Jan 20, 2021: Heute bin ich politisch

Ich muss wieder einmal politisch werden. Es hat nur am Rand
mit Kenia zu tun und doch betrifft es die ganze Welt.

Beim Sturm auf das Capitol sassen Peter und ich wie an den TV-Bildschirm
geklebt. Zuerst verstand ich gar nicht, was los war und langsam, langsam klärte
sich die Situation auf und was wir sahen war nicht ein schlecht gemachter
Action Film sondern die Realität. Es dauerte eine ganze Weile bis das einsank
und dann war meine Reaktion einfach: warum machen die nichts dagegen? Und das
war ja schon vier Jahre lang meine Frage: warum macht niemand etwas gegen
diesen Vollidioten, der nur für seine eigene Tasche schaut und der alles mit
Füssen tritt, was Amerika ausmacht: Grosszügigkeit, Vielfältigkeit, Entwicklung
und Freude! Null Ethik, keinen Gerechtigkeitssinn und einfach nur schlimm. Ich
weiss, das politische Wahl-System ist schwer verständlich und ich habe mich
schon oft darüber aufgeregt. Aber so ist es nun einmal und das bringt man auch
nicht einfach weg. Selbst jemand, der über 20 Jahre in den USA gelebt hat
meinte, dass Freundschaften fast dadurch zerbrochen seien, weil ein
Republikaner einfach immer Republikaner wählt und mit den Demokraten ist es
genau so. Das ist tief verwurzelt und hat sogar schon Familien gespalten.

Meine erste Reaktion war einfach nur Wut und Verzweiflung:
wo ist die Polizei, wo ist die Armee? Wo sind FBI und CIA? Die Amerikaner sind doch bekannt dafür,
dass sie mit Gewalt vorgehen können – siehe Back Lives Matter!!! Und jetzt
stehen da ein paar armselige Polizisten und tun NICHTS??? Wir haben gewitzelt
und gesagt: Wo ist Denzel Washington wenn man ihn braucht? Warum ist Bruce
Willis nicht hier und wo zum Teufel bleibt Arnold Schwarzenegger?

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Als klar wurde, dass es noch lange dauern wird, bis die sich
organisiert haben kam ein anderes Gefühl, nämlich Trauer. Ich war im tiefsten
Inneren traurig über die Ereignisse und sass einfach da und weinte. Mein Amerika, das ich immer noch sehr
liebe, in einem solchen Zustand und so machtlos? Ich weiss, dass es in den
letzten Jahren (und es sind schon viele) nicht mehr chic war Amerika zu lieben –
aber das ist mir egal. Ich habe in diesem Land mich selbst gefunden, weil ich
dort herausgefunden habe, dass es ok ist so zu sein wie ich bin! Das hat mir
viele Therapiestunden erspart und aus mir den Menschen gemacht, der ich heute
bin. Denn nach meinen Jahren in den USA kam ich zurück und sagte: so bin ich:
take it or leave it! Dazu kommen viele Verwandte, die ich in den USA habe durch
meine Pflegekinder Mica und Colombe. Colombe hat sich intensiv mit ihrer
Herkunft, den Comanches, beschäftigt und sie lebt momentan in dem Umfeld, in
dem sie sich wohl fühlt und das für mich das allerschönste Gebiet der USA ist:
New Mexico. Spirituell auf einem faszinierend hohen Stand mit viel Tradition
und atemberaubender Landschaft. Dort sind meine Kraftorte, an die ich in vielen
Meditationen gehe, dort habe ich Adler und Tiere in der Wildnis gesehen, die
für immer einen Platz in meinem Herzen haben. Ein Haus in den Hügeln von Santa
Fe – das ist meine Vorstellung von einem Traumhaus. Da können Strände und Seen
sogar in Vergessenheit geraten – ok vielleicht ein Haus in Santa Fe und eine
Wohnung am Bodensee – das wäre dann die ideale Kombination. Finanziell wird das in diesem Leben nicht realisierbar werden aber der Kraftort ist in mir.

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Ich habe in den letzten Tagen viele Interviews gehört und
mir meine Meinung gebildet. Danke an Leute wie Bänz Friedli, UrsGredig und ja
sogar an Arnold Schwarzenegger: ihr habt mir aus dem Herzen gesprochen und ich
habe Hoffnung für die USA: sie werden sich erholen, wie sie sich zigfach erholt
haben und die Wunden werden heilen. Ich glaube sogar, dass Biden der richtige
Mann dafür ist, auch wenn er nur ein paar Jahre bleiben wird – aber er hat die
Grösse, Klasse und Erfahrung, wieder Ruhe in das Land zu bringen. God bless
America!!!

Hier die für mich spannendsten Aussagen:

Bänz Friedli Zytlupe auf SRF, der genau meine Meinung
vertritt:

https://www.srf.ch/audio/zytlupe/we-love-you-mit-baenz-friedli?id=11896925

Urs Gredig mit USA-Kenner Alfred Mettler, der auch hin- und hergerissen ist:

https://www.srf.ch/play/tv/sendung/gredig-direkt?id=8340eedc-ba5f-48ac-bb41-a3405c418385

Und nicht zuletzt einer, bei dem ich nie gedacht hätte, dass
ich ihn bezüglich Politik zitieren würde: Arnold Schwarzenegger

https://youtu.be/x_P-0I6sAck

Und jetzt kommt der Schwenker nach Kenia – hier habe ich
viel weniger Hoffnung, denn ich verstehe diese Welt nicht mehr. Das einzige,
was ich verstehe ist, dass das Land durch und durch korrupt ist und da haben
auch gewisse Korruptionsbekämpfungsinitiativen nichts Positives dazu
beigetragen. Die Korruption ist so verankert, dass sie nicht aus den Leuten
herauszubringen ist. Sogar in Covid19 Zeiten verschwanden die Hilfsgelder in
den Ämtern anstatt and die Bedürftigen weitergeleitet zu werden. Und der
Polizist bei der Strassensperre meint immer noch „ich habe nichts zu essen –
gibst du mir etwas Geld“ was dir dann doch ein mulmiges Gefühl gibt.

 As Peter im Parlament war dachte ich tatsächlich: dieses
Gespann von Uhuru Kenyatta (eloquenter Säufer und Drögeler) und seinem
Deputy-President William Ruto (intelligenter Frömmeler) könnte eine Wende
bringen. Peter war immer sehr überzeugt von dieser Regierung und dass sie
Änderungen bringen könnte. Schliesslich war er es ja auch, der den Versuch
gestartet hat ohne Korruption seine Amtszeit zu absolvieren. Versuch sage ich
deshalb, weil rund um ihn herum die Leute ganz anders agierten und er allein
auf weiter Flur war mit seinen Schweizer Ideen.

https://www.tagblatt.ch/ostschweiz/kreuzlingen/peter-shehe-ist-trotz-seiner-abwahl-in-kenia-optimistisch-ld.1054377

Auch wenn ihm beide Staatsmänner nach seiner Abwahl einen
Job in der Regierung versprochen haben: keiner der beiden hat Wort gehalten und
für Peter ist nicht einmal ein kleines Jöbli irgendwo übrig geblieben obwohl er
an der Küste ganz schön für die Jubilee Party die Werbetrommel gerührt hat (an
der Küste ist ODM von Raila Odinga die vorherrschende Partei). Und eben dieser
Raila Odinga – ein afrikanischer Trump im Quadrat und ein absoluter Zwängeligoof
– zudem alles andere andere als eloquent (Peter macht eine super Imitation über
ihn), der hat dauernd gedroht mit Unruhen und Aufstand – genau wie es 2007 auch
passiert ist. Weil er 2017 zum dritten Mal!! verloren hatte hat er vor Gericht
gekämpft und die Wahlen mussten wiederholt werden. Das ist passiert aber er
sagte, dass er an den Neuwahlen nicht erscheinen werde weil auch dieses Mal beschissen wird (er
muss es ja am besten wissen). Um ihm entgegenzukommen und Unruhen zu vermeiden
hat Uhuru Kenyatta den sogenannten „Handshake“ gemacht. 

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Quasi ein Beilegen des
Kriegsbeiles und eine künftige Verständigung.  Die beiden haben dann das BBI (Building
Bridges Initiative) aus dem Hut gezaubert. Die Ideen dahinter sind ja wunderbar
und klingen ethisch perfekt und geradezu paradiesisch. Das Volk soll mehr
einbezogen werden und es soll nicht mehr nur 0 oder 1 geben sondern die Parteien
sollen zusammen arbeiten und es soll keine blutigen Wahlen mehr geben und auch
die verschiedenen Stämme sollen sich nicht mehr bekriegen und und und. Eine
Taskforce hat dann in 2019 ein 156 Seiten-Papier zusammengestellt mit dem Ziel:
Building Bridges
to a United Kenya: From a nation of blood ties to a nation of ideals.

In diesem Papier sind dann auch alleine schon Wörter wie „consociational“,
die kein Mensch versteht und es ist total an den Menschen vorbei politisiert,
die sich zwar hier in Kenia sehr für Politik interessieren, denen es aber meistens
an der Bildung fehlt, die es bräuchte um so etwas auf die Beine zu stellen oder
nur alleine schon zu verstehen. Wenn selbst ein Peter lieber einen Kauma als
einen Giriama anstellt (immer alles im selben Stamm…) dann spürt man, wie tief
diese Gräben sind.

Plötzlich ist dieser ehemalige Vize-Präsident dauernd an der
Seite von Uhuru Kenyatta und verdrängt immer mehr den gewählten Deputy Präsidenten Ruto, was dem natürlich überhaupt nicht passt. 

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Er hat jetzt also einen
Vorschlag gemacht, der gar nicht so dumm ist: Nebst der Wahl für den neuen
Präsidenten (das Amt wurde ja schon von Beginn an ihn versprochen von Uhuru
Kenyatta), den neuen Members of Parliament, Governor etc. soll es zu einzelnen
Artikeln aus BBI (ca. 6) ebenfalls eine Abstimmung geben. Wenn nämlich das Volk
nur gefragt wird: wollt ihr BBI oder nicht ist die Antwort ganz bestimmt ein nein und alle die Bemühungen der
letzten Jahre wären zunichte. Aber wenn man einzelne Punkte herausnimmt dann
könnten auch die Leute von der Strasse verstehen worum es geht und einzeln
abstimmen. Dafür plädiert er jetzt aber das passt wiederum den Handshakern
Odinga und Kenyatta nicht…

Was mir in Kenia immer gefällt sind die Cartoons in den
Zeitungen und die Memes in den Social Medias. Hier nur ein kleiner Ausschnitt,
damit ihr sieht, was man von BBI hält.

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Eines ist sicher. die Wahlen im August 2022 (fast um die
Ecke) werden wieder spannend werden und ich kann mir kaum vorstellen, dass sie
einfach so reibungslos über die Bühne gehen werden, weil sie das nämlich noch
nie sind. Und auch wenn man Kenyatta und Odinga auf Bildern sieht, wie sie die
Best Buddies mimen: dahinter wissen alle, dass sie sich am liebsten gegenseitig
das Messer in den Rücken stecken möchten. Es zementiert das Bild, dass
Politiker lügen – aber das kennen wir ja auch aus anderen Ländern (siehe oben…).
Ich habe ein paar Bilder gepostet, die Bände sprechen, vor allem wenn man weiss, wie man
Körpersprache interpretieren kann.

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Mit Peter habe ich schon kurz nach seiner Niederlage
besprochen, dass es keinen Wert hat nochmals als Member of Parliament zu
kandidieren. Er ist zu alt für das Amt, das wöchentliches Hin- und Herreisen
zwischen Nairobi und Ganze verlangt, unnütze Benchmarking Reisen ins Ausland
und am Ende nicht das gewünschte Resultat für die eigene Constituency
(Wahlkreis) bringt. Da die Wahlkreise aber verkleinert werden und einer der
lokalen Wahlkreise Kauma sein wird ist seine Chance riesengross, dass er als
MCA (Member of the County Assembly) also quasi als Gemeinderat in einer lokalen
Regierung gewählt wird. Denn Peter ist Kauma (Teil der Mijikendas), alle kennen
ihn, er eröffnet gerade ein College in dieser armen Gegend und er hat schon so
viel getan über die Jahre, dass sogar derjenige, der jetzt im Amt ist sagt:
wenn Peter Shehe kandidiert dann lasse ich mich gar nicht aufstellen.

Ob es dann so weit kommt werden wir sehen. 2022 ist nicht
weit entfernt und die Vorbereitungen für den Wahlkampf hat Peter schon damit
getroffen, indem er die Kaumas in einem „Community Based Organization = CBO“
zusammenfasst, damit sie von den Steuergeldern profitieren können. Ich selber
bin nicht ganz eigennützig, denn ohne Gehalt und nur mit seiner Mini-AHV ist Peter
ein „teurer Ehemann“. Mir ist klar, dass sich Liebe nicht Geld aufrechnen lässt
aber in puncto Finanzen habe ich persönlich meine Grenzen – seit der
Frühpensionierung im letzten Jahr noch mehr als vorher. Aber das ist auch gar
nicht so schlecht. Ich möchte nicht zu den schlechten Beispielen an Frauen
gehören, bei denen man bei der finalen Enttäuschung oder Augenöffnung sagt: ja
hast du das denn nicht gesehen, ja wie blöd konntest du denn nur sein? Als MCA
kriegt er zwar kein grosses Salär aber er hat auch keine grossen Ausgaben, kann
Schulgeldunterstützung für Arme bewilligen und für den kleinen Umkreis der
Kauma sehr viel erreichen und weiterführen, was er als MP bereits begonnen hat
von 2013 – 2017. Er könnte auch wieder ein Auto kaufen, was bis dann ultimativ
notwendig ist. In diesem Sinn würde auch eine finanzielle Last von meinen
Schultern fallen. Darum aus voller Überzeugung:

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auf dem Bild mit Deputy President William Samoei Ruto und Supercorruption  Kilifi County Governor Amason Jeffah Kingi bei der Grundsteinlegung des Mbuzi Spitals, das aus politischen Gründen bis heute noch nicht offen ist für die Bevölkerung!!!

Peter Shehe for MCA in 2022!!! 

und ich kann den Blognamen
dann ändern in: Mein Leben mit einem Member der County Assembly. Bleibt dran:
es ist spannend!!!