I am coming home for Christmas

Mit der Journalistin von Le Temps zu sprechen hat mir aufgezeigt, dass ich in meinem Leben immer wieder bereit gewesen bin, mich an neue Lebenssituationen zu adaptieren. So habe ich z.B. in Frankreich die wohl verrücktesten Dinge gegessen, in den USA Hunderte Male die Nationalhymne lauthals gesungen und auf meinen Reisen so manches Ritual mitgemacht, das ich ziemlich bizarr fand, das aber zu den lokalen Gepflogenheiten gehörte.

Alle Jahre wieder. Aber Weihnachten waren mir schon immer „heilig“ im übertragenen und im wahrsten Sinne des Wortes. Schliesslich hängt damit ja die frohe Botschaft der Geburt von Jesus zusammen und das ist ein Hoffnungsschimmer, egal ob man religiös ist oder nicht und sogar egal, ob man daran glaubt oder nicht. Es ist ein bisschen wie mit Naturheilmitteln und Naturheiler:innen. Egal ob du daran glaubst: Hauptsache es wirkt!

Als ich in Marere die Krippe aufgestellt habe fragten viele Kenianer:innen, was das genau sei und ich musste ihnen die Weihnachtsgeschichte wiederholen mit Maria The Virgin Mary had a baby boy und Josef, dem Jesuskind, den Engeln, den Königen und den Hirten. Dies obwohl sie jeden Sonntag in die Kirche rennen und dort aufmerksam zuhören sollten. Aber es steht halt dort oft das Tanzen und Singen im Vordergrund, was auch eine fast religiöse Erfahrung sein kann. Aber diese Geschichte erzähle ich gerne immer wieder, wie ich sie auch für meine Kids Jahr für Jahr in der „Originalform“ vorgelesen habe. Das „fürchtet euch nicht“ am Ende hat besonders in dieser Zeit wieder eine grosse Bedeutung. Macht hoch die Tür.

Deck the halls. Dekoration inkl. Weihnachtsbaum, am liebsten Schnee Winter Wonderland, feines Essen und Trinken, Lieder, Geschenke und ein Besuch in der Kirche gehören bei mir definitiv zu Weihnachten und in meiner Zeit vor Peter gab es nur ein einziges Mal, dass ich an Weihnachten nicht zuhause war, weil ich den Flug in die Schweiz aus den USA nicht zahlen konnte. Und es war keine richtige Weihnacht für mich (vielleicht auch weil am Beach in San Diego und mit dem Glühwein im Balboa Park einfach das Klima nicht stimmte!). I am dreaming of a white christmas!

In 2021 verbringe ich jetzt Peter zuliebe All I want for Christmas is you! schon zum vierten Mal hintereinander Weihnachten in Kenia und ich komme mit einem Augenzwinkern zum Schluss: es muss nicht zur Tradition werden, dass ich das immer wieder repetiere. Last Christmas 

2018 war es soweit noch ganz lustig, da Freundinnen aus der Schweiz zu Besuch kamen, wir zusammen mit Peter‘s Kindern Mahamri zubereiteten und ich die laute Musik und das andere Essen einfach akzeptierte. 2019 war besonders, weil ich die Predigt in der lokalen Kirche hielt und wir für die Bevölkerung einen inspirierenden Weihnachtsfilm zeigten auf der Grossleinwand. 2020 war geprägt von den Vorbereitungen für das College und natürlich zum ersten Mal mit der Tanzveranstaltung der Kaambas, der lauten lokalen Musiktruppe. Es hatte einen besonderen Reiz, weil es das erste Mal war und total verrückt für mich, die ganz schön kitschige Weihnachtslieder vorzieht. Silent Night, holy Night! 

Dieses Jahr kam nur eine kleine Truppe hierher. Den genauen Grund kenne ich nicht: ob es mit Politik zu tun hat, mit Corona, mit anderen Beschäftigungen: es war nur etwa 1/3 Drittel der Musiker:innen hier. Sie wurden natürlich dadurch belohnt, dass jede Person für 3 essen konnte, denn ich hatte ja genügend eingekauft um eine halbe Armee zu verpflegen… Die Musik repetiert sich nach 1 Jahr, die Schellen erinnern mich eher an Geissenglocken Jingle Bells und wenn ich tanze, dann möchte ich richtig tanzen und nicht einfach nur so hin- und herschütteln. Für die allgemeine Belustigung habe ich es natürlich trotzdem gemacht. 

Die Trommelklänge finde ich spannend und vor allem, wie sie die Trommeln über dem Feuer “tunen”. 

image
image

Was mich dann aber ziemlich nervte, waren die vielen von Mnazi (Kokoswein) betrunkenen Leute, die zum Teil recht aufdringlich wurden. Oh habe ich erwähnt, dass ich einen sehr ausgeprägten Geruchssinn habe? Weder die Ausdünstung noch der Geruch von Mnazi sind dem zuträglich… Rudolph the red nosed reindeer

image

Aber ich konnte mich ja zum Glück zurückziehen ohne dass sie es gemerkt hätten. Dancing around the Christmas tree… 

Wer aber wie letztes Jahr in Massen aufgetaucht ist, das waren die Kinder, denn es gibt ja traditionellerweise Perimende = Sweets und die durfte ich dieses Jahr verteilen. Die erstaunten Augen als eine Muzungu ihnen etwas schenkt: unbeschreiblich herzig! Ihr Kinderlein kommet.

image

Es gab aber viele Highlights: z.B. den Besuch von der Schwester Nelly am Vorabend mit der Übergabe eines riesigen Cakes, der Besuch von Paul (Sohn von Peter) mit seiner neuen Angetrauten Melissa.

image

Ich mag es sehr, wenn die Kinder sich einfach ganz normal geben und nicht irgendwelche Verschwörungstheorien gegen ihren Vater entwickeln oder ihn sogar finanziell ausnehmen wollen wie eine Weihnachtsgans – was leider schon alles passiert ist… Von daher hat mich dieser Besuch richtig happy gemacht. Es ist auch für die Enkel:innen wichtig, dass sie in Bezug auf Familie gute Vorbilder haben.

Auch die jungen Kids einer Verwandten, die zur Hilfe gekommen sind, haben einen super Job gemacht und sich den ganzen Tag engagiert. Daniel hatte die Weihnachtsmütze gepachtet und brachte damit alle zum Lachen. Santa Claus is coming to town. Ich konnte sie mit Schuhen, T-Shirts und Schokolade belohnen und sie waren überglücklich.

image

Das allergrösste Geschenk war aber, Claris total verwandelt wieder zu sehen. Claris ist eine entfernte Verwandte, die ich aus purem Erbarmen im letzten Jahr der Sekundarschule finanziert hatte und die dann so gut abgeschnitten hatte, dass sie an die Universität konnte. Bisher war sie mehr eine „Hypothek“, denn sie kommunizierte kaum, war total verstockt und wenn sie vorbei kam, dann nur um TV zu schauen… (fällt dieses Jahr weg, da der TV trotz Reparatur wieder aufgegeben hat…)

Sie studiert jetzt Kommunikation an der Maseno Universität und dieses Jahr war sie wie verwandelt: sie plauderte drauf los, sie erzählte aus ihrem Alltag, von ihren Projekten und zwar in einem sehr guten Englisch. Sie verriet mir ein paar Frauen-Geheimnisse und sie wollte sich unbedingt mit meinem Fitness-Coach auf Insta verbinden, da er ihr mega gefällt 😉 Santa Baby. Und ja: über Verhütung haben wir auch gesprochen, denn sie ist jetzt doch schon 20 Jahre alt. Sie war sehr offen und dann doch etwas erstaunt, als ich ihr sagte, dass das Thema Verhütung für mich als über 60-jährige kein Thema sei, aber, dass es für sie lebensnotwendig sei. Mit grossen Augen meinte sie: what I thought you were 40!!! 

Ein Grund übrigens, weshalb sie jetzt so gut Englisch kann ist, weil sie mit vielen Luos zusammen ist an der Uni (sie sind aus der Gegend). Die sprechen einerseits sehr schlecht Swahili und gemäss ihr möchten sie andererseits damit bluffen, dass sie so gut in Englisch sind. Für einmal hat das was Gutes. Was für eine Freude sie so zu erleben, denn während des Jahres habe ich immer wieder gestöhnt, wenn ich wieder Geld für Ausflüge, für Extras, für den Transport hinblättern musste. Ich dachte ja, dass meine Unterstützung nach einem Jahr vorbei wäre, aber wer kann schon sagen: nein, du kannst jetzt nicht an die Uni, du musst in der Lehmhütte verblöden?

Wir mussten dann natürlich sofort ein paar Girlie-Fotos machen und ganz heftig darüber lachen. Als ich ihr CHF 10 auf ihre Telefonkonto überwiesen habe, damit sie ein paar Freundinnen anrufen kann konnte sie ihr Glück kaum fassen: sie umarmte mich und sagte, dass sie jetzt ein paar Freundinnen auch Geschenke von 10 Rappen machen würde damit diese wenigstens ihre Familien kontaktieren können mit einer SMS. Was für ein Beweis, dass Geben seliger ist als Nehmen, bzw. dass so viel zurückkommt, wenn du absichtslos gibst. Und das war für mich ein mehrfaches Zurückerhalten meiner „Investition“!

image

Die vielen Nachrichten über die Sozialen Medien und dass nachher auch Colombe noch aus den USA angerufen hat und ich mich mit Mica über WhatsApp austauschen konnte hat mich ebenfalls sehr berührt dieses Jahr. I am coming home for Christmas – if only in my dreams. Mit manchen Leuten kannst du für Monate eine Funkstille haben aber die Connection bleibt via Herz immer aufrecht. Das ist die wahre Familie – ob angeboren, durch Heirat erhalten oder über die Monate und Jahre gewachsen! Oh du fröhliche!

Ich bin gerade sehr sehr happy und finde, dass ich dieses Jahr den Spirit of Christmas richtig 1:1 gespürt habe. Ich hoffe, das war für euch auch der Fall und ihr könnt ebenso positiv über die letzten Tage berichten. We wish you a merry christmas.