faul und liegt in der
Hängematte“ wäre wohl der Titel dieses Bildes gewesen. Aber jetzt schaukle ich
jeden Tag eine halbe Stunde für meinen Powernap in der kühlen Brise und
geschützt vor der Sonne. Vielleicht kann ich auch noch durchsetzen, dass ich
Blumen pflanzen kann oder auf irgendeine Art meine Oase ausweiten kann.

Als kleines Detail sei noch erwähnt, dass der Sonnenschirm
ein kleines Solarpanel hat, das dann die kleinen Lämpchen innen speist, die
Nachts leuchten können. Aber leider, leider werden damit auch die Moskitos
angezogen und dieses Problem scheint ein wesentlich grösseres zu sein, das ich
wohl auch nicht alleine bekämpfen kann. Ansonsten wäre es sehr „Barbara-Style“
einen beleuchteten Mondschirm zu haben – die Nacht ist meine aktivste Phase und
das ändert sich auch in Kenia nicht.

Ich wünsche euch allen, dass ihr euren privaten Raum
schaffen könnt: sei es zuhause, auf einem Segelschiff oder irgendwo in der
Natur. Raum für sich selbst zu schaffen bringt eine grosse innere Freiheit!
Viel Spass dabei.